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Es gibt im Musikbereich immer wieder Ver­öffent­lichungen, die den Rahmen herkömmlicher Pro­duk­tionen inhaltlich wie vom Umfang her spren­gen und deshalb einer ausführlicheren Betrach­tung bedürfen, als dies in Form einer ülichen Re­zen­sion geleistet werden kann.   [mehr dazu hier]


BÜCHER / DVDs


Bücher

DVDs/Filme

Europa
 CARMINHO: Canta Tom Jobim
CARMINHO
Canta Tom Jobim
carminho.com.pt
(Warner Music)
Promo-CD, 14 Tracks, 45:56


Tom Jobim, der wichtigste Exponent der Bossa-Nova-Bewegung, wäre am 25. Januar neunzig Jahre alt geworden. Pünktlich zum Geburtstag erscheint diese Hommage der Fadosängerin Carminho an den Komponisten. Die brasilianische Musikwelt liegt der Portugiesin nach Duettaufnahmen mit Caetano Veloso und Marisa Monte zu Füßen. So überrascht es nicht, dass Tom Jobims Familie Carminho vorschlug, sich mit dessen Werk auseinanderzusetzen. Mit ihrer tief emotionalen Fadostimme holt sie die Bossa Nova raus aus der unterkühlten Hotellounge und verleiht den poetischen Texten das ihnen gebührende Gewicht. In „A Felicidade‟ („Das Glück“) zeigt Tom Jobim, wie genau er die Sehnsüchte der Armen kennt, die sich ein Jahr lang abrackern, um sich für ein paar Tage im Karneval einer Illusion hinzugeben. Die zurückhaltende Einspielung mit Paulo Jobim (Gitarre), Daniel Jobim (Klavier), Jacques Morelenbaum (Cello) und Paulo Braga (Schlagzeug) unterstützt die Intensität der Stimme. Besonders schön sind die Gesangsduette mit Marisa Monte, Maria Bethânia und – herausragend – Chico Buarque. „Die Traurigkeit nimmt kein Ende, das Glück hingegen schon.“ Tom Jobim hätte zum Neunzigsten einen Glücksmoment gehabt.
Martin Steiner
 FLOATING SOFA QUARTET: The Moon We Watch Is The Same
FLOATING SOFA QUARTET
The Moon We Watch Is The Same
floatingsofaquartet.com
(GO’ Danish Folk Music GO1116)
13 Tracks, 61:19, mit engl. Infos


Die Folkmusikzweige der vier skandinavischen Musikhochschulen tauschen sich seit Jahren aus. Dadurch kommt viel Interessantes zustande, da die Musiker die Möglichkeit haben, einige Semester auch in den anderen Ländern zu studieren und sich mit den dortigen spezifischen Traditionen und Klängen zu beschäftigen. Dabei entstehen musikalische Freundschaften wie beim Floating Sofa Quartet, zwischen einem Dänen, einer Dänin, einem Schweden und einer Finnin. Dass sie Komponieren gelernt haben, beweisen sie auf diesem melodiösen Debütalbum mit eigenen Stücken. Fast alle gehen im Konzept und klanglich weit über die Folkmusik hinaus. Beim Zweierset „Æ Viskestykk…“ ist allerdings die Nähe zum Sønderhoning von der Insel Fanø unschwer zu erkennen. Bei „Die Jungfrau und der Mond“ handelt es sich zwar um ein traditionelles Stück, Leija Lautamaja hat es aber modern bearbeitet. Sehr geschickt wurde eine Originalaufnahme der gesungenen Melodie aus der Zeit um 1900 eingebaut. Das Set „Drunken Devil“ enthält jeweils eine traditionelle Melodie aus Skåne, Seeland und Österbotten. 2016 trat das Quartett unter anderem beim Korrö-Festival in Schweden auf, und 2017 wurden sie für das Folk-Baltica-Festival und das Scheersberg-Folktreffen gebucht.
Bernd Künzer

