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Ausgabe 2/2016


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PLATTENPROJEKTE

Es gibt im Musikbereich immer wieder Ver­öffent­lichungen, die den Rahmen herkömmlicher Pro­duk­tionen inhaltlich wie vom Umfang her spren­gen und deshalb einer ausführlicheren Betrach­tung bedürfen, als dies in Form einer ülichen Re­zen­sion geleistet werden kann.   [mehr dazu hier]


BÜCHER / DVDs


Bücher

DVDs

Afrika
 AZIZA BRAHIM: Abbar El Hamada
AZIZA BRAHIM
Abbar El Hamada
azizabrahim.com
(Glitterbeat GBCD 031)
Promo-CD, 10 Tracks, 38:29


Sie kann vielleicht einmal die Lücke schließen, die Mariem Hassan, die legendäre, 2015 verstorbene Interpretin sahrauischer Musik, hinterlassen hat. Aziza Brahim, 1976 in einem algerischen Flüchtlingscamp geboren, hat sich als Sängerin, Schauspielerin und politische Aktivistin längst einen Namen (unter anderem bei WOMAD-Festivals) machen können. Auch mit ihrem vierten Album rückt sie das nach wie vor von der Weltöffentlichkeit wenig beachtete Schicksal ihrer Landsleute in der Westsahara in den Mittelpunkt ihrer durchweg eingängigen Lieder. Und sie thematisiert auch die Zerrissenheit vieler (junger) Menschen in Nordafrika, einerseits der Heimat verbunden sein zu wollen, andererseits aufgrund der Perspektivlosigkeit diese aber verlassen zu müssen. Exemplarisch ist das melancholische „Los Muros“ („Die Mauern“), das die von marokkanischer Seite aus Sand errichteten Grenzwälle attackiert. Waren bislang in ihrer Musik auch Elemente ihrer katalanischen Wahlheimat auszumachen, so dominieren diesmal, wohl auch dank des Produzenten Chris Eckman, die Sounds aus Westafrika. So sind unter anderem senegalesische Percussionisten, erneut der malische Gitarrist Kalilou Sangare sowie als Gast Samba Touré mit von der Partie.
Roland Schmitt
 ROKIA TRAORÉ: Né So
ROKIA TRAORÉ
Né So
rokiatraore.net
(Nonesuch 553578/Warner)
Promo-CD, 11 Tracks, 45:35


Um es vorwegzunehmen, nach dem ersten Hören stellt sich Enttäuschung ein. Vielleicht liegt es auch an den zu hohen Erwartungen, die bisher jeder Veröffentlichung Rokia Traorés vorausgingen. Es hätte mit den mutigen Texten ein starkes Statement in der Flüchtlingsdebatte werden können. Rokia Traoré scheint allerdings nach wie vor auf der Suche zu sein und erkundet die Vielfalt der musikalischen Kulturen. Zu selten findet sie dabei zu Klängen ihrer musikalischen Heimat. Né So wird ins Deutsche mit „Heimat“ übersetzt. Die französische Übersetzung „Chez Moi“ ist wohl treffender. Rokia Traorés Stimme ist die tragende Kraft jedes der elf Stücke. Schönklang und Harmonie beherrschen jedoch so stark die akustische Szenerie, dass den Texten der Stachel, der uns wachrütteln könnte, genommen wird. Es will sich partout keine Gänsehaut einstellen. Wer die vorangegangenen Alben kennt und mag, wird das verstehen. Engagiert ja, aber nicht mehr mit so fester Stimme wie auf dem Album Tchamanché. Vielseitig ja, aber nicht mehr so überraschend frisch, wie auf dem Album Beautiful Africa. Auf Né So nimmt Rokia Traoré den Hörer mit zu sich nach Hause, ohne ihn wirklich zu packen.
Christoph Schumacher

Nordamerika
 DIVERSE: Politically Incorrect
DIVERSE
Politically Incorrect
bear-family.de
(Bear Family Records BCD 17409/Delta Music)
31 Tracks, 81:37, mit engl. Infos


