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Rezensionen der
Ausgabe 2/2016


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TONTRÄGER


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Gelistet


PLATTENPROJEKTE

Es gibt im Musikbereich immer wieder Ver­öffent­lichungen, die den Rahmen herkömmlicher Pro­duk­tionen inhaltlich wie vom Umfang her spren­gen und deshalb einer ausführlicheren Betrach­tung bedürfen, als dies in Form einer ülichen Re­zen­sion geleistet werden kann.   [mehr dazu hier]


BÜCHER / DVDs


Bücher

DVDs

 Interpret/Autor: Titel
Interpret/Autor
Titel
WEB
(Label/Verlag)
Tracks (isbn), Bonusmat. (preis)


TEXT
Rezi-Autor
Besondere
 QUETZAL: Imaginaries
QUETZAL
Imaginaries
www.quetzaleastla.com
(Smithsonian Folkways Recordings SFW CD 40563/Galileo MC)
12 Tracks, 53:26, mit span. und engl. Texten/Textauszügen und Infos



Das Sextett aus dem Barrio von East Los Angeles führt uns musikalisch, sozial und politisch gelebten Panamerikanismus vor. Die Bandmitglieder, allesamt Chicanos, also in den USA lebende Mexikaner oder deren Nachfahren, leiten ihre Erfahrungen mit Doppel- bis Mehrfachidentitätsfragen und Ausgrenzung in soziokulturell beziehungsweise künstlerisch wertvolle Bahnen. Angeschoben von Rockgitarrist Quetzal Flores als namensgebendem Kopf in politisch brisanten Zeiten Anfang der Neunziger, konsolidierte sich das Projekt später in Zusammenarbeit mit seiner Lebensgefährtin, der singenden und komponierenden Percussionistin und Politaktivistin Martha González. Imaginaries ist ein aussagekräftiges Dokument des
 QUETZAL 2009 * Foto: Brian Cross
bisherigen Weges. Sein weiter musikalischer Kosmos reicht von den gut in der Chicano-Gemeinde verankerten Sones Jarochos aus dem mexikanischen Veracruz, über Ranchera, Salsa, Chicano Rock bis R ’n’ B und Pop. Alles raffiniert arrangiert und teils überraschend instrumentiert. So klingt – etwa durch Hinzunahme einer Geige – selbst eine Cumbia bei Quetzal eigen. Unterschiedlichste Einflüsse klingen an: The Smiths oder Stevie Wonder genauso wie Rubén Blades oder Los Lobos, die Pionierband dieser Chicano-Bewegung, mit der auch González schon auftrat. Martha González wechselt sich am Gesangsmikro mit anderen Sängerinnen und Sängern ab („Chican@s“), darunter auch Geschwister. Gewechselt wird auch zwischen den Sprachen Spanisch und Englisch, in denen die Botschaften mit sozialkritischen und politischen Tiefgang erklingen. Zum Charakter dieses Gesamtkunstwerks, einer Mischung aus Band, Forschungs- und Sozialprojekt, passt die sorgfältige Gestaltung des Albums: Das umfangreiche Booklet in Spanisch und Englisch enthält eine detailreiche Erläuterung dieser Arbeit, ihres Hintergrunds und des politischen Kontexts. Des weiteren wird man liebevoll und sachkundin die Geschichte jedes Tracks eingeführt. Ein Luxus, der Standard sein sollte bei Albenveröffentlichungen.
Katrin Wilke



Besondere
 FRANZ JOSEF DEGENHARDT: Freunde feiern sein Werk
FRANZ JOSEF DEGENHARDT
Freunde feiern sein Werk
www.universal-music.de
(Polydor/Koch Universal Music 0602537147397)
Promo-Do-CD, 31 Tracks, 154:36, mit Infos



Es war als großes Geburtstagskonzert zu Ehren des wohl bedeutendsten deutschen Liedermachers geplant: Franz Josef Degenhardt hätte am 3. Dezember 2011 sein achtzigstes Lebensjahr vollendet – wäre ihm nicht kurz zuvor der Tod in die Quere gekommen. So wurde aus der Geburtstagsgala am 19. Dezember 2011 im Berliner Ensemble ein würdiges Abschiedsfest. Viele namhafte Kolleginnen und Freunde, darunter Joana, Wiglaf Droste, Barbara Thalheim, Frank Viehweg und Gisela May, waren gekommen, um „Väterchen Franz“ posthum singend zu feiern. Konstantin Wecker führte, unterstützt von Prinz Chaos II als Zeremonienmeister durch das Programm. Dota Kehr, Max Prosa, Prinz Chaos und Goetz Steeger, der gemeinsam mit Sohn Kai
 FRANZ JOSEF DEGENHARDT
Degenhardt die letzten Alben Degenhardts produziert hatte, standen quasi stellvertretend für eine junge, stimmgewaltige Liedermachergeneration voller Kraft, die sich trotz mancherlei Zugeständnissen an den Zeitgeist hörbar auf einer Traditionslinie mit ihrem Wegbereiter Franz Josef Degenhardt sieht. Der intimste Moment des Gedächtniskonzerts kam vom ältesten Sohn Jan Degenhardt, der zwischen zwei Liedern erzählte, wie er am Bett des sterbenden Vaters wachte und dieser plötzlich in die Stille hineinposaunte: „Schluss mit der Scharade! Wir hauen ab!“ Darauf der Sohn: „Papa, du liegst im Sterben!“ Der alte Barde richtete sich auf und sagte tadelnd: „Sterben? Mehr fällt dir dazu nicht ein?“ Sehr berührend auch, wie der US-Bürger Daniel Kahn Degenhardts Komposition „Die alten Lieder“ interpretierte. Indem er Teile des Liedes in Jiddisch sang, gab er ihm eine neue Perspektive: „Wo sind eure Lieder, eure alten Lieder? Fragen die aus anderen Ländern … „ – in Jiddisch eine überraschend, ja beklemmend andere Dimension. Indem jeder Künstler jeweils ein Degenhardt-Lied und ein eigenes präsentierte, richtete sich der Blick nicht nur in die Vergangenheit der Liedermacherei, sondern gleichzeitig in eine durchaus verheißungsvolle Zukunft einer oft totgesagten Zunft.
Kai Engelke
 ALLAN TAYLOR: Down The Years I Travelled...
ALLAN TAYLOR
Down The Years I Travelled...
www.allantaylor.com
(Stockfisch Records SFR 357.9013.2/In-akustik)
Do-CD, 21 Tracks, 91:04, mit engl. Texten u. Infos im Buchformat



Es führt kein Weg an der Tatsache vorbei, dass sich Allan Taylor in der zweiten Hälfte seiner Sechziger befindet. In diesem Alter widmet sich der übergroße Teil der Bevölkerung erfüllenden Rentnertätigkeiten wie der Gartenpflege oder der Beaufsichtigung der Enkel. Nicht so Allan Taylor! Ob er es muss oder will, ist schwer zu sagen. Sicher aber ist, er kann es noch, das, was er all die Jahre gemacht hat: Konzerte geben, von Ort zu Ort reisen auf jenem magischen und für Taylor zentralen Objekt der Begierde – on the road. Aber auch ein Allan Taylor wird im Alter reflektiv, und er kann sich glücklich schätzen, für solche Aktivitäten mit Günter
 ALLAN TAYLOR * FOTO: DORIS JOOSTEN
Pauler und seinem Stockfisch-Label die passenden Partner zu haben. Lange Jahre fand Taylor seine musikalischen und technischen Qualitätsansprüche bei keiner Plattenfirma erfüllt und veröffentlichte konsequenterweise von Mitte der Achtziger- bis Mitte der Neunzigerjahre auf seinem eigenen Label T Records. Ein Best-of dieser Alben gibt es nun sorgfältig remastert in edel reflektierender Verpackung: einem 57-seitigen Buch mit Texten, Bemerkungen, Anekdoten und Credits. Exzellente Musiker begleiteten Allan Taylor damals: Rick Kemp (Steeleye Span), Maartin Allcock (Fairport Convention/Jethro Tull) oder der Singer/Songwriter Mike Silver. Neben dem Titelsong als einzigem neuen Stück hören wir viele alte, die heute noch in Taylors Repertoire zu finden sind – „Banjo Man“, „Chimes At Midnight“ oder „Let’s Go To Paris“ sind nur Beispiele. Aber es sind ausnahmsweise auch drei Fremdkompositionen zu hören, und gerade der Bob-Dylan-Song „Don't Think Twice, It's All Right“ beweist, dass es einen definitiven Allan-Taylor-Stil gibt — der Dylan-Klassiker klingt hier wie von Taylor geschrieben. Steht zu hoffen, dass Meister Zimmermann das zu schätzen weiß.
Mike Kamp

 PETE SEEGER & LORRE WYATT: A More Perfect Union
PETE SEEGER & LORRE WYATT
A More Perfect Union
www.peteseegermusic.com
www.octobernight.com
(Appleseed Recordings APR CD 1130/In-akustik)
16 Tracks, 69:50



Schon seine Entstehungsgeschichte macht diese Album zu einer besonderen Veröffentlichung. Pete Seeger tritt zwar gelegentlich noch öffentlich auf, aber weitere Aufnahmen als At 89 von 2008 und Tomorrow’s Children, im hohen Alter von 89 beziehungsweise 91 eingespielt und prompt beide mit einem Grammy ausgezeichnet wurden, hatten wohl eher nicht auf seiner Agenda gestanden. Wäre da nicht sein alter Freund, der Singer/Songwriter Lorre Wyatt, den man hierzulande durch seinen Song „Somos El Barco“ („We are The Boat“) kennt. Ein schwerer Schlaganfall im Jahr 1996 hatte die Karriere des beliebten Liedermachers abrupt beendet. Die Songs, an denen er vorher zusammen mit seinem Freund Seeger gearbeitet
 PETE SEEGER * FOTO: MATT PETRICONE
hatte, mussten auf Eis gelegt werden. Wyatt brauchte mehr als 15 Jahre, um die Folgen des Schlags zu überwinden, doch er kämpfte sich zurück und bat Pete, die Arbeit an den Songs wieder aufzunehmen. Sobald ein, zwei Lieder fertig waren, nahmen die beiden sie in einem lokalen Tonstudio auf. Dann zog Wyatt sich als Folge einer Kehlkopfentzündung Knoten auf den Stimmbändern zu, und erneut stand das Projekt auf der Kippe. Daher kam Jim Musselman, Chef des Appleseed-Labels, auf die Idee, ein paar Gastmusiker zu bitten, mit Gesang auszuhelfen. Weder Bruce Springsteen noch Emmylou Harris oder Dar Williams ließen sich lange bitten, ebenso wenig Tom Morello und Steve Earle, von einer ganzen Reihe illustrer Gastmusiker, die Saxofon, Klarinette, Bass, Geige, Cello und Percussion beisteuerten ganz abgesehen. Und so entstand das wohl erste Album, auf dem Pete Seeger und Lorre Wyatt fast ausschließlich neues Originalmaterial veröffentlichen: Lieder voller Lebensweisheit und Humor – „Old Apples“ – die dennoch höchst politisch sind, wie etwa das unter die Haut gehende, von Wyatt solo gesungene und lediglich von afrikanischen Rhythmen unterlegte „These Days In Zimbabwe“. Ob Pete Seeger mit diesem Album der Grammy-Hattrick gelingt? Verdient hätten es die beiden Freunde.
Ulrich Joosten



Besondere
 WALTER HEDEMANN: Chansons, was sonst?
WALTER HEDEMANN
Chansons, was sonst?
www.contraermusik.de
(Conträr Musik 69/Indigo)
3 CDs, 68 Tracks, 212:40, mit buchstarkem Booklet und ausführlichen Infos



„Na ja: Pannen kann es geben .../ Wie lang willste denn auch leben? Du krepierst schon mal, dein Ende ist in Sicht – zwar vielleicht paar Jahre früher. Aber bei elektrisch Licht!“ So lautet die letzte Strophe von Walter Hedemanns Chanson „Die endgültige Lösung“, geschrieben vor exakt vierzig Jahren als Kommentar zur Atompolitik der damaligen Bundesregierung. Der so freundlich und harmlos wirkende Hedemann hat es faustdick hinter den Ohren. Der völlig zu Unrecht nur einer kleinen Fangemeinde bekannte, inzwischen längst pensionierte Studienrat für Deutsch und Englisch war und ist zugleich ein kabarettistischer Chansonnier ganz besonderer Güte. Stark beeinflusst vom Wiener-Brettl-Künstler Gerhard
 (ohne)
Bronner, von Friedrich Hollaender und Otto Reutter, ist Hedemann am ehesten mit Georg Kreisler zu vergleichen – ein überzeugter Freigeist, ein Meister der unerwarteten Gedankengänge, ein großartiger Satiriker und dazu ein ausgezeichneter Pianist mit einer ausdrucksstarken Stimme. Seine kantig-schrägen Liedinhalte, die sich häufig gegen engstirnigen Spießbürgermief und kleinstädtischen Interessenklüngel wenden, haben bis heute kaum etwas von ihrer Gültigkeit eingebüßt. Die ersten öffentlichen Auftritte absolvierte Hedemann Mitte der Sechziger neben Hannes Wader, Franz Josef Degenhardt, Reinhard Mey und Hanns Dieter Hüsch auf der Liedermacherburg Waldeck. Dass er nie bekannter wurde, mag auch dem Umstand geschuldet sein, dass er bis zum Erreichen der Altersgrenze fest in seinen bürgerlichen Beruf eingebunden blieb. Anlässlich Walter Hedemanns 80. Geburtstags gewährt Conträr Musik mit einer aufwendig gestalteten CD-Box mit 68 Liedern und 120 Seiten Booklet – randvoll mit Liedtexten, Interviews, Kommentaren, Fotos und ausführlichen Informationen – nun einen umfangreichen Einblick in das Schaffen dieses großen Unbekannten des kritischen Liedes. Chansons, was sonst? ist die notwendige und sinnvolle Hommage an einen geradlinigen, in jeder Beziehung außergewöhnlichen Künstler.
Kai Engelke
 JOY DUNLOP: Faileasan – Reflections
JOY DUNLOP
Faileasan – Reflections
www.joydunlop.com
(Sradag Music SRM004)
11 Tracks, 50:17, mit gäl./engl. Texten u.Infos



Man könnte durchaus den Eindruck gewinnen, beim Folker gäbe es einen Joy-Dunlop-Fanclub, war doch bereits ihre Kooperation mit Twelfth Day in Heft 5/2012 eine „Besondere“. Dem muss widersprochen werden, wenn es in die „fanatische“ Richtung geht. Es hat aber etwas Korrektes, wenn die Betonung auf „fantastisch“ liegt. Joy Dunlops Debüt Dùsgadh – Awakening, besagte „Besondere“ aus Folker 5/2012, hatte bereits alles, was ein gutes Album braucht, der Nachfolger ist einfach nur – genau – fantastisch. Faileasan – Reflections ist das komplette Paket, angefangen mit der Verpackung – die atmosphärischen Waldfotos, die gälischen Texte und Infos und deren Übersetzungen lassen einen den Tag der reinen Downloads in
 JOY DUNLOP
eine ferne Zukunft wünschen. Gleich zu Beginn wird man sanft, aber nachdrücklich in die künstlerische Welt der Joy Dunlop gezogen, wenn die Border Pipes den Klang des Liedes „If I Marry At All, I Won’t Marry A Big Girl“ dominieren, humorvoll, denn die Dame ist nicht gerade klein. Überhaupt hat sie sich mit erstklassigen Musikern und Begleitsängern umgeben. Das beginnt etwa mit Capercaillie- und Celtic-Connections-Chef Donald Shaw und geht über Aidan O’Rourke (Fiddle) und Lorne MacDougal (Pipes, Whistle) bis hin zur „Gälischen Sängerin des Jahres“ 2012, Riona Whyte. Solche Qualität zahlt sich hörbar aus. All das jedoch wäre nichts ohne Joy Dunlops Gesang – der „Gälischen Sängerin des Jahres“ 2010 und 2011! Schier endlos ist die Liste der Adjektive, mit der Kritiker versucht haben, ihrer Stimme gerecht zu werden: hypnotisierend, lieblich, bezaubernd, heilend, geschmeidig, erhebend. Oder im Folker: klar, ausdrucksstark, variabel und kontrolliert. Alles richtig und dennoch nur Worte. Was dieser Gesang an meist melancholischen Emotionen hervorruft, das muss man hören und erleben. Ein Paradebeispiel dafür ist der pure A-capella-Genuss von „Lament For Colin Of Glenure“, einer Ode an ihre Heimat Argyll. Faileasan – Reflections ist ziemlich nah dran an dem, was man gemeinhin Perfektion nennt.
Mike Kamp

Besondere
 TRADISH: Roots and Shoots
TRADISH
Roots and Shoots
www.tradish.dk
(GO’ Danish Folk Music GO0113)
13 Tracks, 51:09, mit engl. Texten u. Infos



Dass auch sogenannte „Epigonen“ aus anderen Ländern erstklassigen Irish Folk ’n’ Trad produzieren können, beweisen dem für eben diese „Epigonen“ zuständigen Rezensenten des Folker diesmal gleich drei Alben aus Dänemark, Deutschland und Italien. Stellvertretend auch für die Kollegen von Emerald und Whisky Trail soll hier die skandinavische Variante von Tradish besondere Aufmerksamkeit erhalten. Nun ist deren Leadsänger, Gitarrist und Bouzoukispieler John Pilkington aber auch ein Original von den Inseln, der sich nach bereits erfolgreicher Karriere in England, Irland und den USA in Dänemark niederließ. Aber Sängerin und Geigerin Louise Ring Vangsgaard und Bodhránist, Percussionist und Sänger
 Tradish
Brian Woetmann sind echte Dänen, die die musikalische Fremdsprache aber aufs Vortrefflichste beherrschen. Seien es quirlige Klangteppiche hinter den Liedern oder schnelle und zugleich sehr feine Instrumentals in bester High-End-Rhythm-’n’-Reel-Spielweise, seien es moderne Songs, die viel von Rock und Jazz eingeatmet haben oder traditionellere, getragene Klagelieder – da stimmt nicht nur alles bis zum letzen Takt und zur letzten Note, es ergreift den geneigten Zuhörer im Innersten und reißt ihn mit sich fort. Schon das Tradish-Debüt 2010 war ein gelungenes Gesellenstück, aber dieser Zweitling ist ein Meisterwerk, das sich hinter den besten Platten von Solas, Gráda, Beoga und dergleichen nicht verstecken muss. Nun haben zwei Drittel der Band ja auch unter dem Namen Moving Cloud schon einige Zeit zum Üben gehabt, und die Dame in der Runde hat zudem in mehreren Dansk-Folk- und Mittelalterbands gespielt. Unter den ohnehin recht verschiedenen Stücken des Albums fällt eines stilistisch besonders aus dem Rahmen: „Sixteen Jolly Ravers“. Da geht es eher osteuropäisch zu, und das auf eine dermaßen fröhliche und mehrstimmige Art, dass es einfach nur gute Laune macht! Zu weiteren hochklassigen Irish-Folk-’n’-Trad-Veröffentlichungen siehe Kurzschluss, Emerald und Whisky Trail.
Michael A. Schmiedel
 WEIHERER: A Liad, a Freiheit und a Watschn
WEIHERER
A Liad, a Freiheit und a Watschn
www.weiherer.com
(Focus 307.0087.2/BSC Music/Rough Trade)
20 Tracks, 77:79, mit dt. Infos



Phänomenal, was der 33-jährige Christoph Weiherer, eine Art Protestsänger alter Schule mit dem Finger direkt am Puls der neuen Zeit, in den packendsten Momenten dieser Liveaufnahmen vom Januar 2013 mit den beiden einfachsten Mitteln von allen, einer enorm rhythmisch und dynamisch geschlagenen akustischen Gitarre und seinem mitunter geradezu sensationell musikalisch phrasierenden Sprechgesang, für einen Drive entwickelt! Was für ein Druck in „Und i leb“. Was für ein mitreißender Groove in „Da Markt bricht zamm“. Gleich beides zusammen in „Andersrum“, das mit seiner Zivilisationskritik der Marke „Es ist erwiesen, dass Facebook Beziehungen kaputt macht / Warum mach mer des net amal andersrum?“ außerdem
 WEIHERER * FOTO: NADINE LORENTZ, DIEAXTIMWALD.DE
auch textlich unter diesen drei Beispielen das überzeugendste ist. Allerdings zeigt es auch schon die Schwächen des Niederbayern mit Wahlheimat München – einen gewissen Hang sowohl zur eher peinlichen Anzüglichkeit einerseits als auch zur etwas übertriebenen Schlichtheit der Argumente und Weltsicht andererseits. Letzteres besonders, wenn’s politisch wird, wie in „Sie nennans Politik“ oder speziell auch im bereits erwähnten „Da Markt bricht zamm“ mit seiner Kindergarten-Polarisierung böser Markt hie, braver Bürger da – so einfach ist das nicht einmal in Bayern. Damit soll nun keineswegs gesagt sein, dass die Nachteile im Falle A Liad, a Freiheit und a Watschn, von den enormen Pluspunkten abgezogen unterm Strich ein Minus ergäben – im Gegenteil! Zumal wir es hier schließlich auch noch mit Popmusik im Sinne von Unterhaltung zu tun haben, wie schon alleine die acht der zwanzig Tracks zeigen, bei denen es sich um launige Moderationen handelt. Bei Entertainment dieser Art muss man es nicht übertreiben mit dem kritischen Blick. Aber bei den Texten, wiewohl schon mit großen Momenten und insgesamt keineswegs etwa irgendwie schlecht oder unter Niveau oder dergleichen, ist doch noch deutlich Luft nach oben. Machen wir einen Sonderbonus Perspektive daraus – das Tüpfelchen auf dem i.
Christian Beck

Besondere
 VALENTIN CLASTRIER: Valentin Clastrier
VALENTIN CLASTRIER
Valentin Clastrier
www.valentinclastrier.com
(Innarcor INNA 31308/L’Autre Distribution)
13 Tracks, 64:57



Kann eine Altdrehleier wie Darth Vader klingen – wie in „Vents Solaires“? In den Händen Valentin Clastriers kann sie nach allem klingen. Die 13 Instrumentalstücke auf seinem ersten Soloalbum seit 15 Jahren tragen Titel wie „Viell’Mania“, „Grand Soleil“ oder „Gyroturbation“ und zementieren den Ruf des 66-Jährigen als unerreichter Großmeister des Instruments. Der Chevalier des Arts et des Lettres war immer schon ein Innovator par excellence, doch ging der Produktion diesmal gar die Entwicklung eines neuen Instrumentes voraus, mit dem diese Musik erst möglich wurde. Gemeinsam mit dem Wiener Drehleierbauer Wolfgang Weichselbaumer entwickelte Clastrier das innovative Konzept einer, wie er sagt,
 VALENTIN CLASTRIER * FOTO: SERGIO FORTINI
„vielle idéale“. Deren Rad lässt sich mit einer nach unten wegklappbaren Achse teilweise oder vollständig von den Saiten entfernen und ermöglicht Spieltechniken wie nuancierte Obertonmelodien, Tapping oder Pizzicato. Eine weitere erstaunliche Erfindung Weichselbaumers erlaubt zweistimmiges Spiel auf zwei Melodiesaiten. Offenbar hat das neue Instrument Clastriers Kreativität ordentlich befeuert: Er feiert die neuartigen Tonerzeugungsmöglichkeiten regelrecht ab! Rhythmisch pulsierende Bordunsaiten, gezupfte Resonanzsaiten, arhythmische oder präzis synchrone Schnarrsequenzen unterstreichen und kontrapunktieren Melodien, die von mystischen Tonmeditationen bis hin zu ultraschnellen Klangkaskaden einen völlig neuen Klangkosmos erkunden. Dabei verzichtet Clastrier auf seinen charakteristischen, lautmalerischen Gesang und auf seine Perkussionsbox – allein die Drehleier und ihre Möglichkeiten stehen im Mittelpunkt, und die definiert er nun wieder einmal neu. Mit Valentin Clastrier überschreitet er neuerlich Grenzen und weitet sie aus; sämtliche Versuche der Einordnung, ob es sich um Jazz oder Weltmusik handelt, ob die Musik asiatische oder mittelalterliche oder welche Einflüsse auch immer hat – sie greifen zu kurz. Diese Musik ist grandios. Umwerfend. Erschreckend. Begeisternd.
Ulrich Joosten
 DIEGO EL CIGALA: Romance De La Luna Tucumana
DIEGO EL CIGALA
Romance De La Luna Tucumana
www.elcigala.com
(Deutsche Grammophon 0028947910664/Universal)
11 Tracks, 40:11, mit span. u. engl. Texten u. engl. Infos



Der zu den weltoffensten Flamencokünstlern zählende cantaor ist gerade der spanischen Krise gen Dominikanische Republik entflohen. Aber sein neuntes Album dreht sich wie der Tangoausflug Cigala & Tango von 2011 erneut um Argentinien. Dessen kleinste Provinz, Tucumán, ist im Titelstück, verewigt – die „Mondromanze“ von Atahualpa Yupanqui und Pedro Aznar, populär durch Mercedes Sosas Interpretation, schlüpft bei dem Madrilenen ins Gewand einer flotten Flamenco-Rumba, umgarnt von Juan Tizols Duke-Ellington-Hit „Caravan“. Überhaupt bieten Diego el Cigalas neulektorierte Liedklassiker Argentiniens etliche Überraschungen, nicht forciert innovativ-grell, sondern eher fein – der Mittvierziger ist zwar quasi
 (ohne)
ein musikalischer Bilderstürmer, aber keiner, der das Urmaterial völlig aus den Angeln hebt, um es neu klingen zu lassen. Das Eröffnungsstück kommt etwa afrokaribisch daher, erinnert an El Cigalas Kuba-affine Arbeiten mit dem Pianisten Bebo Valdés. Dem kürzlich verstorbenen Kubaner, mit dem ihn nach eigener Aussage überhaupt seine beste Erfahrung musikalischer Zusammenarbeit verbindet, widmete er auch dieses Album. Ansonsten schwebt vor allem der Geist Mercedes Sosas über dem Werk, das sogar mit ihrer Stimme ausklingt – im „Canción Para Un Niño En La Calle“ posthum liiert mit der von El Cigala. Das habe er noch im letzten Moment aufs Album genommen, nachdem ihn die Version von Calle 13 und Sosa so sehr gerührt hätte. Auch weitere Stücke mussten sein, so zwei Tangos, die von der Arbeit an Cigala & Tango übriggeblieben waren. So erfährt man aus dem ausführlichen, vom Sänger in sehr persönlichem Ton verfassten Booklet. Persönlich wie das ganze Album, das einmal mehr zeigt, dass sich Diego el Cigalas profunder Gesang auf jedem musikalischen Terrain elegant und komfortabel einzuquartieren vermag. Angenehm minimal und gekonnt umspielt von seinen Mitmusikern, diesmal besonders markant vom sehr interessanten, jazzigen Gitarrenspiel seines Landsmannes Diego García el Twanguero.
Katrin Wilke

Besondere
 EVELYN KRYGER: Evelyn Kryger
EVELYN KRYGER
Evelyn Kryger
www.evelynkryger.de
(Hey!blau Records H!B 0015)
10 Tracks, 59:03, mit dt. Infos



Die fünf Hannoveraner von Evelyn Kryger haben ein Album eingespielt, das berauscht und nicht nur von exquisiter Musikalität und einem tiefen Verständnis für die verquirlten Stilvarianten einmal quer von Ost nach Süd zeugt, sondern vor allem die Neugier und den Spaß am Material ausstellt. Die junge Band enthebt die Folkmusiktraditionen des Balkan und aus arabischen Ländern der Ernsthaftigkeit, die durch kulturpolitische und akademische Diskurse mitunter Übergewicht bekommen, und führt sie zu ihrer anderen eigentlichen Bestimmung zurück: dem Tanzen. Schlagzeuger Hannes Dunker unterlegt die hybriden Arrangements mit hitzigen Beats, am Bass groovt Jonas Holland-Moritz zum Polkarhythmus, Malte Hollmanns
 Evelyn Kryger
Keyboard sorgt für Discostimmung. All dies geschieht, ohne dem eigentlichen Kern der Stücke, Melodie und Harmonik an Raum zu nehmen, und trotz aller Tanzwut gibt es auch immer wieder Momente, in denen die Groove-Maschinerie pausiert und Rebecca Czech und Christoph Kalig an den beiden Hauptinstrumenten, Geige und Saxofon, schwelgen lässt. Die Band nimmt sich an den richtigen Stellen Ruhe und Zeit, um musikalische Ideen zu nähren und ihnen Aussagekraft zu verleihen, sei es die minimalistisch begleitete Solopassage der Synthie-Hammondorgel bei „Balcanan“, die dem Track eine Sechziger-Jazz-Färbung verleiht, oder „Tarantulas“ Bossa-Einlage, in der Geige und Saxofon zunächst im Dialog schwermütige Melodien entwickeln, bevor sie sich schließlich virtuos duellieren. Die Harmonie zwischen verlässlichen Rhythmen und unerwarteten Breaks sorgt für ein durchgehend abwechslungsreiches Album, das Aha-Momente beschert und dennoch Ohrwürmer produziert. Hier wird geschwoft, werden die Hüften geschwungen, die Hände zum Himmel gereckt – alles völlig unangestrengt und auf höchstem Niveau. Sogar für Rap-Einlagen – Gastauftritt Jake Olson – und eine Beethoven-Reverenz finden Evelyn Kryger ein authentisches Plätzchen. Das Resultat ist, wenn Sie die stilistische Entgleisung erlauben: geil.
Judith Wiemers



Besondere
 DISSIDENTEN: How Long Is Now? Unplugged Live In Berlin
DISSIDENTEN
How Long Is Now? Unplugged Live In Berlin
www.dissidenten.de
(EXIL 98242-2/Indigo)
13 Tracks, 79:23



Das Label „unplugged“ ist an sich etwas ausgelutscht – die Dissidenten aber sind bekanntlich keine Musiker, sondern Zauberer. Mit Magie, anders kann man diesen Liveauftritt wirklich nicht beschreiben, hauchen die drei Derwische dem Genre und nebenbei ihren eigenen Klassikern neues Leben ein. Die Stücke klingen lebendiger, energetischer als ihre elektrifizierten Originalversionen. Vergleichsweise gesittet beginnt das Konzert, das bei einer relativ spontanen Aktion für Freunde mitgeschnitten wurde, mit „At The Pyramids“. Mit dem „Song 4 A Rainbow“, den man durch die Zusammenarbeit der Dissidenten mit Jil Jilala bereits in einer aggressiven Variante kennt, wird es dynamischer, bricht Spielfreude sich Bahn.
 DISSIDENTEN
Entscheidend für die Qualität dieser Aufnahme sind die Mitmusiker. Mit Elke Rogge und Till Uhlmann stand den Dissidenten die deutsche Drehleierelite zur Seite – das Spiel der beiden bestimmt vollständig den Klang der Aufnahme. Mit Roman Bunka, Gefährte aus alten Embryo-Zeiten an der Gitarre, Mandolincellist Noujoum Ouazza sowie Sängerin Mennana Ennaoui und Sänger Manickam Yogeswaran erhalten die Dissidenten versierte Verstärkung aus dem Weltmusiklager. Zusammengewürfelt wie sie sind, spielen alle wie ein kleines Orchester. Es gibt keine Aufteilung in Band und Gastmusiker, keine Starauftritte, kein Gehabe. Alle Beteiligten sind Neigungstäter, die sich gegenseitig anheizen, eingespielt als würden sie seit Jahrzehnten miteinander musizieren – was ja nur zum Teil auch der Wahrheit entspricht. In „All India Radio“ ist der Ballwechsel zwischen den Musikern kaum noch wahrnehmbar. „Fata Morgana“, einer der Klassiker der Band, wird zum spirituellen Erlebnis. So treiben die Dissidenten den Hörer über achtzig Minuten von Höhepunkt zu Höhepunkt, bis How Long Is Now? mit „Light Of Love“ am Ende wieder ruhigere Fahrwasser erreicht, um die Passagiere heil von Bord gehen zu lassen. Jedes Stück wie aus einem Guss. Der gesamte Auftritt eine durchkomponierte Einheit. Ein Meisterwerk.
Chris Elstrodt
 BARBARA THALHEIM & BAND: Zwischenspiel
BARBARA THALHEIM & BAND
Zwischenspiel
www.barbara-thalheim.de
(Conträr Musik 97963-2/Indigo)
16 Tracks, 75:33, mit dt. Texten u. Infos



Eigentlich wollte Barbara Thalheim sich nach dem Tod ihres langjährigen Bühnenpartners, des Bandoneonvirtuosen Jean Pacalet, endgültig aus dem Musikzirkus zurückziehen. Ihre Musiker allerdings waren da völlig anderer Meinung. Nach langem Drängen gab sie schließlich nach und wagte einen Neuanfang, der in ein fulminantes Comeback auf der Bühne und in eine wirklich außergewöhnliche Liveproduktion mündete. Der Titel Zwischenspiel lässt sogar die Vermutung zu, dass es nach mehr als vierzig Bühnenjahren und zwanzig Albumeinspielungen nun erst richtig losgehen könnte. Barbara Thalheim ist ganz offensichtlich eine in vielerlei Beziehung gereifte Künstlerpersönlichkeit, die nach etlichen Höhen und
 BARBARA THALHEIM
Tiefen, Irrwegen und Schicksalsschlägen, Verletzungen und Triumphen niemandem mehr etwas beweisen muss, auch sich selbst nicht. Kongenial unterstützt von einer entspannt groovenden Band, bestehend aus dem Gitarristen Rüdiger Krause, dem Percussionisten Topo Gioia und dem Keyboarder Bartek Mlejnek, haucht und flüstert, poltert und brüllt sie ihre grenzüberschreitenden Lieder und Chansons. Ihr Gesangsstil ist eher ein Sprechen und ein Erzählen, als ein herkömmlicher Melodiegesang. Ihre Botschaften kommen als Klartexte ohne Plattitüden, als Poesie ohne manierierte Verschnörkelungen daher. Sie singt und erzählt von Unrast und Selbsterkenntnis („Die Schwester der Liebe“), von bitter-süßer Sehnsucht („Der Rest der Nacht“, „Mein Ritter“), von der reinen Liebe („Die Liebe, die ich meine“), von westlichem Überfluss („Die Afrikanerin“) und von historischen Irritationen („Biografien“). Die angenehm unaufdringlichen, dadurch umso wirkungsvolleren Jazzklänge und -rhythmen der Band harmonieren vortrefflich mit den zuweilen schnoddrig und durchaus auch selbstironisch inszenierten und vorgetragenen Texten voller Tiefe und Intensität. Und dennoch schwebt über allem eine luftige Leichtigkeit. Da ist jemand bei sich selbst angekommen. Künstlerisch und menschlich.
Kai Engelke

 DIVERSE: The Full English
DIVERSE
The Full English
www.fayhield.com
www.topicrecords.co.uk
(Topic Records TSCD823)
12 Tracks, 47:04, mit engl. Infos u. Texten



Ein klingendes Beispiel, ein perfektes Abbild der positiven Stimmung, die in der englischen Folkszene ebenso wie in der English Folk Dance and Song Society (EFDSS) momentan herrscht, ist The Full English. Anlässlich der Freischaltung ihres Onlinearchivs – siehe Artikel in diesem Heft auf Seite 28 – beauftragte die EFDSS Sängerin Fay Hield, aus eben diesem Material eine Auswahl zu treffen und damit Neues zu schaffen. Hield holte eine ausgesprochen illustre, teils junge, teils erfahrene Kollegenschar in die Real World Studios: Seth Lakeman (Fiddle, Viola, Bouzouki), Martin Simpson (Gitarre), Nancy Kerr (Fiddle, Viola), Ben Nicolls (Kontrabass, Konzertina), Rob Harbron (Konzertina, Fiddle) und Sam Sweeney
 PROBEN ZU THE FULL ENGLISH * FOTO: ELLY LUCAS
(Fiddle, Cello, Nyckelharpa, Percussion), allesamt auch ausgesprochen kompetente Sänger. So setzt The Full English auch gleich zu Anfang mit einer kraftvollen A-capella-Version von „Awake, Awake“ das richtige Ausrufezeichen. Die Lieder und zwei Instrumentals sind traditionell, aber verändert und ergänzt, wie es mit derartigem Material schon immer geschah; ein Lied ist eine Komposition Nancy Kerrs. Schade ist, dass es sich hier, obwohl die Formation auch Konzerte gegeben hat, aller Wahrscheinlichkeit nach um ein einmaliges Projekt handeln dürfte – denn diese Künstlerkombination hat enormes kreatives Potenzial. Da trafen sich sieben Personen, denen die traditionelle englische Musik am Herzen liegt und die sich bei aller Liebe zu den Wurzeln weder musikalische, noch nationale Scheuklappen anlegen. Das manifestiert sich weniger in Einflüssen aus anderen Ländern oder stilistischen Variationen, obwohl auch solche zu hören sind. Vielmehr ist es so, dass die Arrangements und die Präsentation der meisten Lieder nicht nur voll mitreißender Energie stecken, sondern durchweg zu jubilieren, ja, zu triumphieren scheinen. Selbst bei einem ruhigen, reflektiven Song wie „Portrait Of My Wife“ – alles natürlich immer mit einem traditionell empfundenen Grundton. Ein überaus optimistisches Album!
Mike Kamp



Bücher
 FRÉDÉRIC SOLTAN (Fotogr.), DOMINIQUE RABOTTEAU: Whispering Walls / Photography – Frédéric Soltan ; Text – Dominique Rabotteau.
FRÉDÉRIC SOLTAN (Fotogr.), DOMINIQUE RABOTTEAU
Whispering Walls / Photography – Frédéric Soltan ; Text – Dominique Rabotteau.
www.earbooks.net
(– Hamburg : Edel Germany GmbH, 2013. – 217 S. : überw. Fotos mit erl. Texte)
ISBN 978-3-943573-04-6, 39,95 Euro


Murals, Graffitis, Stencils, dazu Klezmer, kubanischer Son oder A-capella aus Simbabwe: Der Bildband Whispering Walls ist ein sogenanntes „Earbook“, er lässt uns audiovisuell in die Welt der Wandbilder eintauchen, einem Teil der Street Art. Beim Blättern in dem schweren Wälzer kann man Musik von drei CDs hören, inhaltlich auf die Themen der circa fünfhundert Fotos abgestimmt, sortiert in Ländergruppen. Traditionelle und moderne Folklore halten das Audioerlebnis lebendig und funktionieren auch für sich. Dafür verantwortlich ist der um ein Musiklabel erweiterte Reiseführerverlag Rough Guides. Als Bestandteil der Street Art, dieser klassenlosen, globalen Kunstform der Moderne, sind große Wandbilder weltweit zu sehen. Das französische Fotografenduo war jahrzehntelang in um die zwanzig Ländern zwischen Irland und Mexiko unterwegs, um unterschiedlichste Werke zu dokumentieren und in Themen einzuteilen: „Kämpfer“, „Frauen“, „Gewalt“, „Glauben“, „Soziale Kämpfe“ und „Zukunft“. Bemalte, beschriebene Wände sind eine wirksame Art, sich mitzuteilen, wo es sonst nicht erlaubt ist oder nicht jeder lesen kann. Stilistisch ist die Bandbreite groß: Simple Farbflächen (Kuba) oder eher naive Darstellungen wie die liegende Naturgöttin Pachamama (Chile) wirken genauso intensiv wie die realistisch dargestellten Hände (Philadelphia) oder raffinierte Schablonentechniken zur Hyperurbanisierung aus Polen. Oft sieht man Anlehnungen an Picassos Figuren aus „Guernica“, die symbolisch von Krieg und Gewalt sprechen. Englischsprachige Zitate von Weisen, Philosophen oder Politikern ergänzen das Werk.
Imke Staats
 ROSEMARIE TÜPKER: Musik im Märchen.
ROSEMARIE TÜPKER
Musik im Märchen.
www.reichert-verlag.de
(– Wiesbaden : Reichert, 2011. – 312 S. : mit Abb.)
ISBN 978-3-89500-839-9, 39,80 Euro


Die Autorin befragt in ihrer Publikation über drei Kapitel das Verhältnis von Musik und Märchen und bezieht sich dabei vor allem auf das europäische Volksmärchen und das Musikerleben des historisch „einfachen Volkes“. Sie breitet zunächst den Forschungsstand der allgemeinen Märchenforschung und verwandter Wissenschaftsdisziplinen aus, versucht eine Einordnung musikalischer Elemente und beschäftigt sich dann im zweiten Kapitel über nahezu ein Drittel des gesamten Buches mit tiefenpsychologischen Analysen einiger weniger Texte. Die Beziehung von Musik und Märchen scheint in diesem Teil weniger in ihrer aktuellen Vitalität als praxisorientiertes Kommunikationspotenzial befragt zu werden, sondern vielmehr als eventuell therapeutisch relevantes Material. Anthropologische Blickwinkel, das Vergnügen am absichtslosen Spiel – auch mit Musik- und Märchenelementen – oder die fundamentalen Ergebnisse der modernen Hirnforschung bleiben völlig außer Acht. Das dritte Kapitel bietet eine sehr sorgsame Auflistung und Erläuterung verschiedener Instrumententypen, Formen von Gesang und Tanz in ihrer oft verschlüsselten oder vereinfachten Benennung in den tradierten Texten der verschiedenen Kulturen – Ansätze einer Semiotik musikalischer Elemente im Märchen, auch wenn die Autorin den Begriff nicht verwendet. Das umfangreiche Glossar mit Literaturliste und Quellenverzeichnis könnte ein wertvoller Fundus für die vielen Praktiker sein, die Musik und Märchen heute wieder aktiv und höchst lebendig im Vortrag verbinden, was bislang aber nur als Fußnote in diesem Buch auftaucht.
Cathrin Alisch

 JOHN MUNRO: The Emigrant and the Exile.
JOHN MUNRO
The Emigrant and the Exile.
www.rosedogbookstore.com
(– Pittsburgh, PA : Rosedog Books, 2010. – VIII, 171 S. : mit Abb. )
ISBN 978-1-4349-8346-6, 20,00 US-Dollar


Eine seltene Kategorie ist das: Auto- und Biografie! Wie das? Der Gefühlsmensch Munro schreibt über sich und vor allem über seinen musikalischen Duopartner Eric Bogle, der wiederum ein richtiger Grantler ist, aber auch der Verfasser von antimilitaristischen Welthits der Folkszene wie „And the Band Played Waltzing Mathilda“ oder „Green Fields Of France“. Beide verbrachten ihre Jugend in Schottland, beide emigrierten unabhängig voneinander nach Australien. Wechselweise erzählt Munro seine Geschichte und die des Kollegen, wobei die frühen Jahre den Schwerpunkt bilden. Erst ab Seite 124 geht es so richtig mit der Musik los, aber auch da gilt: Das ist keine hohe Literatur, da hat sich jemand hingesetzt, um ein paar lustige und weniger lustige Erinnerungen zu fixieren. Seine eigene Geschichte ist natürlich authentisch, wenn Munro aber von Bogle erzählt – nach all den Jahren schwingt immer noch eine große Bewunderung mit – und Bogle häufig wörtlich zitiert wird, dann ist vieles eben doch Munros Interpretation der Dinge. Diverse Liedtexte sind ebenfalls abgedruckt. Einige durchaus interessante Sachverhalte finden nicht statt, so Bogles erste LP auf dem deutschen Autogram-Label, die er wegen des simplen Mitschnitts überhaupt nicht mochte, die aber dennoch für geraume Zeit seine künstlerische Visitenkarte war. Vielleicht will Bogle einfach nicht mehr darüber sprechen. Munro klingt ehrlich, will nichts verschweigen und auch niemanden kompromittieren, aber es wird durchaus klar, wer von beiden der Emigrant und wer der Exilant ist. Fazit: Eingedenk der Tatsache, dass Bogle nicht der Typ für eine Autobiografie zu sein scheint, wird dieses Buch das wahrscheinlich einzige sein, was mit einiger Kenntnis unter anderem über sein Leben berichtet. Das sollte zumindest für seine Fans als ausreichendes Kaufargument gelten.
Mike Kamp
 JOSÉ MUñOZ, CARLOS SAMPAYO: Carlos Gardel – Die Stimme Argentiniens / Aus d. argent. Span. von Rike Bolte.
JOSÉ MUñOZ, CARLOS SAMPAYO
Carlos Gardel – Die Stimme Argentiniens / Aus d. argent. Span. von Rike Bolte.
www.reprodukt.com
(– Berlin : Reprodukt, 2013. – 124 S.)
ISBN 978-943143-08-9, 20,00 Euro


Carlos Gardel, der legendäre argentinische Tangosänger, Stückeschreiber, Bedeutungsstifter des Tangoliedes Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, grenzüberschreitender Nationalheld, dessen Stimme seit 2003 dem Weltkulturerbe angehört, wird hier, erstmalig, im Medium Graphic Novel gewürdigt. Die Autoren erheben in ihrem Werk keinen Anspruch darauf, eine (weitere) Biografie des mysteriösen Gardel zu konstruieren. Unklarheiten, deren es viele gibt in seinem Lebenslauf, nähren den Mythos: Kam er in Frankreich oder Argentinien zur Welt? Wann genau? Starb er wirklich 1935 bei einem Flugzeugabsturz in Kolumbien? Bestimmten Fragen ist man auf der Spur, seinem Verhältnis zu Frauen etwa; wahrscheinlich bedeutsame Begegnungen werden illustrativ zum Leben erweckt. Erzählerisch eingebettet sind diese Momente in eine Rahmenhandlung: Eine TV-Show, bei der ein Gardel-Experte und ein Soziologe über die Relevanz Gardels für das „argentinische Wesen“ diskutieren. Aus den Statements dieser beiden plus den Kommentaren und Erinnerungen eines Zuschauers und Gardel-Zeitgenossen ergeben sich die Sequenzen und Rückblicke in das damalige Leben in der Metropole Buenos Aires. Gardel war in seinen Liedern ein Chronist des Stadtlebens. Er besang soziale Aspekte der Hafenmetropole: das Nachtleben in Glanz und Elend, Alltag und Kriminalität, die Misere in den Mietskasernen … Lebensgefühl und Stimmungen setzt der Zeichner José Muñoz in harten Schwarz-weiß-Bildern um, teils mit dem fast trockenen Pinselstrich und klaren Tuschelinien. Oft sind Gesichter mit minimalistischem Farbauftrag ausdrucksvoll umgesetzt, ein Spiel aus Licht und Schatten. In den lebendigen, rhythmischen Pinselstrukturen kann man eine Analogie zum Takt und Fließen der Musik ziehen. Das Autorenteam Carlos Sampayo und José Muñoz sind das berühmteste argentinische Comicduo, welches nach der erfolgreichen Krimiserie Alack Sinner in den Achtzigerjahren bereits eine Musikerbiografie hinlegte, nämlich die von Billie Holiday. Texter Sampayo ist zudem Autor von Romanen und Musikkritiken. Beide sind in ihren Siebzigern und stammen aus Buenos Aires.
Imke Staats

 JOHN NEIL MUNRO: Some People are Crazy – The John Martyn Story / Foreword by Ian Rankin.
JOHN NEIL MUNRO
Some People are Crazy – The John Martyn Story / Foreword by Ian Rankin.
www.polygonbooks.co.uk
(– Edinburgh : Polygon, 2010. – VIII, 263 S. : mit Fotos)
ISBN 987-1-84697-165-5, 8,99 engl. Pfund


Künstler sind auch nur Menschen. Manche schreiben grandiose Lieder, geben mitreißende Konzerte und sind jenseits der Bühne völlig andere Typen. John Martyn, geboren als Iain David McGeachy, schottischer Singer/Songwriter und vor allem Gitarrist, war so einer. Er spielte einzigartige Alben wie Solid Air oder Grace And Danger ein, war aber zugleich ein Säufer und Drogenmensch sondergleichen, der trotz gefühlvoller Lieder zu Gewalt neigte, auch Frauen gegenüber. Selbstverständlich sah sich Martyn nie als Folkie, aber er begann in der Folkszene (Hamish Imlach war sein Mentor, auch er kein Kostverächter), und diese Schule hat er nie völlig verleugnen können. Er starb 2009 mit sechzig Jahren und wurde für viele Beobachter ob seines Lebenswandels trotzdem erstaunlich alt. Der Fan und Autor Munro verschweigt die negativen Seiten nicht, sein Buch ist ein ehrliches. Martyn selbst unterstützte ihn dabei, denn das Original erschien 2007 und wurde nach Martyns Tod für die zweite Auflage überarbeitet. Das Buch ist eine enorme Fleißarbeit, denn Munro lässt in erster Linie Martyns Zeitgenossen oder Kollegen wie Danny Thompson, Wizz Jones oder Ralph McTell sprechen und benutzt ausgiebig Zitate aus Zeitschriften und Fanzines. Auf fast jeder Seite des Buches sind Zitate zu finden. Munros Verdienst ist es, dass er sich mit Spekulationen zurückhält und seine Zwischentexte so intelligent schreibt, dass sich das Buch sehr flüssig und spannend lesen lässt. Hilfreich und beileibe nicht selbstverständlich sind auch die umfangreichen Anhänge bezüglich CDs, Konzerten, Literatur und schlussendlich ein Namensregister.
Mike Kamp



Kurze Onlinerezensionen
KRISTOFER ÅSTRÖM
An Introduction To
www.kristoferastrom.com
(Tapete Records TR274/Indigo)
19 Tracks, 78:48


Seit 15 Jahren veröffentlicht der Schwede als Solokünstler Songs zwischen Folk, Pop und Country, akustisch instrumentiert und erdig. Persönliche Geschichten, von Liebe, Trennung und diesen Dingen, in englischer Sprache. Die Zusammenstellung – auch als Doppelalbum mit 35 Tracks erhältlich – gibt einen lohnenden Überblick über sein bisheriges Tun.