 PAUL JAMES: The Drowned Lover And Other Dark Tales
PAUL JAMES
The Drowned Lover And Other Dark Tales
pauljames.eu
(Eigenverlag)
9 Tracks, 42:09


Wenn man Paul James erwähnt, dann sagt man unweigerlich auch Blowzabella, denn vor allem dort macht er seit sechsunddreißig Jahren Musik. Aber James solo möchte nicht wie Blowzabella klingen und auch nicht wie die anderen Bands, in denen er spielt, unter anderem die mit dem wunderbaren Namen Playford Liberation Front. Er beginnt also mit der berühmten weißen Leinwand und „schaut, was er mit begrenzten Ressourcen erreichen kann“. Das „begrenzt“ ist eher ein Witz, denn James spielt sechzehn Instrumente (Bagpipes und Saxofon sind die am häufigsten benutzten), und dann kommen noch achtzehn Gäste mit diversen weiteren Instrumenten von Drehleier bis Tuba plus ein Heimstudio hinzu. Das garantiert Abwechslung bei den eigenen und traditionellen Liedern und Melodien. Es sei allerdings nicht verschwiegen, dass die komplexen Arrangements für ungeübte Ohren manchmal etwas überladen wirken können, zumal wenn dann noch elektronische Verfremdungen hinzukommen. Meist jedoch findet James eine ausgesprochen interessante Mischung wie bei dem witzigen „Falco E Coolomba“. „Big Corn“ dagegen scheint eher einem Hardrockalbum entkommen zu sein. Nichts für musikalische Weicheier.
Mike Kamp
 REBEKKA KARIJORD: Mother Tongue
REBEKKA KARIJORD
Mother Tongue
rebekkakarijord.com
(Control Freak Kitten Records/Cargo)
Promo-CD, 11 Tracks, 46:27


Die Norwegerin schrieb bereits über dreißig Musiken für Theater und Film, von denen sie vor vier Jahren einige ausgewählte auf Tonträger bannte. Sie stammt aus einer Künstlerfamilie, wuchs auf den Lofoten auf und ist seither, einer Nomadin gleich, viele Male umgezogen. Ähnlich wie bei Emily Millard sind immer wieder Anklänge an Kate Bush, Tori Amos oder Björk zu hören. Mother Tongue ist autobiografisch, im wahrsten Sinne authentisch. Die Songs drehen sich wie Planeten um die traumatische Geburt ihrer Tochter, die drei Monate zu früh kam. Karijord offenbart ihre Gefühle in äußerst berührenden, einfühlsamen Songs. Beginnt ihr „Waimanalo“ noch fast identisch wie Lana del Reys „Video Games“, gewinnt der Hörer nach „The Orbit“, dem vierten Track, den Eindruck, dass sie erst jetzt bereit ist, in der selbst kreierten Umlaufbahn mitzukreisen. Von nun an, wo sie benennen kann, was und wer sie wie bewegt („Your Name“), ist alles wie aus einer Hand, ihre Songs werden Teil der elliptischen Schwingung, sie rotiert sang- und klangvoll changierend um die Erlebnisse, die ihr die Seele verstört haben. Jede Frequenz dieses Kreisens führt sie in die Fibrillen ihrer Lieder. Das ist großartig, beeindruckend und sehr, ja, sehr hörenswert.
Stefan Sell

 SETH LAKEMAN feat. WILDWOOD KIN: Ballads Of The Broken Few
SETH LAKEMAN feat. WILDWOOD KIN
Ballads Of The Broken Few
sethlakeman.co.uk
(Cooking Vinyl COOKCD644/Sony)
11 Tracks, 42:30, mit Texten