Politically Incorrect ist eine Zeitreise. Einunddreißig Songs, vor allem aus den Fünfziger- und Sechzigerjahren, zeigen, wie sich Wertvorstellungen seitdem verändert haben. Ob Pat Boone, Fats Domino, Sammy Davis Jr. oder sogar John Lennon … Da wird sich über Menschen lustig gemacht, die Englisch mit Dialekt sprechen oder übergewichtig sind. Die Vorliebe für junge Mädchen ist ebenso ein Thema wie häusliche Gewalt. So prahlt Ella Mae Moerse sogar damit, von ihrem Freund geschlagen zu werden. Die Andrews Sisters hatten sich bei den Zeilen „Both mother and daughter / Working for the Yankee Dollar“ in „Rum And Coca-Cola“ offensichtlich auch keine weiteren Gedanken gemacht. Bedeuteten sie doch nichts anderes als Werbung für eine Mutter-Tochter-Prostitution. Heute würden derartige Liedinhalte als politisch unkorrekt an den Pranger gestellt. Doch die Bookletautoren Hank Davis und Scott Parker stellen am Ende die berechtigte Frage, ob diese Veränderungen nur Attitüde sind oder ob wir auch eine andere Haltung an den Tag legen. Dass das Booklet mit informativen Texten und seltenen Abbildungen gestaltet worden ist, bedarf bei einer Bear-Family-Produktion eigentlich schon keiner Anmerkung mehr.
Michael Kleff
 KINKY FRIEDMAN: The Loneliest Man I Ever Met
KINKY FRIEDMAN
The Loneliest Man I Ever Met
kinkyfriedman.com
(Avenue A Records KFA0004/Al!ve)
Promo-CD, 12 Tracks, 35:37


Es könnte glatt in Vergessenheit geraten sein, dass dieser Typ natürlich auch Musiker ist. Seit fast vierzig Jahren hat der heute 71-jährige Kinky Friedman kein komplettes Studioalbum mehr vorgelegt und stattdessen eher als politischer Aktivist von sich reden gemacht. Mit dieser kargen Produktion liefert er nun ein sehr persönliches Statement ab, wirkt still und nachdenklich, ohne dabei ins Beschauliche abzugleiten. Und auch der für ihn typische sarkastische Humor scheint immer wieder auf, etwa im Titelstück „I’m The Loneliest Man I Ever Met“. Da zeichnet er das Bild eines abgrundtief einsamen Mannes, der in einer Bar hockt: „And though it was the happy hour / it wasn’t any fun / because the party again / was just a party of one.“ In „Lady Yesterday“ fragt er sich zweifelnd, ob diese Dame wohl den Herbst in einen Frühling verwandeln kann. Der Großteil der Songs stammt aber aus fremder Feder, von großen Songschreibern wie Dylan, Cash, Merle Haggard, Tom Waits und Willie Nelson. Der singt auch gleich sein „Bloody Mary Morning“ im Duett mit dem Freund dicker Zigarren, dessen brüchige Stimme, spartanisch inszeniert, sparsam instrumentiert in den Vordergrund rückt. So schlicht, so gut.
Volker Dick

 TOMMY McCOY: 25 Year Retrospect
TOMMY McCOY
25 Year Retrospect
tommymccoyblues.com
(Earwig CD 4971)
Promo, Do-CD, 14 Tracks, 66:32, 16 Tracks, 66:36


Ein farbenprächtiges Gemälde der vergangenen fünfundzwanzig Jahre im Leben eines Bluesgitarristen zeichnet Tommy McCoy mit diesem Doppelalbum. Das zugrunde liegende Material besteht neben Songs aus sieben bisher veröffentlichten Alben auch aus drei neuen Stücken und zeigt ganz wunderbar die Vielfältigkeit, die diesen Musiker auszeichnet. Neben vielen geradezu Lehrbuch artigen Beispielen diverser stilistischer Formen, wie R&B, Funk, Swamp Blues, Shuffle oder auch Bluesrock, sind es vor allem drei Stücke, die exemplarisch für McCoys Spielweise stehen. Da ist einmal „The King Is Gone“, die Widmung an den verstorbenen B. B. King. Grundlage ist Kings „The Thrill Is Gone“, und Tommy McCoys Phrasierung, Timing, Ausdruck, der Wechsel von Rhythmus- zu Sologitarre sind geradezu perfekt. Der akustische Countryblues „Sugar Cane“ ist ein Beispiel für einfache, reduzierte und effektvolle Spielweise. Pink Floyds „Money“ erhält eine eher jazzige Attitüde, herrlich das Zusammenspiel zwischen Charlie DeChants Saxofon und Tommy McCoys Sologitarre. Bass und Schlagzeug wurden hier übrigens von Tommy Shannon und Chris Layton gespielt, der ehemaligen Rhythmussektion von Stevie Ray Vaughan.
Achim Hennes
 AOIFE O’DONOVAN: In The Magic Hour
AOIFE O’DONOVAN
In The Magic Hour
aoifeodonavan.com
(Yep Roc Records 2428)
Promo-CD, 10 Tracks, 39:47


