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Backkatalog   Ausgabe Nr. 3/2016   Internetartikel
»Ich hatte überhaupt kein Interesse an einer kommerziellen Karriere.«
Klaus der Geiger * Foto: Frank Szafinski

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Auswahldiskografie:

Piaddolla
(Westpark, VÖ: 26.8.2016)

Von allen Seiten
(Westpark, 2011)

10 Jahre Kölner Kunstsalonorchester 1997-2007
(CD/DVD; Eigenverlag, 2007)

Wer sich nicht wehrt
(mit Salossi; Eigenverlag, 2005)

Jetzt ävver ran – live in Köln
(mit Jürgen Becker und dem Kunstsalonorchester; Wortart, 2002)

Nein, nein, wir woll’n nicht eure Welt
(Eigenverlag, 1988)

Klaus der Fiedler und Toni – Straßenmusik
(Trikont, 1975)

Arbeit macht frei
(Bluff Records, 1973)


Cover Von allen Seiten


„Leben heißt nicht haben, sondern sein“

Klaus der Geiger

Eine musikalisch-politische Legende aus Köln

Seine Mar­ken­zeichen sind Latz­hose und Vio­li­ne. Klaus von Wrochem alias Klaus der Gei­ger ist der wohl pro­mi­nenteste Straßen­musiker Deutsch­lands und viell­eicht der ein­zige Lie­der­macher, der sich nicht auf der Gi­tarre oder dem Piano, sondern auf der Geige be­glei­tet, selbst wenn keine Band dabei ist. Anders als viele Stra­ße­nmu­si­ker hat er sein In­stru­ment und auch Kom­po­si­tion stu­diert; vir­tuos be­dient er sich aus Folk, Jazz, Rock und Klassik. Statt an seiner Lauf­bahn zu basteln, hat Klaus der Gei­ger im Lauf der Jahr­zehnte zahl­lose Pro­teste gegen Krieg, Rassismus, Umwelt­ver­schmutzung und Frem­den­feind­lichkeit musikalisch und inhaltlich bereichert. Ge­rade in Köln sind solche politischen Aktionen ohne Klaus den Geiger kaum vor­stell­bar. Seine neue Platte, soeben fertiggestellt, wird im Juni erscheinen.
Wie Westpark Music mitteilte, wird das neue Album Piaddolla nicht im Juni, sondern am 26.8.2016 erscheinen. Online ist es aber bereits zu haben, und auch beim Rudolstadt-Festival wird es verkauft werden.

Text: Wolfgang König

Eigentlich ist er gar kein Kölner, denn geboren wurde Klaus der Geiger Anfang 1940 als Sachse im osterzgebirgischen Dippoldiswalde, einen Teil seiner Kindheit verbrachte er in Dresden und im US-amerikanischen Sektor Berlins. Aber seit 1960 wohnt er – fast – ununterbrochen in Köln.
Als er zehn war, schenkte seine Mutter ihm eine Geige, und er nahm Unterricht in klassischer Musik, denn in der großbürgerlichen Familie, in der er aufwuchs, war musikalische Bildung selbstverständlich. 1960 begann Klaus von Wrochem ein Violin- und Kompositionsstudium in seiner neuen Wahlheimat Köln bei Karlheinz Stockhausen und dem renommierten deutsch-argentinischen Komponisten Mauricio Kagel. Parallel schrieb er erste eigene Stücke im Stil Neuer Musik. Auf Vermittlung Kagels bekam der Künstler 1965 ein Stipendium für die Musikabteilung der State University Of New York in Buffalo nahe den Niagarafällen und der kanadischen Grenze. Dort und am anderen Ende der USA, an der University of California in San Diego an der Grenze zu Mexiko, verbrachte der Musiker insgesamt fünf Jahre, die ihn nachhaltig prägten.
„Nicht nur ist in den USA vieles größer und das Land ist viel weiträumiger, auch im akademischen Bereich habe ich mich dort viel freier gefühlt. Ich hatte die Möglichkeit, viel zu komponieren, spielte aber auch in Sinfonieorchestern und habe selber als Dozent gearbeitet“, erzählt er. Mit einer Streichquartettkomposition als Doktorarbeit kam von Wrochem sogar zu höheren akademischen Weihen. Weil er sich aber nicht nur im universitären Elfenbeinturm aufhalten wollte, tauchte er auch in die US-amerikanische Folk- und Jazzszene ein, engagierte sich in der Bürgerrechts- und Anti-Vietnamkriegs-Bewegung.
Nachdem sein Stipendium ausgelaufen war, entschloss er sich 1970 zur Rückkehr in die Bundesrepublik, denn mit einer festen Stelle an der Uni klappte es nicht und das Leben als freischaffender Künstler in den USA, wo soziale Netze wie eine allgemeine Krankenversicherung bei vielen schon als Kommunismus gelten, war ihm als jungem Familienvater zu riskant. Zumal die Musikergewerkschaft zuverlässig dafür sorgte, dass bei Kürzungen im Kulturbereich – zum Beispiel wenn Sinfonieorchester sparen mussten – immer zuerst die Ausländer gefeuert wurden.
„Zurück in Köln wurde ich von der Hippieszene, die ich ja schon in den USA erlebt hatte, richtig angefixt, ich hatte überhaupt kein Interesse mehr an irgendeiner Art von kommerzieller Karriere“, erzählt Klaus. Kaum eine Liedzeile von ihm drückt das so prägnant aus wie „Leben heißt nicht haben, sondern sein“. „Das finde ich bestusst, dass man immer gewinnen muss“, singt er an anderer Stelle. Auch „Nein, nein, wir woll’n nicht eure Welt“ lässt seine ausgeprägte Abneigung gegen Hierarchien aller Art erkennen. „Wir lebten damals in einer Kommune, und viele ihrer Mitglieder haben dann mit mir in den Straßen von Köln Musik gemacht. Weil wir auch eine Teestube betrieben und ich noch Ersparnisse hatte, kam ich eine ganz Zeit lang damit über die Runden. Nach dem Ende der Kommune wurde es härter, denn von Straßenmusik allein kann man nicht leben.

... mehr im Heft.


Straßenmusik - Klaus der Geiger in Rudolstadt 2011 * Foto: Michael Pohl


Klaus der Geiger, Ingelheim 1996 * Foto: Ingo Nordhofen