In die Charts muss Seth Lakeman nicht mehr. Er war schon Popstar – und es hat ihm nicht gefallen. Das heißt aber nicht, dass er jetzt keine eingängigen Lieder mehr schreibt, im Gegenteil. Dieses achte Studioalbum ist randvoll mit Liedern von hohem Wiedererkennungswert. Nur macht ihm seit einiger Zeit keine Plattenfirma mehr Vorschriften, wie hitparadenkompatibel seine Songs zu klingen haben. Und so entwickelt Lakeman immer neue Ideen, nimmt in einem alten Kesselhaus oder – wie jetzt – in einem jakobinischen Herrenhaus auf, was sich hörbar auf den warmen Klang des Albums auswirkt. Das gilt auch für die Arbeit des Produzenten Ethan Johns, der die Erfahrung der Arbeit zum Beispiel mit Paul McCartney oder den Kings of Leon einfühlsam in diesen rein akustischen Zusammenhang bringt. Der Geniestreich schlechthin jedoch ist die Kooperation mit dem Gesangstrio Wildwood Kin, den Schwestern Key und deren Kusine Loney. Die Songs sind für diese Stimmkombination wie geschaffen, und mehr als einmal ist dieser Hörer überzeugt, hier allerbeste Gospelmusik zu hören, abgrundtief englische Gospelmusik wohlgemerkt. Das Titelstück ist ein Paradebeispiel für diesen Sound oder das nachfolgende „Anna Lee“ oder … Einfach ein großartiges Album.
Mike Kamp
 GJERMUND LARSEN TRIO: Salmeklang
GJERMUND LARSEN TRIO
Salmeklang
gjermundlarsen.com
(Galileo MC)
11 Tracks, 57:47, norw./engl./dt. Booklet


Sowohl das Trio als auch die einzelnen Musiker (Gjermund Larsen, Geige, Andreas Utnem, Piano und Harmonium, Sondre Meisfjord, Kontrabass) wurden schon vielfach mit Preisen ausgezeichnet (siehe auch Folker 3/2015). Ihr viertes Album ist ein weiterer Schritt zur Reduzierung auf das Wichtigste, Melodie und Klang. Es sind alles Kompositionen von Larsen, wobei die Stücke „Hymne“, „Salmeklang“ und „Kind Of Polska“ Teile eines Auftragswerks für das Oslo International Church Music Festival 2015 waren. Dieses wurde zusammen mit dem Trio Nordic (Nyckelharpa, Cello, Mandoline) realisiert. Als Komponist von Kirchenmusik bringt Andreas Utnem die richtigen Voraussetzungen für den „Psalmenklang“ mit. Die beiden ersten Stücke klingen erhaben und feierlich, die schnelle Polska bewegt sich mehr auf vertrautem schwedischem Boden. Wie am Beginn mit dem „Trostlied“ endet das Album mit einer Kindermelodie, „Duett“, für Larsons Zwillinge. Es ist noch nicht so lange her (2009), dass Larson das Kinderalbum Går I Fjøs eingespielt hat. Dem wachsenden Zuhörerkreis in Deutschland (Auftritt unter anderem in Rudolstadt 2015) hat das Label Galileo Rechnung getragen und die erklärenden Texte im Booklet auch auf Deutsch abgedruckt.
Bernd Künzer

 THE McCALMANS: Lost Tracks
THE McCALMANS
Lost Tracks
the-mccalmans.com
(Greentracks Recordings CDTRAX393)
19 Tracks, 51:24, mit engl. Infos


Die McCalmans waren schlicht eine schottische Legende. Ein Trio mit nur zwei Umbesetzungen in 46 Jahren, jeder Menge Humor und einem unverkennbaren harmonischen Vokalklang. 2010 schlossen die Macs, wie sie von ihren Fans genannt wurden, freiwillig dieses Kapitel. Dann starb tragischerweise Nick Keir, und jegliche Spekulationen über eine wenn auch nur klitzekleine Reunion waren gegenstandslos. Dennoch wurden die Fans nicht müde nachzufragen, ob denn nicht vielleicht doch noch zumindest irgendwelche unveröffentlichten Songs in irgendwelchen Schränken schlummern könnten. So machte sich Ian McCalman auf die Suche in seinen Archiven – und wurde neunzehn Mal fündig. Die typischen Songs stammen aus allen drei McCalman-Inkarnationen und dürften im Fanlager für Jubel sorgen. Livemitschnitte, Radioprogramme, Studiobänder, alles dabei und bestens aufbereitet. Und die ironischen Liedkommentare machen klar: Das war noch mal ein netter Trip in die Vergangenheit, aber damit ist die Zitrone auch endgültig ausgequetscht. Schön war’s trotzdem.
Mike Kamp
 AMIRA MEDUNJANIN: Damar
AMIRA MEDUNJANIN
Damar
amiramedunjanin.ba
(World Village 450032/PIAS-Rough Trade)
Promo-CD, 9 Tracks, 43:31


