Folker-Logo   Abo   Mediadaten/Anzeigen


Suche
   Intern   Über uns


Kontakt/Impressum/Datenschutz

       
Konrad Lehmann

Resonanzboden
— Gedanken zur Zeit

Gastspiel





[Zurück zur Übersicht]



Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

Oder gleich zum (Schnupper-)Abo.







Autoreninfo:


Dr. Konrad Lehmann, geboren 1971 in Köln, Biologe und promovierter Neurowissenschaftler, forschte viele Jahre daran, wie das Gehirn lernt und sich der Umwelt anpasst. Er schreibt regelmäßig für Telepolis und hat das Buch Das schöpferische Gehirn veröffentlicht. Für Mai ist die Uraufführung seiner Komödie Love Love Pilav geplant. Spielt mäßig Klavier und singt gerne.


Wütend, nicht Maschine

Gegen affirmative Kommerzkacke und kapitalistische Einpeitschmucke

Kunst ist der Versuch, etwas mitzuteilen – und zwar so klar wie möglich –, das sich anders nicht mitteilen ließe. Die besondere Stärke der Musik ist, Gefühle zu vermitteln. Musik kann Leidenschaft transportieren, Zartheit, Trauer, Lebensfreude, Pathos, Wut – so intensiv, dass andere Künstler davon nur träumen können.        

Text: Dr. Konrad Lehmann

Musik ist die Sprache der Gefühle. Und Gefühle sind ein Kennzeichen des Lebens. Vor rund hundert Jahren erklärte der Physiologe Walter Cannon „Wut, Hunger, Angst und Schmerz“ als homöostatische Reaktionen auf eine lebensbedrohliche Störung des inneren Gleichgewichts oder der körperlichen Integrität. Nur Lebewesen haben Emotionen. Maschinen können sie allenfalls vortäuschen.
Wo aber sind die Gefühle in jener Popmusik, die aus dem Radio dudelt, wann immer meine Töchter den Sender bestimmen dürfen? Wo ist die mitreißende Fröhlichkeit, die keinen Muskel ruhig lässt? Wo ist die gänsehauterzeugende Trauer? Wo ist das Pathos einer E-Gitarre? Und vor allem: Wo ist die Wut? Hat die Jugend nicht reichlich Grund dazu? Wo sind der ätzende Hohn der Housemartins, die poetische Rage der New Model Army, selbst noch die orchestrale Empörung der Simple Minds?
Dass wissenschaftliche Untersuchungen der Chartmusik bescheinigen, seit Jahrzehnten schlechter zu werden – harmonisch eintöniger, klangfarblich ärmer, dynamisch platter, textlich repetitiver –, wird niemanden überraschen, der Ohren hat. Das ist aber nicht alles. Die Studien finden die Songs auch emotional ambivalenter, zum Beispiel flott, aber in Moll – man könnte auch urteilen: unentschlossener. Und sie finden einen Rückgang des Rock.
Rock, das war immer die Musik der Auflehnung, der großen Gebärde, der Empörung. Kurz: der Wut. Es gibt keinen emotionslosen Rock – eine E-Gitarre kann nicht brav sein. Dass dieses musikalische Aufbegehren aus den Popstationen verschwindet, ist symptomatisch für eine Gesellschaft – und insbesondere eine Jugend –, die sich nicht verweigert, die nicht kämpft, die nichts will. Die nicht mehr träumt – außer vom kleinen Idyll im „Haus am See“, von ein bisschen Zufriedenheit auf „Wolke vier“ und den Minuten der Besinnungslosigkeit, „Wenn sie tanzt“.
Nicht besser, nur vulgärer als im dahingeknödelten Biedermeier des Deutschpop sieht es im Deutschrap aus. Da geht es um Selbstbehauptung, um den härteren Diss und den schnelleren Lambo. Und der weiblich dominierte, angeblich feministische RnB (mir ist unklar, wieso es heute als emanzipiert gilt, wenn eine Frau halbnackt auf die Bühne steigt) mag weniger testosteronverblödet sein, aber ebenso frei von Empathie und Gemeinschaftssinn. Ist es Zufall, dass die Hits heutzutage anscheinend nur noch von Einzelkünstlern stammen, nicht mehr von Bands? „People writing songs that voices never share“ – die menschenverbindende Kunst der Musik ist zum Kampfring der Einzelkämpfer geworden.


Dies ist die Kurzfassung eines Beitrags für das Onlinemagazin Telepolis.


... mehr im Heft. Die Ausgabe 3+4/2020 in voller Länge online lesen? Dann geht's hier entlang ...

Dies ist eine Kolumne. Für die Inhalte der hier veröffentlichten Texte sind die jeweiligen Autoren verantwortlich. Diese Inhalte spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.