Aoife O’Donovan ist ein Phänomen. Die Sängerin, die im Bluegrass ebenso beheimatet ist wie in Folk und Singer/Songwriter, stellt auf ihrem zweiten Soloalbum ihre Qualitäten als Songschreiberin eindrucksvoller denn je unter Beweis. Fünf Jahre, nachdem sich die Musiker von Crooked Still entschlossen, getrennte Wege zu gehen, entfaltet O’Donovan ihr Talent als Solointerpretin und lässt sich nun problemlos in eine Kette großer Künstlerinnen reihen, seien es Eva Cassidy, Tori Amos oder Neko Case, mit der sie sich den Produzenten Tucker Martine teilt. Ihre Texte erzählen kleine Episoden verträumter Sommerurlaube in Irland, in denen sich konkrete Erinnerungen an den verstorbenen Großvater mit diffusen Gefühlen mischen. „In meiner Erinnerung hat dort jeden Tag die Sonne geschienen“, so O’Donovan. Das melancholische Bewusstsein, die unschuldigen Kindertage als erwachsener Mensch verloren zu haben, prägt das gesamte Album. Immer wieder tauchen Spuren des Großvaters auf, selbst seine Stimme erklingt auf dem Titel „Donal Óg“ und fügt sich harmonisch in die feingliedrigen Arrangements ein, die von illustren Gastmusikern, etwa Sarah Jarosz oder dem Brooklyn Rider Streichquartett, mitbestritten werden.
Judith Wiemers

 DAVID RAMIREZ: Fables
DAVID RAMIREZ
Fables
davidramirezmusic.com
(Sweetworld)
Promo-CD, 10 Tracks, 37:55


Seine beiden früheren Alben seien etwas unpersönlich gewesen, immer mit einer Idee im Hinterkopf, wie das Endergebnis sein sollte, bekennt David Ramirez. Bei diesem Album wäre er beim Schreiben und Aufnehmen nur seinem Gefühl gefolgt. Der Albumtitel sei inspiriert von der Erkenntnis, dass man einem Menschen, dem man nahe stehe, immer weniger vormachen kann. Je mehr man sich öffnet, umso mehr erkennt der andere die wahre Persönlichkeit, und es ist nicht mehr möglich, sich dem anderen und sich selbst gegenüber zu verstellen. Musikalisch dürfte Ryan Adams ein großer Einfluss gewesen sein. In größtenteils gemächlichem Tempo geht es durch die Stücke, getragen von Davids Akustikgitarre und seinem überzeugenden Bariton. Americana und Singer/Songwriter sind die Leinwand, auf der Produzent und Freund Noah Gunderson mit Siebzigerjahre-E-Gitarren, konturierenden Basslinien, Pedal Steel, Schlagzeug und einigen Synthiesounds Farbe aufgetragen und dem Ganzen einen nicht unangenehmen, zeitgemäßen Anstrich verpasst hat. Die Produktion ist transparent, die Arrangements sparsam bis opulent, und David Ramirez schafft es, beim Thema Beziehung noch einige ungewöhnliche Blickwinkel einzunehmen. Ein rundes Album.
Dirk Trageser
 KRYSTINA STYKOS: Horse Thief
KRYSTINA STYKOS
Horse Thief
kristinastykos.com
(Thunder Ridge Records TRR 016/Hemifrån)
13 Tracks, 54:52, mit engl. Beiheft