Es ist hierzulande kaum bekannt, doch Bosnien ist Heimat einer traditionsreichen und musikalisch sowie textlich sehr vielseitigen Folkmusik. Sevdah, was auf Deutsch so viel wie Sehnsucht bedeutet, heißt der Stil, der sich im fünfzehnten Jahrhundert auf dem Balkan entwickelte. Seine berühmteste Vertreterin ist die aus Sarajewo stammende Sängerin Amira Medunjanin. Auch auf ihrem bereits achten Album Damar („Schlagendes Herz“) nimmt die 46-Jährige den Zuhörer wieder mit auf eine leidenschaftliche Reise zu den Wurzeln ihrer musikalischen Tradition. Mit kraftvoller, klarer Stimme präsentiert sie neun berührende Lieder über das Leben, die vom Jazzpianisten Bojan Z erstklassig produziert wurden. Durch seine sparsamen, aber manchmal stürmischen Arrangements zeigt er, dass die traditionellen Stücke auch in der Moderne ihre eigene Qualität besitzen. Für die intensive intime Atmosphäre sorgt zudem der exzellente Flamencogitarrist Boško Jović, der etwa das Titellied komponierte. Wer die große emotionale Tiefe von Amira Medunjanin hört, den wundert es nicht, dass die Lieder des Sevdah für die Bosnier heilende Musik sind.
Erik Prochnow

 YANNICK MONOT: Chansons De Voyages Entre Amis
YANNICK MONOT
Chansons De Voyages Entre Amis
yannick-monot.de
(Krokodil Records KR 012012)
18 Tracks, 51:37


Quarante ans en route! Da kommt an musikalischen Lebenserinnerungen so einiges zusammen. Der gebürtige Bretone und Weltbürger hat gefühlt sämtliche Breitengrade dieser Welt bereist und musikalisch erkundet, in erster Linie als Botschafter des Cajun und Zydeco. Mit den achtzehn Tracks seines Jubiläumsalbums beschreitet er auch andere Wege. Monot bringt uns klingende, genreübergreifende Souvenirs in drei Sprachen. Klänge aus Madagaskar, Harmonien aus der Renaissance, Gospel, skandinavischen Blues, französisches Chanson und keltisches Lied. Mit einer Ausnahme stammen sämtliche Songs aus Monots Feder. Dass der Bretone ein großartiger Musiker und Entertainer ist, war klar, hier zeigt er sich obendrein als begabter Songwriter und Arrangeur. Monot hat viele Musikerfreunde um einen Beitrag gebeten, und alle kamen. An jedem Track sind Freunde Monots beteiligt, mit denen er im Laufe der vergangenen Jahre zusammengearbeitet hat. Neben seiner Band Novelle France sind das Clara Andrianaivo, Lulo Reinhardt, Manfred Pohlmann, Dirko Juchem und viele andere, die zu abwechslungsreichen Arrangements und in der Summe zu einem gelungenen Album beigetragen haben, das mit der einzigen Fremdkomposition ausklingt, einem Instrumental des DADGAD-Virtuosen Pierre Bensusan. Ein prächtiges Werk.
Ulrich Joosten
 O’HOOLEY & TIDOW: Shadows
O’HOOLEY & TIDOW
Shadows
ohooleyandtidow.com
(No Masters NMCD47)
11 Tracks, 45:20, mit engl. Infos u. Texten