JULIEN CARTONNET
Musique Traditionelle Du Nivernais Morvan
www.myspace.com/juliencartonnet
www.nassler.com
www.liaisong.com
(AEPEM 13/02)
13 Titel, 40:04


Repertoiresammlung für Dudelsackfans, meist solo auf französischen Cornemuses du Centre, 16 und 26 Pouces („Daumen“), gespielt und nur gelegentlich mit Banjo unterlegt, beides leider nicht immer sauber ausgeführt. Für den einen eine willkommene Anregung, für Hörer, die nicht gerade Dudelsackfans sind, aber vermutlich eher strapaziös.


DIVERSE
Putumayo Presents Latin Lounge
www.putumayo.com
(Putumayo PUT 339-2/Exil Musik/Indigo)
10 Tracks, 37:03


Es muss wohl der Erfolg der Lounge-Reihe des New Yorker Labels sein, weswegen die 2005 erstmals erschienene Latin Lounge nun wieder veröffentlicht wird – minimal aufgefrischt, aber mit zwei Songs weniger als vor acht Jahren. Fans gepflegten, kosmopolitischen Chillens können sich zu beiden Ausgaben gleichermaßen sorglos auf die faule Haut legen ...

TIM HART
Music And Song From Scotland
www.cherryred.co.uk
(Cherry Tree Records CRTREE0012/Cherry Red Records/H’Art)
10 Tracks, 41:53, Wiederveröffentlichung, 1979


Nach seinem Ausstieg bei Steeleye Span 1979 veröffentlichte der 2009 verstorbene Tim Hart teils mit Hilfe seiner ehemaligen Kollegen dieses Soloalbum. Leider klingt das Ding durchgängig wie eine verunglückte, synthesizerdominierte Discoversion von – ja was eigentlich? Jedenfalls nichts Richtung Folk. Noch immer genau so enttäuschend wie damals.


HOUSE JUMPERS
Sure Footed Baby
www.reverbnation.com/HouseJumpersBand
(House Rent Records HRR 786/EsDeca Media)
13 Tracks, 45:02


Jump-Blues, die Up-tempo-Variante des Blues, war die angesagte Tanzmusik der Vierziger bis Sechziger. Die Grenzen zum Rockabilly sind fließend und der Einfluß auf den Rock ’n’ Roll ist unüberhörbar. Die House Jumpers aus Lawrence, Kansas bringen diese lebensfrohe Musik auf authentische und virtuose Weise über das Ohr in die Füße – also los geht’s.

SOFIA JANNOK
Áhpi – Wide As Oceans
www.sofiajannok.com
(Songs to Arvas STACD001/Broken Silence)
14 Tracks, 43:47


Die samische Sängerin hält sich auf ihrem dritten Album bewusst poppig, wenn auch – wie man es von den Schweden durchaus gewöhnt ist – leicht abseits des Mainstream. Liebhaber des nordischen Folk sollten vor dem Kauf lieber probehören, für Anhänger von Ane Bruns, Kate Bush oder Björk ist Sofia Jannok dagegen vermutlich noch traditionell genug.


SEBASTIAN STURM & EXILE AIRLINE
A Grand Day Out
www.sebastian-sturm.de
(Rootdown Records RDM13083-2/Soulfood)
Promo-CD, 13 Tracks, 50:19


Obwohl – typisch für deutschen Reggae – eigentlich zu sauber und kühl produziert, groovt A Grand Day Out doch weitgehend gut. Dem 33-jährigen Aachener mangelt es trotz aller Mimesis aber an stimmlicher Autorität, je rootsiger, desto mehr. Sein eigener Beweis: „I’m Your Man“, das eigenartig Richtung Soul und Pop schielt – und allerbestens funktioniert!

GENEVIEVE TOUPIN
The Ocean Pictures Project
www.genevievetoupin.com
(Disques Nomades Inc./Broken Silence)
11 Tracks, 32:32


Die junge Kanadierin zielt nach ihrem erfolgreichen französischsprachigen Debüt von 2009 mit dem englischen Nachfolger nun offenbar auf die internationalen Märkte. Das könnte auch stilistisch klappen: Erwachsener, wenn nicht gar schon etwas gediegener Singer/Songwriter-Pop, mid-tempo, wohltemperiert, ansprechend komponiert und getextet – Chapeau!


VICTORY VALLEY
Suitcase
www.victory-valley.de
(Record Jet 4050215058279/New Music Distribution)
13 Tracks, 49:29


Das Quartett aus Eitorf, Raum Köln-Bonn, legt fünf Jahre nach der Gründung sein Debütalbum vor: leichtgewichtig sanfte Popmusik zwischen den üblichen Mainstreamsoftrock-Standards und – wohl vor allem der akustischen Klampfen wegen – Spurenelementen von Folk. Etwas sehr handzahm für das noch ziemlich jugendliche Alter der Musiker – kein Zorn auf nix?




Lange Onlinerezensionen
 DIVERSE: Over There! Sounds And Images Of Black Europe
DIVERSE
Over There! Sounds And Images Of Black Europe
www.bear-family.de
(Bear Family Records BCD 16020 CP)
3 CDs, 76 Tracks, 213:57, mit 87-seitigem Booklet mit engl. Infos


Richard Weize und Bear Family haben einmal mehr eimerweise musikalische Perlen in den Archiven gefunden. Unter dem Titel Black Europe liegt nun ein Boxset mit mehr als tausend Tonaufnahmen auf 44 CDs vor, die für den stolzen Preis von 499 Euro Musik von Menschen afrikanischer Abstammung in Europa dokumentieren. Ausgangsmaterial waren Phonographenwalzen, Grammofonplatten, Fotografien sowie Stumm- und Tonfilme vom Ende des neunzehnten Jahrhunderts bis in die späten 1920er-Jahre. Over There!, der musikalische Appetitanreger für dieses Mammutprojekt, stellt auf drei CDs vier der Künstler von Black Europe vor. Pete Hampton & Laura Bowman sind mit Aufnahmen aus den Jahren 1903 bis 1910 vertreten; sie waren mit ihren „Negerliedern“ in ganz Europa erfolgreich. Das Savoy Quartet war eine der besten Ragtimebands zwischen 1916 und 1920. Mit Josiah Ransome Kuti wird eine Brücke zur heutigen Weltmusikszene geschlagen – war er doch der Großvater des Vaters des Afrobeat, Fela Kuti. Und schließlich gibt es noch frühe Aufnahmen von Josephine Baker von 1926, dem Jahr ihrer Ankunft als Tänzerin in Paris. Das umfangreiche Booklet enthält Künstlerbiografien, Diskografien und zahlreiche Bilder.
Michael Kleff
 LILY & MADELEINE: Lily & Madeleine
LILY & MADELEINE
Lily & Madeleine
www.lilandmad.com
(Asthmatic Kitty Records AKR118/Soulfood)
Promo-CD, 12 Tracks, 42:36


Wieder ein Schwesternpaar, das Furore machen kann. Erst achtzehn und zwanzig Jahre jung, paaren Lily und Madeleine Jurkiewicz ähnlich wie etwa First Aid Kit aus Schweden famosen zweistimmigen Gesang mit dieser Mischung aus Naivität und Teenagerselbstverständlichkeit, die jeden jenseits der dreißig wehmütig machen muss. Das Duo aus Indianapolis vertraut auf seinem ersten vollständigen Album hauptsächlich seinen Stimmen, und das mit Recht. Sparsam begleitet von Gitarren und Streichern loten die Stücke die Grenzen zwischen Folk, Americana und Indiepop aus. Die Stücke sind allesamt von getragenem Tempo, mit einem Klecks Pathos der sich gut einmischt wenn sich die Arrangements kurz verdichten, um dann wieder ins Durchscheinende zu entschwinden. Die Produktion ist selbstredend auf dem neuesten Stand. Der Mythos von der Unschuld vom Lande, die aus Versehen über Youtube berühmt wird, wird auch hier wieder – doppelt – bemüht. Wenn man sich etwas umtut, bemerkt man schnell, dass das vom Marketing auch gewollt ist und bestens funktioniert. In diesem Falle ist das auch sehr erfreulich – wer weiß, wie schwer vor fünfzehn Jahren an dieses Album zu kommen gewesen wäre. Bezaubernd.
Dirk Trageser

 THE REAL MOTHERFOLKERS: Mooreland Tunes
THE REAL MOTHERFOLKERS
Mooreland Tunes
www.motherfolkers.de
(Eigenverlag)
15 Tracks, 62:17, mit engl. Texten u. Infos


Irish Folk aus Deutschland kommt schwer an gegen den Ruf des Epigonenhaften und der deftig-gemütlichen Sauflieder. Es gibt aber natürlich Bands, die diesem Klischee widersprechen, erstklassige Musik produzieren und es mit den Besten der internationalen Celtic-, Trad- und Folkszene aufnehmen können. The Real Motherfolkers aus Erding und Allershausen gehören noch nicht dazu. Es macht bestimmt Spaß, das Trio Sebastian Freyer, Nicolas Steinegger und Gerhard Hieber mit Bodhrán, Banjo, Mandoline, Gitarre, Bouzuki, Fiddle, Whistles, Akkordeon und Gesang live zu erleben, aber der Genuss beim Hören alter, bekannter und beliebter irischer und schottischer Songs und Tunes von Tonkonserve wird in dieser Form doch durch einiges getrübt: Nicht jeder Ton und Takt trifft, wo er soll, die Reels und Polkas werden Tänzer eher ins Stolpern bringen, und beim Chorgesang sind sich die drei nicht immer einig, wann man mit dem Singen anfangen soll. Gastsängerin Katharina Baron reißt es bei „Red Is The Rose“ leider auch nicht raus. Nun ja, die Band besteht erst seit 2009, Mooreland Tunes ist erst ihr zweites Album, man darf die Hoffnung nicht aufgeben. Das Banjo klingt bereits wirklich gut!
Michael A. Schmiedel
 THOMAS SCHEYTT: Blues Colours
THOMAS SCHEYTT
Blues Colours
www.thomas-scheytt.de
(Stormy Monday Records MO81362/Mäule & Gosch)
13 Tracks, 42:36, mit dt. Infos


Der in Freiburg lebende Pianist Thomas Scheytt ist seit zwanzig Jahren im Oldtime Blues and Boogie Duo mit Ignaz Netzer verbunden. Jetzt hat der Zauberer an den schwarz-weißen Tasten mit Blues Colours sein drittes Soloalbum eingespielt – originell, ehrlich und ohne Schnörkel. Sein Spiel ist souverän und gefühlvoll, auch die Eigenkompositionen wie „Morning Dance“ und „Summer Night“ überzeugen. Dabei entfaltet Scheytt sein ganzes Repertoire an Stimmungen zwischen Melancholie und Lebensfreude. Bei vier Titeln sind Gastmusiker dabei: Hiram Mutschler, Schlagzeug, Enzo Randazzo, Waschbrett, und Ingo Rau, Bass. Zur gelungenem Produktion eines gereiften Musikers trägt auch das äußerlich schöne Digipack bei.
Annie Sziegoleit

Afrika
 MAMAR KASSEY: Taboussizé – Niger
MAMAR KASSEY
Taboussizé – Niger
www.myspace.com/mamarkassey
(Innacor Records INNA 21316/Broken Silence)
10 Tracks, 52:07, m. franz. u. engl. Infos


Musik aus dem Sahelland Niger gilt als rar, vor allem im Vergleich zum westlichen Nachbarn Mali. Große Hoffnungen hatten die 1995 von dem charismatischen Sänger und Flötisten Yacouba Moumouni gegründeten Mamar Kassey 1999 und 2001 mit zwei Alben geweckt. Danach blieb es still um das Ensemble, das seinen Namen einem legendären Krieger des Songhai-Volkes entlehnte. Das dritte offizielle Album sollte nun den Geheimtippstatus endlich abschütteln helfen, denn das Sextett überzeugt auf Taboussizé – Niger mit einem durchweg dynamischen Stilmix, der einerseits die unterschiedlichen Musikkulturen einheimischer Ethnien aufgreift und sie würdigt, diese andererseits aber auch mit Elementen etwa klassischer Rockmusik anreichert. So werden bisweilen die eher traditionell anmutenden Arrangements urplötzlich – so in „Karma“ – durch ein rasantes E-Gitarrensolo aufgebrochen. Zum Einsatz kommen regionaltypische Saiteninstrumente, eindrucksvolle Gesangsakzente setzen die Gäste Fati Mariko und Safiath. Etliche Liedtexte preisen Land und – ausgewählte – Leute, so den ehemaligen Staatspräsidenten Seyni Kountché! Das Titelstück ist den „Exodants“ gewidment – Arbeitsmigranten, die ihre Heimat verlassen müssen.
Roland Schmitt



Besondere
 MUERDO: Tocando Tierra
MUERDO
Tocando Tierra
www.muerdomusica.blogspot.de
(Kasba Music KM02113/Galileo MC)
Promo-CD, 10 Tracks, 38:22



Muerdo, mit bürgerlichem Namen Paskual Kantero, bedeutet auf Deutsch „ich beiße“. „Ein Biss ist für mich etwas Lebendiges, Einschneidendes, Mutiges. Man beißt in etwas, um danach zu kauen, zu genießen, zu verdauen … und zu singen!“ Rastalocken, Anarcho-Outfit, Flamencogitarre – wirft da einer mit seiner Musik Steine gegen die Mächtigen? Nein! In „Un Nuevo Mundo“ singt er: „Möchtest du etwas verändern? Ändere dich! Dein Hass und dein Kampf ohne Liebe haben hier so wenig Platz wie deine Erinnerung an die Tränen und den Klang ohne Geschmack … “. Muerdos Worte sind ein Biss ins Fleisch revolutionärer Bewegungen und von Straßenkämpfern, die mit Gewalt die Macht der Herrschenden brechen wollen. Wenn er singt
 MUERDO
„Ich möchte da lang gehen, wo es noch keinen Weg gibt.“ oder „Wer in Hast lebt, lebt nicht wirklich.“ zeigt er auch ihnen die Zähne. Tatwaffen sind seine Gitarre, eine Stimme, die einen sofort in ihren Bann zieht, und Lieder voller Kraft und Poesie. Schnell wurden etablierte Cantautores auf den Mann aus Murcia aufmerksam. Mit 22 Jahren veröffentlichte er Flores En El Asfalto, sein erstes, von Luís Eduardo Aute produziertes Album. Jetzt, zwei Jahre später, finanzierte er sich mit Mikrospenden Tocando Tierra. Produziert wurde das Werk von Amparo Sánchez, Ex-Amparanoia, die ihn auf „Ha Llovido“ auch als Duettpartnerin begleitet. Das Album atmet die Luft ihres mit Calexico entstandenen Albums Tucson-Habana. „Entre La Habana Y Madrid“ heißt folgerichtig ein Lied auf Tocando Tierra. Mit Slidegitarren, Handpercussion, Kontrabass, Posaune, Akkordeon und Latinpiano pluckern sich die Musiker langsam durch alle Arten kubanischer, lateinamerikanischer und spanischer Rhythmen. Für gesangliche Abwechslung sorgen Pedro Guerra, Lichis von der Gruppe La Cabra Mecánica und die Argentinierin Dolores Aguirre von Perotá Chingó. Herrlich der schleppende, von der Slidegitarre dominierte Abschluss mit dem Stück „Los Ejes De Mi Carreta“ von Atahualpa Yupanqui, zu dessen Erzählstimme Muerdo das Lied singt.
Martin Steiner



Bücher
 SHEILA STEWART: A Traveller’s Life : the autobiography of Sheila Stewart / Foreword by Jess Smith.
SHEILA STEWART
A Traveller’s Life : the autobiography of Sheila Stewart / Foreword by Jess Smith.
www.birlinn.co.uk
(– Edinburgh : Birlinn, 2011. – XI, 228 S. : mit s/w-Fotos)
ISBN 978-1-84158-979-4, 9,99 brit. Pfund


Traveller-Literatur hat im Birlinn-Verlag seit langem einen festen Platz. Diese Autobiografie ist Sheila Stewarts drittes Buch. Es begann mit der Biografie ihrer Mutter, der Matriarchin der berühmten Stewarts of Blair. Das zweite war eine Sammlung von Geschichten, die sich das fahrende Volk in Schottland am Lagerfeuer erzählte. Und jetzt steht ihr eigenes langes Leben im Zentrum. Das geschieht nicht in Form von gehobener Literatur oder kunstvollem Schreiben. Anekdoten und Ereignisse stehen schlicht chronologisch sortiert neben reichlich Traveller-Folklore; also Geschichten und Liedtexten. Philosophiert und analysiert wird selten, eher immer wieder mal der traurige Schluss gezogen, dass die Traveller oder Tinker damals extrem diskriminiert wurden, heute vielleicht weniger, aber leider immer noch. Sheila Stewart schildert einfach und eindringlich ein bereits ziemlich sesshaftes Leben. Das war für sie als einer Art Botschafterin der Traveller-Kultur dennoch ausgesprochen abwechslungsreich. Manche Dinge hätte man vielleicht gerne genauer gewusst, zum Beispiel warum sie sich bei ihrem Lied für den Papst vor 385.000 Menschen für Ewan MacColls (politisch intendiertes und unzweifelhaft packendes) „Go, Move, Shift“ entschied und nicht für eine traditionelle Ballade. Dennoch, der Einblick in ihr oft nicht leichtes Leben und die Kultur ihrer Mit-Traveller ist eindringlich und gut lesbar. Mit anderen Worten: ein empfehlenswertes Buch.
Mike Kamp
 ULRICH JOOSTEN: Der Weg des Spielmanns.
ULRICH JOOSTEN
Der Weg des Spielmanns.
www.der-weg-des-spielmanns.de
(– Moers : Ludwig, 2014. – 493 S.)
ISBN 978-3-935943-09-3, 14,90 EUR


Der Weg des Spielmanns ist ein opulenter Mittelalterroman voller Spannung, Witz und Abenteuerlust; angereichert mit einer Fülle an historischen Informationen, musikgeschichtlichen Details und fantastischen Gedankenkonstrukten. Die klare Sprache des Autors, seine geschilderten Charaktere, die sorgfältig dargebotenen Umstände der zügig voranschreitenden Handlung – all das macht den Weg des Spielmanns zu einer vergnüglichen Lektüre sowohl für Jugendliche als auch für Erwachsene. Kenner der Folkszene werden darüber hinaus mit einem Schmunzeln die vielen Anspielungen auf real existierende Musikanten zur Kenntnis nehmen: ein Zimmermann mit Namen Robert beherrscht zwar nur drei Akkorde und singt mit einer Stimme, die „wie ein rostiger Hufnagel“ klingt, doch kann er weitaus größere Erfolge feiern, als der scheue Hellmuth vom Weserstrand oder gar der Niederrheiner und „fiese Möp“ Günter vom Ossenberg. Zwei treue Kutschponys, die einen Spielmannswagen fast durch den gesamten Roman ziehen, tragen die ehrwürdigen Namen Hein und Oss. Nein, gemeint sind natürlich nicht die beiden „modernen“ fahrenden Sänger aus der Pfalz! Die beiden Pferdchen sind benannt nach Heinrich dem Löwen und dem berühmten Troubadour Ossian. Mit Erzählfreude und fundiertem Detailwissen schildert Ulrich Joosten die ereignisreichen Jugend-, Lehr- und Wanderjahre des Grafensprösslings Lorenz von Rabenhorst, der unter gar keinen Umständen ein edler Ritter, sondern viel lieber ein fahrender Spielmann, ein Vagant, ein Minnesänger werden möchte. Der Leser leidet mit dem jungen Grafen, der die brutale Schule als Knappe absolvieren soll; freut sich über die gelungene Flucht in die verheißungsvolle Freiheit gemeinsam mit der geheimnisvollen Kamaria Malaika aus Mauretanien; verfolgt staunend die Begegnungen mit Waldgeistern, Wassermenschen, Nymphen und Faunen; bangt, hofft und zittert mit Lorenz und Kamaria, die in Lebensgefahr geraten; ist erleichtert, als Lorenz seine Lehrmeister findet, die ihn in der Kunst des Drehleierspiels sowie in der Kunst des Verseschmiedens unterweisen. Mit jeder Buchseite wird der Leser tiefer in die Geschichte hineingezogen. Die furiose Handlung scheint beim großen Sängerwettstreit auf der Burg Eltz ihren Höhepunkt zu finden, doch … nein, es sei nicht zu viel verraten.
Gibt es denn überhaupt nichts Kritisches zu bemerken? Nun ja, wenn es um historische Detailschilderungen geht (Geschichte von Koblenz oder Köln, Instrumentenbau, Entstehung der Notenschrift, Spielanleitungen ...), dann wirkt die Sprache zuweilen etwas hölzern. Aber das war’s auch schon. Wen fahrende Musikanten im Mittelalter interessieren und wer darüber hinaus Spaß an jeder Menge musikalischer Bezüge zur Jetztzeit hat, der wird diesen elegant geschriebenen Roman mit Freude und Gewinn lesen.
Kai Engelke

 SEBASTIAN HANKE: Die schönsten Kinderlieder für jeden Gitarristen : d. 66 beliebtesten Songs für Kinder und Eltern ; erfolgr. Lernen u. Fördern mit Spaß am Gitarr
 SEBASTIAN HANKE: Die schönsten Traditionals für jeden Gitarristen : Volkslieder, Balladen, Spirituals, Blues, Shantys u. v. m.
SEBASTIAN HANKE
Die schönsten Kinderlieder für jeden Gitarristen : d. 66 beliebtesten Songs für Kinder und Eltern ; erfolgr. Lernen u. Fördern mit Spaß am Gitarr
www.editionhanke.com
(– Potsdam : Ed. Hanke, 2013. - 67 S. : überw. Noten + Texte mit Akk.)
ISBN 978-3-9814820-4-1, 14,95 EUR


SEBASTIAN HANKE
Die schönsten Traditionals für jeden Gitarristen : Volkslieder, Balladen, Spirituals, Blues, Shantys u. v. m.

(– Potsdam : Ed. Hanke, 2013. – 68 S. : überw. Noten + Texte mit Akk.)
ISBN 978-3-9814820-2-7, 12,95 EUR


Liedersammlungen für Kinder und Erwachsene veröffentlicht der Potsdamer Gitarrist Sebastian Hanke in eigener Edition. Alle Kompilationen richten sich an Anfänger und haben einen ähnlichen didaktischen Aufbau. Liedbegleitung mit einfachen Basstönen, Melodiespiel in verschiedenen Lagen, Akkordspiel, mehrstimmig arrangierte Stücke und Lieder in Bearbeitungen für vierstimmige Ensembles. Alles eher für akustische Instrumente geeignet, auch wenn Hanke die Option E-Gitarre mit einbezieht. Manche der mehrstimmigen Stücke sind neben der klassischen Notation auch mit Tabulaturen versehen. Das Liedmaterial besteht ausschließlich aus wohlbekannten Songs aller Herren Länder. Einen zusätzlichen, kostenlosen Service hält Hanke im Netz bereit. Zu allen Liedern gibt es MP3s als Playalongs, die auf www.sebastianhanke.com heruntergeladen werden können. Zum Zeitpunkt der Besprechung fehlten die MP3s der Kinderliederausgabe noch. Die Notenausgaben sind im klassischen Gitarrenunterricht ebenso einsetzbar wie im eher begleitorientierten Kontext.
Rolf Beydemüller
 AXEL GENANNT: Ascolta! : Folklore für variables Instrumentalensemble ; Lesepartitur ; Spielmaterial auf CD-ROM.
AXEL GENANNT
Ascolta! : Folklore für variables Instrumentalensemble ; Lesepartitur ; Spielmaterial auf CD-ROM.
www.breitkopf.com
(– Wiesbaden : Breitkopf & Härtel, 2012. – 44 S. : überw. Noten + CD-ROM. )
ISMN 979-0-004-50313-3, 26,- EUR


Ascolta heißt das Ensemble des Autors und zu Deutsch „Hör zu!“. Zuhören ist für Genannt ein wichtiges Mittel für musikalisch-improvisatorische Fähigkeiten, und so hat er die hier enthaltenen vierzehn Folklorestücke arrangiert, mit seinem Ensemble der Musikschule Bad Vilbel einstudiert und bei diversen Anlässen aufgeführt. Das Material stammen aus Europa, Lateinamerika und der Klezmermusik. Die Lesepartitur enthält neben den Noten auch kurze Hinweise zu den Stücken sowie zur Spielweise auf Percussioninstrumenten und fordert explizit zur Variation der Melodien und Instrumentierung auf. Auf der beiliegenden CD sind die einzelnen Instrumentalstimmen in C, in B und in Gitarrenversion enthalten. Insgesamt ein pädagogisch sehr durchdachtes Werk, und da das gesamte Spielmaterial auf CD-ROM enthalten ist, auch sein Geld allemal wert.
Doris Joosten

 HEINZ HOX: Technical Basics – Techn. Übungen für Piano-Akkordeon (Standardbass) ; für Einsteiger u. Fortgeschrittene.
HEINZ HOX
Technical Basics – Techn. Übungen für Piano-Akkordeon (Standardbass) ; für Einsteiger u. Fortgeschrittene.
www.holzschuh-verlag.de
(– Manching : Holzschuh-Verl., o. J. – 46 S. : überw. Noten, mit Abb. – (V)
ISBN 978-3-86434-016-1 – ISMN: 979-0-2013-0861-6, 13,80 EUR


Noch einmal Noten, diesmal jedoch ganz speziell für das Fingertraining im Akkordeonspiel (gebrochene Akkorde, Fesselfinger, Akkordzerlegungen, Kadenzspiel u. a). Das Notenheft enthält 22 Übungen für die rechte und linke Hand beim Akkordeonspiel zum Erlangen oder Vervollständigen einer guten Spieltechnik. Es soll keine Akkordeonschule sein, sondern eine solche sinnvoll ergänzen. Zu allen Übungen, deren Erläuterungen und Noten im Heft sind, gibt es ergänzend ein Video, das leider nur über Youtube im Internet anzuschauen ist. Man ist also immer auf einen Rechner mit Internetzugang angewiesen. Eine beigefügte CD-ROM hätte mehr Flexibilität geschaffen. Insgesamt aber ein durch das Kombinationskonzept sinnvolles Werk.
Doris Joosten
 TIM KNIGHT: 4 Traditional song arrangements for mixed voice choir : Shenandoah, I Know where I am Going, Barabara Allen, On the Banks of Allan Water.
TIM KNIGHT
4 Traditional song arrangements for mixed voice choir : Shenandoah, I Know where I am Going, Barabara Allen, On the Banks of Allan Water.
www.spartanpress.co.uk
(– Laggan Bridge : Spartan Press, 2006. – 18 S. : nur Noten u. Texte. – (Ti)
ISMN 979-0-708106-50-0, 3,- brit. Pfund


Ein weiteres Werk von Tim Knight – vier bekannte und beliebte Chor-Traditionals, arrangiert für die vier Stimmlagen Sopran, Alt, Tenor und Bariton/Bass, größtenteils mit einer Solostimme, Chor und Pianobegleitung mit insgesamt circa elf Minuten Dauer.
Doris Joosten

 GUIDO PLÜSCHKE: Bodhrán-Tutorial mit Guido Plüschke – Hit the Goat! Zweistündiger Anfänger-Workshop für d. irische Rahmentrommel ; plus 3 Std. Feature u. Speci
GUIDO PLÜSCHKE
Bodhrán-Tutorial mit Guido Plüschke – Hit the Goat! Zweistündiger Anfänger-Workshop für d. irische Rahmentrommel ; plus 3 Std. Feature u. Speci
www.bodhran-world.de
www.steidl.de
(– o. O. : Liekedeler Musikproduktionen, 2013. – 300 min. : 2-DVDs, 16:9 + Bo)
ISBN 978-3-9815870-0-5


DVD eins enthält den Workshop, bei dem Anfängern die Grundtechnik des Bodhránspiels anhand der beiden wichtigsten Rhythmen irischer Musik, Jig und Reel, beigebracht werden. Hinzu kommen Verzierungen in Form von Triplets und Soundmodulation mit der hinteren Hand. Notenkenntnisse sind nicht erforderlich, die Schlagmuster werden in Tabulaturform erläutert. Übungen zum Mitspielen sind vorhanden, der Kurs endet mit kleinen Arrangementübungen. Komplettiert wird das Ganze durch eine weitere DVD, welche ein neunzigminütiges Feature über irische Musik sowie siebzehn Sets enthält, die Plüschke mit irischen Musikern im Rahmen einer Irlandreise eingespielt hat.
Doris Joosten



Deutschland
 AN RINN: 20
AN RINN
20
www.anrinn.de
(Eigenverlag)
20 Tracks, 77:03, mit dt. Infos


„We had it all, we had the best of times!“ Die fünf Irish Folker aus dem Osnabrücker Land haben es geschafft, ihre Band zwei Jahrzehnte am Leben zu halten und auch auf ihrem siebten Album frisch wie je zu klingen. Für dieses haben sie sich unter Zuhilfenahme von fünf Gastmusikern, darunter Colin Wilkie, mal eben verdoppelt und bieten zu zehnt satte, volle Bandarrangements, die das Zimmer wohltönend füllen. Irische, schottische und amerikanische Balladen rund um die Seefahrt, das Unterwegssein und die Arbeit, aus der Bandgeschichte ebenso wie neu im Repertoire, sind vor allem etwas für Freunde getragener und deftiger Lieder ohne Effekthascherei und Hörer mit Gehör für Feinheiten und Spielgenauigkeit. Exotisch wirkt da geradezu das nach einer Kantele klingende Hackbrett Martin Czechs im Intro zu „Road To Bangor“, das dem Rezensenten finnische Wälder vor den Augen erscheinen lässt, oder die portugiesische Melodie namens „La Bruxa“. Ansonsten aber dominieren die Songs, fast ausnahmslos aus Männerkehlen, wäre da nicht Anke Morhaus als Gastmusikerin bei zwei der Tracks. Ein solides und sehr schönes Folkalbum! Und wem das gefällt, der wird auch die Rambling Rovers mögen – siehe Kurzschluss.
Michael A. Schmiedel
 JAN CORNELIUS: Spöölwark
JAN CORNELIUS
Spöölwark
www.jan-cornelius.de
(Artychoke Artist Productions AP-0713-CD)
14 Tracks, 57:11, mit plattdt. Texten und Infos


Wenn einer seit vierzig Jahren auf der Bühne seht, seit fünfunddreißig Jahren Tonträger veröffentlicht und obendrein sein sechzigstes Lebensjahr vollendet – das ist schon ein Jubiläumsalbum wert. Es war dabei für Jan Cornelius ein Anliegen, die unterschiedlichen Facetten seines Wirkens als plattdeutscher Singer/Songwriter darzustellen. Auf Spöölwark sind daher neben neuen Liedern des ostfriesischen Liedermachers auch Übertragungen aus dem Englischen (Colin Wilkie), Norwegischen (Arne Paasche Aasen) und Niederländischen (Ede Staal) zu hören. Abgerundet wird das Spektrum von Neuaufnahmen einiger älterer Lieder aus der Zeit, als er noch als Jan & Jürn mit seinem Bruder zusammenarbeitete. Zum positiven Gesamtklang der zumeist leisen und besinnlichen Lieder tragen ganz wesentlich die Begleitmusiker Klaus Hagemann und Christa Ehrig bei. Hagemann setzt mit seiner Gitarre immer wieder sparsame aber wirkungsvolle Akzente, Ehrig verleiht den Arrangements mit ihrem Cello, das sie zuweilen auch pizzicato zupft Fülle und Tiefe. Dem Ziel auf seiner langen Suche nach dem endgültigen alternativen Heimatlied ist Jan Cornelius mit Dat büst du schon recht nahe gekommen: Liebevoller kann man seine Region wohl kaum besingen.
Kai Engelke

 DIESELKNECHT: Abgebrannt
DIESELKNECHT
Abgebrannt
www.dieselknecht.com
(AgrarBerlin ABCD 04/Membran)
12 Tracks, 37:23


Nein, sie singen nicht mehr die Mundorgel rauf und runter. Mit Liedern aus dem roten Heft hatte sich die Dortmunder Band Dieselknecht einmal Aufmerksamkeit verschafft, rotzig-punkig zu akustischem Instrumentarium vorgetragen. Aber das Quartett hat sich entwickelt, ihrem Programm immer mehr eigene deutschsprachige Songs hinzugefügt. Auf ihrem dritten Album, das in Zusammenarbeit mit Roland Heinrich entstanden ist, stehen nun die selbst geschriebenen Stücke im Mittelpunkt: musikalisch im Kosmos von Bluegrass, Folk, Country und Rockabilly unterwegs, textlich ziemlich unpeinlich die Schönheit des Landlebens preisend, den Traktor lobend, nerviges Gequassel kritisierend – in einfachen, deutlichen Worten. Die kurzen Tracks atmen weiter den Geist des Punk, obwohl das Banjo den Gruppenklang prägt. Der Großteil der Stücke stammt von Sänger Frank Kleingünther, darunter befinden sich etliche, die das Zeug haben, zu Mitsingklassikern zu werden. In diese Richtung entwickelten Dieselknecht auch „Wir saßen in Johnnys Spelunke“ einen Schlager aus dem Jahr 1932, dem sie gehörig Energie zuführen. Da stimmen wir alle ein: „In Nishni Nowgorod, da gibt’s nur Salz aufs Brot, das macht die Wangen rot!“
Volker Dick
 ENTZÜCKLIKA: Zum Wiedersehen
ENTZÜCKLIKA
Zum Wiedersehen
www.entzuecklika.de
(Entzücklika)
14 Tracks, 61:33, mit dt. Texten u. Infos


Als der Rezensent pubertierte, schien der Kirche die Beatmesse ein probates Mittel zu sein, junges Volk in ihre Veranstaltungen zu locken. Netter Versuch – aber immerhin gab’s Gigs für Jungcombos, die sich ebenso engagiert wie talentfrei an „Child In Time“ oder „Stairway To Heaven“ versuchten, während der musikalisch versiertere Nachwuchs bei der Wandlung schon mal über „Je T’Aime“ improvisierte. Auf der Orgel, selbstredend. Heute sind es Menschen wie der Theologe und Liedermacher Alexander Bayer, die für einen Liturgiesoundtrack im Geist der Zeit sorgen. Bayer vertont Fremdtexte (James Krüss), übersetzt Songs (Leonard Cohen oder Cat Stevens) oder übernimmt Lieder, etwa von Gerhard Schöne, gleich komplett in sein Repertoire. Speziell bei seiner Übertragung von Mikis Theodorakis’ „Sto Perigiali To Krifo“ ist ihm eine ausgesprochen feinsinnige Nachdichtung gelungen, sehr nah am Original und kein Vergleich zu dem Unfug, den etwa Thomas Woitkewitsch 1977 für Milva verbrach. Musikalisch verzichtet Bayer diesmal auf seine eigene Band; stattdessen schöpft er aus einem Pool singender und spielender Gäste. Das sorgt für frischen Wind. Der kann ja nicht verkehrt sein. Auch in der Kirche.
Walter Bast

 FIRST CLASS BLUES BAND: Brand New
FIRST CLASS BLUES BAND
Brand New
www.acoustic-music.de
(Acoustic Music Records 319.1512.2/RoughTrade)
12 Tracks, 49:22


Wer sich solch einen Bandnamen zulegt, hat zumindest kein mangelndes Selbstbewusstsein – noch dazu als deutsche Band, die zuletzt in den Neunzigerjahren zwei Alben veröffentlicht hat und sich seitdem eher sporadisch zu Konzertauftritten zusammenfindet. Umso beeindruckender, was die fünf Musiker hier in wenigen Tagen Studioarbeit eingespielt haben – das nämlich macht dem Bandnamen alle Ehre! Die Songs wechseln zwischen 1950er-Rhythm-’n’-Blues, wie man ihn in den Fünfzigern spielte, Rock ’n’ Roll, langsamem Blues, Funk und Soul. Alles ist instrumental perfekt gespielt und gesanglich sehr abwechslungsreich, da jeder der fünf Musiker auch einmal für mindestens ein Stück den Gesangpart übernimmt. Christian Rannenberg (Piano, Hammond Orgel), Jan Hirte (Gitarre), Thomas Feldmann (Saxofon, Harmonika), Kevin DuVernay (Bass) und Tommie Harris (Schlagzeug) musizieren als Band geschlossen und aufeinander eingespielt und glänzen in ihren jeweiligen solistischen Momenten durch geschmackvolles und virtuoses Spiel.
Achim Hennes
 SEBASTIAN KRÄMER: Tüpfelhyänen – Die Entmachtung des Üblichen
SEBASTIAN KRÄMER
Tüpfelhyänen – Die Entmachtung des Üblichen
www.sebastiankraemer.de
(Reptiphon/Broken Silence 06687)
22 Tracks, 79:59, mit Texten


„Mit ’nem Unschuldsblick“, sanfter Stimme und einschmeichelnder Klavierbegleitung schleicht sich dieser so brav wirkende, wohlgestaltete Schwiegermuttertyp hinterlistig mit seinen Liedern an und säuselt einem jede Menge Ungeheuerlichkeiten ins Ohr. Geheimnisvolles, Irrwitziges, Spinnertes, Frechheiten, Unverschämtes, Hintersinniges, Nachdenkliches, tiefschwarzen Humor, Kluges, Verspieltes, Geschichten aus dem Leben und doch daneben – mit all solchen Dingen erfreut der singende und spielende Ausnahmepoet Sebastian Krämer seine Zuhörer. Weil seine Liedergeschichten so unerwartete Wendungen haben, sind sie auch schwer zu beschreiben. Seine Ansprüche an Schokolade, der Weg zum Meer, die unsichtbaren Existenzen oder Flohmärkte im Regen sollen hier nicht näher erörtert werden – man muss sie einfach selbst hören. Und damit bei seinen Gedankensprüngen auch mal Zeit zum Luftholen bleibt, wird auf dem Album mittendrin eine dreiminütige Ruhepause spendiert. Auch darauf – wie auf seine anderen krausen Einfälle – muss man erst einmal kommen. Sein gekonnter und formvollendeter Vortrag rundet den außerordentlich positiven Eindruck dieser überaus skurrilen Produktion aufs Beste ab.
Rainer Katlewski

 RÜDIGER MUND: Kommen und Gehen oder Das Ende ist was für Anfänger
RÜDIGER MUND
Kommen und Gehen oder Das Ende ist was für Anfänger
www.ruediger-mund.de
(DMG Germany 54.218138.2/Broken Silence)
12 Tracks, 55:21, mit dt. Texten u. Infos


Rüdiger Mund aus Jena hat seit vielen Jahren in den unterschiedlichsten Bands musikalische Erfahrungen gesammelt. Mit Kommen und Gehen legt er jetzt sein Solodebüt vor – und lässt es darauf auch gleich richtig krachen: von Punkklängen und Powerakkorden über Swing- und Shufflerhythmen bis hin zu New-Wave-Klängen ist alles dabei. Sehr sauber abgemischt, die Stimme immer ganz vorne, jedes einzelne Instrument ist bestens auszumachen. Kraftvoll vorwärts treibend wie eine Lokomotive, die sich ihren Weg durch die Weiten der Prärie sucht – so kommt die Musik daher. Die gesamte Produktion klingt auf angenehme Weise amerikanisch: locker, entspannt, fließend. Die Banjo- und Slide-Einsprengsel verstärken diesen Eindruck. Sämtliche Lieder handeln vom ewigen Kampf der Geschlechter. Doch egal, ob Rüdiger Mund über unerfüllte Liebe, trotzigen Schmerz, Abschiede, Sehnsucht oder emotionale Verwirrung singt – stets klingt er unverkrampft und lässig, sein offensichtlicher Spaß an dem, was er tut, überträgt sich direkt auf den Hörer. Ein Album, das aufs Angenehmste aus dem Wust der Mittelmäßigkeit herausragt.
Kai Engelke
 ANDREA SCHROEDER: Where The Wild Oceans End
ANDREA SCHROEDER
Where The Wild Oceans End
www.andreaschroeder.com
(Glitterhouse GRCD 776)
10 Tracks, 40:27, mit Texten


Andrea Schroeder ist die Reinkarnation von Nico. Anders kann man sich die Klangfarbe dieser Stimme kaum erklären. Andere denken generationsbedingt eher an Nick Cave – so oder so: Auch das zweite Album von Andrea Schroeder gehört gehört! Auf neun Eigenkompositionen raunt die Ausnahmesängerin ihre Wahlheimat Berlin ins Mikro, verleiht der Hauptstadt damit einen dunklen erotischen Charme, dem man sich als Hörer nur schwer entziehen kann. Die Clubs, in denen diese Stimme zu Hause ist, werden wohlerzogene Menschen wohl meiden. Aber die einsamen Wölfe werden sich hier sammeln und ihre Wunden lecken, während sie sich von „Ghosts Of Berlin“ verzaubern lassen. Und weil selbst Wünsche von Hörern einmal in Erfüllung gehen, die Andrea Schroeder bereits kennen, präsentiert die Künstlerin mit „Helden“ auch noch die deutsche Fassung des David-Bowie-Klassikers „Heroes“ – vermutlich die einzige Version, die dem Original ebenbürtig ist. Andrea Schroeder singt, wie Hildegard Knef heute singen würde. Die Begleitkapelle klingt intelligent düster gruftig, wie Crime and the City Solution in ihren besten Zeiten. Sollte Wim Wenders noch einmal „Der Himmel über Berlin“ drehen – hier wäre ein Kandidat für den Soundtrack.
Chris Elstrodt

