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Backkatalog   Ausgabe Nr. 4/2015   Internetartikel
 

Folker-Halbmast



Fernando Jorge da Silva Bidinte

Fernando Jorge da Silva Bidinte


7.1.1963, Bolama, Guinea-Bissau,
bis 26.3.2015, Bissau, Guinea-Bissau


Das plötzliche, zu frühe Ableben des Gitarristen und Percussionisten erschütterte besonders viele Musikfreunde und Kollegen in Madrid. Dorthin hatte es Bidinte 1992 nach drei Jahren in Lissabon verschlagen. Aus dem geplanten Kurzaufenthalt wurden fünfzehn Jahre, angefüllt mit den mannigfaltigsten musikalischen Erfahrungen. Bidinte wuchs in Tuchfühlung mit den Ritualen seiner Heimatinsel Bolama auf, bei denen er von Kindheit an mitsang. Eine verwaiste Mandoline weckte bei dem damals Elfjährigen die Liebe für den Saitenklang, später in Spanien sollte die zur Flamencogitarre hinzukommen. Beim Hören eines Albums von Camarón de la Isla eröffneten sich dem neugierigen Musiker völlig neue Perspektiven, denen er solo, mit seiner Banda Negra und weiteren Musikern nachspürte. Zurück in seiner Heimat blieb der Mann, der unter anderem auch mit Milton Nascimento und Luis Pastor musizierte, unverändert umtriebig. Mitten in Konzertvorbereitungen ließ ihn sein Herz im Stich.

Katrin Wilke



Juan Carlos Cáceres

Juan Carlos Cáceres


4.9.1936, Buenos Aires, Argentinien,
bis 5.4.2015, Paris-Périgny, Frankreich


Einer der aktuell dienstältesten Wahl-Pariser Porteños war der zwischen Jazz und Tango unter anderem Musiktraditionen des Río de la Plata vermittelnde, Piano und Posaune spielende Singer/Songwriter Juan Carlos Cáceres. Des Weiteren als Historiker, Kunstdozent und Musikologe tätig, erforschte er akribisch die schwarzen Wurzeln des Tango. Mit Tango und Rockmusik aufgewachsen, tummelte sich der weise Hedonist im Epizentrum der Existenzialisten von Buenos Aires. Deren und sein wichtigster Auftrittsort war der legendäre Jazzclub Cueva de Passaroto. Im Mai 1968 landet der junge Wilde erstmals an der Seine, wo er zu einer Schlüsselfigur des modernen, weltoffenen Tango Negro wurde. Dabei blieb er stets ein musikalischer wie politischer Rebell, seine Musik bei aller Wertschätzung letztlich auch ein feiner Geheimtipp. Kurios daher, dass man den Siebzigjährigen mit der rauen Stimme und dem resoluten Klavierspiel bei der WOMEX als eine Art „Neuentdeckung“ feierte. Er selbst wird es gelassen genommen haben und nun womöglich als UFO durch die Lüfte schweben. Als solches sah sich Cáceres nämlich mit Blick auf seine musikalische Außenseiterrolle.

Katrin Wilke



Guy Carawan

Guy Carawan


27.7.1927, Los Angeles, Kalifornien, USA,
bis 2.5.2015, New Market, Tennessee, USA


Guy Carawan, den amerikanischen Sänger, Hackbrettspieler und Liedersammler, kannte man, wenn überhaupt, wegen eines Liedes, das gar nicht von ihm stammte. Als Bürgerrechtsaktivist machte er „We Shall Overcome“ zur Hymne der Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre. Er lernte Martin Luther King Jr. und Musiker wie Pete Seeger kennen. Später traten seine Frau Candie Carawan und er mit ihren Liedern, die gegen Rassismus, für Frieden und respektvollen Umgang miteinander warben, in der ganzen Welt auf. 1968 wurden sie auf die Waldeck eingeladen, auch mehrfach zu Liederfesten in die DDR, und waren an beiden Folk-Friends-Platten Hannes Waders beteiligt. Sie nahmen zahlreiche Alben auf und gaben auch Liederbücher heraus. Beide glaubten fest daran, dass Lieder das Denken und Handeln der Menschen positiv beeinflussen können. Guy Carawan starb im Alter von 87 Jahren.

