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Editorial

Liebe Leserinnen und Leser,

ein Ende des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Wladimir Putins auf die Ukraine ist heute (10. Mai 2022) absolut nicht in Sicht. Diplomatische Bemühungen um eine Lösung scheint es nicht zu geben. Politiker und Politikerinnen jedweder Couleur reden von einer Zeitenwende oder noch deutlicher: „Das Zeitalter der Friedensdividenden ist vorbei.“ Mal abgesehen davon, dass selbst der Frieden scheinbar nur in kapitalistischen Dimensionen gedacht werden kann, heißt das doch: Wir drehen an der Eskalationsspirale. Mindestens 70 Milliarden Euro Militärbudget sollen es nun werden. Und wo man gerade dabei ist, setzt man noch einen 100-Milliarden-Kredit obendrauf. Da sind wir nicht kleinlich, Putin sei Dank. Da Geld endlich ist, fehlt es dann woanders, zum Beispiel in der Medizin, in der Schule, beim Klimaschutz oder in der Pflege, deren völlig überarbeitete Kräfte sich mit einem Coronabonus von insgesamt nur 1 Milliarde zufriedengeben mussten, denn man will es ja nicht übertreiben.

Das Militär hat es also üppig, und das freut Beraterfirmen oder rechtsradikale Netzwerke. Wie üblich steht die Kultur am anderen Ende der langen Schlange, da muss minimale Förderung – wenn überhaupt – genügen. Was soll’s, der folker hat eh nie Fördergelder erhalten und darf sich unter anderem dank Putins Expansionsgelüsten nun mit einer bis zu einhundertprozentigen Papierpreiserhöhung rumschlagen. Da muss die Verlegerin mit ganz spitzer Feder kalkulieren und meint sehr treffend, die beste Hilfe wären jede Menge neue Abos. Falls ihr jemanden kennt, der eine Fachzeitschrift für die Musikrichtungen Song, Folk und World zu schätzen weiß, legt ihm doch den folker ans Herz, einfacher kann man kein gutes Werk tun. Apropos gutes Werk, der Großteil der Autorinnen und Autoren dieser Ausgabe verzichtet auf die eh schon mageren Artikelhonorare und gebündelt wird das Geld zivilen Zwecken in der Ukraine gespendet.

Nach dem erfolgreichen Neustart des folker hatten wir so schnell nicht mit personellen Veränderungen gerechnet, aber es stimmt schon: Das einzig Beständige ist der Wandel. Als langjährige Redakteurin hatte Sabine Froese seinerzeit unser Angebot der Mitarbeit auf Konsensbasis gern angenommen, obwohl sie damals bereits in einer Phase der beruflichen Umorientierung war. Diese Tendenz hat sich fortgesetzt, und nun steht fest, dass sie sich in Zukunft aus dem Musikbereich zurückziehen wird. So hat sie uns schweren Herzens darüber informiert, dass sie die Mitarbeit in der Inhaltsredaktion mit der Ausgabe 1.22 einstellt. Auch wir sind darüber sehr traurig, denn wir haben all die Jahre sehr gerne und kreativ mit Sabine zusammengearbeitet. Wir lassen sie ungern gehen, aber selbstverständlich können wir ihre Beweggründe gut nachvollziehen. Wir wünschen Sabine in ihrem neuen Berufsleben viel Erfolg und sind sicher, dass wir so oder so in Kontakt bleiben.

Glücklicherweise gibt es nicht nur eine betrübliche Nachricht,
Mike Kamp * Foto: Anna Bröhl sondern auch gleich ein positive. Wir haben nämlich bereits einen Ersatz für Sabine gefunden. Herzlich willkommen beim folker, Petra Rieß! Petra ist der Folk- und Weltmusik als Radiofrau seit Langem verbunden. Sie war viele Jahre Vorsitzende der RUTH-Jury und sitzt momentan im Beirat des Rudolstadt-Festivals. Wir sind uns sehr sicher, dass Petra frische Impulse in unser Projekt bringen wird, und freuen uns sehr auf die Zusammenarbeit mit ihr.

Im März hatte ich einen interessanten Mailwechsel mit unserer Autorin Ines Körver (siehe Artikel zur Balkanmusik ab Seite 14), aus dem ich sehr gerne zitieren möchte: „Ich habe immer wieder den Eindruck, dass manche jetzt ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie sich mit Musik beschäftigen, während ein paar Stunden weiter ein Krieg tobt. Man sollte mal darüber schreiben, wie ungeheuer psychisch stabilisierend es für Musiker, Zuhörer etc. ist, wenn sie in all dem Drama und Wahnsinn im Luftschutzkeller, beim Grenzübertritt etc. durch ein paar Minuten der Normalität/Harmlosigkeit/Ästhetik aus dem ganzen Elend aussteigen können. Mir sind mehrere Beispiele erzählt worden, allerdings aus zweiter Hand, von Musikern aus der Ukraine, denen Musik gerade hilft, nicht verrückt zu werden. Wir sollten uns auch und gerade im Krieg dazu bekennen, dass Musik sinnstiftend ist und nicht etwas, was man macht, wenn man sonst keine Sorgen hat.“

In genau diesem Sinne viel Spaß bei der Lektüre, und besucht auch mal unsere neue Website folker.world. Die ist nämlich richtig toll geworden!

Euer Herausgeber
Mike Kamp