 JÜRGEN SCHWAB: Luftschlösser
JÜRGEN SCHWAB
Luftschlösser
www.juergenschwab.de
(Jazz’n’more Records JNM 1004/Bellaphon)
11 Tracks, 52:13


Jürgen Schwab ist ein studierter Gitarrist mit Schwerpunkt Jazz. Er sieht sich als Musiker, und Musikwissenschaftler. Sein Instrumentalspiel ist nuanciert und souverän – doch sein Gesang wirkt zunächst arg zurückgenommen, geradezu bescheiden, fast, als sei es ihm unangenehm, seine kunstvollen Gitarrenklänge durch seine Stimme womöglich in ihrer Wirkung herabzumindern. Der Eindruck verblasst beim mehrmaligen Hören des Albums zunehmend, Gitarre und Stimme verschmelzen zu einer harmonischen Einheit, alles hat seine Richtigkeit. Bundloser Bass und Sopransaxofon setzen wohldosierte Akzente, die der positiven Wirkung insgesamt sehr zugutekommen. Das inhaltliche Spektrum ist weit: Nachdenkliche Kindheitserinnerungen („Schwarzweiß“) stehen neben emotionalen Naturbetrachtungen („Inmitten der Lagune“), auf hoffnungserfüllte Wunschvorstellungen („Ein neuer Frühling“) folgt eine pointierte Satire im Talking-Blues-Stil („Waschmaschinen“). Und das eindrucksvollste Lied des Albums ist sicherlich eine Hommage an Fritz Rau, den kürzlich verstorbenen legendären Konzertveranstalter und Freund („So Long, Fritz“). Ein Album auf musikalisch und textlich gleichermaßen hohem Niveau. Hat man nicht oft.
Kai Engelke
 SIMIN TANDER: Where Water Travels Home
SIMIN TANDER
Where Water Travels Home
www.simintander.com
(Jazzhouse Records JHR 090/In-akustik)
13 Tracks, 57:04, mit engl. Infos


Gleich mit dem ersten Titel dieses Albums wird dem Hörer illustriert, wie wenig fassbar zu machen ist, wo die Musikalität der Sprache endet und die Poesie des Klangs beginnt: „Yau Tar De Grewan“, nach einem Gedicht in Paschtu, arrangiert von Sängerin Simin Tander selbst, begleitet von filigranem, einfühlsamem Piano, fantasievollem Kontrabass und behutsamer Percussion. „Auch wenn von meinem Leben nur ein Atemzug bliebe“, wie es dort in der Übersetzung heißt, „formte ich ihn zu einem Vers“ – der Deutsch-Afghanin gelingt es mit dieser Produktion, über dreizehn Stationen eine Art innerer Reise durch die Gedanken- und Gefühlswelt der Tochter eines afghanischen Journalisten und einer deutschen Lehrerin zu beschreiben, die Suche nach Wurzeln, nach Identität und Brücken zwischen Morgen- und Abendland. Es ist nur folgerichtig, dass sie dabei mit schlafwandlerisch anmutender Sicherheit zwischen modernem Jazz und orientalischer Ornamentik wechselt, zwischen experimentellem Songwriting, Chanson und intimer Ballade, darüber hinaus ebenso mit expressiver Ausdruckskraft der Stimme wie mit betörender Zartheit aufwartet und bei beiden Varianten völlig authentisch bleibt. Musik von Welt im besten Sinne des Wortes.
Cathrin Alisch

DVD/Filme
 GESCHWISTER WELL: Fein sein, beinander bleibn
GESCHWISTER WELL
Fein sein, beinander bleibn
www.geschwister-well.de
(Well Musik 705940/Rough Trade)
32 Tracks plus Bonusmaterial, 147:00


Die Bühne sieht aus wie ein Musikalienhandel. Überall Instrumente, die im Verlauf der Revue Verwendung finden. Von der Nonnentrompete bis zum Subkontrabass-Rummelpott, von der Ukulele bis zur Maultrommel, vom Dudelsack bis zur Bachtrompete. Davor die Geschwister Well, beaufsichtigt von ihrer hochbetagten Mutti Traudl, die bei Gelegenheit beherzt in die Zithersaiten greift. Die Wellküren Moni, Burgi und Bärbi, sowie die ex Biermösl Blosn Michael und Stopherl plus ein weiterer Bruder, Karli, bringen genau jene volksmusikalische Revue auf die Bretter der ehrenwerten Münchener Kammerspiele, die einst für das endgültige Aus der Biermösl Blosn sorgte. Keine Sekunde der knapp zweieinhalb Stunden ist langweilig. Neben Stubnmusi, Landlern und Gstanzln funktionieren auch Klassik, Country und sogar Rock – AC/DCs „Highway To Hell“ – auf Hackbrett, Harfe, Klassikgitarre und Blockflöten bestens. Die satirischen, teils bitterbösen Texte sind zum Schreien komisch und politisch nicht weniger scharf als die der Biermösl Blosn oder der Wellküren. Trotz einiger Zweitverwertungen ist dieser „Highway to Well“ die gelungene Fortsetzung zweier Erfolgsgeschichten. Wir sind gespannt, wie es weitergehen wird.
Alle Musikstücke sind in um die Moderationen gekürzter Form auch als CD erhältlich: Well Musik 705933/Rough Trade (www.geschwister-well.de, 19 Tracks, 63:44.
Ulrich Joosten



Europa
 BEOGA: Live At 10
BEOGA
Live At 10
www.beogamusic.com
(Compass Records 7 4621 2/Membran)
20 Tracks, 79:26, plus DVD inkl. Ausschnitte des Debütkonzerts 2002, mit Kommentaren


Zum Zehnjährigen beweisen Beoga erneut, dass sie weit über die Grenzen der Irish Music hinausgehen und wie spielfreudig, ja, partyfreudig sie an ihr Publikum herantreten. Abermals kann sich der Hörer überzeugen, wie unglaublich virtuos Instrumente heutzutage in der irischen Musik gespielt werden, hier namentlich zwei Akkordeons und ein gut eingepasstes Piano, unglaublich fantasievoll und mit Groove gepielt. Dazu eine charmante Fiddle und ein fetziges Bodhrán plus illustre Gäste. Das Programm enthält viele Eigenkompositionen, in denen es nur so kracht vor Dynamik und Rhythmuswechseln. Die große stilistische Breite umfasst Einflüsse aus Swing, Jazz, Country und Popmusik – letztere vor allem in den meist von Niamh Dunne vorgetragenen Songs. Das Publikum freut sich hörbar über dieses abwechslungsreiche Feuerwerk. Im Livezusammenhang dominieren die wilden und schnellen Stücke, dafür sind alle etwas langsamer gehaltenen besonders ansprechend arrangiert. Beoga opfern das Feine, das der irischen Musik in ihrer Tradition eigen ist, gerne mal einem eher kommerziell anmutenden Powerklang – aber sei’s drum: Sie spielen meisterlich und sind in ihrer speziellen Art einfach gut!
Johannes Schiefner
 ULRIKA BODÉN BAND: Kärlekssånger – Folk Love Songs
ULRIKA BODÉN BAND
Kärlekssånger – Folk Love Songs
www.ulrikaboden.se
(Westpark Music 87253)
12 Tracks, 42:34, mit schwed. Texten u. schwed./engl. Infos


Bei der Auswahl ihres Materials hat die Schwedin Ulrika Bodén, Gesang, Flöte und Autoharp, ein besonders glückliches Händchen. Ihr viertes Soloalbum – neben den Veröffentlichungen mit der Gruppe Ranarim – enthält wieder einige melancholische Liebeslieder. Es bleiben halt viele Lieben unerfüllt, haben ein zu frühes oder gar tödliches Ende aus Eifersucht wie in „Kärleksvisa Från Ed“. Aber auch fröhliche Lieder sind auf Kärlekssånger dabei, wie „Röda Rosor“ und „Himlen Är Full Av Fioler“, oder hoffnungsvolle wie „Tusen Löften“. Viele der Stücke hat Bodén selbst vertont, einige hat sie aus zweien kombiniert. Bei „När Som Gräset Det Vajar“ durfte sie Musik und Text von Lena Willemark übernehmen, andere Texte sind teilweise aus überlieferten Fragmenten zusammengesetzt und zusätzlich ergänzt. Ulrika Bodéns einmalige, berührende Art zu singen wird ergänzt durch etliche Größen der schwedischen Folkszene, die alle auch in anderen Formationen spielen: Mia Marin (Viola), Emma Ahlberg (Geige), Gustav Hylén (Trompete), Mattias Pérez (Gitarre), Daniel Frederiksson (Mandora), Petter Berndalen (Schlagzeug) und Valter Kinbom (Schlagzeug). Sie spielen im Trio bis zum Sextett, und geben damit jedem Stück einen anderen Klang.
Bernd Künzer

 LA CHIVA GANTIVA : Vivo
LA CHIVA GANTIVA
Vivo
www.lachivagantiva.com
(Crammed Discs CRAM232/Indigo)
12 Tracks, 39:11


Die belgische Band La Chiva Gantiva spielte zwar ursprünglich kolumbianische Musik, tendierte dann aber unter Hinzunahme von Bläsern zur Mestizoszene und ließ sich zusätzlich von Afrobeat, Funk und Rock inspirieren. Damit gibt sie den inzwischen schon wieder ziemlich abgenutzten Crossoverklängen der Mestizoszene einige neue Impulse. Die Energie ist ähnlich treibend wie bei den meisten dieser Bands, aber sie setzt pro Stück eher auf einen hypnotischen Basisgroove. Beherrscht wird das Geschehen meist von den beiden Percussionisten, dazu wird gerappt, und im Bläserklang sticht die Klarinette hervor, was dem Ganzen eine zusätzliche Balkanfärbung gibt. Die Truppe schafft es, den einzelnen Genres, in denen sie sich bewegt, jeweils einen besonderen Kick zu geben: Der Afrobeat wirkt eher kubanisch, die Cumbias haben eine Punkattitüde. Insofern gelingt es, innerhalb der üblichen kraftvollen Stimmung der Mestizobands Abwechslungsreichtum zu bewahren. Eine Latingruppe aus Europa, die sich auch in Afrika und sonstwo zu Hause fühlt: Das ist – auch dank ihrer multiethnischen Besetzung – typisch für die neuen Latinbands wie auch La Chiva Gantiva eine ist.
Hans-Jürgen Lenhart
 WIM CLAEYS: De Zwanenzang van Karel Waeri
WIM CLAEYS
De Zwanenzang van Karel Waeri
www.waaim.be
(Wild Boar Music WBM21117)
11 Tracks, 45:43, mit fläm. Texten


Wim Claeys ist kein Sänger. Er ist Akkordeonist, einer der besten in Europa. Er spielte bei Ambrozijn und Tref. Doch nun gibt er sein Debüt als Vokalist. Das Album ist quasi eine Hommage an den belgischen Volkssänger Karel Waeri aus Gent, wo auch Claeys wohnt. Karel Waeri lebte im 19. Jahrhundert und ist in Gent heute noch berühmt für seine politischen Lieder, in denen er schlechte Arbeitsbedingungen und kirchliche Scheinheiligkeit thematisierte. Auch viele fröhliche und frivole Lieder hat er einst geschrieben. Wim Claeys hat nun elf von ihnen mit neuen Melodien versehen und mit den Multiinstrumentalisten Geert de Waegeneer und Nils de Caster eingespielt. Wer Flämisch versteht, ist da natürlich im Vorteil. Aber auch musikalisch ist De Zwanenzang van Karel Waeri dank origineller Arrangements durchaus reizvoll. Es dominieren zwar die gut gelaunten Stücke, die besseren Melodien fand Claeys aber für die melancholischen Tracks wie „Het Sermoen“ und „Onze Fabrieksmeiskes“. Und wie macht sich Wim Claeys nun als Sänger? Na ja, schon okay, aber er sollte doch besser Akkordeonist bleiben.
Christian Rath

 BARBARA DICKSON: To Each & Everyone – The Songs Of Gerry Rafferty
BARBARA DICKSON
To Each & Everyone – The Songs Of Gerry Rafferty
www.barbaradickson.net
(Greentrax Recordings CDTRAX 378)
13 Tracks, 53:43


Ein Album mit den Songs von Gerry Rafferty kann man durchaus mit „Baker Street“ beginnen. Der Superhit ist schlicht ein Muss, und dann hat man ihn aus den Füßen. Bläst man allerdings das legendäre Saxofonintro mit einer Low Whistle an, dann wird das Resultat entweder genial oder verunglückt ausfallen – und hier gilt leider Letzteres. Damit ist dann aber auch schon der einzige Schwachpunkt der Veröffentlichung abgehakt. Die restlichen Songs werden dem Liederschreiber Rafferty gerecht, zumal Barbara Dickson zu den eher unbekannteren Stücken tendiert. Die interpretiert sie immer sehr treffsicher und Produzent Troy Donockley findet dazu die passende Mischung zwischen Pop, Bombast und Folk – wo seine Uilleann Pipes bestens zur Geltung kommen. Einige der Höhepunkte des Albums sind folglich auch die folkig angehauchten Versionen von „Steamboat Row“ und „The Ark“. Durchgängig spürbar sind die Liebe und der Respekt, die Dickson den einfühlsamen Liedern ihres schottischen Landsmanns entgegenbringt. Vielleicht hätte Produzent Donockley bei „Baker Street“ seine Uilleann Pipes einsetzen sollen. Das hätte dann womöglich doch das Zeug zur genialen Idee gehabt.
Mike Kamp
 JON GOMM: Secrets Nobody Keeps
JON GOMM
Secrets Nobody Keeps
www.jongomm.com
(Performing Chimp Records)
10 Tracks, 57:08, mit engl. Texten


Dass der Engländer Jon Gomm ein bemerkenswerter Gitarrist ist, durften schon viele erstaunt feststellen – in den sozialen Medien wie auf den Bühnen der Welt. Zu seinen Fans zählen Eric Clapton, David Crosby und Rod Stewart. Die Aufregung hat den Mann überrascht, der seine Lowden nicht nur als Solo- und Begleitinstrument nutzt, sondern ebenso als Cajon zum Umhängen. Rhythmus, klingende Saiten, Gesang: Jon Gomm kann alles gleichzeitig in höchster Qualität, ohne Loops und Overdubs. Bei aller Fingerfertigkeit vermeiden die größtenteils eigenen Songs jede übertriebene Virtuosität oder Ausschläge ins Seichte. Das Album prägt eine oft präsente Schwermut, wohl dem Umstand geschuldet, dass Gomm vor allem auch die Tiefen des Lebens kennengelernt hat. „There’s No Need to Be Afraid“ dient der Selbstberuhigung, und die in „Deep Cut“ mantrahaft wiederholte Botschaft „Let The Rhythm Guide You“ klingt auch therapeutisch. Mühelos versteht Gomm dem eigenen Rat zu folgen, Groove und Atmosphäre sind die Säulen, um die sich seine Musik dreht, dargeboten in einer dicht gewebten Produktion. Und in „Passionflower“ leistet er auch noch Lebenshilfe: „You are what you grow into / You’re not what you were“.
Volker Dick

 MICHEL HAUMONT : Héritage
MICHEL HAUMONT
Héritage

(Acoustic Music Records 319.1511.2/Rough Trade)
12 Tracks, 39:42, mit frz. u. engl. Infos


Selten hat eine einzelne akustische Gitarre so verführerisch elegant und samtig geklungen wie die des französischen Stahlsaitenkünstlers Michel Haumont. Auf seiner neuesten Veröffentlichung präsentiert er sich als Erzähler raffinierter kleiner instrumentaler Kurzgeschichten, die stilistisch beinahe den gesamten Erdball umfassen. Mühelos wechselt er zwischen südamerikanischen Latingrooves, Louisiana Ragtime und einem Country Waltz. Der Schüler des großen Marcel Dadi verleiht jedem Stück seine eigene Prägung, das heißt einprägsame Melodien und klare, differenzierte Harmonik. Klangtechnisch ist Héritage wie alle Produktionen aus dem Hause Peter Finger ein ästhetischer Hochgenuss. Spieltechnisch ist Haumont Traditionalist. Er versteht sich ausgesprochen als Erbfolger in einer langen Reihe großer Meister der akustischen Gitarrenmusik. Vergeblich sucht man hier nach den Tricks und Kniffen der jungen „Wilden“. Was zählt ist die Komposition und deren sensible Interpretation. Dass die leisen Töne überwiegen, versteht sich fast von selbst. Die sympathischen Linernotes helfen der Fantasie ein wenig auf die Sprünge. Wunderbares Album.
Rolf Beydemüller
 ANNE-MARI KIVIMÄKI: Aikapyörä
ANNE-MARI KIVIMÄKI
Aikapyörä
www.puhti.eu
(Sibelius Akatemia/Kihtinäjärvi Records K3JC003)
13 Tracks, 44:15, mit Texten und Infos


Ein Neuentdeckung in der Musikkategorie „Verrückte Finnen“ ist Akkordeonspielerin Anne-Mari Kivimäki. Anders als Landsmann Kimmo Pohjonen hält Kivimäki sich aber der Rockmusik und der Klassik fern. Auch mit der traditionellen Folklore, wie sie Maria Kalaniemi interpretiert, kann Kivimäki nicht viel anfangen. Ihr Album Aikapyöra klingt eher wie die musikalische Umsetzung eines expressionistischen Gemäldes. Musik als Kunstform, anstrengend zu hören und fast unmöglich einzugruppieren. Das ist durchaus gewolltes Ziel der Künstlerin. Archaische karelische Technomusik – so könnte ein Versuch aussehen, dieses Album zu beschreiben. Aber er beschreibt eigentlich nur die Hilflosigkeit des Hörers, der Alternativen zum Wort Avantgarde sucht. Aikapyörä ist dabei nur eine Zusammenfassung einer längeren Serie namens Suistamo, die der Künstlerin immerhin als Doktorarbeit an der Sibelius-Akademie in Helsinki dient. Aus dieser finnischen Musikhochschule gehen die allermeisten dieser Skandinavier hervor, die uns immer wieder in Erstaunen versetzen. Letzteres gelingt Anne-Mari Kivimäki allemal. Einmal mehr also nach Finnland der begeisterte Ausruf: „Solche Musik habe ich wirklich noch nie gehört!“
Chris Elstrodt

 SETH LAKEMAN: Word Of Mouth
SETH LAKEMAN
Word Of Mouth
www.sethlakeman.co.uk
(Cooking Vinyl COOKCD535/Indigo)
Promo-CD, 12 Tracks, 47:39


Und schon ist er mit der ersten Singleauskopplung „The Courier“ via Playlist wieder im britischen BBC Radio 2 unterwegs! Dabei sieht Seth Lakeman im Hitradio gar nicht sein natürliches Umfeld. Er ist Folkie! Nur geraten ihm seine Songs meist so eingängig, mitsing- und tanzbar – Merkmale, die dann doch glatt darüber hinwegtäuschen können, dass es ihm nachweislich um Tieferes geht. Da ist zum einen seine Suche nach dem absolut natürlichen Klang, die ihn diesmal zu Aufnahmezwecken in eine Kirche in Cornwall geführt hat. Und da sind zum anderen – und ganz besonders – die Inhalte seiner Lieder. Die Texte zeigen die Bandbreite seiner Themen: Ob es um Werftarbeiter oder Eisenbahner und die spezifischen Dinge geht, die sie betreffen und mit denen sie sich auseinandersetzen müssen, oder um die Kämpfe für die Rechte der Arbeiter im Allgemeinen – Seth Lakeman geht es um die Menschen! Ihr Leben, ihre Freuden und ihre Probleme. Das gerät vor lauter Hüpffaktor und ausgelassenem Spaß an seiner Musik manchmal ein wenig in den Hintergrund. Aber wer sagt denn, dass ernstzunehmende Lieder nur mit erhobenem Zeigefinger und wichtiger Miene vorgetragen werden dürfen?
Mike Kamp
 MY DARLING CLEMENTINE: The Reconciliation?
MY DARLING CLEMENTINE
The Reconciliation?
www.mydarlingclementinemusic.co.uk
(Continental Song City CSCCD 1099/Continental Record Services)
12 Tracks, 50:11, mit engl. Texten u. Infos


Wie beim Vorgängeralbum How Do You Plead? schlagen Michael Weston King und seine Lebensgefährtin Lou Dalgleish mit ihrem Pärchenprojekt My Darling Clementine nun auch bei dessen Nachfolger wieder vor allem aus den Meinungsverschiedenheiten, Nickligkeiten und Streitereien Funken, in die Liebesbeziehungen schon von jeher überall so gerne münden – nicht nur in der Countrymusik, mit der King, schon von jeher eher Americana-Apologet als Vertreter einer britischeren Variante, seine Vorlieben mit My Darling Clementine auf einen Endpunkt brachte. Dass mit „No Matter What Tammy Said (I Won’t Stand By Him)“ ein direktes Türchen zur legendärsten aller Country-Ehekatastrophen zwischen Tammy Wynette und George Jones geöffnet wird, ist konsequent. Aber keine Angst: Für ein Schauspiel dieser Dimension und Unterhaltungskraft fehlt es My Darling Clementine einstweilen dann doch noch an einigem. Die Songs sind allesamt rund und ausgereift, eingängig und packend, aber am Irrsinn und der Tragik des einstigen Traumpaars des Country scheint es Weston King und Dalgleish doch offensichtlich noch völlig zu mangeln – wie an der Explosion ihrer Beziehung. Möge der Eindruck stimmen.
Christian Beck

 NO BLUES: Kind Of No Blues
NO BLUES
Kind Of No Blues
www.noblues.nl
(Continental Europe CECD48/Continental Record Services/In-akustik)
25 Tracks, 104:04, mit engl. Infos


Zum Zehnjährigen gönnt sich das Quintett aus dem Umfeld des Productiehuis Oost-Nederland in Deventer ein Doppelalbum inklusive Retrospektive. Das ist einem Ensemble angemessen, dem in seinem ersten Jahrzehnt tatsächlich gelungen ist, was viele gern behaupten: eine eigene Mischung zu kreieren – die Verbindung von Americana und Arabica, von der sogar die einleuchtende Bezeichnung Arabicana hängen blieb, die der Zögling erhielt. Die erste Hälfte von Kind Of No Blues blickt mit aktuellen Liveversionen also noch einmal zurück auf herausragende Stücke um das herausragende „Black Cadillac“; was nicht nur vertretbar ist, sondern zur Aufwertung der zweiten Hälfte gar zu empfehlen – handelt es sich dabei doch ursprünglich um Soundtrackmaterial für einen Film über den Arabischen Frühling, das nur in Momenten wirklich mehr ist als ein angenehmer Klangteppich. So etwa in „Habibi Blues“, wenn die Arabicana ungewöhnlich direkt von der Americana-Ebene, hier dem Blues her aufgezäumt wird. Oder in „Waterpipe“ mit der kernigen Sprechdarbietung des 77-jährigen Rhythm-and-Blues-Rabauken Andre Williams aus den USA. Als Gesamtpaket und zur Würdigung der Band aber erstklassig durch und durch.
Christian Beck
 MARTIN SIMPSON: Vagrant Stanzas
MARTIN SIMPSON
Vagrant Stanzas
www.martinsimpson.com
(Topic Records TSCD589)
14 Tracks, 52:17, mit engl. Infos


Jetzt macht es der englische Meistermusiker einmal völlig alleine – und auch das gelingt Martin Simpson ganz hervorragend, wie die Besucher des TFF Rudolstadt 2013 garantiert bestätigen können. Der Verweis auf den Festivalauftritt passt insofern, als das Album an diversen Orten quasi live im Studio aufgenommen wurde, mit ganz wenigen Overdubs, meist war die erste Version stimmig. Akustische, elektrische und Slidegitarre, Banjo und natürlich Simpsons knorriger Gesang; schottische Balladen, amerikanische Tradsongs, eigene und fremde Lieder, zum Beispiel von Leonard Cohen, sowie Gitarrenimprovisationen – das Destillat von 48 Bühnenjahren. Ein solches Album mag im Prinzip natürlich jeder einspielen können – aber wohl kaum mit der Glaubwürdigkeit, Überzeugungskraft und Souveränität des Mannes aus Leeds. Wie sehr ruht ein Künstler in sich, der auf die in Frageform gekleidete Folkdefinition „Ist das nicht dieser bolschewistische Unsinn?“ ganz gelassen und ironisch reagiert: „Ich liebe diese Bemerkung, Folkmusik kann es ab, auf solche Art von Dummköpfen geschmäht zu werden.“
Mike Kamp

 JOHN SPILLANE: Life In An Irish Town
JOHN SPILLANE
Life In An Irish Town
www.johnspillane.ie
(Universal Music Ireland 3753155)
11 Tracks, 36:31, mit ausführlichen Infos u. Texten


Der irische Sender TG4 ließ für Spillane An Fánaí (Spillane The Wanderer)d en Singer/Songwriter John Spillane als Barkeeper in sechs typischen, traditionsreichen irischen Pubs die Einheimischen erleben. Dies war die Inspiration für die vorliegende Sammlung sehr persönlicher Lieder, die mit charismatischer Stimme das Leben auf dem Land in höchst vergnüglicher und fantasievoller Sprache besingen. Poetische Midtempo-Songs wechseln mit schwungvollen Widmungen an die besuchten Plätze. „Fethard Town“ bedient sich mit Wortspielen und fröhlichen Kinderstimmen den Mustern eines Kinderliedes, „Ferry Arms“ gibt in grotesker Weise die Stimmung in einem Fußballpub wieder. Dazu gesellen sich die Perlen des Albums, der fantastische Einstieg „Life In An Irish Town“ und das Schlusslied „All The Ways You Wander“, ein alter Hit Spillanes in neuem, unglaublich intensivem Pianoarrangement – der Rezensent war echt ergriffen! Einige Längen in der Mitte des Albums sollen nicht verschwiegen werden, aber insgesamt ein emotional sehr dichtes, schönes Werk für Stunden der Muße – Applaus für John Spillane und seine musikalischen Freunde aus Cork an Keyboards, Percussion, Uilleann Pipes, Fiddle und mehr!
Johannes Schiefner
 SVESTAR: Svestar
SVESTAR
Svestar
www.svestar.dk
(GO’ Danish Folk Music GO1113)
13 Tracks, 42:23, mit dän. Texten u. dän./engl. Infos


Die drei dänischen Musikerinnen, die sich hier zu ihrem ersten Album zusammengefunden haben, sind schon sehr unterschiedlich. Der Mezzosopran von Anne Roed Refshauge ist klassisch geprägt – meist singt sie mit Vibrato, was im Folk eher unüblich ist. Die Pianistin Marie Sønderby ist stilistisch kaum festzulegen. Sie ist in der Lage die Akkordmöglichkeiten des Pianos mehr auf Einzeltöne zu reduzieren und ist insofern ein ausgewogener Gegenpart zur Folkgeige Kirstine Sands, die ja immer eine besondere Dynamik entwickelt. Gastmusikerin bei sieben Stücken ist die junge Cellistin Kirstine Pedersen, die sowohl in der Klassik als auch im Folk zu Hause ist – sie hat beide Genres 2013 jeweils mit einem Master abgeschlossen. Die Stücke verfügen über eine ziemliche Bandbreite: eigene Kompositionen von Refshauge wie „Du, Min Anna“, das auf Feldpostbriefen ihres Urgroßvaters basiert und mit Torben Sminges Flügelhorn untermalt wird; Instrumentalstücke von Sand wie „Dansen I Lunden“ mit Cello und Geige; sowie traditionelle Stücke wie das bekannte „Jeg Kann Se På Dine Øjne“. Als gemeinsame Leistung Torben Sminges und Svestars ist das Album außergewöhnlich gut abgemischt und ausbalanciert.
Bernd Künzer

 RICHARD WEIHS: Wiaschtln
RICHARD WEIHS
Wiaschtln
www.members.aon.at/richard.weihs
(Non Food Factory NF_2346)
12 Tracks, 47:00


Mit der Traditionspflege ist es im Zeitalter der Globalisierung und der Auflösung von Heimatgefühlen und Traditionsgenres nicht so einfach. Dass dem Wiener sein Wienerlied heilig ist – geschenkt! Was, wenn sich Bluesklänge ins Spiel mischen? Komödiant Richard Weihs lebt in Wien und ist Gitarrist und Besitzer einer unglaublichen Sammlung historischer Resonatorgitarren. Da liegt der Blues ganz nahe. Zudem arbeitet er mit dem Resonatormeister Gottfried Gferer zusammen, der in Kärnten, im Blues und in der Gitarrenwelt Hawaiis zu Hause ist. Für Wiaschtln hat Weihs sich mit Spezis des Wienerlieds und mit Gferer umgegeben. Gesungen wird im Wiener Dialekt – was zumindest bis zum sechsten Titel von Wienerliedreminiszenzen und von jenseits des Weißwurstäquators teilweise schwer verdaulichem Wiener Schmäh geprägt ist. Dank der feinen Slidegitarrenarbeit Gferers bleiben aber selbst diese Stücke bluesgeerdet. Mit Track sieben allerdings verschwindet glücklicherweise der Zwang zum Lustigsein, alles entspannt sich und findet in einem unaufgeregten und deshalb guten Cover des Slide-Gospel-Klassikers „You Gotta Move“ als „Wiad scho wean“ schließlich einen gar nicht wurschtigen, krönenden Abschluss.
Harald Justin



Nordamerika
 WILLIAM FITZSIMMONS: Lions
WILLIAM FITZSIMMONS
Lions
www.williamfitzsimmons.com
(Grönland Records CDGRON136/Rough Trade)
Promo-CD, 12 Tracks, 42:39


Langer Bart, Wollmütze und Tätowierungen, dabei als Texter ein überaus sensibler Sinnsucher – wie das Inbild moderner Männlichkeit wirkt William Fitzsimmons, studierter Psychologe und Sohn blinder Eltern. Selbstanalyse steht im Mittelpunkt seines Schaffens; Dingen, die er nicht tolerierbar findet, versucht er sich zu stellen, statt sich von ihnen überrennen zu lassen. Nach fünf Alben in acht Jahren und ausgiebigen Tourneen hatte der Mittdreißiger im vergangenen Jahr den Eindruck, seine künstlerische Freiheit verloren zu haben. Er ging zurück auf Null, setzte sich mit den „Löwen“, die die Kontrolle über sein Leben gewonnen hatten, auseinander. Neue Songs begann er von den Dingen im Leben aus zu entwickeln, die ihm wirklich etwas bedeuteten. Lions klingt friedvoll und still. Fitzsimmons haucht seine Songs mehr, als das er sie singt, die akustische Gitarre wird dazu sensibel gezupft. Selbst wenn das Schlagzeug zum Einsatz kommt, haut hier keiner auf die Pauke. Wie auf seinen vorherigen Alben ist Fitzsimmons auch diesmal ein in sich gekehrter, eher leiser Sänger und Musikant. Vielleicht noch dringlicher als früher geht es ihm darum, mit einfacher, seelenvoller Musik Nähe herzustellen.
Michael Freerix
 J. R. SHORE: State Theatre
J. R. SHORE
State Theatre
www.jrshore.com
(Eigenverlag)
Do-CD, 20 Tracks, 77:42, mit engl. Infos


Eine echte Entdeckung ist der Pianist und Sänger J. R. Shore aus Texas. Die erste CD seines dritten Albums bietet zwölf eigene Titel, die zweite acht Coverversionen. Fast alle Songs sind außergewöhnlich harmonisch. Titel wie „The Ballad Of Dreyfus“, „Pondmaker“ und das fünfeinhalbminütige „146“ unterstreichen Shores enorme Singer/Songwriter-Qualitäten. Inspiriert haben ihn Musiker wie John Prine, Graham Parsons und Neil Young. Shore selbst, der noch etliche andere Instrumente spielt, imponiert als Vollblutmusiker, der den Zuhörer mit stimmigen Geschichten packt. Der Klang der Begleitband – Garth Kennedy (Klavier/Orgel), Marc Jenkins (Akustik- und E-Gitarre), Brian Horwitz (Schlagzeug und Percussion), Mike Barer (Bass und Violine) und Jan McKittrick (Gesang) – schafft eine vorzügliche Grundlage für Shores warme und doch energiegeladene Stimme. Das schön gestaltete Digipack beinhaltet viele Informationen. Hier hat uns ein Musiker wirklich etwas zu erzählen. Hören wir ihm zu.
Annie Sziegoleit

 DAVE VAN RONK: Down In Washington Square
DAVE VAN RONK
Down In Washington Square

(Smithsonian Folkways Recordings SFW 40213/Galileo MC)
3 CDs, 54 Tracks, 183:05, mit ausführl. engl. Infos


Es hat nicht jeder das Zeug zum Bob Dylan – Gott sei Dank! Einer von der Sorte reicht völlig – in seinen großen Zeiten wie in der grauenvollen Everybody’s-Darling-Phase, die andauert. Wie Inside Llewyn Davis gerade einer größeren Öffentlichkeit andeutete, hatte Dave Van Ronk das Zeug zum Dylan jedenfalls nicht – sicher zu spröde, aber vielleicht ja auch zu viel Klasse und Stil? Ein Kunststück wäre das nicht. Ein Folksänger von Klasse und Rang war aber auch der „Mayor of MacDougal Street“ – wie Smithsonian Folkways mit der prallvollen Dreifach-CD Down In Washington Square dem Film nun zeitlich günstig hinterherschiebt. Die 54 Aufnahmen schlagen einen opulenten Bogen von Liveaufnahmen des 22-Jährigen bis zu seinen letzten Studioeinspielungen im Jahr vor seinem Tod im Februar 2002 mit 65 Jahren. Nur in seltenen Fällen als Autor hervorgetreten, glänzte Dave Van Ronk nicht nur als nimmermüder Schatzsucher im unerschöpflichen Folkrepertoire, sondern auch als bärbeißig kraftvoller Interpret der Perlen, die er dabei zutage förderte. Von seinem großen Herz ganz zu schweigen – sauer auf den Superstar, der sein „House-Of-The-Rising-Sun“-Arrangement geklaut hat? Nicht sein Ding. Nie gewesen.
Christian Beck



Kurze Onlinerezensionen
THE AUTUMN DEFENSE
Fifth
www.theautumndefense.com
(Yep Roc CD-YEP-2354/Cargo Records)
Promo-CD, 12 Tracks, 46:02


Das Seitenprojekt des Wilco-Bassisten John Stirrat mit Freund Pat Sansone – inzwischen auch Wilco-Mitglied – wird auf seinem fünften Album vor allem von seiner offensichtlichen Beatles-Sozialisation geprägt, nahezu omnipräsent. Opulent schwelgerische, wohlklingende Melodien und Harmonien nach Fab-Four-Muster – wenn auch deutlich schwermütiger.




NEUES AUS DEM NORDEN
 P. A. RØSTADS ORKESTER: Fjellfiolen
 KOLONIEN: Sammanhang
 EMILIA AMPER : Trollfågeln
 UNNI BOKSASP ENSEMBLE: Kvite Fuglar
 FIRIL: Smile Son Sumarsole
 TRANOTRA: Trading Nordic Traditions
P. A. RØSTADS ORKESTER
Fjellfiolen
www.parostads.no
(Lydhagen)
15 Tracks, 43:17


KOLONIEN
Sammanhang
www.kolonien.nu
(Nataraj Records NATREC920/Distrosong)
5 Tracks, 22:50


EMILIA AMPER
Trollfågeln
www.emiliaamper.se
(BIS Records BIS-2013)
14 Tracks, 59:42


UNNI BOKSASP ENSEMBLE
Kvite Fuglar
www.boksasp.no
(Eigenverlag UBE1)
11 Tracks, 33:05


FIRIL
Smile Son Sumarsole
www.etniskmusikklubb.no
(Etnisk Musikklubb EM75)
13 Tracks, 35:30


TRANOTRA
Trading Nordic Traditions
www.tranotra.com
(Gammalthea SEWJN13)
9 Tracks, 51:59


Etwas betulich und konventionell klingen die Herren vom P. A. RØSTADS ORKESTER. Aber Vorsicht, die von Fiddle und Akkordeon dominierten Instrumentalstücke auf Fjellfiolen sind pure Gebrauchsmusik. Oder mit anderen Worten: Tanzmusik! Da wären Experimente nur hinderlich. Das norwegische Quintett liefert bereits in zweiter Generation zuverlässig die Basis für durchtanzte Abende, vergleichbar etwa mit den schottischen Ceilidh-Bands. Da sind die vier jungen Schweden von KOLONIEN ganz anders gestrickt – wenngleich man auch auf ihre teils englischen, teils schwedischen und manchmal politischen Songs auf Sammanhang allemal tanzen kann. Die Musik wird von Reggae-Bass, Percussion, Gitarre und der Solofiddle Anna Möllers geprägt. Nicht zu vergessen der saubere Harmoniegesang, der bereits beim Debüt Clockwise auffiel. Definitiv eine Liveband! EMILIA AMPER aus Schweden ist tatsächlich Weltmeisterin auf der Nyckelharpa und kann alles von klassisch angehauchten Solostücken bis Popsounds. Ein echtes Showtalent! Auch eine mehr als passable Sängerin, gibt sie sich auf Trollfågeln nicht nur, aber eher traditionell solo und nutzt dabei neben Percussion häufig die Streicher der Trondheim Soloists. Mit Kvite Fuglar gelingt einer der profiliertesten traditionellen Sängerinnen Norwegens und ihrem UNNI BOKSASP ENSEMBLE eine Überraschung: Ausnahmslos alle der überzeugenden Lieder stammen aus Unni Boksasps eigener Feder! Die atmen deutlich den Geist der Tradition, ohne jedoch auf ebenso deutliche moderne Einflüsse zu verzichten. Das liegt neben Boksasps grandiosem Gesang zweifelsohne auch an den meisterlichen Mitmusikanten. Einer dieser Musikanten ist der preisgekrönte Hardangerfiedler Olav L. Mjelva, der sein Instrument auch beim norwegisch/schwedischen Quartett FIRIL spielt. Ohne die anderen hervorragenden Musiker abwerten zu wollen, lebt die Musik dessen überwiegend traditionellen Erstlings Smile Son Sumarsole neben den zwei Hardangerfiedeln in erster Linie vom faszinierenden Gesang Margit Myhrs. Ihre Stimme ist zarter als Unni Boskasps, überzeugt bei den Liedern, die hauptsächlich aus dem norwegischen Hallingdal stammen jedoch durch ausgefeilte Interpretationstechnik. Wie Firil haben sich auch TRANOTRA – ein Akronym, siehe Albumtitel – länderübergreifende nordische Zusammenarbeit in Sachen Folklore zum Prinzip gemacht. Die vier jungen Musikerinnen und Musiker aus Norwegen, Schweden und Dänemark haben sich beim Studium an der Sibelius-Akademie in Helsinki getroffen. Die Musik auf ihrem Debüt Trading Nordic Traditions ist eine Mischung der verschiedenen kulturellen Hintergründe – selten traditionell, dagegen manchmal ziemlich frei improvisiert. Fiddle, Akkordeon und Klarinette sorgen für eine durch und durch spannende nordische Instrumentalmusik.
Mike Kamp



Afrika
 DOBET GNAHORÉ: Na Drê
DOBET GNAHORÉ
Na Drê
www.dobetgnahore.com
(Contre Jour cj031/Broken Silence)
14 Tracks, 46:21, mit Texten u. franz./engl. Infos


Die Ivorerin verkörpert zum einen mittels ihrer in jeglicher Hinsicht bunten Selbstinszenierung den Paradiesvogel unter den Afropopsängerinnen, zum anderen die starke, selbstbewusste afrikanische Frau und Solokünstlerin. Schon auf den beiden Vorgängeralben hatte sie sich „Frauenthemen“ angenommen, und sie tut dies auch auf Na Drê wieder. Da geht es um Zwangsehen – „Fouroussi“ – oder die mangelhafte Gesundheitsversorgung auf dem Land: „Tania“ ist einer Schwangeren gewidmet, die bei der Geburt Kind und Leben verliert. Gnahoré gelingt es, auch solch ernste Inhalte mittels eingängiger Melodien nachhaltig zu transportieren. Lebensfrohe und nachdenkliche Texte halten sich in etwa die Waage. Den Titelsong – zu Deutsch: „Mein Herz“ – hat sie gemeinsam mit Lokua Kanza komponiert und eingespielt. Trotz eines Großaufgebots an Musikern und Sängerinnen klingt das Album wie aus einem Guss, geprägt von Gnahorés sehr variations- und ausdrucksstarker Stimme. Ihre Lieder singt sie in den ivorischen Sprachen Bété, Dida und Malinké, aber auch im Kreolisch Haitis. Die meisten haben einen unwiderstehlichen Groove und sind dank ihrer sich an der Rumba anlehnenden Struktur gut tanzbar.
Roland Schmitt
 MAMANI KEÏTA: Kanou
MAMANI KEÏTA
Kanou
www.mamanikeita.fr
(World Village Music WV 479080/Harmonia Mundi)
11 Tracks, 39:53


So farbenfroh wie das Cover ist auch der Inhalt des vierten Soloalbums der ehemaligen Chorsängerin Salif Keitas. Nach einem Zwischenspiel in der Band Tama steht „Oma“ – Mamani – Keïta längst auf eigenen Füßen. Sie schreibt ihre Lieder in ihrer malischen Muttersprache Bambara selbst, verleiht ihnen mit ihrer fulminanten Stimme eine unverwechselbare Note. Das neue Werk ist stilistisch um einiges vom Solodebüt von 2001, Electro Bamako entfernt, auch wenn Mamani Keïta dem Elektropop an sich zugetan ist. Die unerwartet traditionell arrangierte Musik wirkt insgesamt sehr füllig und dynamisch, wobei sie eigentlich spartanisch instrumentiert ist. Neben Keïtas Gesang ist die ausgesprochen rockige Gitarre von Djeli Moussa Kouyaté, ex Bamako Rail Band, sehr dominant, etwa in „Fanatan“; Moriba Koita, der ebenfalls schon für Salif Keita und Mory Kante arbeitete, sorgt mit seiner Ngoni für kongeniale Verzierungen, Madou Kone für die perkussive Basis – das ist alles! Leider fehlt ein Booklet mit Infos zu den Liedinhalten, doch das Titelstück „Kanou“ („Lieben“) soll programmatisch zu verstehen sein. Beschworen werden Zuneigung, Respekt und Fürsorge zwischen den Menschen – gleich jeden Alters.
Roland Schmitt

Asien
 ADNAN JOUBRAN: Borders Behind
ADNAN JOUBRAN
Borders Behind
www.adnanjoubran.com
(World Village WVF 031/Harmonia Mundi)
Promo-CD, 9 Tracks, 42:16


Ein musikalisches Kleinod. Adnan Joubran ist der jüngste Bruder des palästinensischen Trio Joubran, das die Kurzhalslaute in die großen Konzertsäle der westlichen Welt brachte. Nun tritt er mit einem Soloprojekt hervor, hinter dem ein Quartett steckt, das er zusammenstellte und für das er komponierte und arrangierte. Der knapp vierzigjährige Virtuose verfügt über den guten Ton. Das alleine ist schon äußerst hörenswert. Aber das Sahnehäubchen des Albums ist die spezielle Instrumentierung – wie die Ud mit der indischen Tabla, dem Cello sowie einer weiteren Percussion einen gemeinsames Klangbild erzeugt. Dazu braucht es handverlesene Musiker, die sich auf dem spielerischen Niveau des Bandleaders Joubran bewegen. Die Konzentration auf nur drei bis vier Instrumente lässt ein kleines, sehr intensives Kraftfeld entstehen, getragen von packenden Arrangements und dem abwechslungsreichen Spiel versierter Musiker. Der Albumtitel Borders Behind ist keine vorschnelle Losung, die vier Musiker lassen die Grenzen tatsächlich hinter sich, und aus Spuren von Klassik, Orient und Indien entsteht ein neuer, stimmungsvoller Zusammenklang.
Birger Gesthuisen



Bücher
 OSKAR KRÖHER: Vom Lagerfeuer ins Rampenlicht.
OSKAR KRÖHER
Vom Lagerfeuer ins Rampenlicht.
www.spurbuch.de
(– Baunach : Spurbuchverl., 2013. – 365 S. : mit s/w-Fotos.)
ISBN 978-3-88778-389-1, 29,80 EUR