Nein, Easy Listening ist das nicht, was uns die beiden Nordengländerinnen anbieten. Sie sind seit fünf Alben ein eingespieltes Singer/Songwriterinnen-Team und stellen ziemlich hohe Ansprüche an Text, Musik und Hörerschaft. Die Songs handeln zum Beispiel von kleinen Elefanten, ungewöhnlichen Frauen, dem Kindesmissbrauch der katholischen Kirche oder von der eigenen Hochzeit (letzterer ein Geschenk von Kathryn Williams). Gleich welches Thema, die Texte haben immer eine gewisse poetische Qualität. Instrumentell dominiert O’Hooleys Steinway, aber bekannte Freunde tragen mit Bass, Gitarre, Percussion, Trompete, Fiddle etc. zu einem Klangerlebnis bei, das sich trotz aller Abwechslung immer am Thema orientiert. Die Hörerschaft, so ist zu vermuten, verfolgt das alles mit einer Mischung aus Faszination und atemlosen Staunen. Nicht einfach, aber lohnend. Lediglich „Made In England“ (nein, nicht der Song von Mr. Bragg!) fällt völlig willkommen etwas aus diesem Rahmen. Das Lied gegen die bigotte und nationalistische Partei UKIP hat einen trotzigen Mitsingcharakter, und das ist schön und wichtig.
Mike Kamp

 PAGODA PROJECT: Clarion
PAGODA PROJECT
Clarion
pagodaproject.co.uk
(Sylvafield Limited SYLVA0001)
12 Tracks, 47:29, mit wenigen engl. Infos


Der Akkordeonist Paul Hutchinson ist ein Urgestein der englischen Folkszene, Mitglied diverser Band wie etwa Belshazzar’s Feast mit Faustus-Mitglied Paul Sartin. Darüber hinaus ist er für sein Instrument ein begehrter Lehrer. Die Klarinettistin Karen Wimhurst hat mit Folk eigentlich nichts zu tun, ist jedoch in einer jazzigen Richtung sehr aktiv und schreibt zum Beispiel Kammeropern. Zwei Musikanten also, die in ihren jeweiligen Szenen und auf ihren Instrumenten höchste Kompetenz beweisen. Diese Gegensätze ziehen sich beim Pagoda Project auf eine musikalisch höchst attraktive Art und Weise an. Das Konzept ist klar: Die Melodien stammen allesamt (mit einer Ausnahme) von Hutchinson und sind so verschroben humorvoll wie die Melodietitel oder die knappen Kommentare auf dem Cover. Tango, Walzer, Hymnen und ein Hornpipe sorgen auf dem Akkordeon für das solide und dennoch verspielte Grundgerüst, auf dem die Klarinette entweder lustvoll für Ornamente sorgt, der Melodie der Tasten folgt oder gleich selbst die Führung übernimmt. Großartig und ohrwurmhaft einschmeichelnd die „Bouzurka“. Musik für aufmerksame Ohren.
Mike Kamp
 JORGE PARDO: Djinn
JORGE PARDO
Djinn
jorgepardo.com
(Manantial de Músicas CR 1602/Galileo MC)
14 Tracks, 71:40, span. Infos


Der Saxofonist und Querflötist, Protagonist der Modernisierung von Flamenco bzw. Flamenco Jazz, spielte früher auch mit Paco de Lucía. Dessen einstige Mitmusiker, allseits geschätzte Veteranen jener Entwicklung, scheinen sich teilweise mittlerweile etwas auszuruhen auf ihren wohlverdienten Lorbeeren. Ungleich risikobereiter und neugieriger ist der Madrilene, der sich mit ungebremster Abenteuerlust auf Zusammenarbeiten mit gerade auch jüngeren, gerne auch unbekannteren Kollegen einlässt und diese umgekehrt in seine Projekte holt. So auch auf diesem bereits 23. Album, das der 2013 als bester europäischer Jazzer ausgezeichnete, nimmermüde Musiker in nur 35 Jahren (live und mit Kollegen Aufgenommenes inbegriffen) veröffentlicht hat. Allein die Covergestaltung und etliche der sphärisch weitschweifigen Stücke lassen den Hippie- und Freigeist des heute Sechzigjährigen erahnen. Auf angenehmste Art fühlt man sich bei einigen seiner allein oder im Verbund komponierten Instrumental- bzw. Vokalstücke bisweilen an frühere, schon sehr innovative, visionäre Alben Pardos erinnert. Viele neue Möglichkeiten und Klangräume werden da aufgetan mittels Hammondorgel, E-Bass, Rockschlagzeug oder Elektronik und charismatischer Stimmen (zum Beispiel von La Negra und Lin Cortés).
Katrin Wilke