Susanne Kalweit



B. B. King * Foto: Steve Jennings

B. B. King


16.9.1925, Itta Bena, Mississippi, USA,
bis 14.5.2015, Las Vegas, Nevada, USA


Drei Bluesgitarristen und -sänger namens King gab es. Nach Freddie (1976) und Albert (1992) hat uns nun auch B. B. verlassen. Er überragte nicht nur seine beiden Namensvettern, sondern war einer der größten Vertreter seines Genres überhaupt. Geboren wurde er 1925 als Riley B. King in Mississippi, dem US-Bundesstaat, der wahrscheinlich mehr wichtige Bluesmusiker hervorgebracht hat als jeder andere. Vor allem als Gitarrist beeinflusste B. B. King Generationen junger Musiker. Eric Clapton nennt als Schlüsselerlebnis Kings LP Live At The Regal (1965). Der typische B.-B.-King-Sound hatte viel mit seiner Gibson-Gitarre zu tun, die er zärtlich „Lucille“ nannte. In gut 66 Jahren spielte er über zehntausend Konzerte. Mit 75 beschloss er, seine etwa dreihundert Auftritte pro Jahr auf zweihundert zu beschränken. Seine letzte Heimat war Las Vegas, wo er am 14. Mai dieses Jahres im Schlaf starb. Jon Brewers sehenswerte Dokumentation über King aus dem Jahr 2013, The Life of Riley, gibt es auch auf DVD.

Wolfgang König



Walter Moßmann

Walter Moßmann


31.8.1941, Karlsruhe,
bis 29.5.2015, Breisach


Es war Ende der Siebziger, als ich ihn zum ersten Mal „live“ erlebte. Unter Verzicht auf eine Gage war er auf Tournee und sang auch in Stuttgart, um das Startkapital für die Tageszeitung zu sammeln. Was in dem Saal ablief, war kein gewöhnliches Konzert: Liebe, Politik, Lied und Mensch verschmolzen zu einem Gesamtkunstwerk, das sich unmittelbar auf die Anwesenden übertrug. Die Glut wurde zum Lauffeuer. Im Sommer 1980 reisten vierhunderttausend Menschen in Sonderzügen nach Bonn, um gegen die sogenannte „friedliche Atomwirtschaft“ zu demonstrieren. Die Kundgebungsrede hielt Walter Moßmann. Seine gewaltige Stimme klang klar und überzeugend, ohne demagogischen Unterton. Mit analytischer Schärfe entlarvte er die Drahtzieher der Atommafia und nannte die „Lügner und Marionetten“ in der Bonner Politik beim Namen.
Er galt in dieser Zeit als Symbolfigur für den Kampf um das geplante Kernkraftwerk Wyhl am Kaiserstuhl, seiner Heimat. Dieses Musterstück erfolgreichen basisdemokratischen Widerstands hat er in einer Filmdokumentation mit dem Titel Das Wespennest festgehalten. Eine große Rolle in diesem Kampf spielten Moßmanns Flugblattlieder, die in keiner Wohngemeinschaft fehlen durften: teils bekannte, umgedichtete Volkslieder, teils eigene, neue Kompositionen. Die „Ballade von Seveso“ wurde oft im Rundfunk gespielt. Heute undenkbar in den stromlinienförmig ausgerichteten Funkhäusern, aber auch aus einem schlichten rechtstechnischen Grund: Die Programmdirektion würde nämlich auf dem Plattenlabel vergeblich nach den vier Buchstaben „GEMA“ suchen. Erst 1991 trat Moßmann der Urhebergesellschaft dann doch bei, als ihm klar wurde, dass an seiner Stelle „andere liebenswerte Zeitgenossen die Urhebertantiemen für seine Lieder eingesackt haben“.
Mitte der Neunziger war es dann mit den Liedern vorbei, Diagnose Kehlkopfkrebs. Moßmann blieb dennoch politisch wach. Bücher und Texte bildeten nun den Schwerpunkt seines künstlerischen Schaffens. 2004 erhielt er in Rudolstadt die Ehren-Ruth unter anderem mit der Begründung: „Walter Moßmann stellt ein lebendiges Beispiel für die Einheit des künstlerischen Schaffens mit der Kritik an den bestehenden Verhältnissen und Ungerechtigkeiten dieser Welt dar. Er lebt diese Einheit bis heute und war dabei inmitten seiner zahlreichen Aktivitäten auch immer einer der wichtigsten Vertreter der deutschen Liedermacherszene seit ihren Anfängen.“

Walter Moßmann