Nach Das Morgenland ist weit – die erste Motorradreise vom Rhein zum Ganges, einem Bericht über eine Reise nach Indien, die Oss Kröher mit seinem Freund Gustav Pfirrmann zu Beginn der Fünfzigerjahre unternahm, der Autobiografie Ein Liederleben – eine Jugend im dritten Reich und seiner Nachkriegsgeschichte Auf irren Pfaden durch die Hungerzeiten ist die opulente, neueste Veröffentlichung Vom Lagerfeuer ins Rampenlicht nun bereits der vierte autobiografische Band, den Kröher vorlegt. In lebendiger, gut zu lesender Sprache schildert der Autor sein Leben in den Jahren von 1952, nach der Rückkehr aus Indien, bis zum ersten Waldeck-Festival 1964, an dessen Gründung er wesentlichen Anteil hatte. Ein Dutzend Jahre bundesrepublikanischer Geschichte aus der sehr persönlichen Sicht eines vielschichtigen, äußerst umtriebigen Zeitgenossen. Fast tagebuchartig erzählt Kröher von seinen Erfahrungen als Deutschlehrer an Schulen der US-Army in Pirmasens und Stuttgart, berichtet von seiner Familiengründung und den Unwägbarkeiten des Hausbaus, gewährt tiefe Einblicke in das Leben eines Handlungsreisenden (Kröher war einige Jahre als Vertreter für Damenschuhe unterwegs) und lässt den Leser auf plastische, zuweilen durchaus unterhaltsame Weise teilhaben an weiteren Reisen zu Lande, zu Wasser und in der Luft. Drei Konstanten durchziehen die vielfältige Welt des Oskar Kröher: sein Zwillings- und Sangesbruder Hein, das bündische Leben der damaligen Jugendbewegung sowie, mit Letzterem eng verknüpft, das Singen und Musizieren – internationale Folklore und traditionelle sowie eigene deutsche Lieder demokratischen Charakters. Die zahlreichen Liedbeispiele, die vielen Anekdoten und kleinen Begebnisse, bis ins letzte Detail hinein geschildert und immer wieder in wörtlichen Dialogen dargestellt, und nicht zuletzt der angehängte Bildteil machen das Buch insgesamt zu einer gleichermaßen angenehmen wie bereichernden Lektüre.
Kai Engelke
 EWAN McVICAR: ABC My Grannie caught a Flea : Scots Children’s Songs and Rhymes.
EWAN McVICAR
ABC My Grannie caught a Flea : Scots Children’s Songs and Rhymes.
www.birlinn.co.uk
(– Edinburgh : Birlinn, 2014. – VIII, 216 S.)
ISBN 978-1-78027-195-8, 7,99 brit. Pfund


Der Untertitel sagt eigentlich schon alles: Schottische Kinderlieder und -reime, die der Geschichtenerzähler, Autor und Songschreiber McVicar zwischen 1991 und 2006 in den Schulen gesammelt hat, angereichert durch Archivmaterial bis zurück ins Jahr 1842. All das ist fein sortiert nach Kapiteln wie „Sittin on yer Mammie’s Knee“ oder „In the roaring Playground“. Was beim Durchblättern und -lesen jedoch auffällt, ist, wie weit wir Erwachsenen uns von den kulturellen Aktivitäten unserer Kinder, ja, unserer eigenen Kindheit entfernt haben. Das ist in Deutschland nicht anders als in Schottland. Diese respektlosen und fantasievollen Reime sind Folklore im Reinformat: immer wieder neu erfunden, verworfen, aktualisiert mit Bezug auf zeitgemäße Phänomene zum Beispiel im Fernsehen oder Kino, manchmal brutal und manchmal mit überraschenden Einsichten. Dieses Buch ist eine kurzweilige Lektüre, die überdies keine Systematik erfordert: Mal hier eine Seite, mal dort eine, aber immer ein Lächeln im Gesicht. Ja, kaum zu glauben, so waren wir auch mal ...
Mike Kamp

 LAL WATERSON: Teach me to be a Summer’s Morning.
LAL WATERSON
Teach me to be a Summer’s Morning.
www.thebeesknees.com
(– London : Fledg’ling Books, 2013. – 72 S. + CD.)
ISBN 978-0-9926395-0-1, 25,- brit. Pfund


Ist es eine CD mit viel Drumherum oder ist es ein Buch mit CD in limitierter Auflage von 1.500 Exemplaren? Die Entscheidung fiel zugunsten Letzterem, zu Recht. Lal Waterson war Mitglied der berühmten englischen traditionellen A-cappella-Gruppe The Watersons, aber ihr musikalisches Spektrum reichte schon immer darüber hinaus in Richtung eigene Lieder, wie die beiliegende CD mit Demos beweist: Gesang und Gitarre, teils mit Bruder Mike oder Tochter Marry, gute Qualität – Songs reduziert auf das Wesentliche. Und die Lieder tauchen auf dem Qualitätspapier zwischen den dicken Buchdeckeln erneut auf: Textentwürfe, Auszüge aus Notizbüchern, korrigiert, durchgestrichen, ratlose Pausen, spontane Ideen, mit Schreibfehlern und grafischen Ansätzen. Die Bilder und Zeichnungen sind von großer Vielfalt. Der Rezensent ist alles andere als ein Kunstkritiker, aber die Gemälde mit Öl, Tinte, Bleistift, Wasserfarben auf Papier, Glas oder Steinen geben einen faszinierenden Einblick in die Gedankenwelt einer viel zu früh verstorbenen Künstlerin, die sich jedweden Materials bedient, um ihren Gedanken Ausdruck zu verleihen. Großer Dank gebührt Lal Watersons Tochter Marry, die uns diesen umfassenden Eindruck gewährt. Ein Kleinod!
Mike Kamp
 The Little Black Songbook of Donovan: : compl. lyrics & chords ; 80 classics.
The Little Black Songbook of Donovan
: compl. lyrics & chords ; 80 classics.
www.musicsales.com
(– London [u.a.] : Wise Publ., 2013. – 176 S. : nur Texte u. Akkorde. – (AM)
ISBN 978-1-78305-101-4, 18,90 EUR


Ein sogenanntes Fakebook, das Texte und Akkorde von achtzig Donovan-Songs enthält. Man fragt allerdings, wer so was kaufen soll, mit 18,90 Euro legt man verhältnismäßig viel Kohle hin. Dabei gibt es die Texte und Akkorde dieser Songs im Internet kostenlos. Enthalten sind, fein sortiert, Donovan-Klassiker vom „Hurdy Gurdy Man“ über „Atlantis“ bis hin zu „Josie“, Jennifer Juniper“ und viele andere. Das unverwüstliche „Catch The Wind“ ist selbstverständlich enthalten, aber auch jüngere Songs („Beat Café“) von den späten Alben. Immerhin sind den Texten jeweils sämtliche Akkorddiagramme vorweggestellt. Das Büchlein (im gigbagtauglichen Kleinformat) ist robust in einen Plastikumschlag gebunden. Na, dann ist das nächste Lagerfeuer mit Donovan-Songs gesichert.
Ulrich Joosten

 Heinke Fiedler: Letras de Tango : interpretadas por el Sexteto Milonguero / Heinke Fiedler y Sexteto Milonguero. – Erstausg.
Heinke Fiedler
Letras de Tango : interpretadas por el Sexteto Milonguero / Heinke Fiedler y Sexteto Milonguero. – Erstausg.
www.tanguentro.com
(– Düsseldorf : Eigenverl., 2013. – 80 S. : nur s/w-Fotos u. Songtexte.)
ISBN 978-3-00-042172-3, 49,- EUR


Ein wunderbarer Bild-/Textband, den Heinke Fiedler mit dem Sexteto Milonguero hier veröffentlicht hat. Zu den zwanzig Stücken der Doppel-CD Doble O Nada von Sexteto Milonguero (Rezension folgt) hat Heinke Fiedler hier Schwarz-Weiß-Fotos diverser Fotografen zu einem beeindruckenden Band (mit spanischen Songtexten und englischer Übersetzung) zusammengestellt. Durch die Schwarz-Weiß-Produktion und die Intensität, mit der viele der Fotos rüberkommen, ist allein das Blättern in dem Buch schon ein Genuss, man hat den Eindruck, die Freude der Musiker an der Musik zu spüren, auch wenn man die Musik nicht hört. Vom Tango selbst ist hier nicht viel zu sehen, will sagen: Tänzer/Tanzfiguren stehen nicht im Vordergrund, sondern die Musiker. Gerne hätte ich auch die kleineren Fotos formatfüllend gesehen, aber es ist verständlich, dass das in einem im Eigenverlag produzierten Band nur begrenzt möglich ist. Und damit sind wir auch bei der Schattenseite des „nur“ achtzigseitigen Bildbandes, der mit knapp 50 Euro einen stolzen Preis hat. Aber er ist wirklich schön anzuschauen, sodass das Buch nicht nur für Tangofans interessant sein dürfte, sondern hoffentlich höhere Aufmerksamkeit und Absatz erzielt.
Doris Joosten
 Alfons Hug (Hrsg.): Zeitgenössische Künstler aus Brasilien / hrsg. v. Alfons Hug i. A. von : Goethe-Institut u. Akad. d. Künste.
Alfons Hug (Hrsg.)
Zeitgenössische Künstler aus Brasilien / hrsg. v. Alfons Hug i. A. von : Goethe-Institut u. Akad. d. Künste.

(– Göttingen : Steidl, 2013. – 271 S. : mit zahlr. Abb. (Positionen ; 6))
ISBN 978-3-86930-672-8, 24,- EUR


Der sechste Band der Positionen-Reihe des Steidl-Verlags beschäftigt sich mit Brasilien. Wie immer in der Reihe werden ausgewählte Künstler in Interviews, Essays oder Porträts vorgestellt, es gibt keine theoretischen Abhandlungen zum Thema. Neben den Bereichen Bildende Kunst, Film, Tanz/Theater und Literatur wird auch die populäre Musik Brasiliens auf diese Weise „porträtiert“ – auf leider nur dreißig Seiten über Gaby Amarantos, Karina Buhr, Emicida, Patricia Palumbo, Thiago Pethit, Tulipa Ruiz. Insgesamt ist das Buch ein kompakter Überblick über die gegenwärtige brasilianische Kunst- und Kulturszene.
Doris Joosten

Deutschland
 FEE BADENIUS: Feelosophie
FEE BADENIUS
Feelosophie
www.feebadenius.de
(Reimkultur Musikverlag RKMV 523121)
14 Tracks, 55:32, mit dt. Texten u. Infos


Es gibt Liedermacher, die schreiben tolle, einfallsreiche Melodien und – als sei ihr Pulver damit verschossen – für die Texte reicht’s dann nicht mehr, die kommen dann eher flach und banal daher. Andere Songschreiber sind wahre Poeten, die ihre wirklich bedenkenswerten Texte anschließend in dürftige Melodien kleiden. Bei Fee Badenius, und das ist selten, klappt beides: Ihr fallen originelle, durchaus außergewöhnliche Texte ein, die sie mit Tonfolgen versieht, deren Abfolge man nicht schon ahnt, bevor sie tatsächlich erklingen. Sie singt mit zarter, unaufdringlicher Mädchenstimme von peinlichen Situationen („Worte dafür“), setzt ihrer Heimatstadt „Witten“ ein musikalisches Denkmal, beklagt ihre vermeintlichen Bildungsdefizite („Halbwissen“) und formuliert ein Liebeslied, das wie ein Festmahl konzipiert ist („Du schmeckst mir“). Wunderschön und durchaus nicht alltäglich auch ein weiteres Liebeslied mit dem Titel „Vorsicht – zerbrechlich“. Ihren Texten hat sie die entsprechenden Gitarrenharmonien beigefügt, sodass, wer mag, mitsingen und mitmusizieren kann. Ein in vielerlei Beziehung sehr sensibles, nahezu zartes Album.
Kai Engelke
 BLOCO EXPLOSAO PLUS FRIENDS AND BAND: Bloco Explosao Plus Friends And Band
BLOCO EXPLOSAO PLUS FRIENDS AND BAND
Bloco Explosao Plus Friends And Band
www.blocoexplosao.de
(Twonineteen Records)
Promo-CD, 13 Tracks, 39:43


Es gibt tatsächlich noch mal etwas Neues aus der Sambaregga-Szene. Nachdem man sich in den Neunzigern an Gruppen wie Olodum mehr als satt hören konnte, hatte man den Eindruck, dass danach neue Impulse fehlten. Neue Wellen wie Elektrobossa verdrängten die Musik aus Bahia im Aufmerksamkeitsspektrum. Dass sich im Sambareggae inzwischen viele andere stilistische Einflüsse geltend machen, zeigt der Berliner Afro-Samba-Bloco Explosao. Die Formation mischt bekannte Klassiker wie Miriam Makebas „Pata Pata“ oder Gilberto Gils „Toda Meninha Baiana“ auf, trimmt manche Titel mit entsprechender Verstärkung von Bläsern und Gitarristen auf James-Brown-Funk, Jazz oder Rock, und verwendet sogar einmal einen deutschen Text. Imponierend ist dabei, dass insbesondere bei den Klassikern nicht einfach nachgespielt, sondern sehr stark ein eigenes Arrangement gesucht wurde. Schließlich steigern die äußerst agilen Sänger die Dynamik noch um ein Vielfaches. Verstärkt wird der Bloco Explosao noch durch einige Gastmusiker von Olodum und Ilê Aiyê – vor allem merkt man aber: Hier hat sich die Sambareggae-Musik weiterentwickelt und garantiert mehr Abwechslungsreichtum als man vermuten würde!
Hans-Jürgen Lenhart

 RAFAEL CORTÉS: Cagiñí
RAFAEL CORTÉS
Cagiñí
www.rafaelcortes.com
(Herzog Records 901040 HER/Edel/Finetunes)
10 Tracks, 42:29, mit span. Infos


Rose. Schönste Blume. Cagiñí. So der Titel des neuen Albums des Essener Flamencogitarristen Rafael Cortés. „Wenn sie sich am Morgen öffnet, ist sie rot wie Blut ...“ – mit einem Gedicht aus dem Theaterstück Die Sprache der Blumen von Federico Garcia Lorca schlägt Cortés ein neues Kapitel seiner persönlichen Musikgeschichte auf. Kraftvoll, tänzerisch und gleichzeitig elegant und hochpoetisch. Dem traditionellen Flamenco eng verbunden und mit beiden Beinen in einer musikalischen Welt, die sich längst in alle Richtungen geweitet hat. Enorme Virtuosität ganz im Dienste des musikalischen Duktus. Cortés ist einer der ganz Großen, die in den Zeiten nach dem Tod von Flamencolegende Paco de Lucía dort weitermachen können, wo de Lucía sie alle hingeführt hat. Eine erlesene Sängerrunde findet sich auf Cagiñí vereint, Bruder Fali an der zweiten Gitarre, an Bass, Percussion und Saxofon. Gegen Ende des Albums mit „La Tarara“ noch einmal Garcia Lorca, die charismatische Stimme von Miriam Suarez und ein enorm bluesig aufspielender Cortés im Rumbagewand. Die sechste Einspielung des Ruhrpott-Gitanos ist ein hochemotionales Statement, das alles zu bieten hat, was gute Musik ausmacht und nicht nur Flamencofreunde interessieren dürfte.
Rolf Beydemüller
 KANNEMANN & MIKO: Nordfolk
KANNEMANN & MIKO
Nordfolk
www.kannemann-musik.de
(Rainsong Records RSO 102013)
10 Tracks, 51:38


Nordfolk ist die zweite Veröffentlichung, die der kantige Folkbarde Kannemannn aus Hamburg gemeinsam mit dem Geigenvirtuosen Miko Mikulicz eingespielt hat, seine fünfte insgesamt. Er singt vom Verlorensein auf dem weiten Meer („Neptuns Rache“), beklagt sich über Leute, die „immer nur Comedy wollen, nie Poesie“ („Muss ich wieder witzig sein“), macht sich lustig über den geschwätzigen Mitteilungsdrang von Promis wie Boris Becker, Thilo Sarrazin, Dieter Bohlen oder Karl-Theodor von und zu Guttenberg („Schreib ein Buch“) und wundert sich über die seltsamen Blüten, die eine politisch korrekte Erziehung zuweilen hervorbringt („Bilinguale Kita“). So richtig bei sich ist Kannemann besonders, wenn es um Möwen, Muscheln und Matrosen, Dünen und Deiche, wenn es um das Meer geht. Keiner seiner Songs ist unter vier Minuten lang – genug Zeit, um sich auf seine stimmungsvollen Klang- und Wortgemälde einzulassen. Geiger Miko, der mit seinem Instrument die unterschiedlichsten melodischen und rhythmischen Akzente setzt, trägt zum positiven Gesamtbild wesentlich bei. Quasi als Zugabe erklingt zum Schluss der City-Klassiker „Am Fenster“, den Kannemann & Miko live aufgenommen haben. Eine runde Sache!
Kai Engelke

 DESIREE KLAEUKENS: Wenn die Nacht den Tag verdeckt
DESIREE KLAEUKENS
Wenn die Nacht den Tag verdeckt
www.klaeukens.de
(Tapete Records TR277/Indigo)
Promo-CD, 11 Tracks, 40:45


Ist unspektakulär das neue spektakulär? Reicht es, wenn Lieder eigentlich eher Gedichte zu Musikbegleitung sind? Nach einer Ausbildung als Kfz-Mechanikerin scheint sich Desiree Klaeukens für einen Versuch als Liedermacherin plus Brotjobs wie Postzustellerin entschieden zu haben. Nils Frevert, Ex-Nationalgalerie, nahm sich der Wahlberlinerin aus Duisburg an, sie spielte Vorprogramme für ihn und Kollegen wie Gisbert zu Knyphausen oder Tom Liwa und begann, eine Stimme und einen eigenen Ton zu entwickeln. Schließlich nahm Wenn die Nacht den Tag verdeckt Gestalt an: elf mit ihrem ständigen musikalischen Weggefährten Florian Glässing geschriebene Meditationen über den Alltag einer Mittzwanzigerin hier und heute. Vordergründig die Liebe, darunter zumindest die Behauptung einer Haltung: Geduld – dargeboten mit einiger Seelenruhe und Lakonie, umso mehr da die Texte eher gesprochen werden als gesungen. Dazu legt eine kleine Band einen ruhigen und stetigen Fluss sanfter, melancholischer Melodien, der sich kaum einmal aufkräuselt, aber auch niemals versiegt. Ein stimmiges Album einer Frau mit ausgeprägtem Sinn für das Normale im Leben – und zunächst schon einmal Kraft genug, es auszuhalten.
Christian Beck
 THE MELODIC: Effra Parade
THE MELODIC
Effra Parade
www.themelodic.com
(Epitahp/Anti- Records 7250-2/Indigo)
15 Tracks, 47:25, mit engl. Texten


Das erste komplette Album der jungen Band aus Brixton, London. Obwohl selbst veritable Multiinstrumentalisten, haben über die Jahre mehr als ein Dutzend Gäste an Cello, Oboe, Trompete, Klarinette und vielem mehr ihren Beitrag geleistet. Die stilistische Bandbreite ist enorm. Perlende Afropopgitarren, Dub, Reggae, britischer Folk, jazzige Pianophrasen und Elemente aus Südamerika und Asien geben sich ein munteres Stelldichein. Munter, leicht und quicklebendig ist auch die Produktion. Glasklar, sehr transparent und dennoch warm und organisch klingend, lässt sie die hauptsächlich akustischen Instrumente wunderbar strahlen. Die Arrangements sind geschickt verschachtelt, aber nie überladen und die Mixtur der verschiedenen Einflüsse harmoniert bestens. Gesungen wird von Huw Williams und Anna Schmidt meist zweistimmig. Der Gesang wirkt allerdings merkwürdig distanziert und hat eher die Funktion eines weiteren Instruments. Dies ist auch das Manko des Albums, bei aller musikalischen Klasse bleiben die mitreißenden Songmomente rar. Irgendwo scheint auf dem Weg zum fertigen Album die Seele abhanden gekommen zu sein. In diesem Fall, wo all das Spiel so überzeugen kann, wirklich schade.
Dirk Trageser

 MISS PLATNUM: Glück und Benzin
MISS PLATNUM
Glück und Benzin
www.glückundbezin.com
(Four Music FOR 88691926632/Sony)
Promo-CD, 11 Tracks (fertiges Album: 12), 47:31


Die Balkanbeats von Chefa und The Sweetest Hangover hat Ruth Renner bereits seit Lila Wolken hinter sich gelassen; das Feuer, der Spielwitz, der Reiz, mit denen die geborene Rumänin aus Berlin zur Party einpeitschte – perdu. Nun geht es ernster zu – herkömmlicher, gewöhnlicher. Wo modern deutsch deklamiert wird, wird zur besseren Massenverträglichkeit ja gern ödes Pathos ausgewalzt, das ist im Elektropop offenbar nicht groß anders als im teutonischen „Soul“ solcher Vögel wie Xavier Naidoo. Bloß kein Witz und keine Leichtigkeit! So auch hier: „Wir sind irgendwo zwischen Erde und Raumschiff / Irgendwo zwischen weit weg und hier / Und wir fahren, fahren, fahren wie auf Schienen durch die Nacht, yeah / Die Luft schmeckt nach Glück und Benzin …“, heißt es im Titelstück – aber es klingt, als sei das kein Vergnügen. „Mein Kleid“, in dem Miss Platnum angeblich aufreißen geht – dito. „Nur die Liebe“ – dito. Und so weiter – kleine Ausnahme vielleicht das Softsoul-Gesäusel von „1000 Jahre Telefonieren“. Das klingt zwar auch eher nach Pflicht als nach Kür, aber wenigstens geschmeidig. Und das teils katastrophale Klangbild ist nach Amazon-Check offenbar auch kein Problem der Promo-CD.
Christian Beck
 RAINER VON VIELEN: Erden
RAINER VON VIELEN
Erden
www.rainervonvielen.de
(Motor Music RVV007P/Motor Entertainment/Edel)
Promo-CD, 14 Tracks, 51:32


Nein, sie haben beim Albumtitel nicht das „Bau, Steine …“ davor vergessen und sind auch keine Gewerkschaftsband, obwohl: Sie würden jedem DGB-Fest zur Ehre gereichen. Aber das wäre wohl zu einengend und zu speziell für die Band aus dem Allgäu. Sie spielen für alle und glauben, dass jeder an den Missständen der Welt etwas ändern kann, wenn er nur das Maul aufmacht. „Und mein Ärger ist nichts wert / Wenn von ihm keiner erfährt“, heißt es programmatisch in einer Textzeile der Singleauskopplung „Empört euch!“ Also Protestlieder? Ja, irgendwie schon. Aber mit viel Humor angelegt und ohne Verbissenheit gestaltet, auch musikalisch. Bei Rainer von Vielen wird das Aufbegehren tanzbar, als Ska, Reggae, Wüstenfunk. Die Band beherrscht einen beträchtlichen Stilmix, kombiniert alles organisch und liefert jede Menge Melodien und Ideen. Da klingt eine Variation über „Die Gedanken sind frei“ auch mal nach Deltablues, und bei „Du bist nicht allein“ stellen die Bayern die richtigen Fragen und jodeln dazu. Das Album ist ein Aufruf, sich zu erden und das Wesentliche zu erkennen. Dazu gehört auch die Liebe, die Rainer von Vielen unkitischig besingen in so ganz anderen Liebesliedern. Geerdet eben!
Volker Dick

Europa
 ÁRA: Vuoste Virdái
ÁRA
Vuoste Virdái
www.facebook.com/soundofara
(Westpark 87251/Indigo)
12 Tracks, 53:15, mit Texten und Infos


Außer Mari Boine ist es noch niemanden richtig gelungen, die spezifisch samische Musik, den Joik, kommerziell erfolgreich mit Pop- oder Jazzklängen zu kombinieren. Nicht, dass es an Versuchen gemangelt hätte, man denke an Nils-Aslak Valkeapää oder die Zusammenarbeit von Waltari mit Angelin Tytöt. Trotz aller Crossover-Versuche – Joiken bleibt sperrig und für den normalen internationalen Konsumenten zu ungewohnt für Chancen auf einen größeren Markt. Ára wird unter den gleichen Schwierigkeiten leiden. Die Band besteht aus sechs begnadeten Musikern, die sich bewusst entschieden, ihre samische Gesangstradition in die verschiedensten musikalischen Hintergründe zu integrieren und so ein neues Ganzes zu erzeugen. Das gelingt auch auf ihrem zweiten Album ausgezeichnet. Mal klingt es nach Bach, mal nach spirituellem neuem Pop à la Loreena McKennitt. Manchmal rockt es richtig, und oft fühlt man sich an ein modernes Jazzfestival erinnert. Die Schöpfungskraft der Musiker scheint keine Grenzen zu kennen. Und was für begnadete Joiker! Vuoste Virdái ist ein Album für Schamanen. Für Unerschrockene, für Lapplandfetischisten und für den Autor dieser Zeilen. Der Rest muss leider draußen bleiben ...
Chris Elstrodt
 MARA ARANDA I SOLATGE: Lo Testament
MARA ARANDA I SOLATGE
Lo Testament
www.mara-aranda.com
(Bureo Músiques 13BM007/Galileo MC)
14 Tracks, 60:04


Mara Aranda und ihre Gruppe Solatge aus Valencia haben auch in Deutschland einen guten Ruf. Bekannt wurde die Sängerin als Stimme von L’Ham du Foc und danach im Al Andaluz Project der Münchener Gruppe Estampie, Gewinner der Globalen Ruth 2012. Nach langjähriger Zusammenarbeit mit Efren Lopez wechselte sie nun zur Kooperation mit dem ebenso innovativen und kreativen Eduard Navarro. Zusammen schufen sie ein sehr abwechslungsreiches, lebenslustiges und faszinierendes Testament. Traditionsmusik aus dem Osten Spaniens wird verquirlt mit modernen Arrangements, treibenden Rhythmen und hörbarer Spielfreude. „Mareta“ ist zum Beispiel ein in Valencia bekanntes Schlaflied, welches seltsamerweise die Tochter der Mutter vorsingt – hier wunderbar entspannt mit Harfe und Kontrabass gestaltet. Druckvolle Melodien sind im Dudelsackstück „Dances Des Pricipat“ zu hören, einem flotten katalanischen Tanz im 6/8-Rhythmus. Favorit des Rezensenten ist aber „Ofici De Tenebres“, eine Mischung dreier traditioneller Stücke aus Valencia, zwei davon Weihnachtslieder. Faszinierend die Rhythmisierung und das Zusammenspiel von Dudelsack und Drehleier. Lo Testament ist ohne Einschränkungen zu empfehlen.
Piet Pollack

 VLADIMIR DENISSENKOV: Feeling & Passion
VLADIMIR DENISSENKOV
Feeling & Passion
www.vladimirdenissenkov.wix.com/ital
(Felmay Records Fy 8215/Pool Music & Media)
10 Tracks, 50:04, mit ital./engl. Infos


Der gebürtige Ukrainer hat gewichtige Gründe, gerade jetzt ein Soloalbum vorzulegen. Der heute 58-Jährige gilt als Meister des Bajans, einer Variante des chromatischen Knopfakkordeons, spielte nach klassischer Ausbildung an der Moskauer Philharmonie, emigrierte 1995 nach Italien und arbeitete von dort aus sowohl solistisch als auch in diversen Formationen in mehr als vierzig Ländern. „Die Titel dieser CD“, sagt er selbst, „sind eine Zusammenstellung meiner besten Stücke. Das wollte ich schon seit Langem machen.“ Andere Leute schreiben in diesem Alter ihre Memoiren. Ein Musiker spielt seinen Rückblick, seine Sehnsucht nach sich selbst. Entsprechend breit gefächert ist die Palette an musikalischem Aus- und Eindruck. Sie reicht von behutsamen, nahezu zärtlichen Tönen über verspielte Zitate und turbulente Läufe bis hin zu satten, erdschweren Harmonien, die das Bajan akustisch beinahe in die Nähe einer kleinen Orgel rücken. Zu hören ist ein grandioses musikalisches Bekenntnis, das stilistische Grenzen ebenso fließend übergeht wie regionale oder politische, seichten Trends künstlerische Souveränität entgegensetzt und damit – letzter Titel: „Speranza“ – Hoffnung macht.
Cathrin Alisch
 THE HENRY GIRLS: Louder Than Words
THE HENRY GIRLS
Louder Than Words
www.thehenrygirls.com
(Beste! Unterhaltung BU045/Broken Silence)
10 Tracks, 39:01, mit engl. Texten u. Infos


So puristisch die drei McLaughlin-Schwestern Karen, Lorna und Joleen live klingen können – auf Platte packen sie gern das große Besteck aus. Wie üppig das dann in Sachen Instrumentierung ausfallen kann, zeigt gleich das Eröffnungsstück „James Monroe“, ein Lied über einen notorischen Herzensbrecher: Zum dreistimmigen Gesang der Irinnen aus Donegal kommen neben Harfe und Akkordeon Schlagzeug, Fiddle, Bass, Resonatorgitarre und eine komplette Bläsersektion. Selbst wo es minimalistisch werden könnte, etwa beim nur von Hammondorgel begleiteten „Here Beside Me“, erheben sich die Stimmen des Inishowen Gospel Choir und feiern mit den drei Damen eine Sangesorgie. Das Trio bewegt sich weiterhin zwischen Folk, Bluegrass, Pop und Barbershop, bleibt Grenzgänger zwischen der Musik von diesseits und jenseits des Atlantiks. Insgesamt klingt das Album weniger dunkel eingefärbt als der Vorgänger December Moon, viele Songs federn leicht dahin. Und das fröhliche Trennungslied „No Matter What You Say“ könnte glatt ein Radiohit werden. Es kommen halt auch immer wieder die Dixie Chicks durch. Aber was soll’s. Hauptsache, es geht zu Herzen.
Volker Dick

 HANS FREDRIK JACOBSEN: Trå Dansen
HANS FREDRIK JACOBSEN
Trå Dansen
myspace.com/hansfredrikjacobsen
(Grappa Musikforlag/Heilo HCD 7276)
15 Tracks, 51:23, mit Texten u. norw. Infos


Hans Fredrik Jacobsen stammt aus der kleinen Hafenstadt Risør an der norwegischen Südküste – da, wo sie am idyllischsten ist. Alte Aufnahmen machen uns mit Spielleuten aus früheren Jahren bekannt, denen Jacobsen viele Anregungen verdankt – mit John Dillinger etwa, der gar nichts mit dem Staatsfeind Nummer eins gleichen Namens zu tun hatte, sondern ganz anders hieß und nur so genannt wurde. Beiden Dillingern ist hier ein schwungvolles Lied gewidmet. Hans Fredrik Jacobsen singt, spielt Gitarre und eine Vielzahl anderer Instrumente, etwa Akkordeon wie der lokale John Dillinger, dazu ein Instrument, das klingt wie eine Singende Säge. Er hat sich bedeutende Kolleginnen zur Hilfe geholt, nennen wir nur die Harfenistin Tone Hulbækmo und die Nyckelharpaspielerin Annbjørg Lien. Fast alles hat er selbst geschrieben, eigene Texte unterlegt er gern mit traditionellen Weisen – etwa im Auswandererlied „Til Norge Trygt Han Bød Farvel“, dessen Melodie überall in Europa von Küchenliedern bekannt ist. Große Ausnahme: das Traditional „Shenandoah“, hier rein instrumental gespielt, zum Heulen romantisch. In anderen Stücken geht es lebhaft zu, spöttisch, witzig – ein Album, das zum lebhaften Ort Risør passt.
Gabriele Haefs
 ALISE JOSTE: Alise Joste
ALISE JOSTE
Alise Joste
www.alisejoste.lv
(I love you Records/G-Records GM 084-2/Rough Trade)
12 Tracks, 43:09


Man möchte fast nicht stören. Die Songs der lettischen Singer/Songwriterin Alise Joste hören sich an wie akustische Tagebucheinträge – privat, bar jeglicher Berechnung, unprätentiös, bestechend in ihrer Einfachheit. In ihnen findet die Künstlerin eine Sprache, durch die sie mit anderen und sich selbst „ehrlich“ kommunizieren kann, ihre selbst diagnostizierte Schüchternheit gleichsam zu überwinden vermag. So kleidet Alise Joste ihre Erfahrungen und Empfindungen in reduzierte Liedformen, die sie auf der Gitarre begleitet und die trotz des fragilen Gerüstes subtile dramaturgische Entwicklungen durchlaufen. Das konsequent zurückgenommene Volumen von Stimme und Saitenarrangement geben dem Album ein homogenes Erscheinungsbild, erlauben jedoch jedem Song die individuelle Entfaltung im Kleinen. Alise Joste spielt mit Harmonien, mit Stimmfarben und Sprache, mit der sie in wenigen Worten lebhafte Bilder zeichnet, von dem einsamen Segler auf der Suche nach seinem Leuchtturm und einem Fall ohne Boden am Anfang einer neuen Liebe. Dass sie das Album im Alleingang aufgenommen und sich auf die eigenen Ideen verlassen hat, verhilft zu einem Aufbrechen der Distanz zwischen Produktion und Hörer.
Judith Wiemers

 JAAKO LAITINEN & VÄÄRÄ RAHA: Lapland-Balkan
JAAKO LAITINEN & VÄÄRÄ RAHA
Lapland-Balkan
www.mrjaakko.com
(Playground Music Finland PMF118)
12 Tracks, 42:40, mit finnischen Texten u. Infos


Die musikalische Globalisierung kennt keine Grenzen. In der Vermengung von Stilen, Färbungen und regionalen Varianzen nahm in den letzten Jahren besonders der Klangreichtum der Balkanstaaten eine prominente Rolle ein. Auch die Finnen von Jaakki Laitinen & Väärä Raha bedienen sich dem Instrumentarium, der vertrackten Rhythmik und den melancholischen Tiefen der Region Südosteuropa und kreuzen die akustische Inspiration mit Volksmusikanleihen aus dem heimatlichen Lappland. In den Eigenkompositionen der Band spiegeln sich die Gegensätze von Traurigkeit und Freude, der finnische Humppa – ein rasanter Tanz im Zweiertakt – koexistiert wie selbstverständlich neben Liedern über Sterblichkeit und soziale Ungerechtigkeit. Für den eklektischen Mix ihres Zweitlings Yö Rovaniemellä an Einflüssen und Instrumenten wie Trompete, Bouzouki, Akkordeon, die sich gegenseitig bereichern, wurde die Band 2012 mit dem Preis für das beste finnische Folkalbum prämiert, im vergangenen Herbst legten sie mit Lapland-Balkan nun ihr drittes Album vor.
Judith Wiemers
 LISA LESTANDER: Sånger Från Norr
LISA LESTANDER
Sånger Från Norr
www.lisalestander.com
(Westpark Music 87263/Indigo)
10 Tracks, 48:10, mit schwed. Texten u. schwed./engl. Infos


Lisa Lestander ist eine der Sängerinnen des schwedischen Gesangsquartetts Kraja. Während ihres Gesangsstudiums an der Königlichen Musikhochschule Stockholm beschäftigte sie sich mit den traditionellen, teils vergessenen Liedern der nordschwedischen Regionen Västerbotten, Norrbotten und Lappland. Das war naheliegend, da sie in Umeå aufgewachsen ist. Im Musikarchiv von Umeå fand sie dann so einiges aus der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts. Eine Auswahl davon arrangierte sie und nahm sie auf mit Unterstützung von Mats Öberg – Synthesizer, Klavier, Autoharp und Mundharmonika – und dem Saxofonisten Jonas Knutson, der schon beim letzten Kraja-Album dabei war. Es ist beeindruckend, wie er sein Spiel der Gesangstimme anpassen kann. Beide Begleitmusiker haben ihre Wurzeln ebenfalls in Västerbotten und damit genauso eine besondere Beziehung zu den traditionellen Liedern des Nordens. Ihre Vorliebe gilt inzwischen der Jazz- und Improvisationsmusik, die sie mit der warmen ungekünstelten Stimme Lestanders auf einfühlsame Weise verschmelzen. Alle Lieder wurden musikalisch modern weiterentwickelt. Die Texte entsprechen der damaligen Zeit, einige religiös, andere volkstümlich.
Bernd Künzer

 MOLDEN, RESETARITS, SOYKA, WIRTH: Ho rugg
MOLDEN, RESETARITS, SOYKA, WIRTH
Ho rugg
www.monkeymusic.at
www.ernstmolden.at
www.williresetarits.at
soyka.nonfoodfactory.org
www.alasac.com
(Monkey. MONCD112/Rough Trade)
12 Tracks, 39:00


Das alte Wienerlied ist tot. Und das neue steckt in der Krise. Es wirkt angefressen von der österreichischen Gemütlichkeit, angekränkelt von einer konzertanten Aufführungspraxis universitär bestens ausgebildeter junger Musiker, die auf Schönklang und nicht auf Wagnis aus sind, ausgehöhlt durch ein Dialektbewusstsein, das sich mit Sprachspielen und menschelnden Kalauern zufrieden gibt. Um aus dieser misslichen Situation herauszukommen, braucht es einen Quantensprung. Genau den vollbringen die vier Granden Molden, Resetarits, Soyka und Wirth, allesamt bewährte Aktivposten der Wiener Szene. Alle zwölf Titel wurden live eingespielt, und statt Angst vor falschen Tönen und in Virtuosentum gefärbtem Schönklang zu haben, feuert Hannes Wirth seine Stromgitarre mit Brachialgewittern ab, sodass Neil Young oder Marc Ribot ihre Freude hätten, taucht Walther Soyka sein Akkordeon eben nicht in Weinseligkeit, singen Willi Resetarits und Ernst Molden Lieder mit zwingender Eindringlichkeit. So gelingt es ihnen, typisch wienerisch zu klingen und gleichzeitig eine Musik zu spielen, die auf der Höhe der Zeit ist und nicht in die Formensprache der Altvorderen verfällt. Ein Quantensprung, tatsächlich!
Harald Justin
 OYSTERBAND: Diamonds On The Water
OYSTERBAND
Diamonds On The Water
www.oysterband.co.uk
(Navigator Records NAVIGATOR 087)
12 Tracks, 44:47, mit engl. Texten


Das erste Album mit neuem Material seit 2007, das erste seit dem Abgang von Chopper, das erste mit Produzent Al Scott als Gruppenmitglied – genügend Gründe, das neue Werk der Oysterband gespannt in die Lade zu schieben. So musizieren keine alten Männer! Die Musik treibt meist energisch voran, der Zwang zum Mitsingen ist in den meisten Songs ebenso eingebaut wie die Radiotauglichkeit. Und wenn es mal gefühlvoll wird, dann auch richtig, wie bei „Lay Your Dreams Down Gently“ – herrlich die weibliche Stimme von Rowan Godel – oder „Steal Away“. Nicht umsonst trägt das Album seinen Titel – in etlichen Liedern finden wir maritime Motive, und das Außencover verstärkt diesen Eindruck. Das Innencover wiederum zeigt die weite englische Landschaft in reflektierendem Licht, und auch das ist wohl kein Zufall – die Texte über Freundschaft, Vergänglichkeit oder den Wert von Musik spiegeln diese Stimmung wieder. Ein wenig untypisch für die Band: keine offensichtlich politischen Texte – abgesehen vielleicht vom ökologisch angehauchten Statement „The Wilderness“. Damit können wir leben. Das Urteil nach fast sieben Jahren fällt eindeutig aus: Es ist einfach nur gut, dass es die Oysters immer noch gibt.
Mike Kamp

 PÁDRAIG RYNNE: Notify
PÁDRAIG RYNNE
Notify
www.padraigrynne.com
(Liosbeg Records PRCD002)
11 Tracks, 49:40, mit Infos


Anglo-Concertina-Spieler Pádraig Rynne hat sich bereits mit der Modern Irish Trad Band Guidewires und auf Triad mit Sylvain Barou und Donal Lunny einen Namen gemacht. Nach vorsichtigen Annäherungen an nichttraditionelle Gefilde stellt er nun sein erstes echtes Crossoveralbum vor, ausschließlich mit Eigenkompositionen. Kompetente Unterstützung liefern Gitarrist und Multiinstrumentalist Tyler Duncan, Bassist Joe Dart, Schlagzeuger Mike Shimmin und als Gast Jeremy Kittel vom Turtle String Quartet. Eine blitzende transatlantische Produktion, die über die klanglichen Finessen staunen lässt, die heute technisch möglich sind. Vielschichtige Rhythmen und Klangsprengsel bis hin zum Theremin sorgen für viel Spannung und klangliches Wohlgefühl beim dafür offenen Hörer. Pop- und Funkeinflüsse sitzen perfekt zwischen den Tunes. Doch gibt es zwei Mankos: kompositorisch sehr verkopfte Melodien, zu manchem öffnet auch mehrmaliges Hören keinen emotionalen Zugang. Und: Die Konzertina – wiewohl fantastisch gespielt – tut sich auf dem rockigen Hintergrund klangästhetisch schwer. Dennoch: ein sehr hochkarätiges, ungewöhnliches Album, unbedingt hörenswert – je weiter zum Ende, desto umwerfender.
Johannes Schiefner
 ETTA SCOLLO: Lunaria – Dalla Favola Teatrale Di Vincenzo Consolo
ETTA SCOLLO
Lunaria – Dalla Favola Teatrale Di Vincenzo Consolo
www.ettascollo.de
(Jazzhaus Records JHR987/In-akustik)
13 Tracks, 39:37, mit Infos


Ein melancholischer Vizekönig, der unter dem Überschwang seiner Gemahlin und der Dekadenz seines Hofes leidet, quält sich durch die Tage unter der glutheißen Sonne seiner Stadt. Eines Nachts träumt er davon, dass der Mond zur Erde fällt. Was ihm als Albtraum erscheint, wird zur Weissagung: Der Mond fällt tatsächlich in einer abgelegenen Provinz seines Reichs zur Erde. Die Bauern dieses Landstrichs sind beunruhigt. Noch viel verwirrter zeigen sich die Gelehrten, deren Wissenschaft keine Erklärung für das Phänomen bereit hat. Autor der Geschichte ist der 2012 verstorbene sizilianische Schriftsteller Vincenzo Consolo. Die Komponistin und Sängerin Etta Scollo hat die Essenz der Fabel musikalisch umgesetzt. Entstanden ist ein poetisches, sizilianisch barockes Werk, aufgenommen in der Mailänder Wohnung, in der Consolo arbeitete. Mit wenigen, abwechselnd eingesetzten Instrumenten – Theorbe, Cello, Bendir, Gitarre – und Gesang führen uns die Musiker in eine imaginäre Vergangenheit. Höhepunkt des stimmungsvollen Konzeptalbums sind die mehrstimmigen Vokalsätze. Die exzellenten Grafiken des Booklets schaffen eine Verbindung zum Text, sind aber kein Ersatz für den fehlenden Textabdruck.
Martin Steiner

 TRAVELLING PEOPLE: On A Summers’s Day
TRAVELLING PEOPLE
On A Summers’s Day
www.traveling-people.de
(Eigenverlag)
11 Tracks, 47:43


Die Travelling People sind Chris Simmance (voc, acc, g) aus Salisbury und Julia Simmance (viol, voc) aus Augsburg. Chris Simmance, schon eine Weile in Deutschland aktiv, gab in seinen Veröffentlichungen im Laufe der Jahre Einblick in wechselnde Lebensstimmungen: glückliche Partnerschaft, Trennungsschmerz, Selbstzufriedenheit, neue Liebe. On A Summers’s Day ist das dritte Album mit Julia Simmance, seine Leichtigkeit und Verspieltheit lässt großes Glück erahnen. Neue Lieder wechseln mit altbekannten wie „Streetsinger“, diesmal wieder von Akkordeon statt Gitarre begleitet, oder „The Begging Song“. Chris Simmance experimentiert mit Intervallen, Zwischenrhythmen und anderem, verzichtet diesmal aber zum Glück wieder auf elektronische Percussion. Seine Musik ist rein handgemacht, außer von Julia Simmance auf der Geige bei einigen Liedern noch von einem Percussionisten und einem Querflöter begleitet. Vor allem „Windsor“ erinnert vom Klangcharakter her an Show of Hands. Ein sehr gelungenes Album, voller Liebe zum Leben, kreativ, etwas jazzig, etwas rockig, in der Tradition englischer Folkmusik. Einziges Manko: Anders als bei den früheren Alben fehlt ein Beiheft mit den Texten und Infos.
Michael A. Schmiedel



International
 DIVERSE: Shir Hodu – Jewish Song From Bombay Of The ’30s
 DIVERSE: Wandering Stars – Songs From Gimpel’s Lemberg Yiddish Theatre 1906-1910
DIVERSE
Shir Hodu – Jewish Song From Bombay Of The ’30s
www.jewishrecords.co.uk
(Renair Records REN0127/Indigo)
15 Tracks, 48:14, mit engl. Texten u. Infos


DIVERSE
Wandering Stars – Songs From Gimpel’s Lemberg Yiddish Theatre 1906-1910
www.jewishrecords.co.uk
(Renair Records REN0126)
26 Tracks, 76:26, mit engl. Texten u. Infos


Obwohl es sich im weitesten Sinne um Unterhaltungsmusik handelt, ginge die Behauptung, die vorliegenden Zusammenstellungen beinhalteten leichte Kost wohl weit an der Thematik und den Intentionen des Produzenten Julian Futter vorbei. Zu hören sind Aufnahmen aus den Jahren 1906-1910 (Wandering Stars) und 1937-1940 (Shir Hodu) von den Original-78er-Schellacks, auf denen sie ursprünglich veröffentlicht wurden. Die Beihefte beider CDs enthalten neben akribisch aufgelistetem diskografischem und biografischem Material auch umfangreiche historische Informationen. Die Aufnahmen wurden in zwei Städten gemacht, die heute andere Namen tragen, Lemberg und Bombay. Die älteren Aufnahmen entstanden im Jiddischen Theater von Jakob-Ber Gimpel im damals noch zur Habsburgmonarchie gehörenden Lemberg, heute Lwiw, Ukraine. Zu hören sind neben Liedern, Couplets und Dialogen auch die Sequenz einer Lesung des Dichters Schalom Rabbinowicz alias Sholem Alejchem, dessen Roman Blondzhende Stern zum Titel dieses Albums gewählt wurde. Im heutigen Mumbai entstanden schließlich die Aufnahmen von Shir Hodu („Lobgesang“), auf denen vier populäre Sänger jener Ära religiöse Texte mit einer Art Folkmusik verbinden, die wir heute zwischen Qawwali und Bollywood ansiedeln würden. Beide Veröffentlichungen enthalten sorgsam und liebevoll zusammengestellte Tondokumente längst vergangener Musikkulturen in historischer Klangqualität. Wie gesagt: keine leichte Kost. Aber wer hätte je behauptet, Musikgenuss habe immer etwas mit Bequemlichkeit zu tun?
Walter Bast
 GIORA FEIDMAN JAZZ EXPERIENCE: Klezmer Meets Jazz
GIORA FEIDMAN JAZZ EXPERIENCE
Klezmer Meets Jazz
www.giorafeidman-online.com
(Pianissimo Music PM 0930/Edel:Kultur)
17 Tracks, 50:14, mit engl u. dt. Infos