Irgendwo in den Wäldern von Vermont lebt Krystina Stykos. In ihrem Haus hat sie sich vor Jahren ein Tonstudio eingerichtet. Hier spielt sie ihre eigenen Songs ein, die sie zwischen Farmarbeit und Holz hacken schreibt, und produziert die von befreundeten Musikern. Nur selten spielt sie live, Haus und Familie benötigen zu viel Aufmerksamkeit. Nachzulesen ist dies auf ihrer sehr offenherzigen und informativen Webseite. Ihr Songschreibertum steckt tief in der Tradition der nordamerikanischen Folkmusik, die sie von lokalen Geigenspielern erlernte. In ihren Songs behandelt sie vor allem private Themen. Ihre raue, häufig brüchige Stimme passt gut dazu. Gestaltungsreich und passgenau sind die dreizehn Songs auf diesem Album arrangiert, die sie beinahe im Alleingang eingespielt hat. Gelegentlich musiziert ein Freund an Klavier oder Schlagzeug mit, doch Stykos weiß genau, was zu ihr passt und was nicht. Es ist dieses hohe Maß an Intimität, die diese Musik ausstrahlt und die sich direkt in die Ohren des Hörers brennt.
Michael Freerix

 XIXA: Bloodline
XIXA
Bloodline
xixamusic.com
(Glitterhouse GRCD 864/ Indigo)
10 Tracks, 56:08


Dies ist das Debütalbum des Sextetts aus Tucson, Arizona (und der Nachfolger der kürzlich erschienenen EP Shift & Shadow). Die beiden Köpfe Brian Lopez und Gabriel Sullivan entstammen der Indierockszene Tucsons und sind Mitglieder der Livebands von Giant Sand und Calexico. Der Schlagzeuger Winston Watson spielte für Alice Cooper, während Efren Cruz Chavez (Percussion) bis dato nur Latin Music kannte. Zudem hat ein anderer Musiker mit Wüstenaffinität, nämlich Tinariwens Iyad Moussa Ben Abderahmane mitgewirkt. Der von den oben genannten Bands stark mitgeprägte „Wüsten“-Klang, mit flirrenden Twanggitarren, reichlich Delay, verschleppten Beats und Laid-back-Gesang bildet auch hier das Gewand, in das sich Psychedelisches, Stoner Rock, Cumbia, Tex-Mex, Desert Blues, Elektroschnipsel und Folk kleiden. Als Teil der zweiten und dritten Generation lateinamerikanischer Künstler, die sich auf die Suche ihrer (nicht nur) musikalischen Herkunft machen, ist die Bandbreite an Stilen und Rhythmen sehr viel weiter gefächert als bei vergleichbaren Produktionen, wobei eine hauchdünne Schicht Beliebigkeit über allem liegt. Die Produktion ist selbstredend State of the Art.
Dirk Trageser



Australien/Ozeanien
 BEN FORD-DAVIES: Papillon
BEN FORD-DAVIES
Papillon
benforddavies.com
(Eigenverlag)
10 Tracks, 40:03


Es ist eines jener Alben, die einem den Tag retten können. Man schiebt sie in den Player, lauscht ohne große Erwartungshaltung den ersten Akkorden. Schon nach der ersten Liedzeile ist man fasziniert von Ford-Davies’ wundervollem Bariton, so warm und weich, emotional und eindringlich – und doch so stark und zupackend, wenn der Text es erfordert! Ford-Davies weiß seine Stimme so ungemein nuanciert und emotional einzusetzen, dass man von seinen intelligent erzählten kleinen Geschichten gar nicht genug bekommen kann. Zehn Lieder mit großartigen Melodien, eingängig, aber weit entfernt von jeglichem Kitsch, mit gelungenen Lyrics. Verdientermaßen ist der Song „Storm“ erst kürzlich als dreifacher Gewinner der South Australian Songwriting Awards ausgezeichnet worden, darunter mit dem Jury- und dem Publikumspreis. Zu Ford-Davies’ kraftvollem Spiel auf der Akustikgitarre gesellen sich Keyboards (Ronnie Taheny, die auch Backing Vocals beisteuert), Percussion, Cello und Chapman Stick in geschmackvollen Arrangements zwischen Folk und Rock/Pop. Auf dem Album findet sich kein einziger Song, der gegenüber den anderen abfällt. Kaum zu glauben, dass Ford-Davies bereits kurz davor war, seine Karriere an den Nagel zu hängen. Sein Debüt ist ein Juwel, das er im April und Mai 2016 auf seiner ersten Deutschlandtournee vorstellen wird – unbedingt hingehen!
Ulrich Joosten