 LULA PENA: Archivo Pittoresco
LULA PENA
Archivo Pittoresco
lulapena.com
(Crammed Discs CRAM270)
Promo CD, 13 Tracks, 49:44


Die Portugiesin Lula Pena singt in ihrer Muttersprache, aber auch auf Französisch, Spanisch, Sardisch, Griechisch und Englisch. Neben Eigenkompositionen finden sich auf dem Album Lieder von Violeta Parra, dem Griechen Manos Hadjidakis, ein sardisches Volkslied oder ein vertonter Text des belgischen Surrealisten Louis Scutenaire. Vielsprachige Alben mit Liedern aus aller Welt bilden in Zeiten der Globalisierung keine Ausnahme mehr. Doch Lula Pena ist anders. Da ist ihr eigenwilliges, perkussives und manchmal filigranes Gitarrenspiel. Und da ist ihre vibrierende Altstimme, die jedes Lied zu ihrem eigenen macht und mit der sie ihre Stücke ineinander verschmelzen lässt. Wer Lula Pena hört, nimmt kaum wahr, was sie singt. Doch wie sie singt, ist ein berauschendes Erlebnis. Archivo Pittoresco ist ein Konzeptalbum, eine Reise durch imaginäre und reale Welten. Wer das Album hört, fühlt sich aufgehoben in diesem oft federleichten und manchmal erdenschweren Klangkosmos. Nicht überall allerdings, diese Musik passt weder zum Autofahren noch in die Esoterikecke. Wer sich Lula Penas Magie hingibt, wird jedoch reich belohnt.
Martin Steiner
 CEMÎL QOÇGÎRÎ: Zalâl
CEMÎL QOÇGÎRÎ
Zalâl
facebook.com/cemilqocgirimusic
(Ahenk Musik)
10 Tracks, 41:55


Musikalisch scheint er nicht still zu stehen. Seine begeisternden Alben mit der kurdischen Harfenspielerin Tara Jaff 2015 und das Hawniyaz-Projekt 2016 mit den renommierten Musikern Aynur, Kayhan Kalhor und Salman Gambarov klingen noch in den Ohren, da wartet der Tenburvirtuose mit einem weiteren beeindruckenden Album auf. Zalál („rein“) heißt das aktuelle Werk. Gewidmet hat es der 37-Jährige in Mainz lebende Musiker mit kurdisch-alevitischen Wurzeln der mesopotamischen Sprache Zazakî, die die UNESCO als vom Aussterben bedroht einstuft. Unter den Kurden als eine der schönsten Klangsprachen bekannt, wird sie noch im Munzurgebirge des östlichen Anatoliens gesprochen. Mit seinen Kompositionen gibt Cemîl Qoçgîrî dem Zuhörer das Gefühl, unmittelbar in die traditionelle Kultur der sterbenden Sprache einzutauchen. Dazu webt er die in Zazakî geschriebenen Gedichte von Doğan Munzuroğlu in musikalische Geschichten über Liebe, Leid und Hoffnung, in denen sich traditionelle kurdische Melodielinien mit zeitgenössischen Klängen verbinden. Denn für Qoçgîrî bedeutet der Verlust von Sprache, Musik, Kunst und Kultur auch das Ende der Verständigung der Völker.
Erik Prochnow