Eine komplett neue Erfahrung wird die Begegnung mit dem Jazz für den großen alten Mann der Klezmerklarinette wohl nicht gewesen sein, ergänzen und beeinflussen sich die beiden Musikstile schließlich mindestens seit der großen Zeit der Big Bands in den Dreißigern. Doch Giora Feidman und seine Mitstreiter Stephan Braun (Cello), Reentko Dirks (Gitarre) und Guido Jäger (Bass) ruhen sich nicht auf den größten Hits beider Genres aus – Sholom Secundas „Bei mir bist du schön“ fehlt denn auch folgerichtig –, sondern nähern sich jedem Stück mit den musikalischen Mitteln der „Gegenseite“ an. Ein schönes Beispiel hierfür ist Duke Ellingtons und Juan Tizols „Caravan“, ein Stück, das nicht nur von Jazzbands, sondern auch von Hunderten Varieté- und Zirkuskapellen zu Tode gespielt wurde. Durch Feidmans wundervoll expressiven Klarinettenton bekommt das Stück hier die „orientalische Seele“, die den Komponisten vorgeschwebt haben mag. Leider endet das Stück mit einer unmotivierten Ausblendung, kurz nachdem Gast Florian Poser sein Vibrafonsolo beendet und Feidman die Melodie wieder aufgenommen hat. Doch abgesehen von solch kleinen Unzulänglichkeiten ist Klezmer Meets Jazz uneingeschränkt zu empfehlen.
Walter Bast

 ALASDAIR FRASER & NATALIE HAAS: Abundance
ALASDAIR FRASER & NATALIE HAAS
Abundance
www.alasdairfraser.com
www.nataliehaas.com
(Culburnie Records CUL124/Greentrax Recordings)
16 Tracks, 59:07, mit knappen engl. Infos


Alasdair Fraser und Natalie Haas sind einzigartig. Sie haben die alte schottische Tradition des Zusammenspiels von Fiddle und Cello wiederbelebt und in die Jetztzeit gebracht. Letzteres gilt vor allem für das Cello, denn in früheren Zeiten wird dieses Instrument wohl kaum zu solch solistischen und perkussiven Eskapaden gegen den Strich gekämmt worden sein wie das bei Haas der Fall ist. Die musikalische Interaktion zwischen dem in Amerika lebenden Schotten Fraser und der Amerikanerin Haas wird immer enger und intensiver. Das ist besonders bei den sechs Stücken gut zu spüren, auf denen nur die beiden zu hören sind. Auf dem großen Rest des Albums und seinen alten und neuen Melodien kommen insgesamt neun Gäste zum Zuge, die den Klang manchmal dezent, manchmal sogar Richtung Band anreichern. Das ist ungemein spannend und abwechslungsreich, aber der wahre Genießer weiß: Pur sind Alasdair Fraser & Natalie Haas das wahre Erlebnis.
Mike Kamp



Nordamerika
 THE CALIFORNIA HONEYDROPS: Like You Mean It
THE CALIFORNIA HONEYDROPS
Like You Mean It
www.cahoneydrops.com
(Tubtone Records)
13 Tracks, 51:25, mit engl. Texten u. Infos


Die Kapelle, die unter dem Namen The California Honeydrops mit Like You Mean It nach einem Livemitschnitt vergangenen Herbst ihr famoses drittes Studioalbum vorgelegt hat, fand sich in ihrer Urbesetzung 2007 in der U-Bahn von Oakland zusammen. Solch ein Niveau möchte man in Stadtmitte oder an der Möckernbrücke und wie die Stationen im Land alle heißen auch einmal erleben! Trompeter Lech Wierzynski, noch in Warschau geborener Sohn polnischer Einwanderer in die USA, singt und spielt mit seinen Begleitern uramerikanische Musik mit einer Kraft, einem Charme und einer Begeisterung, als hätte er das alles gerade erst erfunden: viel New Orleans und eine infektiöse Mischung aus Blues, Rhythm and Blues und Soul, überwiegend von einer mitreißenden, lustvollen, lebensfrohen Sorte, wie man sie lange nicht gehört hat. Inzwischen bekommt das Gebräu mitunter einen Party- und Tanzbodenschmiss, dass es einen nicht wundern müsste, wenn sich die Band in Kürze an der Spitze des Soulrevivals wiederfinden würde, das seit geraumer Zeit im Gange ist. Mitreißender wird’s kaum – besinnlichere Töne und das Wissen um die Dinge, die einem all die Lebenslust durchaus auch einmal vermiesen können, inklusive.
Christian Beck
 EDDIE COTTON: Here I Come
EDDIE COTTON
Here I Come
www.eddiecottonjr.com
(DeChamp Records DC100114)
10 Tracks, 38:15


Der aus Mississippi stammende Eddie Cotton überzeugt mit Here I Come gleich zweifach: als Bluesgitarrist mit schön klarem, unverzerrten Ton, und als Soulsänger mit einer sanften, weichen Stimme. Eine perfekte Kombination aus B. B. King und Curtis Mayfield also, und auch die Songauswahl ist stilistisch sehr gelungen. So gibt es mit dem Titelstück und „A Woman’s Love“ gleich zwei Slow Blues, dann mit „Friend To The End“ eine Gospelballade, mit „Pay To Play“ und „Berry So Black“ je einen Up-Tempo und einen Chicago Shuffle und weiter noch Funk mit „Get Your Own“ oder Reggae mit „No Love Back“. Begleitet wurde Cotton von sehr gestandenen Studiomusikern, von denen vor allem Sam Brady an der Orgel und Grady Champion an der Harp immer wieder solistische Akzente setzen. Zwei Kritikpunkte an diesem sonst sehr schönen Album: Zum einen ist die Spielzeit mit gerade mal 38 Minuten sehr kurz bemessen, und warum dann auch noch einige der Stücke vorzeitig ausgeblendet werden, ist vollends unverständlich.
Achim Hennes

 JJ THAMES: Tell You What I Know
JJ THAMES
Tell You What I Know
www.jjthamesmusic.com
(DeChamp Records DC100214)
11 Tracks, 41:03, mit engl. Infos


Die amerikanische Sängerin JJ Thames hat mit viel Gefühl und Livemusikerfahrung eine besondere Gospel-Blues-Scheibe eingesungen. Aufgezeichnet und produziert wurden die Songs von Sam Brady in dessen Sam Brady Recording Studio. Die dreifache Mutter hat mit intensiver und rauchiger Stimme viele Geschichten zu erzählen. Sie beweist ihre Klasse gleich beim ersten Titel „Souled Out“. „My Kinda Man“ und „Can You Let Somebody Else Be Strong“ sind opulent mit Instrumenten besetzt und wirken überproduziert, aber insgesamt ist die Platte durch Thames’ tragende Stimme ihr Geld wert. Als Musiker sind dabei: Celeb Armstrong (Gitarre), Grady Champion (Mundharmonika), Todd Bobo (Tenorsaxofon), Richard Beverly (Trompete), Mike Weidick (Posaune), Sam Brady (Keyboards) und Vince Barranco (Schlagzeug).
Annie Sziegoleit
 THIEVERY CORPORATION: Saudade
THIEVERY CORPORATION
Saudade
www.thieverycorporation.com
(ESL Music ESL220/Rough Trade)
13 Tracks, 42:10


Das amerikanische Clubmusikduo Thievery Corporation hat sich einst aus Interesse an brasilianischer Musik zusammengetan. Auf Saudade aktualisieren Rob Garza und Eric Hilton nun den Bossa Nova zu einem schwebenden Kuschelsound á la George Michael mit lasziven Stimmen im Stil von Ive Mendes – mit gleich fünf verschiedenen Sängerinnen. Die besondere Leistung der beiden Musiker ist jedoch, hier mit solchem Respekt vor dem Erbe Tom Jobims und Co gearbeitet zu haben, dass die Vorbilder modernisiert werden, ohne dabei ihren Charakter einzubüßen. Die Musik wirkt weder überproduziert noch zu sehr auf Zeitgeist getrimmt. Schwebende Klänge und akustische Gitarre genügen meist. Vielmehr scheint man hier eher der Frage nachgegangen zu sein, wie man die melancholisch-entspannte Stimmung der Bossa-Nova-Klassiker ins nächste Jahrzehnt holen kann ohne nur retro zu wirken. Das haben schon viele vergeblich versucht, Garza und Hilton ist es nun überzeugend gelungen. Wolkengleich schwebt man mit diesen Songs. Und ein Schuss Chanson ist auch noch dabei. Das instrumentale Titelstück mit halliger Bongo und akustischer Gitarre verdient besonderen Lobpreis. Musik zum Seufzen – Saudade eben.
Hans-Jürgen Lenhart

 LES TIREUX D’ROCHES: Xo 15 Ans D’Âge
LES TIREUX D’ROCHES
Xo 15 Ans D’Âge
www.tireuxderoches.com
(Musicor MQMCD-2467)
12 Tracks, 42:06, mit franz. Texten


Fünfzehn Jahre und nunmehr fünf Alben lang sind sie zusammen, die fünf agilen Steinewerfer – so die Übersetzung des Bandnamens – aus der Provinz Quebec um Gründungsmitglied und Frontmann Denis Massé. Längst haben sie sich von der heimischen traditionellen Musik abgenabelt. Dennoch scheinen bei ihrer Musik die frankokanadischen Wurzeln deutlich durch, und das nicht nur des typischen Call-and-Response-Gesangs wegen. Das Instrumentarium – Akkordeon, Gitarre, Bouzouki, Banjo, Mundharmonika, Flöten, Saxofon, Bassklarinette, Percussion – und vor allem die fünf Stimmen werden kreativ und abwechslungsreich eingesetzt. Die Arrangements bastelt die Band zwar generell gemeinsam, die zentrale Figur ist und bleibt aber Massé, der bei den Liedern häufig auch als Autor seine Finger im Spiel hat. Und so swingt und rockt die Band schwungvoll und originell fröhlich vor sich hin und erinnert – was so ganz weit her geholt ja auch nicht ist – den Laien aus Mitteleuropa manchmal ein wenig an die Musik der Bretagne. Vor allem aber klingt die Musik nach Les Tireux d’Roches – und das ist ein Kompliment!
Mike Kamp
ALL THE LUCK IN THE WORLD
All The Luck In The World
www.facebook.com/alltheluckintheworld
(Barfilm Records & Haldern Pop Recordings BR-0001/Rough Trade)
11 Tracks, 42:10


Das Haldern Pop Recording Studio bestätigt sein untrügliches Händchen für talentierte junge Bands, denen eine erfolgreiche Zukunft bevorsteht. Die drei Iren von All the Luck in the World greifen den tanzbaren Britpop auf, den ihre nordirische Kollegen von Two Door Cinema Club vorgelegt haben, mit einem besonderen Augenmerk auf unaufgeregte Akustikarrangements.


BRAAGAS
Fuerte
www.braagas.com
(Indies Scope Records MAM508-2/Broken Silence)
12 Tracks, 42:44


Die tschechische Frauenband bringt auf ihrem 2012 erschienenen vierten Album Traditionsmusik quer durch Europa und hat sich mit einem Kontrabassisten verstärkt. Der Schwerpunkt liegt im Bereich Balkan und bei sephardischer Musik: fröhliche Tänze, mehrstimmiger Gesang, von Geigen und Percussion dominierte Instrumentierung.

BRIAN
Sing Again
www.rocknfolk.de
(Mewlip Records)
7 Tracks, 34:57


Man kann gute Lieder auch erschlagen, zum Beispiel mit dem Schlagzeug. Die sechsköpfige Stuttgarter Band mit zwei Gästen bietet einen Folkrock auf irischer Basis mit großenteils eigenen Texten. Einen Hauch von Siebzigern bringt die Hammondorgel. Anja Rambows hohe Stimme klingt schöner bei den langsameren, getragenen Liedern. Texte im Beiheft.


FAMARA
Karibu
www.famara.ch
(N-Gage Productions NG 01211-2/New Music Distribution/Membran)


Dass Thomas Nikles und Band, die mit Karibu Album Nummer neun vorlegen, musikalisch kompetenten Reggae spielen, wurde beim Folker bereits mehrfach vermeldet. Das afrikanische Patois des gelernten Percussionisten aus dem Baselländer Leimental bleibt trotzdem schräg und verquer – vom ewigen „Jah-Rastafari“-Gerede eines Mitteleuropäers ganz zu schweigen.

RAPHAEL GUALAZZI
Happy Mistake
www.raphaelgualazzi.com
(Sugar Music/Parlophone Music/Warner France)
16 Tracks, 60:44


Der italienische Pianist aus Urbino weiß zu gefallen. 2011 siegte er beim Sanremo-Festival in der Kategorie „Newcomer“. Im gleichen Jahr belegte er beim Eurovision Song Contest den zweiten Platz. Sein Stil: clever produzierte, eingängige Songs und Canzoni zwischen Pop, Soul und Jazz.


THERESE HONEY
Summer’s End
www.theresehoney.net
(Waterbug)
16 Tracks, 57:40


Elfengleiche keltische Harfenmusik aus Houston, Texas, ein reines Solo-Album, das vierte seit 1987. Man mag nach dem Durchhören sofort wieder auf Start drücken, so wunderbar verschmelzen im Wechsel von langsamen Airs und schnellen Tanztunes die letzten vier Jahrhunderte miteinander zu einer traumhaften Einheit. Infos dieser Produktion im Umschlag.

HUNDRED SEVENTY SPLIT
HSS
www.hundredseventysplit.com
(Corner House Records 007/H’Art)
10 Tracks, 55:48


Ein Bluesrock-Powertrio: Bassist Leo Lyons war Gründungsmitglied der britischen Band Ten Years After, Gitarrist Joe Gooch ersetzte dort Alvin Lee – und mit Schlagzeuger Damon Sawyer geht es denn auch entsprechend engagiert zur Sache. Das Schwergewicht liegt mehr auf Rock als auf Blues, die Musik ist dabei jedoch eher melodisch als brachial.


PHRASENMÄHER
9 Hits, 3 Evergreens
www.hochklappdings.de
(Flowfish Music/Sony Music 88843001672)
13 Tracks, 43:14


Das ambitionierte norddeutsche Poptrio um die Brüder Jannis und Lenne Kaffka will mit flotten, witzigen, aber auch etwas seichten Songs in die Hitparaden. Einen Eintrag ins Guinness Buch der Rekorde haben sie schon, da sie ihr Lied „Zwei Jahre in“ – Normalversion auf 9 Hits, 3 Evergreens – mit neuen Refrains auf über neunzig Minuten ausgedehnt haben.

POOR ANGUS
Gathering
www.poorangus.com
(Borealis Records & Fogarty’s Cove Music)
11 Tracks, 40:02


Das Quintett aus Toronto, Ontario hat sein Herz in den schottischen Highlands, doch zu den Highland Pipes gesellen sich die Uilleann Pipes und zu den inselkeltischen Folk- auch nordamerikanische Countrytöne, woraus sich eine herzhaft-deftige und doch auch fein gespielte Musik ergibt. Auch Rawlins-Cross-Fans sollten zugreifen! Infos im Umschlag.


JOE TILSTON
Embers
www.joetilston.wordpress.com
(Fellside Recordings FECD255)
10 Tracks, 43:58


So klingt es, wenn sich der Sohn zweier britischer Folkgrößen – Maggie Boyle und Steve Tilston – zur Abwechslung auf den Weg vom Punkbassisten in Richtung Folk macht: ziemlich akustisch, ziemlich roher Gesang, die Songthemen zwischen Wut, Erinnerungen und Alltagsphilosophie. Für manchen Folkie sicherlich gewöhnungsbedürftig, aber definitiv ehrlich!

PETER WALKER
„Second Poem To Karmela“ Or Gypsies Are Important
www.myspace.com/peterwalkerguitarist
(Light In The Attic LITA 113/Vanguard Records)
10 Tracks, 47:48


Der amerikanische Sarodspieler Peter Walker beteiligte sich mit diesem Album 1968 – angeregt von Ravi Shankar und Ali Akbar Khan – an einem Experiment, für das Joachim-Ernst Berendt den Begriff „Weltmusik“ zwar schon erfunden, aber noch nicht globalisiert hatte. Manches klingt noch unfertig, manches aber auch schon visionär. Hier erstmals auf CD.


Lange Onlinerezensionen
 LISTOLET: Malý Kluk
LISTOLET
Malý Kluk
www.listolet.cz
(Indies Scope MAM533-2)
12 Tracks, 51:58, Booklet mit tschech. Texten


Wieviel Pop verträgt der Folker? Eigentlich war dieses schöne Album der tschechischen Band Listolet schon ausgesondert, als der Blick noch auf die Info fiel, dass die Kapelle ihre Musik selbst als Folktronic charakterisiert. Die Beschreibung stimmt zwar nicht, denn die Musik ist weder folkig noch elektronisch, sondern guter Indiepop. Aber das Bekenntnis zur Folkszene soll durch eine lobende Besprechung belohnt werden. Immerhin sind gelegentlich auch Folkinstrumente zu hören, hier eine Mandoline, dort ein Akkordeon oder ein Glockenspiel. Was die Veröffentlichung aber so liebenswert macht, sind die gelegentlichen Trompetenarrangements, die meist erst gegen Ende einsetzen, aber sofort das Herz öffnen. Überwiegend singen Listolet auf Tschechisch, außer bei „Lullaby“, das auch internationales Format hat. Die Grundstimmung des Albums ist melancholisch. Kein Wunder – der Bandname Listolet steht für einen erfundenen Monat zwischen Oktober und November. Maly Kluk ist das zweite Album der sechsköpfigen Band aus Brünn.
Christian Rath
 CHRISTINA PLUHAR: Music For A While – Improvisations On Henry Purcell
CHRISTINA PLUHAR
Music For A While – Improvisations On Henry Purcell
www.christina-pluhar.de
(Erato/Warner Classics)
17 Tracks, 76:21


Mit äußerst hochwertigen Klassikalben fast im Jahresabstand und ihrem Ensemble L’Arpeggiata ist die in Paris lebende Christina Pluhar – Barockharfe, Laute, Konzertgitarre – einer der gefragtesten Künstlerinnen im Bereich Alte Musik. Typisch sind ihre starke Experimentierfreude, das bewusste Hinausgehen über den auf Mitteleuropa fixierten Mikrokosmos der Barockmusik und exzellente Mitstreiter. Nach Monteverdi, Südamerika und Mediterraneo folgt nun erneut ein scharfer Kurswechsel. Music For A While enthält jazzige Improvisationen über Henry Purcell, den bedeutendsten Komponisten des englischen Hochbarocks. Als Gäste wirken Counter-Star Philippe Jaroussky und Jazzklarinettist Gianluigi Trovesi mit. Klassikpuritanern wird diese Scheibe nicht gefallen. Dem neugierigen, nicht auf ein Genre fixierten Zuhörer könnten die jazzigen Gitarrenläufe Wolfgang Muthspiels, Gianluigi Trovesis Klarinetteneinwürfe und der entspannte Mitternachtsjazz inmitten der Barockmusik aber durchaus zusagen. Als Bonustrack noch ein Schmankerl – Leonard Cohens „Hallelujah“ als Gegenstück zu Purcells „Evening Hymn On A Ground“ mit originellem Instrumentalteil. Erstaunlich, wie modern und cool Barockmusik klingen kann.
Piet Pollack

Australien/Ozeanien
 TIM McMILLAN: Wolves Of Stünz
TIM McMILLAN
Wolves Of Stünz
www.timmcmillan.net
(T3 Records T30026-2/Galileo MC)
15 Tracks, 42:47


Das vierte Album des Ausnahmegitarristen Tim McMillan lässt den Hörer sprach- und fassungslos zurück. Woher kommt der Zauber? Dass das filigrane Gitarrenspiel des Australiers mitreißend ist, weiß der gut informierte Folkfan schon aus der Naked-Raven-Zeit Mitte der Neunziger. Aber mit einer gut gespielten Gitarre alleine wäre die Faszination dieses Albums nicht zu erklären. Wolves Of Stünz ist ein Geniestreich, eine lupenreine Progressive-Rockscheibe mit starkem Hang zum Jazz – als akustisches Folkalbum getarnt. McMillan klingt, als hätten sich Pink Floyd wiedervereinigt und ihre Alben erneuert, aber nur mit akustischer Gitarre aufgenommen. Es klingt einerseits, als hätte sich Frank Zappa in Joan Baez verliebt, und andererseits doch immer noch nach keltischem Liedermacher à la Luka Bloom. Die vertrackten Kompositionen, die verfrickelten Arrangements, die präzisen, durchgestylten Gesangspassagen, die Spielfreude, die sich in Improvisation auslässt, entfernen dieses Album meilenweit von den klassischen Singer/Songwriter-Veröffentlichungen der heutigen Zeit. Ein Album für Liebhaber von Yes oder Martin Barre. Nur wer Material für seinen nächsten Singkreis benötigt, muss weiter suchen ...
Chris Elstrodt



WIEDERVERÖFFENTLICHT
 BOB FRANK: Bob Frank
BOB FRANK
Bob Frank
www.bobfranksongs.com
(Vanguard/Light in the Attic Records LITA 112/Cargo Records)
13 Songs, 28:25, mit engl. Texten u. Infos


Bob Frank hat es sich in seinem Leben nicht leicht gemacht. Als junger Mann diente er in Vietnam, danach wurde er Songschreiber in Nashville. Viele seiner Songs passten nicht in die dortige Musiklandschaft, landeten aber schließlich 1971 auf seinem hier nun erstmals digital vorliegenden Debütalbum Bob Frank auf dem renommierten Vanguard-Label. Doch auf der Veröffentlichungsparty schoss Frank quer und spielte keinen der darauf befindlichen Songs. Fortan wurde er vom Label komplett ignoriert. Um seine Familie zu ernähren, nahm er irgendwelche Jobs an, erst 2001 erschien wieder ein neues Album von ihm. Das Debüt hat mittlerweile Legendenstatus erlangt. Wirkte auch Franks Musik der letzten Jahre rückwärtsgewandt, so steht dies auf Bob Frank noch sehr viel deutlicher im Vordergrund. Ein wichtiger Einfluss ist hörbar Jimmie Rodgers, der „Singing Railman“. Früher Blues klingt an, Ragtime, und Hillbilly-Musik. Doch Frank zitiert nicht einfach nur, sondern verleiht seinen Liedern einen ganz eigenen Klang. Vierzig Jahre später hat diese Knorrigkeit ein wenig Patina angesetzt, doch das Album keinesfalls verstaubt. Eher wirkt es wie ein Gruß aus einer Zeit, die bis in die Gegenwart wirkt.
Michael Freerix
 MARK T. & THE BRICKBATS: Middle East To Mid West – Re-loaded
MARK T. & THE BRICKBATS
Middle East To Mid West – Re-loaded
www.circleofsounds.co.uk
(Circle of Sound)
12 Tracks, 62:11


Wiederveröffentlichung einer ziemlich forschen und unorthodoxen Mischung aus englischem Folk und weltmusikalischen Einflüssen – griechisch, chinesisch et cetera. Eingespielt Mitte, Ende der Achtziger von vier Engländern auf Saxofon, Klarinette, Melodeon, Hackbrett, Tin Whistle, Bouzouki, Keyboards und weiteren Instrumenten. Mit zusätzlichen Titeln.


Afrika
 ZANMARI BARÉ: Mayok Flér
ZANMARI BARÉ
Mayok Flér
www.labelcobalt.com
(Cobalt 138837/Broken Silence)
14 Tracks, 67:25, mit kreol. Texten


Das nennt man konsequent: Das komplette Beiheft mit seinen Liedtexten und Erläuterungen ist in kreolisch! Manches lässt sich über das Französische ableiten und erahnen, aber die meisten Klage/Liedinhalte bleiben dem Hörer verschlossen. Sei's drum, der einschmeichelnde Gesang, die sehr sparsam und repetitiv eingesetzten akustischen Saiten- und Percussioninstrumente entwickeln eine fast hypnotische Wirkung. Liederschreiber und Sänger Zanmari Baré steht in der Tradition der Mayola-Musik, einer gewissermaßen dem Blues verbundenen, recht melancholisch anmutenden Gesangskultur der Insel La Réunion im Indischen Ozean, die ihre Wurzeln in der 1848 abgeschafften Sklaverei hat und bis heute intensiv nachwirkt. Erstaunlich, wie viele Künstlerinnen und Künstler den Mayola am Leben erhalten und erneuern, etwa Christine Salem oder Danyel Waro. Letzterer stellte für Zanmari Barés Debütalbum nicht nur seine Band zur Verfügung, er interpretiert auch das fast siebenminütige „Nout Lang“ mit großer Intensität und ohne Begleitung! Dem steht Baré mit seiner glockenhellen Stimme nicht nach. Die Melodien laden oft zum Mitsummen ein, verströmen gleichwohl eine betörende Melancholie. Absolut beeindruckend!
Roland Schmitt
 NOURA MINT SEYMALI: Tzenni
NOURA MINT SEYMALI
Tzenni
www.nouramintseymali.com
(Glitterbeat GBCD 016/Indigo)
Promo-CD, 10 Tracks, 41:32


Mauretanien rockt! So einfach lässt sich das Gehörte auf einen Nenner bringen. Nix da mit entspannter Akustiksaitenmusik zu meditativem Gesang. Der Albumtitel bedeutet nicht ohne Grund „Wirbeln“. Er steht in der Tat für die rotierende Tanzmusik mauretanischer Griots, wie sie vor allem in Vierteln der Hauptstadt Nouakchott anzutreffen ist. Noura Mint Seymali singt mit aller Inbrunst, spielt dazu die Ardine, eine der Kora verwandte Stegharfe. Das pentatonische Tonsystem der meisten Stücke zieht unweigerlich Vergleiche zum Blues, auch zum „Desert Rock“ der Tuareg-Bands nach sich. Ehemann Jeiche Ould Chigaly gibt den „Guitar Slinger“, nutzt auch die Möglichkeiten der Tidinite, eines anderen mehrsaitigen Instruments, sich elektrifizieren zu lassen. Die am Bluesrock orientierte Rhythmusgruppe mit Bassist Ousmane Touré und Drummer Matthew C. Tinari sorgt für die nötige „Bodenhaftung“. Tinari zeichnete auch für die Produktion verantwortlich. Die Textinhalte bleiben leider im Verborgenen. Doch sollen sie – wie nicht anders zu erwarten – nahestehende und/oder bedeutende Menschen wie Noura Mint Seymalis Großmutter preisen und Allah ehren. Tradition und Moderne kommen bestens zusammen.
Roland Schmitt

Besondere
 KALÜÜN: Spöören
KALÜÜN
Spöören
www.kaluun.de
(Eigenverlag)
11 Tracks, 37:19, mit nordfries. Texten u. Infos



Der Bandname Kalüün, ein Begriff aus der nordfriesischen Sprache – nicht zu verwechseln mit dem Plattdeutschen – bedeutet so viel wie Kraft oder auch Energie, und kraftvoll und energiegeladen klingt die junge Gruppe von der Insel Föhr allemal. Aber das ist nicht ihre einzige Qualität. Keike Faltings (Gesang, Violine), ihr Bruder Jan Faltings (Mandoline, Bouzouki, Cello, Gesang) und Dennis Werner (Gitarren, Gesang) suchen nach musikalischen Spuren (Spöören) längst vergangener Zeiten – alten, fast vergessenen Liedern, Tanzstücken und Balladen, die Aufschluss über das Denken, Handeln und Fühlen früherer Generationen auf der Insel Föhr und dem nordfriesischen Festland geben können. Bei seiner Suche
 KALÜÜN * FOTO: WILHELM BRINKMEIER
nach den eigenen Wurzeln wurde das Trio ganz wesentlich von Keikes und Jans Vater Folkert F. Faltings unterstützt, der die meisten Texte beisteuerte und einige traditionelle Lieder und Tänze der Insel Föhr, an die er sich erinnerte, an seine Kinder weitergab. So entstand eine behutsam und sensibel zusammengestellte Mischung aus überlieferten und neuen Stücken, die zusammen ein stimmiges Ganzes ergeben. Die Lieder erzählen vom fröhlichen Treiben auf dem Heuboden unterm Reetdach (Leenje Wöögen Ooken), einer leidenschaftlichen Zufallsbekanntschaft (Man Tufaalsflenerk), dem Schicksal eines alten Föhrer Hauses (Fering Hüs), geselligem Trinken und Genießen (Daaling, Maat, do drank ik een) oder der Sehnsucht der Föhr-Amerikaner nach ihrer alten Heimat (Lingen). Die Geschichten können anhand der deutschen Übersetzungen der Texte im Beiheft problemlos nachvollzogen werden; ergänzt werden die Lieder durch die selten zu hörenden Tänze der schleswigschen und jütischen Spillemandsmusik. Zum frischen, unverbrauchten Gesamtklang des Trios tragen als Gastmusiker bei: Ole Carstensen (Knopfakkordeon, Violine, Low Whistle, Gesang), Dirk Werner (Cajón, Bodhrán, Djembé, Percussion) und der Liederjan Michael Lempelius (Bouzouki, Low Whistle). Spöören mag man gerne immer wieder hören.
Kai Engelke
 VALERIA CIMÒ: Terramadonna
VALERIA CIMÒ
Terramadonna
www.myspace.com/valeriacim
(Eigenverlag)
Do-CD, 14 Tracks, 51:31, mit siz./ital. Texten u. Buch als PDF; 8 Gedichte u. Erzählungen, 20:21



Eines muss man vorausschicken: Das Werk Terramadonna sprengt jegliche Grenzen. Die stilistische Bandbreite reicht vom einfachen Schlaflied „Ninna Nanna“ über neobarocke Fragmente bis zu experimenteller Musik. Die Palermerin Valeria Cimò spielt Klavier, Glockenspiel, Didgeridoo, Maultrommel, Udu, Cajón, Tamburello, Tammurra und unzählige andere Percussioninstrumente, dazu summt, surrt, schreit und singt sie in schönstem Belcanto. Ihre Stimme rhythmisiert, rezitiert und vermittelt Emotionen. Begleitet wird sie vom Cellisten Francesco Biscari und Gianluca Dessi an Gitarre, Mandola und Harfe. Terramadonna ist ein Konzeptalbum. Die Sizilianerin vergleicht die Geringschätzung von „Mutter Erde“ und
 VALERIA CIMò * FOTO: GIANFILIPPO MASSERANO
die Gewaltanwendung an ihr mit denjenigen gegenüber dem Körper der Frau. Das 55-seitige, auf der CD als PDF enthaltene Booklet liefert vertiefte Informationen über die Entstehung der Lieder mit einer englischen Kurzbeschreibung, die sizilianischen Texte mit italienischen Übersetzungen und hervorragende Fotos mit der erdverschmierten Künstlerin. Wer mehr über den historischen Kontext der Dualität von Mutter Erde und dem Körper der Frau und die Grundlagenforschung von Valeria Cimò zu diesem Thema erfahren möchte, dem sei das ebenfalls als PDF beigefügte 85-seitige zweisprachige Buch (Italienisch/Englisch) empfohlen. Die zweite CD enthält acht Gedichte und Erzählungen der Künstlerin, alle von verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern rezitiert. Doch keine Angst: So kopflastig diese Auflistung von Valeria Cimòs Schaffen in Bezug auf das vorliegende Album tönen mag, Terramadonna ist ein musikalisch spannendes, sinnliches und körperliches Werk – schließlich ist es dem Körper der Frau und der Mutter Erde gewidmet. Und wem es die unvergleichliche Stimme der Sizilianerin angetan hat, dem sei noch einmal Sugnari des Frauentrios Ma’aría mit Sängerin Valeria Cimò empfohlen (siehe Folker 1/2008), die dafür ebenfalls fast alle Lieder und Texte geschrieben hat.
Martin Steiner

Bücher
 MARCUS van LANGEN: Das mittelalterliche Liederbuch.
MARCUS van LANGEN
Das mittelalterliche Liederbuch.
www.acoustic-music.de
(– Osnabrück : FingerPrint, 2014. – 200 S. : mit zahlr. Noten u. TAB und s/w)
ISBN 978-3-938679-94-4, ISMN 97700307-50-99-0, 29,80 Euro


Zweiundfünfzig Lieder hat Markus van Langen für den interessierten Mittelaltermusiker und angehenden Troubadour zusammengestellt. Von Minneliedern, mittelalterlichen Gassenhauern, Spielmanns- und derben Trinkliedern bis hin zu neuzeitlichen Schöpfungen nach mittelalterlichem Vorbild. Die Noten sind übersichtlich gesetzt, die Melodie gibt es jeweils auch in Gitarrentabulaturschrift, dazu Akkordsymbole und Schlagmuster. Sympathisch an dem Buch ist der Ansatz, dass Musik in erster Linie Spaß machen soll und es dabei weniger auf Authentizität ankommt – wie die Lieder im Mittelalter wirklich geklungen haben, lässt sich heute ohnehin nicht wirklich nachvollziehen. Dennoch liegt van Langens Verdienst gerade darin, dass er die vorgestellten Lieder und Tänze ausgiebig kommentiert, ihre Verfasser (darunter Oswald von Wolkenstein, Walther von der Vogelweide, Neidhard von Reuenthal) und den historischen Kontext vorstellt. Van Langen versteht es, kurzweilig, unterhaltsam und vor allem kompetent zu schreiben. Neben Liedern der genannten Minnesänger stellt der Autor auch Stücke aus mittelalterlichen Sammlungen vor, darunter die Carmina Burana oder die Cantigas de Santa Maria. Hinzu kommen Totentänze, Spielmannslieder und Gassenhauer sowie Neuschöpfungen und Nachahmungen. Der Begriff „Mittelalter“ wird bei einigen Stücken weit gefasst („Schiarazula Marazula“ etwa stammt aus dem sechzehnten Jahrhundert), was aber keinesfalls den Gebrauchswert des Buches mindert. Schön ist, dass alle mittelalterlichen Liedtexte mit Übersetzung abgedruckt werden, teilweise sogar in singbarer Fassung. Die Ausstattung des grafisch ansprechend gestalteten Buches ist aufwendig: viele, teils farbige Fotos von Spielleuten, Instrumenten und Faksimiles alter Handschriften laden immer wieder zum Blättern ein, die Quellennachweise regen zu weiterführender Literatur an. Ein wirklich gelungenes Liederbuch!
Ulrich Joosten
 Peter Bursch [Bearb.]: Johnny Cash für Gitarre.
Peter Bursch [Bearb.]
Johnny Cash für Gitarre.
www.bosworth.de
(– Berlin : Bosworth, 2013. – 96 S. : überw. Noten + CD + DVD. – (BOE ; 74)
ISBN 978-3-86543-277-3, 29,95 Euro


Songbücher mit Texten und Gitarrenharmonien gibt es viele, auch mit Werken von Johnny Cash. Doch wie Peter Bursch – der Gitarrenlehrer der Nation – sie nachvollziehbar, informativ und übersichtlich vermittelt, das ist wirklich vorbildlich. Insgesamt zwanzig Songs des populären Countrystars und Singer/Songwriters Cash vermittelt das großformatige Lehrwerk; darunter so bekannte Stücke wie „Folsom Prison Blues“, „I Walk The Line“, „Delia’s Gone“ oder „Get Rhythm“. Daneben finden sich Werke anderer Komponisten, die Johnny Cash quasi als Spätwerk während der legendären „American Recordings“ unter der Leitung von Rick Rubin aufnahm: „The Mercy Seat“, „Bird On A Wire“ oder auch „Long Black Veil“. Jeder der zwanzig Songs ist mit vollständigem Text und durchgehend notierten Gitarrenharmonien versehen, wobei sinnvollerweise darauf geachtet wurde, dass nicht während des Singens umgeblättert werden muss (außer bei „A Boy Namend Sue“ – dort geht der Text über drei Seiten). Die einzelnen Griffe werden jeweils in Diagrammen dargestellt. Hinzu kommen verschiedene Anschlagtechniken, in Tabulatur notierte Intros und sogar das eine oder andere Solo. Zu Beginn eines jeden Songs erfährt der interessierte Leser ein paar nützliche Infos zum Inhalt und zur jeweiligen Entstehungsgeschichte. Sämtliche im Buch enthaltenen Lieder werden auf der beiliegenden CD von Peter Bursch angesungen, gespielt und erklärt. Dabei geht es unter anderem um Anschlagtechniken, die sogenannte Hämmeringtechnik, Bassläufe und -übergänge, Intromelodien und Soli. Die ebenfalls beigefügte DVD enthält immerhin zwölf der Songs mit den entsprechenden Erklärungen, wobei sogar einige Spieltechniken speziell für E-Gitarre zur Sprache kommen. Ein Songbook mit großem Aufforderungscharakter – man nimmt die Gitarre in die Hand und fängt an.
Kai Engelke

 BRIAN Ó HEADHRA: Òrain Cèilidh Teaghlaich : The Family Ceilidh Gaelic Song Collection.
BRIAN Ó HEADHRA
Òrain Cèilidh Teaghlaich : The Family Ceilidh Gaelic Song Collection.
www.anamcommunications.com
(– Inverness : Anam Communications, 2013. – 87 S. : mit CD)
ISBN 978-0-9574982-0-4, 9,95 brit. Pfund


23 Songs hat der Sänger der Gruppe Cruinn und Gälisch-Aktivist Brian Ó hEadhra zusammengestellt, und zwar die mehr oder weniger populärsten des gälischen Sprachraums, zum Beispiel „Fear A’ Bhàta“ oder „Brochan Lom“. Ein wenig unverständlich erscheint die Aufteilung des Buches. Es ist in vier Abschnitte unterteilt. Zuerst alle gälischen Texte, dann alle englischen Übersetzungen, danach alle Notationen und zum Schluss jeweils kurze gälische/englische Infos zu den einzelnen Liedern. Das erfordert einiges an Umblättern. Hinzu kommen eine kurze Einleitung sowie Quellen und ein Hinweis auf die Aussprache. Für die des Gälischen nicht mächtigen Interessenten ist die beiliegende fast siebzigminütige CD ideal: Jeder Song in der Reihenfolge des Buches, ab und zu simpel begleitet mit Gitarre, der Fokus liegt auf dem Gesang. Leider ist nicht angegeben, wem die sympathischen Stimmen gehören, die Vermutung geht in Richtung Fiona Mackenzie und den Zusammensteller. Eine feine Sammlung, Kenntnis der Sprache oder zumindest eine Vorliebe für die gälische Kultur vorausgesetzt.
Mike Kamp
 WOODY GUTHRIE: Haus der Erde : Roman / Hrsg. u. mit e. Einf. Versehen von Douglas Brinkley. Aus d. amerikan. Engl. von Hans-Christian Oeser.
WOODY GUTHRIE
Haus der Erde : Roman / Hrsg. u. mit e. Einf. Versehen von Douglas Brinkley. Aus d. amerikan. Engl. von Hans-Christian Oeser.
www.eichborn.de
(– o.O. : Eichborn, 2013. – 302 S. : mit Zeich.)
ISBN 978-3-8479-0539-4, 16,99 Euro


Tike und Ellas Hamlins Ansprüche sind bescheiden: Sie wünschen sich ein Stück Ackerboden und ein Haus, das nicht von einem Sturm hinweggetragen werden kann, weil es aus verrottetem, termitenzerfressenem Holz besteht. Sie wollen ihr Land nicht verlassen (wie Millionen Menschen, die in den Dreißigerjahren durch verheerende Staubstürme von Haus und Hof vertrieben wurden), sondern ein festes Haus bauen, aus Adobe, aus selbst gefertigten, luftgetrockneten Lehmziegeln, feuerfest, windfest und termitenresistent, wie es in einem vom Landwirtschaftsministerium herausgegebenen Handbuch erklärt wird. Adobe gibt es genug, doch leider gehört das Grundstück nicht Tike und Ella, sondern der Bank. Dass der US-amerikanische Troubadour nicht nur Lieder für die Ewigkeit zu schreiben vermochte, sondern auch ein ausgezeichneter Belletristikautor mit einer kraftvollen, zupackenden Prosa war, wissen wir seit seinen autobiografischen Büchern Bound for Glory und Seeds of Men. 1947 schrieb Guthrie das Manuskript zu House of Adobe und sendete es dem sozialkritischen Dokumentarfilmer Irving Lerner, in der Hoffnung, er werde das Buch verfilmen. Das Skript landete vermutlich aufgrund seines brisanten Inhaltes (wie die unverblümte Schilderung eines Liebesaktes, die Verwendung des Hillbilly-Dialektes und die sozialkritische, linkslastige Botschaft) in einer Schublade und wurde vergessen. Erst kürzlich wurde das verschollene Manuskript von den Erben Lerners wiederentdeckt und von dem Schauspieler Johnny Depp gemeinsam mit dem Autor und Geschichtsprofessor Douglas Brinkley herausgegeben. Auf Deutsch liegt das anrührende, lesenswerte Depressionszeitdrama nun in der Übersetzung von Hans-Christian Oeser vor, der bereits Autoren wie Scott Fitzgerald oder Mark Twain ins Deutsche übertragen hat. Ein heute noch gültiger Mahnruf des sozialen Gewissens Amerikas.
Ulrich Joosten

 MARK CUNNINGHAM: Horslips : Tall Tales ; the official biography.
MARK CUNNINGHAM
Horslips : Tall Tales ; the official biography.
www.obrien.ie
(– Dublin : O’Brien Pr., 2013. – 288 S. : mit zahlr. Abb.)
ISBN 978-1-84717-586-1, 24,99 Euro


Was die Beatles für die Welt und die Entwicklung der modernen Popmusik waren, waren die Horslips vielleicht für Irland und die Entwicklung des keltischen Folkrock. Auch ihre entscheidende Schaffensphase dauerte ein Jahrzehnt (1970 bis 1980), doch anders als bei den Fab Four kam es bei den Iren 2004 zu einer Wiedervereinigung, die inzwischen mehrere Tonträger, eine DVD und nun dieses Buch hervorgebracht hat. In der Einleitung bekennt sich der Autor selbst als Fan, der über Jahre hinweg Informationen sammelte und die Band zu den jeweiligen Episoden ihrer Karriere befragte. Den Kindheits- und Jugenderinnerungen Barry Devlins, Jim Lockharts, Charles O’Connors, Eamon Carrs und Johnny Feans folgt ein langes, in mehrere, den jeweiligen Entwicklungsphasen entsprechende Kapitel unterteiltes Interview. Dieses ist gespickt mit Anekdoten, Analysen, Erkenntnissen durch Höhen und Tiefen der Bandgeschichte, während man meist das Gefühl hat, fünf bodenständigen Künstlern gegenüberzusitzen, die eher zufällig den Kultstatus erlangten, den sie im eigenen Land genießen. Auch wenn sie hart auf kommerziellen Erfolg hin arbeiteten und ihre finanziellen Geschicke für die damalige Zeit beispielhaft selbst in die Hand nahmen. Darüber hinaus kommen Wegbegleiter, Agenten, Roadies, Exbandmitglieder, Künstlerkollegen oder Fans zu Wort. Wen es also interessiert, warum Declan Sinnott, Gitarrist der Anfangszeit und später Produzent und Begleitmusiker von Mary Black oder Christy Moore, bis heute nicht gut auf seine damaligen Bandkollegen zu sprechen ist; wer wissen will, dass ein gewisser Chris de Burgh in den frühen Siebzigern kurzzeitig als Sänger im Gespräch war; wer mehr darüber erfahren möchte, wie die Horslips einer Band wie U2 Starthilfe im Studio gaben und noch vieles andere, teils Kuriose mehr – für den ist diese detailreiche und aufwendig bebilderte Reise durch fast fünf Jahrzehnte Band- und irische Musikgeschichte ein Muss. Doch auch für alle anderen Interessierten eine amüsante wie spannende Lektüre.
Stefan Backes
 BARBARA O’CONNOR: The Irish Dancing : Cultural Politics and Identities, 1900-2000.
BARBARA O’CONNOR
The Irish Dancing : Cultural Politics and Identities, 1900-2000.
www.corkuniversitypress.com
(– Ballincollig : Cork Univ. Pr., 2013. – X, 182 S. : mit Abb.)
ISBN 978-1-78205-041-1, 39,00 Euro


Die irische Volkskundlerin Barbara O’Connor geht in diesem Buch der Frage nach, wer in Irland wann, wo, wie, was und mit wem tanzte. Während über irische Tanzschritte schon viel geschrieben worden ist (auch wenn es noch etliche Wissenslücken zu füllen gibt), wurde über die Funktion des Tanzens bisher wenig gesagt. Das Schwergewicht liegt auf irischem Tanz und seiner Entwicklung bis zum streng choreografierten Riverdance, wo keinerlei Spontaneität mehr zugelassen ist. O’Connor geht nach einer Dreiteilung vor, lokal (Tanz zur Unterhaltung, für alle zugänglich), national (Tanz, der ein Gemeinschaftsgefühl schaffen und vermeintlich Unbefugte ausgrenzen soll; hier gezeigt daran, wie nach der Unabhängigkeit der junge Freistaat Irland die Deutungshoheit über irischen Tanz an sich riss), und global, als weltweit vertriebenes Produkt, das für teures Geld dann auch am Ort seines Ursprungs verkauft werden soll (dargestellt am Beispiel Riverdance und der daraus entstandenen Industrie.) Auch in der „lokalen“ Phase gelten unterschiedliche Regeln, ein Tanzschritt ändert Wert und Bedeutung danach, ob er von einer Frau oder einem Mann ausgeführt wird, ob in der Stadt oder an einer Wegkreuzung. Das Präsident de Valera zugeschriebene Zitat über die „anmutigen Mädchen, die an der Kreuzung tanzen“ wird hier übrigens als Fälschung entlarvt, eines der vielen Verdienste dieses spannenden und gut recherchierten Buches.
Gabriele Haefs

