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Backkatalog   Ausgabe Nr. 3/2017   Internetartikel




»Wenige andere Nationen verfügen über einen vergleichbaren Schatz an Feldaufnahmen.«
Steve Byrne in Aktion mit Schülern der Colliston-Grundschule Arbroath * Foto: Chris Wright

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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CD-Tipp:


Folk Songs of England, Ireland, Scotland, and Wales: 1951 Edinburgh People’s Festival Ceilidh
(Rounder Records, 2006)



Tobar an Dualchais – Kist o Riches

So klingt Schottland

Als Alan Lomax in den Fünfzigerjahren in seinem Bestreben, die Welt auf Band festzuhalten, nach Schottland kam, legte er mit seiner Arbeit dort den Grundstein für eine der wichtigsten Sammlungen von Audioaufnahmen der „Stimme des schottischen Volkes“. Lomax bereiste nicht nur das Hochland und die Inseln, sondern machte im August 1951 auch einen Mitschnitt des sogenannten People’s Festival Ceilidh in Edinburgh, das von keinem Geringeren als dem Volkskundler, Dichter und Songwriter Hamish Henderson präsentiert wurde.

Text: Steve Byrne

Die Bedeutung dieser Veranstaltung lag zum einen darin, dass sie Teil einer sozialistischen Reaktion auf das war, was damals als gehobene Kunst galt wie sie beim 1947 noch im Hinblick auf den überstandenen Krieg als eine Initiative für den Frieden ins Leben gerufenen Edinburgh International Festival gezeigt wurde. Dieses konzentrierte sich vor allem auf Musik der großen klassischen Komponisten, von denen keiner einen besonders engen Bezug zu Edinburgh oder Schottland hatte. Zum anderen war das Ceilidh aber auch wichtig, weil es Henderson mit dessen Programm gelang, die unverfälschten, authentischen Klänge der Sänger und Musiker der ländlichen Regionen zum ersten Mal in einem großstädtischen Umfeld zu Gehör zu bringen. Bis zu diesem Zeitpunkt nämlich dürften die Erfahrungen des Edinburgher Publikums mit dem schottischen Volkslied eher in Richtung Salonmusik gegangen sein, dargeboten im Stil des deutschen Kunstliedes und aufpoliert gemäß bürgerlicher Hörgewohnheiten zur Verwendung im Radio. Auf dem Mitschnitt ist zu hören, wie überrascht die Zuhörerschaft der Hauptstadt auf den starken Dialekt und die oft etwas unbeholfene Art der Auftretenden reagierte.
Lomax’ Aufnahmen bildeten den Grundstock des neuen, von Henderson mitgegründeten Archivs der School of Scottish Studies der Universität Edinburgh. Und es war die erste Ausgabe des People’s Festival Ceilidh, das den Beginn einer drei Jahrzehnte währenden Ära einläutete, in der mit Ernsthaftigkeit und Ausdauer der Aufgabe nachgegangen wurde, die traditionelle Kultur verschiedener schottischer Regionen zu bewahren. Wenige andere Nationen verfügen heute über einen vergleichbaren Schatz an Feldaufnahmen, die das lokale kulturelle Erbe derart flächendeckend und über einen so langen, ununterbrochenen Zeitraum hinweg dokumentieren. Das im Jahr 1951 gegründete Tonarchiv der School of Scottish Studies beherbergt mittlerweile an die 12.000 Stunden von Volkskundlern und Wissenschaftlern anderer Fachrichtungen aufgenommene Tonspuren. Ergänzt wird es zudem durch die einzigartige Sammlung von John Lorne Campbell (1906-1996) und seiner Frau Margaret Fay Shaw (1903-2004) von der Insel Canna, deren Dokumentation der gälischen Kultur der Inneren und Äußeren Hebriden bis in die Dreißigerjahre zurückreicht und sich heute im Besitz des National Trust for Scotland befindet.
Allerdings war es über all die Jahre so, dass der Zugang zu dem Material lediglich zu akademischen und sonstigen forschungsbezogenen Zwecken möglich war. Auch sind die als Tonträger verwendeten Wachswalzen und Magnetbänder sehr empfindlich, weshalb allein schon aus praktischen Gründen und um die Aufnahmen zu erhalten die öffentliche Verfügbarkeit jahrzehntelang eingeschränkt werden musste. Hinzu kam weiterhin, dass sich die School of Scottish Studies in den Siebzigerjahren zu einer betriebsamen Lehranstalt entwickelte, deren Aufgabe es war, den vorhandenen Bestand vor allem ihren Studierenden für Studium und Forschung zur Verfügung zu stellen.

Teile dieses Artikels wurden unter Mitwirkung von Chris Wright erstellt.
Übersetzung: Stefan Backes

Autoreninfo:
Steve Byrne ist Gründungsmitglied der Folkband Malinky und zählt zu Schottlands bedeutendsten Sängern in Scots. Als graduierter Ethnologe der School of Scottish Studies arbeitete er drei Jahre lang als Katalogbearbeiter von Liedern in Scots am Kist-o-Riches-Projekt. Darüber hinaus ist er Mitbegründer des Hamish Henderson Archive Trust. Beim Rudolstadt-Festival 2017 wird er als musikalischer Leiter des Kist-o-Riches-Sonderkonzerts zu erleben sein. stevebyrne.co.uk

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