 KARL ADAMEK: Lieder der Arbeiterbewegung : LiederBilderLeseBuch / hrsg. v. Karl Adamek. – Neuaufl. 2013.
KARL ADAMEK
Lieder der Arbeiterbewegung : LiederBilderLeseBuch / hrsg. v. Karl Adamek. – Neuaufl. 2013.
www.igmservice.de
(– Hamburg : Bunkverlag, 2013. – 336 S. : mit zahlr. Noten u. Abb.)
ISBN 3-76322-563-3, 16,90 Euro


Das vorliegende „Lieder-Bilder-Lesebuch“ ist eine unveränderte Neuauflage der von Karl Adamek erstmals 1981 in der Büchergilde Gutenberg veröffentlichten Liedersammlung mit Arbeiter-, Kampf- und Streikliedern aus der Zeit von 1830 bis etwa 1970. Das schwergewichtige Werk umfasst mehr als zweihundert Lieder mit Noten, Gitarrenharmonien und Texten. Sämtliche Lieder werden durch ausführliche Erklärungen, Informationen, Zeitzeugenberichte, Faksimiles, Fotos und Zeichnungen in ihren jeweiligen historischen Zusammenhang gebracht. Das ist auch notwendig, da viele Arbeiterlieder nur aus ihrer Zeit heraus nachzuvollziehen sind. Das von der IG-Metall herausgegebene Liederbuch kann, über seine eigentliche Funktion hinaus, durchaus auch als eine Art Geschichtsbuch angesehen werden. Inhaltliche Stichworte: Solidarität, 35-Stunden-Woche, 1. Mai als Tag der Arbeit, Kriegsgefahr/Friedensarbeit, atomare Bedrohung, Soldatenleben, Faschismus, Berufsverbot, Arbeitsbedingungen, internationale Freiheitskämpfe etc. Welchen Stellenwert haben Arbeiterlieder heute? Erreicht man damit nicht nur die, die ohnehin einer Meinung sind? Sind die nicht altmodisch, aus der Zeit gefallen? Abgesehen von einer unbestrittenen Stärkung des Gemeinschaftsgefühls durch das gemeinsame Singen und dem historischen Stellenwert, wird der aufmerksame Leser sehr schnell feststellen, wie aktuell (leider!) manche sogar der ältesten Lieder bis auf den heutigen Tag noch sind. Ein wenig schade ist es, dass die Herausgeber auf jegliche Neubearbeitung beziehungsweise Aktualisierung verzichteten. So bleiben mehr als vierzig Jahre politisch engagierter Liedkultur unberücksichtigt, was naturgemäß dem (unberechtigten) Vorwurf des Altbackenen Vorschub leistet. „Der Adamek“, wie das „Lieder-Bilder-Lesebuch“ verschiedentlich genannt wurde, ist auf alle Fälle bestens geeignet, kulturelle Traditionen der politisch aktiven Arbeitnehmerschaft zu beleben und historisches Bewusstsein zu fördern.
Kai Engelke
 PETER UHRBRAND, NILS THORLUND: Neo-traditional-ism / Uhrbrand & Thorlund. – Foerste udgave.
PETER UHRBRAND, NILS THORLUND
Neo-traditional-ism / Uhrbrand & Thorlund. – Foerste udgave.
rainer@banjoree.com
(– o.O. : Uhrbrand & Thorlund, 2013. – 36 S. : überw. Noten mit s/w-Abb. )
, 18,00 Euro


Instrumentalstücke von der dänischen Insel Fanø haben Nils Thorlund und Peter M. Uhrbrand gesammelt. Diese Insel blickt auf eine reiche Spielmannstradition zurück, die auch auf andere dänische Regionen ihren Einfluss hat, das entnehmen wir dem informativen Vorwort. Jedes Stück (die Noten hat Nils Thorlund geschrieben) ist mit Kommentaren versehen, dazu gibt es jeweils ein Foto, das irgendwie mit dem Stück oder der Insel zu tun hat. Da der gesamte Textbereich auf Dänisch ist, sind die Verwendungsmöglichkeiten dieses dicken Heftes außerhalb Dänemarks wohl gering – dennoch, die Stücke sind leicht nachzuspielen und bestimmt eine Inspiration für alle, die neues Material für ihre eigene Musik suchen.
Gabriele Haefs

 VOLKER LUFT: Blues-Story : Fingerstyle-Bluesgitarre für Einsteiger ; Bluespicking für Akustik-Gitarre.
VOLKER LUFT
Blues-Story : Fingerstyle-Bluesgitarre für Einsteiger ; Bluespicking für Akustik-Gitarre.
www.hofmeister-musikverlag.com
(– Leipzig : Hofmeister, 2014. – 66 S. : überw. Noten. – (FH ; 1070))
ISMN 979-0-2034-1070-6, 19,80 Euro


Eine kleine Schule für den Einstieg ins Bluesspiel auf der akustischen Gitarre. Neben einem kurzen geschichtlichen Abriss und den harmonischen Basics geht es auf den ersten Seiten um die Vermittlung wesentlicher, grundlegender Spieltechniken. Volker Luft beschränkt sich bewusst vorwiegend auf Übungen in A-Dur und A-Moll, um die leeren Basssaiten nutzen zu können und dem Anfänger komplexe Open-Tunings zu ersparen. Es folgt eine Einführung ins Solospiel anhand pentatonischer Leitern und Bluesskalen. Den zweiten Teil bilden Solostücke, die schon ein wenig technisches Know-how, sprich Fingerpickingkenntnisse erfordern. Die Stilistiken reichen vom Country, Delta und Texas Blues bis hin zum Ragtime. Eine interessante und ansprechende Anleitung zum Selbststudium sowie für den Unterricht.
Rolf Beydemüller
 IRISH SONGS: : play 8 traditional songs with professional audio tracks.
IRISH SONGS
: play 8 traditional songs with professional audio tracks.
www.halleonard.com
(– o.O. : Hal Leonard, 2013. – 21 S. : : nur Noten u. Akk. (Ukulele Play-Alon)
ISBN 978-1-4584-2483-9, 12,99 Euro


Die Reihe mit Playalongs für Ukulele ist bei Hal Leonard mittlerweile echt umfangreich. Hier liegt nun eine Ausgabe mit acht irischen Traditionals („Molly Malone“, „Danny Boy“, „The Foggy Dew“ etc.) vor: klassische Leadsheets, Noten und Lyrics, sowie die Griffdiagramme für Ukulele. Erklärt wird nichts. Auf der beiliegenden CD findet man das jeweilige Stück einmal mit, einmal ohne Ukulele. Die Backingband besteht aus Gitarre, Banjo, Mandoline und einigen Keyboardsounds. Was die Ukulele zur Begleitung beiträgt, muss man sich also übers Hören erschließen. Die Ausgabe wurde offensichtlich ein wenig eilig aus dem Boden gestampft. Mal ist die Reihenfolge der Stücke aus unerfindlichen Gründen durcheinander, dann fehlen bei „Foggy Dew“ die Vorzeichen. Grundsätzlich jedoch brauchbares Spielmaterial für den „Uker“.
Rolf Beydemüller

Deutschland
 ULLI BÖGERSHAUSEN: Spring Summer And Fall – Tunes From A Lifetime
ULLI BÖGERSHAUSEN
Spring Summer And Fall – Tunes From A Lifetime
www.boegershausen.de
(Laika-Records 3510308.2/Rough Trade)
15 Tracks, 55:49


Ulli Bögershausen, den Akustikgitarristen von der Mosel, kann man getrost eine Institution nennen. Seit Jahrzehnten pflegt er mit großer Hingabe einen ganz besonderen Instinkt für die Umsetzung populärer Melodien auf dem Stahl-Sechssaiter. Auf seinem sechzehnten Album finden sich Songs von Bob Dylan, Seal, Bon Jovi, Norah Jones, Tanita Tikaram und Ryuichi Sakamoto. Ulli Bögershausen blendet nicht durch Virtuosität – er überzeugt mit beinahe schnörkelloser, klarer Musikalität. Zu seinem sechzigsten Geburtstag (siehe auch Meldung in der Rubrik „Szene“ dieser Ausgabe) hält er rück- und einwärts gewandte Werkschau und hat auch ältere Eigenkompositionen, die ihm besonders am Herzen lagen, noch einmal neu aufgenommen. Das Wesen der sehr unterschiedlichen Songs ist sensibel herausgearbeitet und immer getragen von gesanglicher Wärme. Dem Laika Label, das er 1989 gegründet und das somit auch ein Jubiläum zu feiern hat (das 25.), ist er bis heute treu geblieben. Rund 50 Jahre Gitarre, ein reiches Musikerleben. Ulli Bögershausen ist, sagen wir's ruhig, ein feinsinniger, echter Romantiker, der uns gerne weiter in wunderbarer Regelmäßigkeit an die Schönheit des puren Vergnügens an akustischer Gitarrenmusik erinnern darf. Glückwunsch!
Rolf Beydemüller
 COSÁN: New Roads
COSÁN
New Roads
www.cosanmusic.de
(Liekedeler Musikproduktion LIECD13031)
12 Tracks, 51:30, mit zweisprachigen Infos


Nur wenige deutsche Musiker schaffen wie Cosán mit New Roads in der irischen Musik den Sprung ins Profilager. Irish Trad im besten Sinne, mit Anleihen am Folkerbe Nordamerikas, dargeboten von Ausnahmeflötist Steffen Gabriel, Barbara Hintermeier, einer der herausragenden Vertreterinnen der irischen Fiddle in unserer Republik, Multiinstrumentalist Brian Haitz sowie Michaela Grüß, Bhodrán, die wie schon bei Nua virtuose Percussion beträgt und singt. Zu hören sind vielseitige Arrangements traditioneller und neuer Tunes des irischen Genres sowie zusätzlich Adaptionen von Songs unterschiedlicher anderer Herkunft. New Roads beginnt verhalten, kommt aber im Verlauf massiv in Fahrt und bewegt sich die gesamte zweite Hälfte dann in sicherem, emotional dichtem Gewässer. Flute und Fiddle tragen souverän; druckvoll sowie gleichzeitig verspielt und experimentierfreudig die Melodien; dazu kommt ein Piano zum Einsatz. Favorit des Rezensenten: „Street Of Forbes“ in einem mitreißenden Arrangement. Anspieltipps bei den Tunes: „Smiler“ und „Road To Cashel“. Das Klangbild ist sehr flötendominiert, speziell die Gitarre hat etwas wenig Entfaltungsraum. Aber insgesamt eine tolle Produktion einer jungen Band mit Zukunft!
Johannes Schiefner

 HERRN STUMPFES ZIEH & ZUPF KAPELLE: Ogottogott
HERRN STUMPFES ZIEH & ZUPF KAPELLE
Ogottogott
www.stumpfes.de
(Spion Music SMCD 00012)
12 Tracks, 41:02, mit dt. Infos u. schwäb. Texten


Man schlägt die Hände überm Kopf zusammen und ruft es aus: „Ogottogott!“ beim Gewahrwerden dessen, was man alles tun soll, wenn es nach den anderen ginge. Glücklicherweise stoßen uns Herr Stumpfe und seine Kapelle im Eröffnungsstück ihres zehnten Albums drauf und mahnen sogleich in einem weiteren Song: „Mensch leb doch mal, ’s isch schbäder als du denksch“. Dabei handelt es sich um die Adaption eines Klassikers der Specials namens „Enjoy Yourself“, selbstredend mit schwäbischem Text. Denn das Quartett kommt aus Aalen und zeigt, was popmusikalisch auch im Ländle alles geht. Das Instrumentarium zeigt sich robust, besteht aus Geräten wie Akkordeon, Tuba, Banjo und Slidegitarre. Es verbinden sich also Blasmusik und Country. Aber auch in anderen Stilen ist die Kapelle zu Hause und präsentiert authentisch Hits aus Rock und Pop auf ihre Art. Da wird aus Carl Douglas' „Kung Fu Fighting“ der „Kung-Fu-Feigling“, John Sebastians „Daydream“ heißt jetzt „Dagdiab“ und verherrlicht das Leben eines Kriminellen, und Sadés „Smooth Operator“ bekommt den Titel „Cooler Trompeter“. Ein ziemlicher Spaß das, in den sich kurze melancholische Momente mischen. Insgesamt aber muss der Frohsinn siegen.
Volker Dick
 IRXN: Saltatio Ignis
IRXN
Saltatio Ignis
www.irxn.net
(Mundart/Focus 307.0092.2/BSC Music/Rough Trade)
15 Tracks, 58:28


Was wohl Wallenstein zu dieser Musik seiner Pappenheimer sagen würde? Man könnte meinen, diese fünf Musici aus der so idyllisch gelegenen Stadt im fränkischen Altmühltal hätten nicht weniger Kriegserfahrung als der kaiserliche General, der laut Friedrich Schiller im Dreißigjährigen Krieg dort weilte. Die Mittelalter/Celtic/Mundart/Folk/Rock-Band Irxn bietet mit Liedern aus neun Jahrhunderten – 12 bereits veröffentlicht, drei neu – einen Blick auf die Geschichte, die alles andere als idyllisch oder romantisch anmutet. Da wird gekämpft, verflucht, gelitten und nach Freiheit gerufen. Durch die moderne Darbietung kommt zugleich der Eindruck auf, dass man es nicht nur mit einer Aufarbeitung lang vergangener Geschichte zu tun hat, sondern dass es immer so weiter geht. Zum Beispiel lässt das 900 Jahre alte „Palästina“-Lied an die heutige Situation in diesem so unfriedlichen Land denken, und der gesungene Wunsch, in Freiheit durch Jerusalem gehen zu können, bezieht sich ganz sicher nicht nur auf die Zeit der Kreuzzüge. Trotz all dieser Ernsthaftigkeit taugt die Musik aber auch zum deftigen Abfeiern. Fans von Adaro, Haindling, Garmarna und Irish Stew mögen hier gleichermaßen das Ihre finden.
Michael A. Schmiedel

 ANDRÉ KRIKULA TRIO: Supernova
ANDRÉ KRIKULA TRIO
Supernova
www.andrekrikula.de
(DMG 54.218144.2/Broken Silence)
11 Tracks, 35:27


Beim Namen André Krikula Trio vermutet man nicht gleich Bossa Nova, doch dieser deutsche Akustikgitarrist und Sänger bewegt sich auf Supernova zwischen zwei entsprechenden Genres, brasilianisch gefärbter akustischer Gitarrenmusik und der brasilianischen Nationalpopmusik MPB mit Kompositionen von Edu Lobo oder Dorival Caymmi. Da stimmen die federnden Rhythmen und die starke Melodik, der Satzgesang und die textlosen Vokalimprovisationen. Damit ist André Krikula nicht nur für die relativ geschlossene Szene akustischer Gitarristen, sondern auch für die Bossa-Lounge-Szene interessant. Man merkt, Krikula kennt die brasilianischen spieltechnischen Vorbilder nur zu gut – die Spielweisen João Boscos oder Baden Powells hört man immer mal heraus. Dazu bekommt Krikula sogar richtige Ohrwürmer wie sein „Papagaio“ hin. Und dann gibt es sogar noch einen Samba mit deutschem Text, „Chateau“. Alle Achtung – und warum nicht? Mit seiner Virtuosität und Vielfalt dürfte André Krikula bei brasilianischen Zuhörern viel Respekt ernten. Neben Peter Fessler zeigt die deutsche Szene mit Krikula, dass hierzulande bezüglich brasilianischer Gitarrenmusik wirklich internationales Niveau zu finden ist.
Hans-Jürgen Lenhart
 RÜDIGER OPPERMANN: The Brendan Voyage – Reise in die Anderswelt
RÜDIGER OPPERMANN
The Brendan Voyage – Reise in die Anderswelt
www.klangwelten.de
(Klangwelten Records/Worms Verlag)
Do-CD, 31 Tracks, 118:25, mit dt. Texten u. Infos


Es war schon ein riesiges Projekt, welches Ende Mai 2013 zu den Tagen Alter Musik und Literatur in Worms uraufgeführt wurde und jetzt als Mitschnitt vorliegt. 25 Musiker aus verschiedenen Stilrichtungen gestalteten die Navigatio Sancti Brendani Abbatis, die Reise des Abtes Brendan von Irland auf mythische Inseln im Westen. Wer könnte besser geeignet sein, diesen Stoff zu vertonen, als der Weltmusikreisende und Harfenspezialist Rüdiger Oppermann? Poetisch übersetzt aus dem Mittellateinischen, wird die epische Erzählung von unterschiedlichster Musik umrahmt. Der gälische Sänger Peadar Ó Ceannabháin ist zu hören und die Irish-Fiddlerin Franziska Urton. Der Mongole Nasaa Nasanjargal, mit einer Gesangsstimme von fünf Oktaven Umfang begnadet, ist mit Pferdegeige, Schamanen- und Obertongesang dabei. Ebenso wie Rolf Wagels von Cara an der Bodhrán und Gitarrist Jørgen Lang sowie der Archäologe und Deutschlands bester Kenner prähistorischer Bronzehörner Joachim Schween und der Wormser Posaunenchor unter Leitung von Thomas Busch. Zusammengehalten wird das Ganze von den Kompositionen und Arrangements Rüdiger Oppermanns. Eine bunte Mischung von Klängen aus der Keltenzeit, Irish Folk, Minimal Music, Jazz und Bigbandsounds, gespielt auf keltischer Harfe, Flöten, Luren, Trommeln, Gläsern und Bläsern, Bombarde und anderem. Die musikalische Zeitspanne von prähistorisch bis zeitgenössisch wird in diesem Spektakel voll ausgelotet – ungewöhnlich, aber ausgesprochen hörenswert.
Piet Pollack

 KAI STRAUSS: Electric Blues
KAI STRAUSS
Electric Blues
www.electricbluesallstars.com
(Continental Record Services CRS CECD 49/In-akustik)
14 Tracks, 56:34


Der fantastische deutsche Bluesgitarrist Kai Strauss, der lange mit Memo Gonzalez & The Bluescasters spielte und mit der Kai Strauss Band für feinsten Soul und Rhythm and Blues steht, erfüllt sich mit diesem Soloalbum einen langgehegten Traum. Über die letzten zehn Jahre sammelte er Beispiele der Musik, die er so liebt, und nahm sie mit einer Vielzahl musikalischer Wegbegleiter auf – unverfälschten, zeitlosen, elektrischen Blues. So steht es zumindest in den Linernotes, und die Umsetzung seines Vorhabens ist ihm sehr, sehr gut gelungen! Mit den ersten Takten eines jeden Stückes sagt es im Inneren des Hörers „Ja, das ist es – so muss es klingen!“ Nämlich genau so, wie es vor fünfzig Jahren in Chicago klang, heute noch gespielt wird und auch in weiteren fünfzig Jahren mit Sicherheit immer noch begeistern wird. Zeitlos, authentisch – und abwechslungsreich wie Electric Blues. Neben Erkan Özdemir am Bass und Klaus Schnirring und Henk Punter am Schlagzeug geben fünf unterschiedliche Sänger, Harpspieler oder Pianisten immer neue Klangfarben hinzu. Und mit dem Schlussstück If I Ever Get Lucky ist Kai Strauss dann endgültig bei sich und der Essenz dieser wunderbaren Musik angekommen.
Achim Hennes



Europa
 AHLBERG, EK & ROSWALL: Näktergalen
AHLBERG, EK & ROSWALL
Näktergalen
www.ahlbergekroswall.se
(Westpark Music 87256/Indigo)
15 Tracks, 50:07, mit schwed./engl. Infos


Auch Alberg, Ek & Roswalls zweites Album „Die Nachtigall“ ist rein instrumental und wohl vor allem für Liebhaber schwedischer Musik. Aber auch Klassikhörer sind angesprochen, die vielleicht auf den Kick warten, sich auch einmal mit einem anderen Genre zu beschäftigen. Das Meistertrio produziert mit seinen besonderen Instrumenten Violine/Viola, Harfengitarre und Nyckelharpa/Alt-Nyckelharpa einen unverwechselbaren Klang. Bis auf ein Menuett und zwei Walzer präsentiert Näktergalen Polskas, bis auf zwei selbst komponierte in alten Notenbüchern gefunden und neu arrangiert. Zu den einzelnen Stücken gibt es im Booklet Hintergrundinformationen. Es geht um die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts, als die Lieder im Gebiet von Medelpad und Skåne aufgezeichnet wurden – Musik, die über viele Generationen weitergegeben wurde, wie bei den Blomgrens, von denen der letzte 1917 starb, oder den Cedervalls, über fünf Generationen Organisten und Spielleute. Aber auch Querverbindungen gab es, wie bei der Polska „Cedervall“, die eine Art Vorspiel für das folgende Stück „Blomgrens Dop“ (Blomgrens Taufe) ist. Von 4. bis 6. Juni werden Ahlberg, Ek & Roswall dreimal beim TFF Rudolstadt auftreten.
Bernd Künzer
 ALLAN YN Y FAN: Cool, Calm & Collected
ALLAN YN Y FAN
Cool, Calm & Collected
www.ayyf.co.uk
(Steam Pie SPCD10175)
13 Tracks, 50:13


Cool, Calm & Collected scheint auf den ersten Blick wie eine dieser Retrospektiven, die Künstler veröffentlichen, wenn es kreativ momentan nicht zu Neuem reicht. Da ist meist ein Gähnen schwer zu unterdrücken – aber mit diesem Urteil würde man dem walisischen Quintett Unrecht tun und ein wenig an den Tatsachen vorbei pauschalisieren. Okay, die dreizehn Tracks stammen von den bisherigen Veröffentlichungen, vier Alben und einer EP, aber man kann den drei Damen und zwei Herren abnehmen, dass sie anlässlich ihres Zehnjährigen einfach einmal Bilanz ziehen wollten. Und das tun sie mit Cool, Calm & Collected letztlich auch nicht mit einer simplen Wiederveröffentlichung, sondern sie haben die nette Mischung aus Songs und Tunes von Grund auf neu mastern und mischen lassen, mit zum Teil erstaunlichen Resultaten. Die Tracks klingen frischer als zuvor und sind manchmal zu einem veritablen Bigbandsound gemischt worden. Doch, Allan Yn Y Fan zählen zur absoluten walisischen Folkspitze. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, dieses Album liefert ihn.
Mike Kamp

 AS DE TRÊFLE: (Pas) Comme Tout Le Monde
AS DE TRÊFLE
(Pas) Comme Tout Le Monde
www.as-de-trefle.com
(La Charrette Productions HDM888/Broken Silence)
13 Tracks, 48:22, mit frz. Texten


Der erste Reflex sofort zu Beginn dieses Albums: Das ist das Album des Jahres! Ein scharfes folkiges Riff mit der E-Geige, dann setzt das Schlagzeug ein und schließlich eine weiche Rhythmusgitarre – fünfundzwanzig Sekunden höchstes Glück und größte Spannung. Die Band heißt As de Trêfle und kommt aus Tours in Zentralfrankreich. Ihr sechstes Album haben sie (Pas) Comme Tout Le Monde genannt. Okay, es ist nicht das Album des Jahres, denn da ist auch noch der Sänger Laurent Renard mit seiner etwas nöligen und wenig ausdrucksstarken Stimme. Aber (Pas) Comme Tout Le Monde ist ein wirklich gutes, abwechslungsreiches Album geworden. Die Musik von As de Trêfle – zu Deutsch „Kreuzass“ – kann man als poppigen Folkpunk beschreiben oder als akustischen Rock ’n’ Roll, gerne mit Offbeat. Herausragend der Protestreggae „Dans Les Bibliotheques“, voll lässig routinierter Empörung. Neben dem zotteligen Sänger Laurent Renard bildet die elegante Geigerin Géraldine Bisi einen optischen Gegenpol. Im kleinen Schwarzen spielt sie sonst auch im klassischen Orchester oder im Tangoensemble. Auf dem Cover tragen allerdings alle vier Bandmitglieder lustige Tiermasken. Sie sind eben nicht comme tout le monde.
Christian Rath
 LUKA BLOOM: Head & Heart
LUKA BLOOM
Head & Heart
www.lukabloom.com
(Big Sky Records/Skip Records 9122-2)
12 Tracks, 48:20


Luka Bloom, geboren als Barry Moore, gehört zur Riege der Folkmusiker, von denen man blind jedes Album kaufen kann. Ähnlich wie Richard Thompson oder sein Bruder Christy Moore liefert Bloom akustische Perlen außerordentlicher Qualität. Nur mit Stimme und Gitarre vermag er die Herzen in seinen Bann zu ziehen und auf eine Reise voller Sehnsucht und Melancholie zu begleiten. Das Glück des Lebens besteht in einer Tasse Tee und einem Konzert von Luka Bloom. Im Unterschied zu seinem großen Bruder, dessen Coverversionen zumeist aus irischen Traditionals bestehen, spezialisiert sich Luka Bloom auf Coverversionen zeitgenössischer Künstler. So finden sich auf Head & Heart neben Eigenkompositionen auch Stücke von Bob Dylan, John Martyn oder Don McLean. Das Album wurde zum Teil live ohne Probe im Studio eingespielt, begleitet vom Phil Ware Trio. Das führt die Musik einmal mehr auf das Wesentliche zurück. So kann Luka Bloom sogar Frederic Weatherlys „Danny Boy“ ohne Peinlichkeit inszenieren. Head & Heart klingt wie jedes andere Album des Künstlers. Das ist wundervoll, weil es dadurch auch ebenso ergreifende Songs enthält wie seine Vorgängeralben. Eines so herausragend wie das andere.
Chris Elstrodt

 DU BARTÀS: Tant Que Vira ...
DU BARTÀS
Tant Que Vira ...
www.sirventes.com
(Sirventés 4112388/Broken Silence)
10 Tracks, 57:18, mit okz. u. frz. Texten


„Sem Totis Bastards“ – „Wir sind alle Bastarde“ – singen Du Bartàs aus vollen okzitanischen Kehlen. Die fünf Männer aus dem Languedoc pflegen ihre Kultur und ihre Sprache, Scheuklappen sind aber nicht angesagt. Das beginnt mit dem Eröffnungsstück „Laman, Fisança“, einer Mischung aus Raï und okzitanischer Folklore, mit arabischen Textteilen, gesungen vom Geiger, Tar- und Bendhirspieler Abdel Bousbiba. Mit Akkordeon, Cuatro, Pandeiro, Tamorra und anderen Trommeln spielen Du Bartàs zum Tanz auf. Im Zentrum steht der fünfstimmige Gesang. Besonders schön ist der polyphone A-cappella-Gesang auf „Mon Vesin“. Das Lied erzählt vom armen Bauern, der guten Wein herstellt, davon aber kaum leben kann und sein Land verkaufen muss. Das Land geht zu immer größeren Produzenten über, die Massenware produzieren, bis das Gut stillgelegt wird, weil niemand mehr diesen Wein trinken will. Du Bartàs' Anliegen sind ernst: Im aus dem Italienischen übertragenen „Sante Geronimo Caserio“ singen sie über den gleichnamigen Anarchisten, der in Lyon ein Attentat auf Marie François Sadi verübte, den Präsidenten der Dritten Republik. Trotz allem – Ihre Musik will getanzt werden! Auf nach Okzitanien ...
Martin Steiner
 ESPERANZA FERNÁNDEZ: Canta A Saramago – Mi Voz En Tu Palabra
ESPERANZA FERNÁNDEZ
Canta A Saramago – Mi Voz En Tu Palabra
www.facebook.com/flamencoesperanzafernandez
(Discmedi 5069-02/Galileo MC)
10 Tracks, 41:39, mit Texten


Die Romane des Nobelpreisträgers José Saramago genießen Weltruf. Weniger bekannt ist seine Poesie. Saramago war zeitlebens ein Suchender, einer der litt, um später vor Freude zu weinen. Zeilen wie „Diese Welt funktioniert nicht, auf dass eine andere komme ... „ aus „Dimisión“ relativiert er in „Ha De Haber“: „Da muss es noch eine Farbe geben, die zu entdecken ist, eine verborgene Wortfolge, einen Schlüssel, um die Türe dieser gewaltigen Mauer zu öffnen.“ Welche Musik würde besser zu Saramagos Gefühlswelten passen als der Flamenco? Wenn Esperanza Fernández in „Dimisión“ a cappella ihren kehlig erdigen Cante anstimmt, hofft man, der 2010 verstorbene Dichter könne ihr zuhören. Die Sevillanerin vertonte neben dem Liedermacher Luís Pastor und anderen die Gedichte des Portugiesen höchst einfühlsam und variantenreich. Nicht alles ist Flamenco, da ist etwa auch ein Garrotín, ein andalusischer Volkstanz. Produzent Dorantes sorgt mit nie überladenen Arrangements für Abwechslung. Ein Album wie aus einem Guss, mit unglaublich präzisen, einfallsreichen Gitarrenläufen, Chorsätzen, Percussion und einmal auch der Klavierbegleitung von Dorantes. Ein kleines Juwel.
Martin Steiner

 GOUBRAN: Die Glut
GOUBRAN
Die Glut
www.goubran.com
(Lindo Records)
9 Tracks, 46:51, ohne Texte, mit Infos


Schwermut tropft aus diesen Liedern, Melancholie wälzt sich wie ein träger Lavastrom ins Gemüt des Hörers. Vögel mit verklebtem Gefieder hocken traurig am Boden, Ratten huschen vorbei, graues Licht fällt durch rußgeschwärzte Fenster, laute Touristen stören, die Stadt ist eine Geisterbahn – nein, wahrscheinlich doch eher schon die Hölle, „Frühling in Wien“. Goubran ist ein Projekt des Wiener Autors und Musikers Alfred Goubran, das er gemeinsam mit seinen Partnern, den Multiinstrumentalisten Oliver Welter und Stefan Deisenberger, realisierte. Der Gesang ähnelt einem ausgezehrten Röcheln, einem zutiefst resignierten Stöhnen – eine Stimme wie ein Steinbruch. Und die Musik stolpert kongenial durchs traurige Textgestrüpp, Tom Waits lässt grüßen. Trotz einiger unübersehbarer Parallelen verfügt Goubran jedoch durchaus über eine unverwechselbare Eigenart, was Gesang und Text betrifft. Und es gibt sie ja tatsächlich, diese trüben Tage, an denen wir sehr empfänglich sind für traurige Lieder und morbide Klänge. „Ja, wir trinken und trinken und trinken und trinken …“, heißt es im Titelstück – es kommt halt immer auf die richtige Dosierung an.
Kai Engelke
 HEIDI HAPPY: Golden Heart
HEIDI HAPPY
Golden Heart
www.heidihappy.ch
(Silent Mode SIMO002/Cargo Records)
14 Tracks, 44:34, mit Texten


Auch die Musik von Heidi Happys fünftem Album soll durch und durch persönlicher Natur sein, sagt die Musikerin. So verschieden die Stücke sind, haben sie doch ein kühleres, elektronisch unterlegtes Klangbild gemeinsam als gewohnt. Der sehr weiche, anschmiegsame Songwriterstil scheint dabei nur noch hier und da durch. Ansonsten ist Golden Heart bunt wie das Leben. Das Album beginnt mit einen soulig groovigen Stück, das in die Beine geht („Ding Dong“). Popstücke sind zu hören („In Your Heart“). Sogar Countryanklänge gibt es („In The Garden“). Nicht einmal vor Volkstümlichem hat die Musikerin Hemmungen, wie sie im „Whistle Song“ zeigt. Auch puren Elektropop gibt es mit „High Wave“ und „La Dance“. Und in einer schnelleren Achtzigerjahre-Disco-Version hat die Schweizerin das Stück „Du da, ich da“ von ihrem Debütalbum Back Together neu intoniert. Unter dem Einfluss einer neuer Liebe sei das Album entstanden, und so ist das Titellied Golden Heart ein sanft erhabenes Stück geworden. Alle Texte und alle Musiken hat die Künstlerin selbst geschrieben. Und für das Album hat sie sich eine neue Band aus drei Musikern zusammengestellt: Ephrem Lüchinger, Baptiste Germser und Domi Huber.
Sarah Fuhrmann

 FIONA HUNTER: Fiona Hunter
FIONA HUNTER
Fiona Hunter
www.fionahunter.co.uk
(Rusty Squash Horn Records RSH004CD)
10 Tracks, 47:39, mit engl. Infos


Bei der Gruppe Malinky ist sie die Nachfolgerin der famosen Karine Polwart – und diesem großen Erbe wurde Fiona Hunter bislang mehr als gerecht. Als sich Malinky aus finanziellen Gründen zu einer Auszeit gezwungen sah, reifte in Hunter der Plan eines Soloalbums. Und hier ist es – unaufdringlich, geschmackvoll, durchgehend traditionell und unter maßgeblicher Mitwirkung von Mike Vass entstanden. Der Multiinstrumentalist, der bereits bei Malinky mit Fiona Hunter zusammengearbeitet hat, betätigt sich als Produzent und sorgt für einen stimmigen Gesamteindruck. Aus der auch insgesamt positiven Präsentation ragt natürlich vor allem Fiona Hunters Stimme heraus. Die Schottin, die auf dem Album auch Cello und Harmonium spielt, singt natürlich, warm, kontrolliert und doch mit viel Gefühl. Ein Solodebüt, mit dem Fiona Hunter mehr als zufrieden sein kann.
Mike Kamp
 GJERTRUD LUNDE: Hjemklang
GJERTRUD LUNDE
Hjemklang
www.gjertrud-lunde.com
(Ozella OZ054CD/Galileo MC)
Promo-CD, 11 Tracks, 62:03, mit norw./frz./engl./port. Texten u. engl. Infos


Es gibt Stimmen, die mit dem ersten Ton wortlos Geschichten erzählen können, aufrichtig, uneitel und klar wie vielleicht das Wasser der Fjorde in Gjertrud Lundes Heimat. Die Norwegerin legt mit dem Album Hjemklang eine bezaubernde Sammlung größtenteils eigener Kompositionen vor, die sich stilistisch zwischen Jazz, Klassik und Weltmusik bewegen, alte norwegische Psalme unter Einsatz moderner elektronischer Effektgeräte arrangieren und europäische Nuancen ebenso über englische, portugiesische, norwegische und französische Texte artikulieren wie über die Bandbesetzung mit dem Polen Bodek Janke an Schlagzeug und Perkussion, dem Niederländer Wolfert Brederode am Piano, dem Deutschen Florian Zenker an der Gitarre und Lundes norwegischem Landsmann Arve Henriksen an der Trompete. Gemeinsam ist allen Titeln die Authentizität in Komposition, Arrangement und Ausführung. Es gibt keine Kopien, keine Anleihen, keine Wiederholungen. So individuell sich Lunde jedem einzelnen Thema annähert, so kreativ, virtuos und einfühlsam ergänzen die Kollegen ihre Solistin. Mit traumwandlerischer Sicherheit schaffen die Musiker damit eine Klanglandschaft, die unbedingt zum Hören und Verweilen einlädt.
Cathrin Alisch

 MÀNRAN: The Test
MÀNRAN
The Test
www.manran.co.uk
(Mànran Records MAN03)
10 Tracks, 50:34


Als quintessenzielle schottische Folkrockband sind – speziell in Deutschland – Runrig bekannt und beliebt. Auch Mànran sind ein schottisches Folkrocksextett, aber sie sind noch um einiges schottischer. Das hat vor allem zwei Gründe: Da ist ihr bis auf zwei Ausnahmen konsequenter Gebrauch der gälischen Sprache, und sie haben das Glück, mit Norrie MacIver einen Muttersprachler als Sänger vorweisen zu können. Schließlich ist da das Trio Gary Innes (Akkordeon), der Battlefield-Band-Mann Ewen Henderson (Fiddle, Highland Pipes, Whistle) sowie ex-Cara-Musiker Ryan Murphy (Uilleann Pipes, Holzflöte). Das macht Mànran wahrscheinlich nicht nur zur einzigen Band, die schottische und irische Pipes gemeinsam präsentiert – nein, diese Herren sind darüber hinaus auch wirklich tief verwurzelt in der musikalischen Tradition Schottlands! Und natürlich auch ein wenig in der irischen. Das spiegelt sich deutlich in den zahlreichen Instrumentals. Erneut sorgt Altmeister Phil Cunningham als Produzent für makellosen Sound, und wie beim Debüt von 2011 zitieren Mànran auch wieder ihre offensichtlichen Vorbilder Runrig, diesmal mit der Calum-&-Rory-Macdonald-Komposition „Tillidh Mi“. Ein starker Nachfolger eines starken Debüts – und nein, schottischer geht’s kaum!
Mike Kamp
 Quatuor Ébène – Stacey Kent & Bernard Lavilliers: Brazil
Quatuor Ébène – Stacey Kent & Bernard Lavilliers
Brazil
www.quatuorebene.com
(Erato/Warner Classics CD 0825646320462)
13 Tracks, 67:11


Streichquartette sind heutzutage dann am erfolgreichsten, wenn sie sich in Genres außerhalb der Klassik wagen und dort ihr Publikum erweitern. So zeigt auch das französische Quatuor Ébène auf Brazil sein ganzes Können im Crossoverbereich, ohne dass das Album in zu unterschiedliche Stimmungen zerfällt. Dazu hat sich das Quartett Verstärkung geholt: die den klassischen Bossa-Nova-Stil perfekt beherrschende Sängerin Stacey Kent, den Chansonnier Bernard Lavalliers, Bossa-Legende Marcos Valle und eine Rhythmusgruppe. Die Auswahl der Stücke ist allerdings keineswegs rein brasilianisch – neben Tom Jobim oder Ary Barroso reicht das Spektrum von Pop (Sting) über Filmmusik (Chaplin) und Tango (Astor Piazzolla) bis Jazz (Wayne Shorter), dazu etliche Kompositionen Lavalliers. Etwa die Hälfte der Stücke ist mit Gesang arrangiert. Quatuor Ébène hat verstanden, worauf es ankommt: eine einheitliche, entspannte Atmosphäre unabhängig von Ausgangspunkt und Zutaten zu generieren und gleichzeitig die stilistische Komplexität wie selbstverständlich wirken zu lassen. Ein Meisterwerk ist das Titelstück „Brazil“, dessen Arrangement von Kammermusik über Trommlerimitationen bis zur Karnevalsstimmung reicht.
Hans-Jürgen Lenhart

 YANN TIERSEN: 8 (Infinity)
YANN TIERSEN
8 (Infinity)
www.yanntiersen.com
(Mute Artists CDSTUMM367/Rough Trade)
Promo-CD, 10 Tracks, 49:31


Wer den Bretonen Yann Tiersen bislang nur über seine bestverkauften Soundtracks Le Fabuleux Destin D’Amélie Poulain oder Good Bye Lenin! – zusammen über zwei Millionen Exemplare – wahrgenommen hat, dem entging Tiersens andere Seite. Während auf beiden Filmmusiken eher heiter-melancholischer Klingklang zu hören war, ging es auf seinen „regulären“ Alben oft recht düster zu. Speziell auf den beiden direkten Infinity -Vorgängern, Dust Lane und Skyline, schuf Tiersen teils apokalyptische Klänge zu morbiden Folksongs. Da macht auch Infinity keine Ausnahme: dunkle Klänge, seltsame Walzer, Naturgeräusche, rezitierte Texte – eine sehr eigene Welt voller musikalischer Merkwürdigkeiten. Manches erinnert an die Frühwerke Mike Oldfields, der ja ebenfalls in serieller Musik, Folk, Rock sowie keltischer und skandinavischer Mythologie zuhause ist. Doch anders als Oldfield, dessen erste drei Alben zwischen 1973 und 1975 erschienen, kann Tiersen zusätzlich auf die in den Achtziger- und Neunzigerjahren veröffentlichten Ambient-Experimente von Brian Eno bis Wolfgang Voigt zurückgreifen. Wie er aus all diesen Möglichkeiten seine ureigene Melange kreiert, das macht ihn so unverwechselbar und einzigartig.
Walter Bast
 WIENER TSCHUSCHENKAPELLE: Donauinselfest 2013 Live
WIENER TSCHUSCHENKAPELLE
Donauinselfest 2013 Live
www.tschuschenkapelle.at
(Tschuschenton 005/Harmonia Mundi)
12 Tracks, 50:08


Wien, Donauinselfest 2013 – Europas größte Veranstaltung unter freiem Himmel, eine Million Menschen verteilen sich spazierend auf den Donauwiesen, Bratenduft und Feierstimmung liegen in der Luft, von diversen Bühnen klingt Musik. Vor einigen Jahren war das Donauinselfest jährlich eine gute Gelegenheit auch für Weltmusik. Mittlerweile findet sie hier kaum noch statt, sie musste Dancepop weichen. Glücksfall im Jahr 2013: Die Wiener Tschuschenkapelle, Wiens ältestes Ensemble mit Migrationshintergrund, trat passend zum fünfundzwanzigjährigen Jubiläum auf. Die Band um den Sänger und Gitarristen Slavko Ninic, die sich den alle südosteuropäischen Zuwanderer beleidigenden Schimpfnamen „Tschuschen“ ehrenhalber zugelegt hat, spielte als Sextett auf, mit einem Repertoire, das mit Klarinette, Akkordeon und mehrstimmigem Gesang melodienselig durch die Folklore des Balkanraums von Kroatien bis Griechenland führte. Einziger Kritikpunkt: Wer die Konzerte kennt, weiß, wie gewitzt Ninic mit dem Publikum interagiert. Trotz der Liveaufnahme überträgt sich von dieser Kunst der Kommunikation wenig auf das Album. Dennoch ist der Mitschnitt wegen der Rest-Live-Atmosphäre aber mehr als eine schöne Ergänzung zu den Studioalben.
Harald Justin

Nordamerika
 NEAL BLACK & THE HEALERS: Before Daylight
NEAL BLACK & THE HEALERS
Before Daylight
www.nealblack.net
(Dixifrog DFGCD 8761/Fenn Music)
10 Tracks, 45:46, mit engl. Texten u. Infos


Der weitgereiste texanische Sänger, Gitarrist und Komponist Neal Black, der zwischen den USA und Frankreich pendelt, darf sich über ein großes und begeistertes Publikum freuen. Auch nach 30 Jahren präsentiert er seine kraftvollen Bluesrocksongs noch frisch und unverbraucht. Bei dieser Studioproduktion des Künstlers, der auch live ein Ohrenschmaus ist, sind Mike Lattrell (Piano, Orgel, Mandoline), Kris Jefferson (Bass, Bako Mikaelian, Harmonica) und Dave Bowler (Schlagzeug) mit dabei. Besonders die Songs „The Peace Of Darkness“ und „The Road Back Home“ unterstreichen, wie grandios Black und seine Begleiter modernen elektrischen Blues zu spielen verstehen. Die anderen Titel, darunter „Mama‘s Blues“ von Willie Dixon und Chester Burnett, reihen sich eindrucksvoll ein. Nicht nur musikalisch, sondern auch optisch – im Digipack – ist diese Scheibe absolut gelungen.
Annie Sziegoleit
 KRONOS QUARTET: A Thousand Thoughts
KRONOS QUARTET
A Thousand Thoughts
www.kronosquartet.org
(Nonesuch 7559-79557-3/Warner)
Promo-CD, 15 Tracks, 74:18


Zum vierzigsten Jahrestag ihres Bestehens im November 2013 spendierte die Plattenfirma dem Quartett um Gründungsmitglied David Harrington eine Zusammenstellung mit Werken aus den Jahren 1989 bis 2013, zehn davon bisher unveröffentlicht. Die Sammlung zeigt sehr schön, wie das Quartett im Laufe der Jahre seine ursprüngliche Spielweise erweitert hat. War es zu Anfang ein konventionell besetztes Streichquartett mit ungewöhnlichem Repertoire von Terry Riley über Ornette Coleman und Jimi Hendrix bis Pandit Pran Nath, so erleben wir heute ein nach allen musikalischen Seiten offenes, crossovererfahrenes Ensemble, das seine Fähigkeiten in den Dienst verschiedenster Musiker oder Bands stellt oder sich für eigene Werke mit einer Vielzahl ebenso verschiedener Gäste umgibt. Das ist das gute Recht des Künstlers. Doch was einst das Kronos-Faszinosum aus homogener Form (Streichquartett) und heterogenem Inhalt (Vielschichtigkeit des Repertoires) war, ist nun einer gewissen Beliebigkeit gewichen. Verloren gingen der Wiedererkennungswert und das, was man hierzulande mit dem Wortungetüm Alleinstellungsmerkmal bezeichnet. Wie gesagt, die dürfen das. Nur – der Autor dieser Zeilen erkennt sie nicht mehr.
Walter Bast

 NICKEL CREEK: A Dotted Line
NICKEL CREEK
A Dotted Line
www.nickelcreek.com
(Nonesuch Records 541944-2/Warner)
Promo-CD, 10 Tracks, 37:59


Die Nachricht verbreitete sich Anfang des Jahres mit Strahlkraft: Nickel Creek sind nach sechs Jahren wieder zusammen und arbeiten an ihrem sechsten Album! Entsprechend hoch stiegen die Erwartungen an A Dotted Line. Sie werden nicht enttäuscht, beim Hören wird relativ schnell klar, dass Mandolinengott Chris Thile und die virtuosen Geschwister Sara (v) und Sean Watkins (g) jenseits aller Zweifel agieren. Vom reinen Bluegrass haben sich die drei, die bereits im Kindesalter vor 25 Jahren als Nickel Creek unterwegs waren, längst verabschiedet – nicht vollständig, wie „21st Of May“ zeigt, aber das Genre blinkt nur als ein Sternchen im großen Kosmos verschiedenster Einflüsse. Die reichen von Folk und Blues bis zu Indie Rock und New Wave. Entsprechend abwechslungsreich gerät das Album, vom mitreißenden „Destination“ über die bittersüße Ballade „Christmas Eve“ bis zur wavigen Coverversion von Mother Mothers „Hayloft“. Mark Schatz unterstützt das Trio am Bass – die ideale Ergänzung für drei Musiker, die in ihren Soloprojekten gereift sind, traumhaft zusammenspielen, sämtlich grandios singen und berückend schöne Songs schreiben. Mit A Dotted Line machen sie uns wunschlos glücklich.
Volker Dick
 DAVID OLNEY: Sweet Poison
DAVID OLNEY
Sweet Poison
www.davidolney.com
(Strictly Music SM-406/Strictly Country Records/In-akustik)
12 Tracks, 52:30, mit engl. Texten u. Infos


David Olney macht bereits seit Ende der Sechzigerjahre Musik. Zuerst in Bands wie Simpson oder den X-Rays aktiv, ging er 1973 als Songschreiber nach Nashville. Seine Songs seien vor allem deshalb erfolgreich gewesen, weil sie nicht besonders aus der Menge hervorstachen – wie er selbst meint. Besonders erfolgreich sind sie anhaltend in Holland, wo Olney, mehr als irgendwo sonst auf der Welt, ein richtiger kleiner Star ist. Dort tourt er regelmäßig, dort läuft seine Musik im Radio. Vielleicht, weil er darin nicht von sich selbst erzählt, sondern andere Menschen beobachtet und sich Themen aus der Menschheitsgeschichte vornimmt. David Olneys Musik hat einen universellen Touch, und so wundert es nicht, dass er in ihr den Blues zitiert wie auch Hillbillymusik der Zwanzigerjahre, und eine Brücke zur keltischen Musik schlägt er auch. Das vorliegende Livealbum wurde – selbstverständlich – in Holland aufgezeichnet. Gemeinsam mit seinem langjährigen Begleiter Sergio Webb spielt sich David Olney mit Emphase und Leidenschaft durch Songs aus seiner Feder, die bereits von Emmylou Harris, Steve Earle, Johnny Cash, Linda Ronstadt und Laurie Lewis eingespielt wurden. Und zwei neue gibt es auch.
Michael Freerix

 JOAN OSBORNE: Love And Hate
JOAN OSBORNE
Love And Hate
www.joanosborne.com
(Womanly Hips Records & Entertainment One/Membran 233844/Sony)
12 Tracks, 49:30, mit engl. Texten und Infos


Zum zweiten mal nach Little Wild One hat Joan Osborne bei Love And Hate auf Cover von Klassikern zugunsten ihrer eigenen Songs verzichtet – und die haben es in sich! Tief verwurzelt im Rhythm and Blues, streben sie doch weit über dessen Grenzen hinaus. Etwa in die Gesellschaft der Songs Burt Bacharachs, wenn nicht gar der Werke der Romantiker um Richard Wagner, die nicht nur in den intensiven Streicherwallungen immer wieder anklingen. Thematisch geht es, der Albumtitel verrät es, ums Ganze; dass die inzwischen 52-Jährige mit entsprechender Intensität zu Werke geht, darauf kann man sich wohl verlassen – wer Joan Osborne einst in Standing In The Shadows Of Motown „What Becomes Of The Brokenhearted“ singen gesehen hat, der weiß, aufwühlender wird Popmusik nicht! Mehr Ernst und Ernst bei der Sache, mehr Empathie und Gewicht, dabei mehr Haltung und Anmut sind in der leichten Muse nicht möglich. Dass die New Yorkerin aus Kentucky, die schon mit ihrer ersten Single „One Of Us“ einen Treffer landete, der seitdem nicht mehr zu überhören ist, solche Höhen mit Love And Hate nicht ganz auf ein Neues erreicht, ist nicht verwunderlich. Es tut den großen Qualitäten des Albums aber keinen Abbruch.
Christian Beck
 RAE SPOON: My Prarie Home
RAE SPOON
My Prarie Home
www.raespoon.com
(Eigenverlag)
19 Tracks, 49:15


Verständlich, dass der kanadische Transgender-Sänger Rae Spoon seine außergewöhnliche Kindheitsgeschichte als Spross einer streng christlichen Familie, speziell die Erfahrungen mit Ausgrenzung und Spott gleichsam zum Politikum macht. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität und den Versuchen, sich in gesellschaftliche Gefüge einzugliedern beziehungsweise davon abzugrenzen sind der Stoff, aus dem Rae Spoon kreative Ideen schöpft und auf zahlreichen Alben, in Büchern und zuletzt einem Dokumentarfilm an die Öffentlichkeit trägt. In seinen textlastigen Songs besingt er mit schnörkelloser, ungebrochener Stimme und einfachen Worten sehr detailliert persönlichste Erinnerungen, manchmal bis zur Schmerzgrenze intim. Eingefasst sind die Geschichten von Gitarrenarrangements und leichten Electronikabeigaben à la William Fitzsimmons. Die 19 Tracks bergen viele anrührende Momente und Melodien, auch wenn mitunter der Eindruck entsteht, dass die persönlichen Textzeilen nicht unbedingt über massentaugliches Identifikationspotential verfügen. Dafür sind die Rae Spoons vermutlich zu ernst, zu eingebettet in die eigene Lebensgeschichte. Wir können zuhören – und lernen.
Judith Wiemers

Kurze Onlinerezensionen
SCOTT KROKOFF
Realizations & Declarations
www.scottkrokoff.com
(Eigenverlag)
8 Tracks, 33:57


Der Spagat, den der New Yorker zwischen seinen Berufen Anwalt und Singer/Songwriter stehen muss, scheint seiner Musik jedenfalls ausgezeichnet zu bekommen. Der Nachfolger seines Debüts von 2007 ist eine ebenso souveräne wie runde Americana-Einheit aus allem, was Scott Krokoff von Rock-Druck bis Beatles-Harmonik und drum herum zu vereinnahmen weiß.




WIEDERVERÖFFENTLICHT
 FEELSAITIG: Feelsaitig – 30th Anniversary Deluxe
FEELSAITIG
Feelsaitig – 30th Anniversary Deluxe
www.intraton.de
(Intraton IntrA-08714)
19 Tracks, 66:15


Zum dreißigjährigen Jubiläum der Bayreuther Band um Sandy Wolfrum, Robert Wachsmann und den 2006 verstorbenen Hanzie Scharrer wurde das erste Album der Gruppe auf CD wiederveröffentlicht. Ergänzt um Liveaufnahmen von 1987 und zwei Neueinspielungen entstand eine Mischung deutscher und englischer Songs, die trotz der Jahre noch gut in die Zeit passen.




MUSIK FÜR KINDER
 WOLFGANG RIECK: Wir können alles werden
WOLFGANG RIECK
Wir können alles werden
www.wolfgang-rieck.de
(Eigenverlag)
13 Tracks, 40:38


Als Florian Fleißig legt Wolfgang Rieck sein drittes Album für Kinder vor – diesmal zum Thema Berufe. Ob Friseur, Matrose, Dichter, Clown, Musikant oder Schornsteinfeger – alles kleidet Rieck in kindgerechte Verse sowie zum Mitsingen geeignete Kehrreime. Auch die Arbeitslosigkeit wird thematisiert. Empfehlenswert für Kindergarten und Grundschule.




Afrika
 MAMY KANOUTÉ: Mousso Lou
MAMY KANOUTÉ
Mousso Lou
www.homerecords.be
(Homerecords 4446091)
13 Tracks, 55:47, Songinfos in frz.


Was für eine Sängerin! Die Stimmgewalt einer Oumou Sangaré (von der es ebenfalls ein Album namens Moussolou gibt), eine Intonationssicherheit wie Youssou N’Dour und das stimmliche Charisma eines Bambino Diabaté. Mehr Lob geht nicht, und es ist verdient. Die Senegalesin war Backgroundsängerin bei Baaba Maal, der auch Gast ist im Titelstück. Mit acht Streichern und einem sechköpfigen Backingchor nebst einem guten Dutzend Musikern an Gitarre, Bass, Saxofon, Kora, Balafon und Hoddu ist das Album mehr als üppig besetzt. Bis auf den Opener „Yelema“ gibt es allerdings nur Balladen und Midtempostücke, was ein wenig schade ist. Zwei, drei fetzigere Titel mehr hätten dem Album gut getan. Die Lieder sind im deklamatorischen Stil der Griots gehalten, die Musik klingt trotz Streichersektion und elektrischer Instrumente urban-traditionell westafrikanisch. Das Album ist musikalisch tadellos und gut arrangiert und ein Genuss für Leute, die Musik aus Afrika ohne Stützräder hören können.
Luigi Lauer
 SIA TOLNO: African Woman
SIA TOLNO
African Woman
www.myspace.com/tolnosia
(Lusafrica 662952)
12 Tracks, 54:19, mit engl. Infos


Nach zehn Sekunden weiß man: Musik aus Nigeria. Klar, Tony Allen spielt Schlagzeug. Afrobeat. Wer hat’s erfunden? Er, an der Seite von Fela Kuti. Sia Tolno stammt aus Guinea, hat sich aber Afrobeat als musikalisch-politische Waffe ausgesucht. Mutig, aber mit Kutis Hauptdarsteller als Groove-Garant kein Problem – der Mann spielt auch mit vierundsiebzig Jahren noch den einzigen Groove, den er kann, den aber so gut wie niemand sonst. Nur gelegentlich geht die Musik Richtung Highlife. Mit Guy N’Sangue am Bass ist auch das kein Problem, er ist auf mindestens hundert Alben jeglicher Couleur zu hören. Sia Tolnos kräftige, soulige Stimme macht sich ausgezeichnet in diesem Umfeld, und ihre hochpolitischen Texte stehen an Eindeutigkeit denen Felas nicht nach. Der Albumtitel passt darum gut, denn „African woman“ ist der Kernsatz in Kutis Hymne „Lady“. Sicher ist: Der gute alte Afrobeat erfährt in Kombination mit Sia Tolnos eher afroamerikanisch ausgelegter Stimme eine reizvolle neue Ausrichtung und eine verdiente Wiederbelebung zugleich.
Luigi Lauer

Asien
 DIVERSE: Memoirs Of An Arabian Princess – Sounds Of Zanzibar
DIVERSE
Memoirs Of An Arabian Princess – Sounds Of Zanzibar
www.winterandwinter.com
(Music Edition Winter & Winter 910 215-2)
9 Tracks, 77:03, mit dt. u. engl. Infos


Die abenteuerliche Geschichte, wie aus Sayyida Salme, Prinzessin von Sansibar und Oman, die Hamburger Kaufmannsgattin Emily Ruete wurde, kann man in ihrer 1866 veröffentlichten, Autobiografie Memoiren einer arabischen Prinzessin nachlesen (eine Neuauflage erschien 2006 unter dem Titel Leben im Sultanspalast. Memoiren aus dem 19. Jahrhundert). Produzent und Labeleigner Stefan Winter spürt dem Leben dieser ungewöhnlichen Frau nun mithilfe aktueller Sänger, Sängerinnen und Ensembles, die im traditionellen Taarab-Stil musizieren, nach. Abgerundet werden die Musikstücke von Rajab Sulejman & Kithara, Saada Nassor, Makame Faki, Tarbiyya Islamiyya, Sina Chuki Kidumbaki und dem Mtendeni Maulid Ensemble von O-Tönen aus Natur (Meer, Sand, Regen, Wind) und Zivilisation (unter anderem Märkte, Festivitäten, Umzüge, Muezzinrufe). So entsteht ein faszinierendes Klangpanorama, das gleichsam musikalische Zeitreise wie Bestandsaufnahme zeitgenössischer sansibarischer Musikkultur ist. Und so ganz nebenbei sind Ruetes Buch und Winters Album auch noch ein hochinteressantes Stück afrikanisch-deutscher Zeitgeschichte.
Walter Bast
 DIVERSE: The Rough Guide To The Music Of Palestine
DIVERSE
The Rough Guide To The Music Of Palestine
www.worldmusic.net
(World Music Network RGNET131CD/Harmonia Mundi)
15 Tracks, 63:43, mit engl. Infos, plus Bonus-CD RAMZI ABUREDWAN: 10 Tracks, 58:37


Kann Musik versöhnen? Zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Rezension schlagen sich der militärische Teil der Hamas und die israelische Armee im Gazastreifen mal wieder die Köpfe ein. Zimperlich ist keiner der beiden Kontrahenten, auch dann nicht, wenn militärische Operationen fast ausschließlich zivile Opfer fordern. Gemäßigte Politiker beider Seiten finden kein Gehör, die internationale Diplomatie ist rat- und machtlos, die Scharfmacher haben Konjunktur. – In diesen unseligen Zeiten erscheint dieser, von Nili Belkind und Nadeem Karkabi mit großem Engagement und Sachverstand zusammengestellte Sampler. Die musikalische Bandbreite reicht von eher traditionellen Werken (sehr schön: Ramzi Aburedwan auf der Bonus-CD) bis hin zu den Klang-Parametern, die zum Besteck von Jazzern, Liedermachern, Rappern, Elektronikern oder Hardrockern gehören, wobei die zeitgenössischen und zeitgeistigen Spielformen dominieren. – Und um die Eingangsfrage zu beantworten: Ja, vorausgesetzt, Konzerte werden nicht durch Sirenenalarm abgebrochen und das Haus, in dem der CD-Player steht, hat vier Wände, ein Dach, fließendes Wasser und Strom. Für alle weiteren Fragen: siehe Lennon, John – „Imagine“.
Walter Bast

 JEWISH MONKEYS: Mania Regressia
JEWISH MONKEYS
Mania Regressia
www.facebook.com/jewish-monkeys
(Greedy for Best Music 001/Indigo)
11 Tracks, 45:17, mit engl. Texten u. Infos


Die Jewish Monkeys aus Tel Aviv untergraben auf Mania Regressia sämtliche geschichtlich bedingten Berührungsängste mit dem Judentum und seinem Heimatstaat Israel. Die Mitglieder der illustren Klezmer-Combo aus Tel Aviv treten nicht nur als Musiker, sondern ebenso als beißend scharfe Zyniker und Humoristen in Erscheinung und streuen mit großem Vergnügen Salz in die sprichwörtliche Wunde. Immer wieder verbalisiert die Band in neu aufgearbeiteten Traditionals, Fünfzigerjahre-Schlagern und einigen Eigenkompositionen schmerzhaft direkt die Klischees der Vergangenheit. Da ist die jüdische Schöne, die lieber mit dem blonden, blauäugigen Jüngling schläft als mit dem mickrigen Juden – „All day you count and pray, you promise the moon and come too soon“. Da sind die Hebräer, die im Gespräch mit einem Araber ihre Besitztümer legitimieren – „They killed us in Europe, we need real estate“. Die politisch so offenherzig inkorrekten Texte gründen trotz allem jiddischen Kitsch, Zirkusklamauk und Verwirrungsspiel augenscheinlich auf der gesammelten Intelligenz der belesenen drei Gründungsmitglieder, die bestens wissen, wo es dem europäischen Hörer wehtut. Ballastreich, aufgedreht, krude, cool.
Judith Wiemers



Besondere
 DIVERSE: An Drochaid – The Skye Bridge Rising
DIVERSE
An Drochaid – The Skye Bridge Rising
www.watercolourmusic.co.uk
(Watercolour Music WCMCD55)
14 Tracks, 49:01



Es stand auf dem Cover unserer Nummer hundert: „Geschichten, die erzählt werden müssen.“ Das kann als generelles Motto für den Folker gelten, es gilt aber besonders für diese Geschichte.
1995 wurde die Brücke zur Isle of Skye im Nordwesten Schottlands eröffnet. Die Finanzierung erfolgte privat mit Regierungsunterstützung durch ein Konsortium mit der Bank of America an der Spitze. Die konservative Regierung im fernen London drückte das Projekt gegen starken Widerstand durch, denn es sollte das erste von vielen privat finanzierten öffentlichen Bauwerken werden. Die alternativlose Brücke war pro Meter die teuerste Mautbrücke der Welt. Sollte Westminster gedacht haben, die dummen Insulaner eigneten sich bestens für solche
 Scott Macmillan
Experimente, dann hatten sich die Politiker nachhaltig getäuscht. Die Menschen auf Skye kämpften kontinuierlich mit allen möglichen gewaltlosen Mitteln gegen den Zoll. Nach fast zehn Jahren Kampf schließlich wurden die Mautstellen abgerissen und es galt: Freie Fahrt! Nach zehn weiteren Jahren feierte dieses Jahr bei den Celtic Connections die Doku The Bridge Rising Premiere und mit dem Film das Soundtrackalbum An Drochaid: eine großartige Geschichte des Aufbegehrens nicht zuletzt auch der lokalen Musiker, von denen einige darauf vertreten sind. Die Lieder und Melodien stammen größtenteils von Scott Macmillan aus Cape Breton, Nova Scotia, produziert wurde die Sammlung von Nick Turner und der umtriebigen Mary Ann Kennedy. Und was für einen großartigen Job haben alle Beteiligten abgeliefert! Das Album, das auch ohne Film überzeugt, beginnt mit dem bekannten Piper Dr. Angus MacDonald, dann folgt eine einzigartige, teils atemberaubende Mischung aus Folk, elegischem Streichorchester, Bläsern und Elektronika. Tradition und Moderne gehen eine kreative Verbindung ein, die nur dann auf ein Minimum beschränkt wird, wenn der Aktivist Robbie the Pict seine Bluesharmonika bläst. Besser kann man einen Sieg lokaler Beharrlichkeit über Regierungsarroganz und transatlantisches Großkapital nicht feiern. Diese Veröffentlichung (wie auch der Film) macht Mut!
Mike Kamp



Bücher
 HELMUT KÖNIG [Hrsg.]: Pitters Lieder : die Lieder von Peter Rohland / i. Auftr. d. Peter Rohland Stiftung hrsg. von Helmut König.
HELMUT KÖNIG [Hrsg.]
Pitters Lieder : die Lieder von Peter Rohland / i. Auftr. d. Peter Rohland Stiftung hrsg. von Helmut König.
www.spurbuch.de
(– Baunach : Spurbuchverl., 2014. – 246 S. : Noten + Texte, mit Abb. + DVD)
ISBN 978-3-88778-407-2, 29,80 Euro


Peter Rohland (1933-1966) war der vielleicht wichtigste Impulsgeber, Anreger, Initiator der bundesrepublikanischen Folkbewegung der Sechziger- und Siebzigerjahre. Im Begleittext seiner allerersten Liedveröffentlichung (EP Vertäut am Abendstern) schrieb er schon 1962: „Vergessen wir nicht, dass auch bei uns in Deutschland Anknüpfungspunkte für eine eigenständige Chansonkunst bestehen. Sie liegen irgendwo zwischen Volkslied, bündisch-vaganteskem Song und unserer heimischen, mittlerweile etwas schmalbrüstigen Chansonkunst. Ihr Barden, schafft Texte, die weithin wirken! Sucht sie! Singt sie!“ Der Höhepunkt seines Wirkens als Pionier für eine neue Liedkultur in Deutschland lag sicherlich in der Mitbegründung (gemeinsam mit Diethart Kerbs, Rolf Gekeler und Jürgen Kahle) der Festivals Chansons, Folklore, International auf Burg Waldeck. Leider konnte Peter Rohland nur an den ersten beiden Festivals 1964 und 1965 teilnehmen, da er im Frühjahr 1966 schwer erkrankte und verstarb. Das opulent ausgestattete Liederbuch enthält neben sämtlichen von Peter Rohland veröffentlichten Liedern die Lebensdaten des früh verstorbenen Künstlers, eine vollständige Diskografie sowie eine DVD, auf der alle im Buch vorgestellten Lieder zu hören sind. Die einzelnen Kapitel richten sich im Wesentlichen nach den Titeln der LPs Rohlands – „Landstreicherballaden“, „Lieder des François Villon“, „Un as der Rebbe singt – jiddische Lieder“, „Lieder deutscher Demokraten“ – und enthalten die frühen Lieder, die durch Tonbandaufnahmen dokumentiert sind. Hilfreich und weiterführend sind die kenntnisreichen Einführungen der jeweiligen Kapitel von König beziehungsweise Peter Rohland selbst, der sich zur Märzrevolution von 1848 äußerte. Alle Lieder sind mit vollständigem Text, der Notation sowie Gitarrenharmonien dargestellt. Die sorgfältige, nahezu bibliophile Gestaltung dieses Buches (Leineneinband, Schutzumschlag, Grafik, Lesebändchen, Format, Papier- und Druckqualität) geht erheblich über die Machart vieler vergleichbarer Liederwerke hinaus. Ein Buch, das sich nicht nur für den eigenen Gebrauch, sondern auch zum Verschenken eignet.
Kai Engelke
 ULLI BÖGERSHAUSEN: Chocolate and Wine : aus d. Leben e. Musikers.
ULLI BÖGERSHAUSEN
Chocolate and Wine : aus d. Leben e. Musikers.
www.acoustic-music-books.de
(– Wilhelmshaven : Acoustic Music Books, 2013. – 160 S.)
ISBN 978-3-86947-319-2, 9,90 Euro


Nach fünfzig Jahren als Gitarrist und sechzig Jahren Leben, nach zweiundzwanzig Veröffentlichungen auf Schallplatte und CD, sechsundzwanzig Notenausgaben und DVD-Tutorials, nach etlichen Aufnahmen, die er als Produzent auf dem selbst gegründeten Label (Laika Records) begleitet hat, nun eine Art Autobiografie von Ulli Bögershausen. Ein sehr junger Mann sitzt auf der Heckstoßstange eines VW Käfers, eine Flasche Bier in der Hand, einen ganzen Kasten zu seinen Füßen: „Aus dem Leben eines Musikers.“ Und doch geht es eher um Schokolade und Wein, denn das Leben des Gitarristen aus dem verschlafenen ostwestfälischen Wiedenbrück ist keine Aneinanderreihung von Sex-, Drogen- und Rock-’n’-Roll-Geschichten, auch wenn der Beatles-infizierte Jugendliche lange Zeit den großen Rockstars nacheiferte. Erzählt wird in bescheidenem, warmem Tonfall, mit stillem Humor und großer Aufrichtigkeit. Von einem jungen Mann, der wusste, dass er Musiker werden möchte, auch wenn er oft nicht wusste wie, der seinen Traum aber mit hohem Einsatz und erstaunlicher Beharrlichkeit verfolgt hat. Von Reisen, Träumen, Begegnungen mit Musikern in aller Welt. Und von dem, was ihm am allerwichtigsten ist: der Liebe zur Musik. Man kommt ihm sehr nahe, dem Akustikgitarristen, der heute oberhalb der Mosel lebt und arbeitet. Und man muss ihn einfach mögen.
Rolf Beydemüller

 RIK PAUL ULLRICH: Eine Riesin trug mich übers Meer : Autobiografie.
RIK PAUL ULLRICH
Eine Riesin trug mich übers Meer : Autobiografie.
www.ploettner-verlag.de
(– Leipzig : Plöttner, 2013. – 349 S.)
ISBN 978-3-95537-124-1, 17,90 Euro


Rik Paul Ullrich, Jahrgang 1963, ist ein Bluesmusiker und Singer/Songwriter aus Usedom beziehungsweise Leipzig, der seine Lebenserinnerungen in Form von Anekdoten, Geschichten und Geschichtchen sowie mehr oder weniger alltäglichen Begebenheiten wortreich zu Papier gebracht hat. Kindheit, Schule, Nationale Volksarmee (NVA), Trennung der Eltern, bubenhafte Streiche, erste Liebeleien, erste Annäherungen an die Musik, Lehre, verschiedene Jobs, Kumpaneien und Freundschaften – alles wird unter Verzicht auf eine Unterteilung in Kapitel chronologisch dargestellt, wobei die einzelnen Erzählstränge immer wieder übergangslos durch abrupt eingeschobene Episoden unterbrochen werden. Etwas seltsam mutet der Sprachduktus an, der sich ständig zwischen gedrechselt-altmodischen Wendungen und derb-vulgärer Ausdrucksweise bewegt. Ullrichs Biografie besteht aus zwei Teilen: Kindheit und Jugend sowie das Leben als erwachsener Mensch. Es geht eine eigenartige Tristesse, eine nahezu düstere Melancholie von diesem Buch aus, zumal der Autor auch die zahlreichen negativen Ereignisse seines Lebens ausführlich und mit viel wörtlicher Rede schildert: Jobverlust, zerbrochene Lieben, Arbeits- und Wohnungssuche, Zerfall der Band, Krankheit, Auseinandersetzungen mit der Obrigkeit, Alkohol, Verlust der Fahrerlaubnis etc. Weshalb schreibt jemand so ein Buch? Um wesentliche Ereignisse festzuhalten, sie nicht ins Vergessen sinken zu lassen? Um über das eigene Leben zu reflektieren? Aber ist das auch für Außenstehende von Interesse? „Liebe dein Leben und gib dir Mühe bei dem, was du in Angriff nimmst … Leben ist immer noch das, was du daraus machst“, rät der Musiker seinen Lesern. Na ja, wer’s noch nicht wusste … Rik Paul Ullrich bezeichnet sich jedenfalls als einen glücklichen Menschen – das, immerhin, kann nicht jeder von sich sagen. Sein Glück sei ihm von Herzen gegönnt, auch wenn er in der Tat „kein Literat im eigentlichen Sinne“ ist, wie es im Klappentext heißt.
Kai Engelke
 GARY WEST: Voicing Scotland : Folk, Culture, Nation . – 1. Aufl., Nachdr.
GARY WEST
Voicing Scotland : Folk, Culture, Nation . – 1. Aufl., Nachdr.
www.luath.co.uk
(– Edinburgh : Luath Press., 2014. – 186 S. : mit s/w-Fotos)
ISBN 978-1-908373-28-1, 12,99 schott. Pfund


Im September werden die Schotten demokratisch entscheiden, ob sie zukünftig (wieder) als eigener Staat agieren wollen. Für Pro ebenso wie für Kontra finden sich gute Gründe. Der Piper, Wissenschaftler und Radiomoderator Gary West gibt diesbezüglich keine Empfehlung, beweist aber, dass Schottland unabhängig vom Wahlausgang (musik-)kulturell gesehen schon immer eigenständig war. Er definiert schottische Kultur nicht im Gegensatz zu England, sondern je nach Standpunkt in nationalem oder regionalem Zusammenhang. Wer hat Schottlands Lieder und Melodien gesammelt? Wer hat nach der Wiederentdeckung (unter anderem durch Hamish Henderson) der traditionellen Musik besondere Impulse gegeben? In welchem Zusammenhang stehen Landstrich und kultureller Ausdruck, zum Beispiel der Unterschied zwischen Highlands und Lowlands? Und wie kontert man den durchaus vorhandenen schottischen Kitsch? Das sind nur einige der Fragen, die West ohne akademische Attitüde behandelt. Die Antworten führen nicht zu grundlegend neuen Erkenntnissen. Sie liefern allerdings eine willkommene Zusammenfassung von Vergangenheit und Gegenwart schottischer Folkmusik, wobei die gälische Kultur zugegebenermaßen nur gestreift wird. Dennoch empfehlenswert.
Mike Kamp

 JERRY WILLARD: 50 Easy Irish Favorites for Classical Guitar / arr. and comp. by Jerry Willard.
JERRY WILLARD
50 Easy Irish Favorites for Classical Guitar / arr. and comp. by Jerry Willard.
www.musicsales.com
(– New York, NY : Amsco Publ., 2014. – 80 S. : nur Noten u. Tab + Downloadcar)
ISBN 978-1-78305-439-8, 26,50 Euro


Eine sehr fein arrangierte Sammlung irischer Folkklassiker legt der amerikanische Konzertgitarrist Jerry Willard in diesem recht umfangreichen Band mit fünfzig Songs vor. Auf eine CD wurde verzichtet, dafür stehen auf der Verlagsseite alle Tracks der Ausgabe zum Download bereit, in mustergültiger Einspielung durch den Autoren. Die Stücke sind entweder in Standardstimmung oder Dropped-D Tuning notiert. Das zweistimmige Spiel (Bass und Melodie) sollte man gut beherrschen um von diesem Band profitieren zu können. Hier sind eine Menge sehr schön klingender Stücke, Traditionals und Kompositionen von O’Carolan, versammelt, die auch bestens im Unterricht eingesetzt werden können.
Rolf Beydemüller
 CIARÁN COLLINS: Tausend Worte : Roman / Aus d. Engl. von Gabriele Haefs.
CIARÁN COLLINS
Tausend Worte : Roman / Aus d. Engl. von Gabriele Haefs.
www.berlinverlag.de
(– Berlin : Berlin Verl., 2014. – 444 S.)
ISBN 978-3-8270-1190-9, 22,99 Euro


Eine Therapie ist meist qualvoll. Diese ist es insbesondere. Auch für den Leser. Denn der Erzähler des ersten Romans von Ciarán Collins ist „Der Gamal“ (so auch der irische Originaltitel), der verhaltensgestörte Dorftrottel des kleinen Ortes Ballyronan. Sein Psychiater hat angeordnet, dass Charlie jeden Tag wie ein Schriftsteller tausend Wörter schreiben muss, um ein schlimmes Erlebnis zu verarbeiten. Charlie wehrt sich gegen diese Therapie und bringt zunächst alles mögliche zu Papier, nur, um die geforderte Wortanzahl zusammenzubekommen. Das macht den Einstieg in dieses vielschichtige Buch nicht wirklich leicht. Doch es entwickelt sich schon nach wenigen Seiten, auf denen sich amateurhafte Zeichnungen, Fotokopien, Auszüge aus Lexika und Leserbeschimpfungen zu einem Kaleidoskop schräger, skurriler Einfälle scheinbar ohne Zusammenhang aneinanderreihen, ein Sog, der den Leser so schnell nicht wieder loslässt. Der Roman erzählt eine moderne Romeo-und-Julia-Variante, ist gleichzeitig Kriminalroman und Reflexion der (irischen) Gesellschaft aus der Sicht eines Außenseiters. Das Drama entfaltet sich in der oft brüsken und schnodderigen, manchmal enervierenden, aber immer faszinierenden Erzählweise nur ganz allmählich und hält die Spannung bis zum Schluss. Die Geschichte ist melancholisch und komisch zugleich. In ihrem Verlauf entfaltet sich das Psychogramm eines ganzen Dorfes, und nach und nach werden die unterschwelligen Konflikte spürbar, die schließlich dazu führen, dass der Held des Romans in der Psychiatrie landet und seine Erlebnisse aufschreiben muss. Und so erzählt der Gamal dann seine Sicht der Geschichte, seiner unverbrüchlichen Freundschaft zu der begnadeten jungen Sängerin Sinéad und ihrem Liebsten, dem Musiker James, die bereits in der Grundschule begonnen hat. Über den Ausgang der Geschichte, in der nebenbei bemerkt sehr viel (auch irische) Musik vorkommt, sei nicht zu viel verraten. Ciarán Collins, Jahrgang 1977, aufgewachsen in einem irischen Dorf, hat englische und irische Literatur studiert und unterrichtet als Lehrer an seiner ehemaligen Schule in Kinsale. Sein Erstling gilt in England als Debüt des Jahres. Ein sehr empfehlenswertes Buch.
Ulrich Joosten

Deutschland
 DER BLACK: Der Black singt
DER BLACK
Der Black singt
www.der-black.de
(Eigenverlag)
12 Tracks, 32:59


Das hat er geschickt eingefädelt, der Black: Einerseits will er es als Künstler natürlich vermeiden, auf verstaubten, mittlerweile allzu ausgelatschten Pfaden entlangzuwandern, andererseits wäre es sicher nicht klug, die alten – ja, es gibt sie noch – Schobert & Black-Fans zu verprellen. Sein aktuelles Album Der Black singt kommt in völlig neuem musikalischen Gewand daher, frei nach dem Motto: Der Hörer hat das Recht, nicht das zu bekommen, was er erwartet. Zur Begrüßung wird fröhlich losgerockt („Handwerk Adjöh“), es folgt „Am Strande gestrandet“ mit balladesk-maritimen Klängen, und das Protestlied „Da läuft was aus dem Ruder“ wird von feinstem New-Orleans-Jazz begleitet. Und auch eine Kreuzung aus Country-Rock und Karnevalssong („Dat hammer uns verdient“) muss man erst mal hinbekommen. Sogar Calypso-Rhythmen, Reggae und Rap gibt’s auf die Ohren. Die wirklich witzigen bis abgedrehten Texte stammen aus der Feder von Meistersatiriker Klaus De Rottwinkel, Meinolf Bauschulte sorgte für die abwechslungsreichen Arrangements und Der Black schrieb die Melodien. Die sparsam eingestreuten Limericks und natürlich vor allem Blacks unverändert klare, charismatische Stimme erinnern an selige Schobert-&-Black-Zeiten
Kai Engelke
 EPITAPH: The Acoustic Sessions
EPITAPH
The Acoustic Sessions
www.epitaph-band.de
(In-akustik INAK 9130 CD)
15 Tracks, 65:10, mit Infos


Epitaph, die alten Krautrockhelden, folgen mit den Acoustic Sessions dem Unplugged-Trend alter Helden. Vergleiche mit den Scorpions drängen sich auf, die ja ebenfalls als Krautrockband starteten und mit einem akustischen Album den grausamen Tod durch Altersschwäche hinauszögern wollen. Epitaph machen auf ihrem Album jedoch alles richtig. Die Songs erklingen voller Spielfreude und so frisch, als wären sie explizit für dieses Album geschrieben. Der mehrstimmige Gesang erhält den Rockcharakter der Band. Man rückt durch die akustischen Varianten gefährlich nahe an die Gefilde von Crosby, Stills & Nash. Bluesnummern und Balladen wechseln einander harmonisch ab. Ob eine fesselnde Liveversion von „In Your Eyes“ mit Geige, ob „All Along The Watchtower“, jedes Experiment gelingt und sorgt für leuchtende Augen. Die Folkpuristen, die vielleicht noch nie Kontakt mit Epitaph hatten, erhalten mit den Acoustic Sessions ein bemerkenswertes Folkrockalbum, welches für sich steht. Es besteht nicht aus „alten Hits in neuen Schläuchen“, es ist also nicht nur für Fans interessant (die allerdings vor Glück weinen werden). Es ist eine der seltenen Veröffentlichungen, auf denen Neueinspielungen in der Lage sind, neue Hörer zu gewinnen. Willkommen im zweiten Frühling von Epitaph.
Chris Elstrodt

 NIELS FREVERT: Paradies der gefälschten Dinge
NIELS FREVERT
Paradies der gefälschten Dinge
www.nielsfrevert.net
(Grönland CDGRON138/Rough Trade)
Promo-CD, 10 Tracks, 35:28


Der Sänger der bereits 1996 wieder verblichenen Hamburger Kapelle Nationalgalerie hält einige Trümpfe in der Hand. Ungewöhnliche Themen wie den Anruf beim Freund in der Psychiatrie oder einen Unfall mit Komafolgen; das eher gewöhnlichere Ade an die oder den Ex – erschließt sich aus dem Text schlauerweise nicht – glänzt trotz Resignation durch wohltuenden Verzicht auf jegliche negative Energie. Im Ton, in dem er verhandelt, vergreift sich der Künstler nicht ein einziges Mal spürbar – inklusive eines „ha-ha-heilig“ im „Schwör“-Telefonat in die Anstalt, das knapp vor dem Kalauer doch genau das richtige Maß an Ironie aufbietet: „Bei allem, was dir …“ … genau – sehr witzig und sehr schön durchschaut den überkommen pathetischen Phrasenklassiker. Dazu tolle Musik: lakonisch entspannter, sanfter Singer/Songwriter-Pop und -Rock auf Gitarrengrundlage, überwiegend betont langsam, mit sehr gefälligen Melodien, Harmonien und Arrangements, gelegentlich opulent bis zur Orchesterstärke, Bläser und Streicher inklusive – das Promomuster gibt keinen Aufschluss darüber, ob echt oder synthetisch, klingt aber echt. Es kann ordentlich hineinziehen in dieses Album. Ein ausgesprochen angenehmes Gefühl.
Christian Beck
 IMPALA RAY: Old Mill Valley
IMPALA RAY
Old Mill Valley
de-de.facebook.com/ImpalaRay.music
(Redwinetunes/Rough Trade)
10 Tracks, 38:26


Wenn ein Album mit einer urigen A-cappella-Nummer vor einer zirpenden Grillengeräuschkulisse beginnt, kann das nur Gutes verheißen. Mit dem Debütalbum Old Mill Valley erfüllt sich Ideengeber und Gründervater der Band, Rainer Gärtner, einen Kindheitstraum und erweckt im bayerischen Altmühltal musikalisch die Wild-West-Atmosphäre, die er bereits als Junge in Cowboy- und Indianerspielen erkundet hat. Die Koordinaten sind so schlicht wie einleuchtend: Akustikgitarre, allerlei Hintergrundsounds aus den Bergen, feucht-fröhlicher Lagerfeuergesang, komplementäres Geplänkel auf Tuba, Cello und Ukulele sowie ein runtergetuntes Mastering. Zusammen mit der durchaus countrytauglichen Stimme Gärtners kommt dabei ein Album heraus, das den jugendlichen Übermut an endlosen Sommertagen ebenso in Töne fasst wie die dazugehörigen nachdenklichen späten Nächte. Impala Ray präsentieren sich hier als grundsympathische Truppe, zu der man sich am liebsten dazusetzen und dann lauthals mitsingen möchte.
Judith Wiemers

 SCHNAPS IM SILBERSEE: Jede Welt ist die Echte
SCHNAPS IM SILBERSEE
Jede Welt ist die Echte
www.schnapsimsilbersee.de
(Eigenverlag)
13 Tracks, 52:37, mit dt. Texten u. Infos


Das ist wirklich eine kleine Überraschung: Brachte der Livekonzertbesucher die fröhliche Truppe Schnaps im Silbersee noch am ehesten mit den schrägen Monsters of Liedermaching und ihren eher derben Späßen in Verbindung, so stellt er beim Hören des soeben erschienenen Albums Jede Welt ist die Echte erstaunt fest, dass Schnaps im Silbersee auch ganz anders kann, nämlich ernst, nachdenklich und in die Tiefe gehend. Um Missverständnissen vorzubeugen: Gleichzeitig hat auch nach wie vor die leichte, pointierte Unterhaltung ihren Platz. Ein unerwartet breites Spektrum also. Umso besser! Da erweist sich die „Unglückliche Liebe“ als geeignetes Rezept gegen kreative Engpässe, und die aufmüpfigen Gallier sind auch nicht mehr das, was sie mal waren („Obelix“). Herrlich abgedreht die „MetamorpHose“ und richtig kuschelig wird’s beim Song „Winter“. Die Titelzeile stammt aus „Woran ich mich erinner“, ein anrührendes Stück eines Sohnes für seinen Vater, vom Enkel und seinen Freunden eingespielt. Klingt verwirrend, ist es aber nicht. Gitarrenaltmeister Klaus Weiland tritt in diesem Stück übrigens als Gast auf. Schön. So wie das gesamte Album.
Kai Engelke



Europa
 CICINATELA: Tungi
CICINATELA
Tungi
www.cicinatela.com
(Timezone TZ 203)
9 Tracks, 44:43


Georgische Lieder mit Balkaneinflüssen, gespielt von einer Band aus Osnabrück – wie tönt das? Fangen wir von vorne an: Die Konzertpianistin Natalia Vanishvili brachte neben flinken Händen die Lieder ihrer Heimat nach Deutschland und entdeckte dabei ihre Stimme. Mit dem balkanstämmigen Gitarristen und Udspieler Edin Mujkanovic, dem Bassisten Falk Ostendorf und dem Percussionisten Felix Holzenkamp fand sie drei ideale Begleiter für ihr Projekt, georgische Volkslieder dem deutschen Publikum näherzubringen. Wer bei Cicinatela, georgisch für „Glühwürmchen“, polyfonen Gesang und Balkanbeats erwartet, liegt falsch. Im Vordergrund steht der wunderschöne Gesang der meist traditionellen Stücke. Vanishvilis Stimme setzt aber auch jazzige und lautmalerische Akzente. Anspieltipps sind das Liebeslied „Nana“ oder das von filigranen Gitarrenklängen dominierte Instrumentalstück „Ojalá“ von Edin Mujkanovic. „Ojalá“, was auf Spanisch so viel wie „hoffentlich“ heißt, zeigt die Offenheit der Gruppe für Klänge fern jeglicher Stilschablonen aus den unterschiedlichsten Himmelsrichtungen. Ein spannendes, zeitlos schönes Album wie aus einem Guss.
Martin Steiner
 TOM McCONVILLE: Back To Scotswood
TOM McCONVILLE
Back To Scotswood
www.tommcconville.co.uk
(Eigenverlag BCCD004)
12 Tracks, 40:03, mit kurzen engl. Infos


Moment mal, ist die richtige CD in der Lade? Gypsy Swing? Tom McConville? Genau, es ist der Meisterfiddler aus Newcastle, und er hat „The Knife Grinder“ sogar selbst geschrieben. Danach jedoch geht der Weg in vertrautes McConville-Territorium mit souverän interpretierten eigenen, fremden und traditionellen Tunes (siebenmal) sowie unnachahmlich gesungenen Songs (fünfmal) von Freunden wie Allan Taylor, Jim Hornsby oder Billy Mitchell. Oder man erhält die rare Gelegenheit, mit „Foxy“ ein selbst geschriebenes Lied zu genießen, natürlich in seinem typischen, irisch angehauchten, gediddelten und optimistisch-klingenden Gesangsstil. Bei der Instrumentierung verlässt sich McConville auf Leonard Brown (Piano), Chris Newman (Gitarre, Bass) und Andy Watt (Gitarre), die mit ihm in wechselnder Duobesetzung spielen. McConvilles ist der Überzeugung, dass Back To Scotswood sein bislang bestes Werk ist, und dem wird wohl niemand widersprechen. Dennoch haben viele seiner Freunde noch einen großen Wunsch: Ein Album in der wunderbaren Duobesetzung mit Jens Kommnick, am besten live aufgenommen beim Venner Folk Frühling!
Mike Kamp

 EMILY SMITH: Echoes
EMILY SMITH
Echoes
www.emilysmith.org
(White Fall Records WFRCD007)
10 Tracks, 41:14, mit engl. Texten


Gereift, durchdacht und überzeugend, das sind die Adjektive, die zu Emily Smiths neuem Album einfallen. Durchdacht sind die Arrangements und die Produktion ihres Ehemannes Jamie McClennan. Da ist akustische Tiefe und Abwechslung drin, für die hauptsächlich ihre intelligente Band mit Matheu Watson (Gitarren), Signy Jakobsdottir (Drums, Percussion), Ross Hamilton (Bass) sowie McClennan (Gitarre, Fiddle) zuständig ist. Nicht zu vergessen sind jedoch hochklassige Gäste wie Jerry Douglas, Natalie Haas oder Tim Edey. Gereift ist die Stimme der Schottin. Gut singen konnte sie schon immer, doch nun strahlt sie gesangliches Selbstbewusstsein und eine Aura aus, die vermittelt: Genau so muss das Lied interpretiert werden! Ähnlich vielleicht wie Karine Polwart, aber es gibt noch einen kleinen Unterschied: Smith sieht sich als Interpretin feiner Songs entweder aus der Tradition (z.B. das dezent reggae-orientierte „King Orfeo“) oder von profilierten Schreibern wie Archie Fisher oder Darrell Scott. Und wenn am Ende das definitive Schlussstück erklingt, Bill Caddicks „John O’Dreams“, dann gibt es keinen Zweifel: Das ist bei weitem die überzeugendste Emily-Smith-Scheibe – bislang.
Mike Kamp
 RICCARDO TESI & BANDITALIANA: Maggio
RICCARDO TESI & BANDITALIANA
Maggio
www.riccardotesi.com
(Eigenverlag)
12 Tracks, 55:53


Wonnemonat Mai, Pariser Mai 1968, das Meer, Auswandern und die Hoffnung auf ein besseres Leben. Lieder über all das sowie fünf Instrumentalstücke findet man auf dem neuen Album des Toskaners Riccardo Tesi. Eröffnet wird der Reigen mit einem ruhigen Maigesang aus dem Apennin, geprägt von der weichen, einnehmenden Stimme des Gitarristen, Sängers und Texters Maurizio Geri. Darauf folgt das schnelle „Se Accomatto“, voll mit all dem, was Riccardo Tesis Stücke so spannend macht – Taktwechsel, asymmetrische Rhythmen und hochklassige jazzige Soloparts. Mit dabei sind wie meist auf Banditaliana-Alben eine Vielzahl auserlesener Gäste. Besonders hervorzuheben sind der junge Pianist Alessandro Lanzoni, der Geiger Gabriele Savarese, der sardische Lautenist Mauro Palmas und die albanische Blaskapelle Fanfara Tirana. Letztere intonieren mit der Banditaliana den Schlager „Rosamunda“. Das Balkanflair der Banda mag den Gassenhauer ein wenig auffrischen, doch wirkt er mit seiner wenig distanzierten Interpretation wie ein Fremdkörper unter elf Juwelen. Schade, dass die poetischen Texte der Lieder im Beiheft nicht abgedruckt sind. Maggio ist trotzdem auch allen nicht Italienisch Sprechenden wärmstens empfohlen.
Martin Steiner

 THISELL: I
THISELL
I
www.thisellmusic.wordpress.com
(Continental Song City CSCCD 1106/In-akustik)
8 Tracks, 35:20, mit engl. Texten


Mit der Einsamkeit ist das so eine Sache: Mal liebt man sie, mal erleidet man sie. Vielleicht stellt sich in Schweden die Frage nach diesem Gefühl noch dringender – bei wenigen Menschen auf viel Land. Peter Thisell schwankt zwischen den Polen. Beginnt ein Stück wie „A Town Of Windows“ mit verhalltem Harmonium, kann es nicht von glücklicher Zweisamkeit handeln. Spielt in „Bad Time“ eine Pedal Steel in Dur, wird es so schlimm nicht sein, nein, hier ist die Einsamkeit selbst gewählt. Und wenn dann noch das Tempo anzieht, könnte möglicherweise was aus der Geschichte werden, hätte er denn den Mumm, ihr seine Liebe zu gestehen. Hat er in „Lay Here“ aber nicht. Jede Wette, dass dieses Album im tiefsten schwedischen Winter aufgenommen worden ist. Verhallt ertönen Akkordeon und Fiddle, eingebettet in schlurfendes Rock-Instrumentarium. Tatsächlich passierte das alles aber in einem Sommer in der alten Dorfschule von Lur in Südschweden, aufgenommen im ehemaligen Klassenzimmer. Wie auch immer: Bei der Session jedenfalls sind Neues und Traditionelles eine schöne Verbindung eingegangen. Und möglicherweise befreit die Sonne nicht von Melancholie, zumindest nicht in Südschweden.
Volker Dick
 TROLSKA POLSKA: {Moss}
TROLSKA POLSKA
{Moss}
www.facebook.com/trolskapolska)
(GO’ Danish Folk Music GO0814)
15 Tracks, 58:41, mit dän. Infos


Der junge dänische Komponist und Fiddler Martin Seeberg hat dieses Projekt mit sechs noch jüngeren Musikern der dänischen/schwedischen Folkszene realisiert. Nach der 2013 veröffentlichten EP Moss liegt nun das ganze Debütalbum vor. Die Reise in das Land der Trolle und Elfen ist verbunden mit einer Hinwendung zu Polska, Melancholie, Mystik und Zauber, weg von der fröhlichen dänischen Polka. Die Vorlieben Seebergs, der bei Valraven, Asynje und Instinkt spielt und diese Gruppen auch sehr beeinflusst hat, kommen auch bei diesem Album zum Tragen: die Verbindung zur Neo-Pagan-Musik, zu der auch Gruppen wie Faun (D), Rapalje (NL) und Hedningarna (S) gehören. Allerdings ist dieser Stil hier als Würze zur „normalen“ Folkmusik zu sehen. Es sind also nicht nur heftige mittelalterlich klingende Stücke mit vollem Einsatz von Drehleier, Cello, Nyckelharpa und Trollgesang, wie bei „Rumpenisserne“ oder „Trolls United“, sondern auch sehr lyrische, wie „Spirrevippen“, „Nyføding“ und „Mæt Af Dage“, die überwiegend mit Fiddle/Bratsche bzw. Flöte im Vordergrund gespielt werden. Dieses Album ist fantastisch in jeder Beziehung: die Melodien, die Arrangements, die Instrumentierung, die Dynamik und der neue Klang.
Bernd Künzer

 VALFART: På Vej
VALFART
På Vej
www.valfart.com
(GO’ Danish Folk Music GO0514)
16 Tracks, 51:41


Es passt natürlich zur allgemeinen Förderung der Folkmusik in Dänemark (musikalische Frühförderung, Studiengang Folkmusik und die Danish Music Awards), und doch ist es hoch anzuerkennen, dass Erling Olsen, Inhaber des dänischen Labels GO’, es immer wieder schafft, Neues in der dänischen Folkszene zu entdecken und zu veröffentlichen. In diesem Folker sind fünf der sechs rezensierten skandinavischen Alben bei GO’ erschienen! Die neue Gruppe Valfart stellt hier ihr Debüt vor, dessen Basis ein Kirchentheaterprojekt über eine Pilgerwanderung von der Insel Mors im Limfjord ist. Es sind drei junge, aber schon von anderen Projekten her bekannte Musikerinnen, die sich um den Multiinstrumentalisten (unter anderem Hardangerfiedel), Komponisten und Arrangeur Christian Risgaard (geb. 1950) versammelt haben: Mette Jensen (Akkordeon), Johanne Andersen (Flöte und Gesang) und Birgit Løkke (Percussion und Joik). Bis auf „Flickorne Svenson“ sind alle Stücke von Risgaard komponiert und arrangiert. Das meiste sind dänische Tänze und Psalmen, aber es gibt Ausflüge auf den Balkan, in den Mittleren Osten, nach Amerika und mit Joik in den hohen Norden. Die klare Stimme von Andersen muss unbedingt besonders erwähnt werden.
Bernd Künzer
 VOLGA: Kumushki Pjut
VOLGA
Kumushki Pjut
www.volgamusic.ru
(Asphalt Tango Records CD-ATR-4814)
11 Tracks, 46:48


In Russland gibt es eine lebendige Paganszene. Zwischen Heidentum, Nationalismus und Folklore finden Hunderte von Bands ihre Nische, mit den unterschiedlichsten musikalischen und politischen Anliegen und Fähigkeiten. Punk, Folk, Liedermacher, Gothic, Avantgarde, Industrial – russische Paganmusiker bedienen sich hemmungslos aus allen Töpfen. Die Unverkrampftheit der Musiker wird allerdings auch oft von Unvermögen begleitet, seien es fehlende finanzielle Mittel für eine saubere Produktion, sei es musikalisch dünnes Eis. Das Resultat ist deshalb oft interessant und macht neugierig, hinterlässt aber einen schalen Nachgeschmack, vielleicht wie ein Gericht eines Spitzenkochs auf einem Pappteller. Eine dieser Paganbands hat nun auch den Sprung nach Deutschland geschafft. Volga, das ist die russische Sängerin Anzhelika Manukyan, begleitet von einer Rhythmussektion und einer Stromgitarre. Die russischen Lieder sind, so die Künstlerin, allesamt „ancient“. Die Musik allerdings klingt nach Schülerband. Einfache Drum-’n’-Bass-Rhythmen treffen auf Proberaum-Metalriffs. Die Sängerin kann nach eigenen Angaben besser krächzen als singen, aber es geht um die Verbreitung der alten russischen Traditionen im Lied. Bedauerlicherweise enthält das Booklet keine Texte, geschweige denn eine Übersetzung, sodass die politische Aussage der Band im Verborgenen bleibt. Musikalisch verbleibt eine schöne Idee, aus der die Band mehr hätte machen müssen.
Chris Elstrodt

 WEST OF EDEN: Songs From Twisting River
WEST OF EDEN
Songs From Twisting River
www.westofeden.com
(West of Music)
12 Tracks, 48:57, mit Fotos, engl. Infos u. Texten


Der Herbst kommt. Der Herbst des Jahres, des Lebens, der Liebe. Nicht nur die Fotos auf der Hülle und im Beiheft bringen diese Botschaft, sondern auch die Texte: Sie sind voller Schmerz wegen verlorener Liebe, voller Abschied, voller sehnsuchtsvoller Erinnerungen: „Once I was a lighthouse, / shining miles and miles around. / Now I’m like the ashes of a fire“, heißt es in dem Lied „Tumbleweed“, in dem Jenny Schaub vom Fall aus einer Liebesillusion heraus in eine Wirklichkeit der Lüge und der Einsamkeit singt. Man mag an Rilke denken. Text und Melodie sind indes von ihrem Mann Martin, so dass man hier wohl zwischen lyrischem Schmerz und einer doch glücklichen Musikerpartnerschaft unterscheiden darf. Die sechsköpfige Band aus dem schwedischen Göteborg übermittelt zusammen mit fünf Gastmusikern, darunter Michael McGoldrick, ihre herbstlichen Botschaften im Gewand volltönender, moderner Irish-Folk-Pop-Musik mit einem kräftigen Schuss Bluegrass, und zwar alles selbst geschrieben und -komponiert. Die Instrumente, auf denen eine spannende, vielschichtige, oft vorwärtstreibende Musik dargeboten wird, alle aufzuzählen, würde den Platz der Rezension sprengen, aber die drei Banjos müssen erwähnt werden.
Michael A. Schmiedel



International
 ROSEMARY STANDLEY/DOM LA NENA: Birds On A Wire
ROSEMARY STANDLEY/DOM LA NENA
Birds On A Wire
www.moriartyland.net
www.domlanena.com
(Air Rytmo/broken silence)
15 Tracks, 56:40, Booklet mit Texten


Dies ist die Zusammenarbeit der Sängerin Rosemary Standley und der Cellistin Dom La Nena. Standley singt normalerweise in der frankoamerikanischen Rootsband Moriarty. Die Brasilianerin Dom La Nena hatte 2013 ein erstes Soloalbum mit eigenen Songs veröffentlicht. Auf dem gemeinsamen Album Birds On A Wire finden sich keine Eigenkompositionen, sondern fremde Stücke und wenige Traditionals. Am bekanntesten ist „Bird On A Wire“ von Leonard Cohen, nach dem auch das Album benannt wurde. Die Vielfalt des Materials ist groß und reicht von Tom Waits über den Barock-Komponisten Henry Purcell bis zum Argentinier Atahualpa Yupanqui. Vielleicht ist die Bandbreite etwas zu groß, um ein stimmiges Gesamtbild zu ergeben. Erstaunlich ist, dass Rosemary Standley, deren warme intensive Stimme sonst immer so viel Souveränität ausstrahlt, bei manchen Songs eher tastend, ja zögerlich wirkt. Dagegen zupft und streicht Dom La Nena das Cello ohne Schwächen und schafft so Arrangements von anrührender Schönheit. Das Album ist auf Moriartys Bandlabel Air Rytmo erschienen und aufwendig gestaltet. Allerdings schielt das opulent illustrierte Büchlein mit beigelegter CD fast etwas zu offensiv auf den Einsatz als Geschenk.
Christian Rath



Lateinamerika
 ADDYS MERCEDES: Locomotora A Cuba
ADDYS MERCEDES
Locomotora A Cuba
www.addysmercedes.com
(Medialuna 803433001126)
12 Tracks, 46:12, mit span. Texten


Vom ersten Ton an zieht einen die gefühlvolle, leicht melancholische Stimme der Kubanerin Addys Mercedes in ihren Bann. Schon als sie zehn Jahre alt war, rief man ihr in ihrer Heimat hinterher: „Da ist die Sängerin.“ Damals beherrschte sie vor allem das klassische Repertoire von Sons und Boleros. Als junge Frau verließ sie 1993 ihre Heimat und zog nach Deutschland. Der europäische Einfluss ist aus ihrer Musik längst nicht mehr wegzudenken: Zwar verleugnet Addys Mercedes ihre Wurzeln nicht, bewegt sich aber weitab von musikalischen Kubaklischees und kreiert dabei ihren ganz eigenen, unverwechselbaren Stil. In ihren Songs erzählt sie Geschichten aus dem Alltag – vom Mann, der mit einem Schwein das Zugabteil betritt („Locomotora A Cuba“), vom Betrunkenen, der ins Wasser fällt und von der Freude, in ihrem alten kubanischen Stadtviertel mit den Freunden ihrer Jugend gemeinsam zu singen („Ahí“). Begleitet wird sie dabei musikalisch von ihrem Lebensgefährten, dem Bassisten, Gitarristen und Percussionisten Cae Davis, „Adoptivonkel“ Pomez di Lorenzo, der für Ukulule und Tres zuständig ist, und ihrer dreizehnjährigen Tochter Lia, die mit ihrem Geigenspiel die Familienband komplettiert.
Suzanne Cords



Nordamerika
 KAT DANSER: Baptized By The Mud
KAT DANSER
Baptized By The Mud
www.katdanser.com
(Eigenverlag/Outside Music)
12 Tracks, 47:55, mit engl. Texten u. Infos


Das bereits fünfte Album der Gitarristin und Sängerin schlägt einen großen Bogen über Folk, Blues, Gospel und Soul. Kat Danser komponiert genial und kann auch mit je einem Cover von Gertrude Ma Rainey, der „Mutter des Blues“, und der Deltablueslegende Mississippi Fred McDowell voll überzeugen. Als „Queen of the Swamp Blues“ hat sie in den letzten fünf Jahren den allerbesten Ruf erworben, dank ihrer Spielsicherheit und Frische ist sie allen Größen wie etwa Bonnie Raitt oder Rory Block ebenbürtig. Der Begleitband, mit der sie die sensationelle Scheibe im kanadischen Vancouver aufnahm, gehören Gitarrist und Produzent Steve Dawson, Pianist Darryl Havers, Schlagzeuger Geoffrey Hiehs, Bassist Jeremy Holmes und die Backgroundsänger Dawn Pemberton und Marcus Mosely an. Was dabei herauskam, ist die Musik des 21. Jahrhunderts – und mein Tipp des Jahres.
Annie Sziegoleit
 ROBBY HECHT: Robby Hecht
ROBBY HECHT
Robby Hecht
www.robbyhecht.com
(Old Man Henry Records)
Promo-CD, 12 Tracks, 44:20


Ein echter American Songwriter unsere Zeit – mit besten Retroqualitäten. Robby Hecht, der junge Mann aus Tennessee, lässt den amerikanischen Siebzigerjahre-Akustikpop hochleben. Sanfte Melodien und sichere Arrangements voll von diskretem Glamour, verspielten Kleinigkeiten – hier und da sind eine Geige, ein Klavier, etwas Saxofon, einige Akkorde Banjo oder eine Pedal Steel im Hintergrund zu hören. Das ist Musik wie Wellness gegen Lärm und Hektik. Die Texte haben es in sich: In den zwölf Songs beschreibt Hecht unter anderem Erfahrungen aus seinem Leben, die mitunter nicht zu den lustigsten gehören: In „Feeling It Now“ geht es um das Krankheitsbild manische Depression. Und es gibt Balladen wie „Barrio Moon“, die eine Geschichte von sich gegenseitig erstechenden Freunden erzählt. Hecht, der viele Freunde in der Nashville-Songwriter-Szene hat, zählt zum Trio der „New American Troubadours“, die in diesem Sommer Europa eroberten – nicht seine erste Europatour. Er könnte hier dem einem oder anderen schon zuvor in Begleitung von Neko Case, Josh Ritter oder Iron and Wine begegnet sein.
Imke Staats

 PACIFIKA : Amor Planeta
PACIFIKA
Amor Planeta
www.pacifikaonline.com
(Six Degrees 657035 120525/Exil/Indigo)
10 Tracks, 42:50


Globalpop aus Kanada – und das vom Allerfeinsten. Sängerin Silvana Kane hat peruanische Wurzeln, gibt mal die Elfe und mal das Girlie und singt sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch. Mit Jugendfreund Adam Popowitz hatte sie in der Schule ihre erste eigene Band, 2004 kreuzten sich ihre Wege erneut. Adam hatte mittlerweile den Hardrock für sich entdeckt, Silvana eher den Maintreampop. Die beiden holten Klangtüftler Tony Peter an Bass und Schlagzeug mit ins Boot und gründeten Pacifika. Mühelos schafft das Trio die Balance zwischen hispanischer Lebensfreude und nordamerikanischem Elektroniksound. Kein Stück klingt wie das andere, jeder Song ist für eine Überraschung gut. Mal gibt sich das Keyboard sphärisch-verträumt, dann kreischt die Gitarre oder Gastmusiker überraschen mit Trompetenklängen und Brasilienflair. Inhaltlich geht es, wie der Titel Amor Planeta verspricht, um die Liebe in all ihren Facetten. Das vierte Album des kreativen Trios kommt weniger elektronisch als die Vorgänger daher, wartet stattdessen mit noch mehr ungewöhnlichen Klangexperimenten auf. Da kann man sich gar nicht satthören.
Suzanne Cords
 SEAN ROWE: Madman
SEAN ROWE
Madman
www.facebook.com/seanrowemusic
(Anti Records7324-2a /Indigo)
Promo-CD, 12 Tracks, 47:03


Balladesk legt das musikalische Raubein Sean Rowe auf seinem neuen Album los. Wie ein Wahnsinniger klingt er dabei nicht, eher zerbrechlich, verstört. In den nachfolgenden Songs führt Madman eine reichhaltige Mischung aus Soul, Folk, Country und Western, ja sogar grobschlächtigem elektrischen Blues, vor. Diese Vielfalt ist der Reichtum, aus dem Sean Rowe einen Brei anrührt, der unverfälscht und urwüchsig klingt. Zwar begann der New Yorker erst mit achtundzwanzig Jahren öffentlich aufzutreten, doch schrieb er da bereits seit zwanzig Jahren eigene Songs, nur eben für sich, privat, aus Spaß und eher nicht mit einer Musikerkarriere im Kopf. Erst nachdem er Otis Redding im Radio gehört hatte, fand er das Selbstvertrauen, seine eigenen Songs auch öffentlich singen zu wollen. Was sicher an seiner eigenartigen Stimme liegt, die vom Ton her ein wenig an die des späten Tom Waits erinnert. Dessen verschrobener elektrischer Blues klingt auch immer wieder als Einfluss auf diesem Album durch, ebenso wie Bruce Springsteen, den Rowe nach wie vor für einen der wichtigsten Songschreiber der Gegenwart hält.
Michael Freerix

 TIM SPARKS: Chasin’ The Boogie
TIM SPARKS
Chasin’ The Boogie
www.timsparks.com
(Acoustic Music Records 319.1519.2/Rough Trade)
12 Tracks, 41:20, mit engl. Infos


Tim Sparks, Fingerstylegitarrist aus North Carolina, gehört zu den interessantesten Künstlern seiner Zunft. Mit Chasin’ the Boogie tritt Sparks eine Heimreise an. Im Booklet schildert er ausführlich seine Erinnerungen an eine Kindheit, die er musikalisch auferstehen lässt. Eine Zeit, die von Blues, Boogie, Ragtime und Gospeltunes geprägt ist. Sparks ist gleichermaßen Musiker wie Forscher. Dingen, die ihn musikalisch anrühren, geht er äußerst akribisch auf den Grund. Neben der bemerkenswerten Transkription der „Nussknacker-Suite“ von Tschaikowsky, hat er sich in den vergangenen Jahren unter anderem der Musik des Balkan oder dem Avantgardeklezmer eines John Zorn gewidmet. Unglaublich transparentes Spiel und gleichzeitig druckvoller Ton sind Sparks Markenzeichen. Technische Hürden scheint es keine zu geben, ob er nun das Feeling des Boogie-Pianos eines Pinetopp Smith einzufangen versucht oder in „Reckless Persuasion“ spät nachts den mondbeschienenen Highway herunterrast. Auch dem Beatles-Evergreen „Blackbird“ oder Joni Mitchells wunderbarem „Both Sides Now“ verleiht Sparks unerhörten, neuen Glanz. Man hört den Musiker atmen, stöhnen, summen und scheint einer Live-Performance beizuwohnen. Sparks vereint Virtuosität, Musikalität und Intelligenz aufs Schönste.
Rolf Beydemüller
 JONAH TOLCHIN: Clover Lane
JONAH TOLCHIN
Clover Lane
www.jonahtolchin.com
(YepRoc Records YEP-2364/Cargo Records)
Promo-CD, 11 Tracks, 40:49


Es klingt, als ob im nächsten Moment ein Bluesgewitter loslegte, doch zur Basstrommel gesellt sich eine Fiddle, was Hoffnung auf ein Tänzchen weckt, wenn auch ein trauriges. Aber knurrige E-Gitarre und Mundharmonika ziehen uns wieder in den Blues, die Fiddle schiebt ein wildes Solo ein und eine eigentümliche, leicht näselnde Stimme stellt klar: „Mockingbird don’t sing no more.“ So beginnt Jonah Tolchins zweites Album, sein erstes mit kompletter Band, aufgenommen in Nashville, produziert von Lone-Justice-Mann Marvin Etzioni. Dem Opener lässt der Mann aus Bar Harbor im US-Bundesstaat Maine das positiv beschwingte „Midnight Rain“ folgen, jedoch steht der Countryshuffle in Kontrast zum Textinhalt: Der Erzähler fragt sich, ob er die Frau wirklich liebt und man spürt – so recht will er die Antwort gar nicht wissen. Zwei Stücke später erklingt mit „Diamond Mind“ eine wundervolle Ballade, wer hätte das gedacht? Aber natürlich lauern auch hier hinter der schönen Melodie Tod und Verderben. Tolchin gehört zu den Meistern der Langsamkeit, verwebt Blues, Folk und Country in ein atmosphärisches Ganzes und schafft es in elf Songs, tief zu schürfen und uns berührt zurückzulassen.
Volker Dick

WIEDERVERÖFFENTLICHT
 SPIERS & BODEN: Through & Through
SPIERS & BODEN
Through & Through
www.spiersandboden.com
(Fellside FECD161)
14 Tracks, 65:14


Juli 2001: Drei Tage im Studio und das Debütalbum war quasi live eingespielt. Während Spiers & Boden sich zu einem erfolgreichen Duo entwickelten, ist es ihre Kreation Bellowhead, die ihnen nun erfolgreich die Zeit frisst. Also befindet sich das Duo auf Abschiedstour, und die Wiederveröffentlichung ihres Debüts ist eine willkommene Erinnerung an ihre Qualitäten.




MUSIK FÜR KINDER
 DIVERSE: The Rough Guide To Latin Music For Children
DIVERSE
The Rough Guide To Latin Music For Children
www.worldmusic.net/latinchildren
(World Music Network RGNET1321CD/Harmonia Mundi)
Promo-Do-CD, 24 Tracks, 138:19


Extra für Kinder soll dieses Album sein, weil es in dem einen oder anderen Song um Hexen, eine Reise zum Mond, einen Zug, wilde Tiere oder einen treuen Hund geht. Ziemlich an den Haaren herbeigezogen ist dieser Bezug, aber zum Abtanzen ist das Album mit namhaften Interpreten allemal gut – egal, wie alt man ist.




Afrika
 SALLY NYOLO: Tiger Run
SALLY NYOLO
Tiger Run
www.sallynyolo.com
(Riverboat Records TUGCD 1085)
10 Tracks, 38:14, mit engl. Infos


Tiger in Afrika? Schlüssig ist Nyolos Erläuterung für den Titel des nunmehr achten Soloalbums nicht: Ihr bürgerlicher Familienname soll „Tochter der Schnurrhaare des Tigers“ bedeuten! Jedenfalls verdeutlicht diese Symbolik die Verbundenheit der Künstlerin zu Kameruns Fauna und Flora. Sie appelliert an die Hörer, ein offenes Ohr für die Geräusche und Klänge der Umwelt, zum Beispiel der Wälder, zu haben. Das Spektrum der vornehmlich selbst komponierten Songs ist breit, reicht vom landestypischen Bikutsi über die von Zap Mama her bekannte Vokalakrobatik (im Opener „Bidjegui“) zur Francopopballade des Titelstücks. Das Gros der Stücke ist eingängig und gut tanzbar, von Soukous, Funk und Afrorock inspiriert. Die raffinierten Arrangements (Highlight: „Welcome“) lassen selten Langeweile aufkommen, die von Nyolo selbst verantwortete Produktion wirkt nie überladen, trotz des Großeinsatzes an Studiomusikern (darunter Jazzdrummer Paco Séry und Percussionist Jo N’Gala). Es mag ihr Herzenswunsch gewesen sein, mal mit einer Opernsängerin zusammenzuarbeiten – das an sich reizende „Le Faiseur De Pluie Par Tous Les Temps“ wird durch die „Einlagen“ der Sopranistin Nathalie Leonoff aber eher zur Lachnummer!
Roland Schmitt
 SIERRA LEONE’S REFUGEE ALL STARS: Libation
SIERRA LEONE’S REFUGEE ALL STARS
Libation
sierraleonesrefugeeallstars.com
(Cumbancha CMB-CD-30)
12 Tracks, 47:47, mit engl. Infos u. Übers.


Schon sehr bemerkenswert, was sich aus einer eher zufällig zusammengewürfelten Band inzwischen entwickelt hat. Die beiden „Köpfe“ der All Stars, Sänger und Songwriter Reuben M. Koroma und Gitarrist Francis „Franco“ John Langba, fanden nach der Flucht aus ihrem im Bürgerkrieg versinkenden Heimatland Ende der 1990er-Jahre in einem guineischen Flüchtlingslager zusammen, bevor sich weitere Musiker, Sänger und Sängerinnen anschlossen. Seit ihrem Debütalbum (2006) erlebt die Band eine sensationelle Karriere, gefeierte Konzertreisen und mit Preisen ausgezeichnete Alben sowie intensive Kontakte zu Stars der internationalen Pop- und Rockszene (unter anderem zu Aerosmith [!]). Ihrem sehr breit gefächerten Musikmix aus eingängigem Reggae, Afrofunk und -beat sowie Soukous bleibt das Septett auch auf seinem vierten Opus treu. Aber es ist auch ein bewusst vollzogener Schritt „back to the roots“, zu Highlife und Palmweinmusik. Keine überfrachteten Arrangements, aber weiterhin melodische, meist tanzbare Songs, die gleichwohl aussagekräftige und kritische Textinhalte transportieren. Der Albumtitel erinnert an die in vielen afrikanischen Kulturen gebräuchlichen Trinkzeremonien, mit denen geliebte Menschen geehrt werden.
Roland Schmitt

Besondere
 HÜSCH!: Bann dr Morche grauit
HÜSCH!
Bann dr Morche grauit
www.songs-of-heimat.de
(Soul Folk Records)
11 Tracks, 39:56, mit Infos



„Hüsch!“, sagt man im Thüringer Dialekt, wenn etwas von besonderer Güte ist. Skepsis scheint angebracht, wenn sich eine Band selbstbewusst einen solchen Namen gibt. Insbesondere, wenn das Booklet vermerkt, dass das Debütalbum sattsam bekannte Lieder enthält. Darunter solche, die man schon tausendmal gehört hat, beispielsweise „Es geht eine dunkle Wolk herein“ oder das Lied vom kleinen „Waldvögelein“. Doch dann legt man die Scheibe in den Player und nach einem gefühlvollen Klavierpräludium setzt Hanna Flocks Ausnahmestimme ein, ein warmer, ausdrucksstarker Alt, mit der ersten Strophe von „Kein schöner Land in dieser Zeit“. Ihre eigenwillige und ungemein geschmackvolle Phrasierung verursacht Gänsehaut. Im linken Kanal erklingt sodann ein treibender
 HÜSCH! * FOTO: JOACHIM ROSENBRÜCK
Rhythmus auf der Waldzither, rechts kommt das Banjo hinzu, zunächst im Call-and-Response mit dem Klavier, dann unisono, ehe sich die Violine mit einer zweiten Stimme darüberlegt. Es kommt eben darauf an, was man aus den bekannten Liedern macht. Bereits mit dem zweiten Lied zeigt das Quartett, dass es mehr kann als gefühlvolle Balladen: groovende, treibende Akkordarbeit, vielstimmige Jodler, die eher nach Blue Yodel und Fiddle-Potatoes, mehr nach Appalachen denn nach deutscher Geigentradition klingen. Flock ist offenbar nicht nur eine exquisite Sängerin und Pianistin, sondern auch eine geniale Arrangeurin, der drei Herren zur Seite stehen, die allesamt gute Sänger und Könner auf der sonst eher selten gehörten Waldzither sind, genauer gesagt der Thüringer Variante dieses Instruments. Außerdem spielen Nico Schneider Banjo, Gitarre und Maultrommel, Tim Liebert Flöte und Joachim Rosenbrück Violine, Gitarre und Maultrommel. Passend zum lokalen Bezug der Waldzither haben sie weniger bekannte Dialektlieder und Instrumentalstücke aus ihrer Heimat gesucht und sie mit den bekannten hochdeutschen Liedern zu einer Mischung zusammengefasst, die auch außerhalb ihrer Region ausgezeichnet funktioniert. Von besonderer Güte? Allerdings. Das Hüsch!-Debütalbum ist eine der schönsten Deutschfolkplatten der letzten Jahre. Einen Kritikpunkt gibt es indes: Sie ist mit nur knapp vierzig Minuten viel zu kurz.
Ulrich Joosten



Bücher
 WERNER HINZE [Hrsg.]: Dörrgemüse, trocken Brot, Marmelade, Heldentod : Der Erste Weltkrieg im Spiegel seiner Lieder.
WERNER HINZE [Hrsg.]
Dörrgemüse, trocken Brot, Marmelade, Heldentod : Der Erste Weltkrieg im Spiegel seiner Lieder.

(– Rom OT Lancken : Tonsplitter-Verl., 2014. – 144 S. : mit zahlr. Abb. – )
ISBN 978-3-936743-12-8, 19,50 Euro


Liedersammlungen zum Thema Krieg sind leider noch immer aktuell, in diesen Jahren, wo sich die beiden Weltkriege jähren (hundert Jahre Ausbruch des Ersten, siebzig Jahre Ende des Zweiten) besonders. Für alle Gedenkveranstaltungen, für lebendigen Geschichtsunterricht, öffentliches und innerfamiliäres Erinnern und viele andere Anlässe ist Hinzes gründlich recherchierte Sekundärquelle, die sachlich und doch unterhaltsam bildet, dringend zu empfehlen, insbesondere, um falscher Heldenverehrung entgegenzuwirken. In seinem Vorwort schreibt Hinze: „Vergangenheitsbewältigung ist wichtig, um daraus zu lernen. Doch erinnern wir uns auch an unsere positiven Traditionen, um daraus Visionen zu entwickeln.“ Die positiven Traditionen stellt er klar heraus, ohne Polemik und hoffentlich auch für Mitglieder von Krieger- und Veteranenvereinen akzeptabel: Es ist die Bewusstseinsentwicklung der Soldaten im Spiegel ihrer Lieder von Kriegsjahr zu Kriegsjahr, von jubelnder Zustimmung bis zu entschiedener Ablehnung, von freiwilligem Melden bis zur Desertion, von Fanatismus zu Friedenssehnsucht, von Militarismus zu Pazifismus. Hinze macht am Beispiel des Ersten Weltkrieges die generelle Sinnlosigkeit des Krieges, die Zerstörung menschlicher Grundwerte der Frontsoldaten und das Erleben ihrer Angehörigen zu Hause, an der sogenannten Heimatfront, bewusst und emotional nacherlebbar.
Der Kriegsalltag steht im Zentrum seiner Dokumentation: Sorgen und Ängste, ihre Bewältigung und ihr Ausdruck im Lied. Auf kriegsverherrlichende Lieder hat Hinze bis auf Ausnahmen verzichtet. Diese wirken extrem kontrastierend und entlarven staatliche wie kirchliche Propaganda und deren Nutznießer. Das weckt noch mehr Unverständnis darüber, dass immer wieder „Ewiggestrige“ nachwachsen, die solche Lieder grölen, nach Revanche gieren und damit Krieg schüren. Dörrgemüse … geht durch Einbeziehung vieler kulturhistorischer und soziologischer Aspekte weit über ein Liederbuch hinaus. Ein wichtiges, empfehlenswertes Buch.
Kay Reinhardt
 JOHN COHEN: Here And Gone – Bob Dylan, Woody Guthrie & The 1960s / Photographs by John Cohen
JOHN COHEN
Here And Gone – Bob Dylan, Woody Guthrie & The 1960s / Photographs by John Cohen

(– Göttingen : Steidl, 2014. – 152 S.)
ISBN 978-3-86930-604-9, 38,00 Euro


Der Musikologe, Fotograf und Filmemacher John Cohen war Gründungsmitglied der New Lost City Ramblers, einer der wichtigsten Musikgruppen des US-Folkrevivals. In den 1960er-Jahren machte er eine ganze Serie von Fotografien von Woody Guthrie und Bob Dylan nach dessen Ankunft in New York. Die in Here And Gone daraus zusammengestellten Bilder dokumentieren einen wichtigen Moment der Folkmusikgeschichte der USA. Stehen die intimen Aufnahmen aus den letzten Lebensjahren Guthries sozusagen für das Ende einer Phase, zeigen die frühen Fotos von Bob Dylan das neue „Gesicht“ der Folkmusik. Die Porträts dieser beiden Künstler aus den Sechzigerjahren werden ergänzt um Fotos, die das musikalische Treiben jener Zeit nicht nur am Washington Square, in der MacDougal Street und in Cohens Appartement illustrieren, sondern auch das Geschehen an der Westküste mit Aufnahmen unter anderem von Jerry Garcia. 1970, als Bob Dylan schon weltweit bekannt war, bat er John Cohen, ihn auf den Straßen im New Yorker Stadtteil Greenwich Village und auf einer Farm im Bundesstaat New York zu fotografieren. Dylans Management gab Cohen die Dias nie zurück. Einige wurden für die Gestaltung von Dylans 1970 erschienenem Album Self Portrait verwendet. Zahlreiche mehr finden sich jetzt im Booklet des als Volume 10 in der Reihe Bootleg Series veröffentlichten CD-Deluxe-Boxsets Another Self Portrait (1969-1971). Quasi als Anhang sind in Here And Gone drei Gespräche abgedruckt, die John Cohen, Bob Dylan und Happy Traum 1968 führten. Dabei geht es unter anderem um Filme, Gedichtkunst und Sprache sowie das Verhältnis von Rock ’n’ Roll zu Folkmusik.
Michael Kleff

 JENS KOMMNICK: Celtic Fingerstyle in DADGAD.
JENS KOMMNICK
Celtic Fingerstyle in DADGAD.
www.acoustic-music.de
(– Osnabrück : Acoustic Music, 2014. – 56 S. : überw. Noten u. TAB + DVD.)
ISBN 978-3-945190-00-5, ISMN 979-0-700307-56-1, 19,80 Euro


Jens Kommnick ist einer der arriviertesten Vertreter der keltischen Gitarre. Im Jahr 2012 wurde er als erster und bisher einziger Deutscher in Irland für sein Gitarrenspiel mit dem Titel All Ireland Champion ausgezeichnet. Nun gibt er sein Wissen in einem Lehrbuch für die populäre „keltische“ Gitarrenstimmung DADGAD weiter. Es umfasst zwanzig im Schwierigkeitsgrad von leicht bis mittelschwer ansteigende Übungen. Hinzu kommen ebenso viele Arrangements von traditionellem Material und Eigenkompositionen. Zusätzliche musikgeschichtliche Hintergrundinformationen, Einblicke in allgemeine musiktheoretische Grundlagen und praktische Akkorddiagramme runden das Werk ab. Zunächst führt Kommnick schrittweise an die grundlegenden Charakteristika der keltischen Stimmung und die Eigenheiten der Spieltechnik heran. Dann beschäftigt er sich mit Verzierungstechnik (Pull-off, Hammer-on, Slide), Tonleitern, Harfenimitation, Cuts und Grace Notes, Trillern und Triplets. Im zweiten Teil lernt man, die neu erworbenen Fähigkeiten in zwanzig sehr schönen Fingerstylearrangements anzuwenden. Sämtliche Übungen und Spielstücke sind in Notensystemen mit darunterstehender Tabulatur abgedruckt. Dass Kommnick nicht nur ein großartiger Gitarrist, sondern auch ein hervorragender Pädagoge ist, zeigt die beigelegte DVD. Sympathisch und zugleich anschaulich stellt er die Stücke vor, geht motivierend auf die jeweiligen Besonderheiten ein und demonstriert, wie man die schwierigen Stellen meistert. Es macht einfach Spaß, von Jens Kommnick als persönlichem Lehrer auf dem Fernseh- oder Computerbildschirm zu lernen. Viel besser kann man einen solchen DADGAD-Kurs kaum machen.
Ulrich Joosten
 NIGEL BOULLIER: Handed Down : Country Fiddling and Dancing in East and Central Down.
NIGEL BOULLIER
Handed Down : Country Fiddling and Dancing in East and Central Down.
www.ancestryireland.com
(– Belfast : Ulster Historical Foundation, 2012. – XV, 525 S. : mit zahlr.)
ISBN 978-1-908448-51-4, 24,99 brit. Pfund


„Near Banbridge Town in the County Down …“ – diese Textzeile aus „Star Of The County Down“ kennt wohl jeder Leser dieses Magazins. Doch viel mehr hat man meist in Sachen Musik nicht von Down gehört. Nigel Boullier, selbst Bewohner der nordirischen Graftschaft, möchte dies ändern. Mit seinem über fünfhundert Seiten umfassenden Werk hat er einen guten Schritt in diese Richtung getan. Er zeigt in zahlreichen Porträts von Musikern die Vielfalt der Geigentradition der Region. Aufgeteilt in kleine geografische Einheiten kann der Leser so einen guten Überblick über das Musikgeschehen bekommen; ob unionistisch oder nationalistisch, beide Kulturen kommen gleichberechtigt vor. Neben biografischen Angaben zu den Geigern gibt es haufenweise Noten von Stücken aus deren Repertoire. Schnell wird deutlich, dass die Übermacht der Reels, die sonst in der traditionellen irischen Musik vorhanden ist, nicht für Down gilt. Hier finden sich häufig in Irland eher seltene Rhythmen in den Repertoires der lokalen Musikgrößen. Woran das liegt? Offensichtlich an einer über die Zeiten hinweg ganz engen Verknüpfung von Tanz und Musik, die sonst auf der grünen Insel nicht immer so eng war. Damit der Leser diese ganzen Informationen gut einordnen kann, gibt Boullier zu Beginn des Buches einen Überblick über die traditionelle Musik Irlands und deren Verbindung zur Tanzkultur. In dieser Weise ist das eine besonders gute Aufstellung und empfiehlt sich für jeden, der etwas über die Hintergründe erfahren möchte. Damit gelingt es dem Autor, seinem Buch einen breiteren Ansatz zu geben und für weitere Lesergruppen interessant zu machen. Auf fast jede Frage, die man in Bezug auf die Verbindung von Musik und Tanz in Irland haben könnte, gibt es Antworten. Und damit auch Tänzer nicht zu kurz kommen, gibt es zahlreiche Anleitungen für die erwähnten Tänze. Ein wirklich empfehlenswertes Werk, für Musiker, Tänzer, aber auch für musikethnologisch und politisch interessierte Menschen.
Sabrina Palm

 NIGEL SCHOFIELD: Fairport by Fairport.
NIGEL SCHOFIELD
Fairport by Fairport.
www.rocket88books.com
(– London : Rocket 88, 2013. – 423 S. : mit Fotos.)
ISBN 978-1-906615-48-2, 29,99 brit. Pfund


Sind sie nun die größte Folkrockband der Welt oder nicht? Mit Fairport-Fans kann man diese Frage ähnlich einem Naturgesetz kaum diskutieren. Tatsache ist: Viele Autoren haben versucht, das Phänomen Fairport Convention in mehr oder weniger tief schürfenden Büchern zu ergründen. Nigel Schofield unternimmt nichts dergleichen, er lässt Fairport schlicht erzählen wie es war. Jedes Kapitel ist eine Mischung aus a) Interviewausschnitten wirklich aller FC-Mitglieder, die zum Thema und besonders zu einem Zeitraum passen sowie so klingen, als hätte Schofield ein Gespräch am runden Tisch mitgeschnitten (was aus diversen Gründen natürlich unmöglich war), b) Schofields verbindenden Texten, die die Chronologie vorantreiben (trotz teils dramaturgisch notwendiger Zeitsprünge) und knapp die Hälfte des Buches ausmachen, und c) einem Tracklisting plus Trackbeschreibungen der meisten Alben. Diese Mischung ergibt tatsächlich eine weitestgehend eigene und authentisch klingende Geschichte der Band. Übrigens, bei dem regen Kommen und Gehen der Mitglieder formt sich schnell der Gedanke, dass ein Stammbaum das Buch so richtig perfekt gemacht hätte. Für Fairport-Fans natürlich ein Muss, wahrscheinlich haben sie das 2013 erschienene Werk bereits. Auch für Fans des Genres im Allgemeinen aber ein echtes Geschichtsbuch über die Erfinder des europäischen Folkrocks – und das ist quasi ein musikalisches Naturgesetz!
Mike Kamp
 CHRISTIANE MARTINI: Nur für Anfänger – Blockflöte 2 : e. umfassende, reich bebilderte Anleitung zum Blockflöten-Spiel.
CHRISTIANE MARTINI
Nur für Anfänger – Blockflöte 2 : e. umfassende, reich bebilderte Anleitung zum Blockflöten-Spiel.
www.bosworth.de
(– o. O. : Bosworth Ed., 2013. – 48 S. : mit zahlr. Notenbeisp. u. Ill. + CD.)
ISBN 978-3-86543-770-9, 14,95 Euro


Nachdem im ersten Band der Blockflötenschule von Christiane Martini die Grundlagen des Blockflötenspiels dargestellt wurden, richtet sich dieses Lehrbuch mit CD auch an Anfänger, fängt jedoch nicht bei null an. Es wird nicht erwähnt, aber den ersten Band sollte man gut verinnerlicht haben. Denn hier geht es direkt mit einer Gavotte, einem Menuett und einer Bransle los, man lernt immer wieder einen neuen Ton kennen und zugehörige Spieltechniken oder passende Melodien. Insgesamt 24 Stücke sind jeweils mit Voll- und Playbackversion auf der CD enthalten, sodass man nach dem Üben nach Noten dann anhand der Audiotracks weiterüben kann. Nach den drei oben genannten klassischen Stücken geht es zu bekannten Songs oder Tanzmelodien über, und am Ende hat man sich über zwölf Töne und mit verschiedenen Takten Schritt für Schritt und ohne lange Erklärungen durch das Werk gearbeitet.
Doris Joosten

 RALF STOCK [Bearb.]: Meine ersten Weihnachtslieder für Akkordeon / zsgest. u. bearb. von Ralf Stock.
RALF STOCK [Bearb.]
Meine ersten Weihnachtslieder für Akkordeon / zsgest. u. bearb. von Ralf Stock.
www.holzschuh-verlag.de
(– Manching : Holzschuh-Verl., 2013. – 28 S. : Noten u. Texte. – (VHR ; 184)
ISBN 978-3-86543-021-5, ISMN 979-0-2013-0867-8, 9,80 Euro


Weihnachten steht vor der Tür, und wer die bekanntesten deutschen Weihnachtslieder gerne auf dem Akkordeon spielen möchte, der findet hier alle entsprechenden Lieder von „A, a, a, der Winter, der ist da“ bis hin zum einzigen nicht deutschsprachigen Titel, „We Wish You A Merry Christmas“. Alle Lieder sind jeweils mit Melodie- und Bassspiel notiert sowie mit dem Text aller Strophen, im Dreiviertel- oder Viervierteltakt, mit einfachen Melodien. Vielleicht ein Geschenk zu Nikolaus für den jungen Akkordeonschüler.
Doris Joosten
 SEBASTIAN HANKE: Die schönsten Klassik-Hits für jeden Gitarristen : 38 der beliebtesten Meisterwerke arrangiert für Gitarre ; für Anfänger u. Fortgeschrittene ; B
SEBASTIAN HANKE
Die schönsten Klassik-Hits für jeden Gitarristen : 38 der beliebtesten Meisterwerke arrangiert für Gitarre ; für Anfänger u. Fortgeschrittene ; B
www.editionhanke.com
(– Potsdam : Ed. Hanke, 2014. – 49 S. : Noten u. TAB)
ISBN 978-3-9814820-5-8, 14,95 Euro


Eigentlich ist durch die Titelbeschreibung oben schon alles gesagt, fehlt nur noch die Auflistung der Komponisten: Bach, Beethoven, Bizet, Brahms, Charpentier, Dvorák, Grieg, Joplin („The Entertainer“), Monti, Mozart, Offenbach, Pachelbel, Rossini, Satie, Schubert, Strauss, Tárrega, Tschaikowski, Vivaldi. Auch die Stücke sind die üblichen bekannten. Wer also gerne einen Querschnitt dieser Art haben möchte, Bearbeitungen von Hanke mag oder kennenlernen möchte, der kann sich diese – auch mittels der Downloads – gut zu eigen machen.
Doris Joosten

Deutschland
 ALEX BEHNING: Hinterhofschuhe aus New York
ALEX BEHNING
Hinterhofschuhe aus New York
www.alexbehning.de
(Ufer Records UFRO 6062014)
Vinyl-LP plus CD, 11 Tracks, 39:07, mit Texten


CDs gibt es, die möchte man gar nicht erst aus der Plastikverschweißung lösen. Ganz anders das neue Album von Alex Behning. Gutes altes Vinyl unter dickem Karton in Kodachrome-Farben mit dem Musiker, seiner Harmony-Akustikgitarre, einem alten Plattenspieler, darauf Dylans Highway 61 Revisited, daneben eine Scheibe von John Lee Hooker. Jedes Detail stimmt. Sogar das Stereosignet der alten Platten ist da. Der Inhalt erfüllt die Hoffnung voll und ganz: Wohltuend krachend geht es ab mit dem „Fünf Finger Blues“. Weiter geht es mit Folkblues, Fingerpicking der alten Schule, ab und an einem erdigen Knaller mit Elektrogitarre, hier einer Dobro, dort einer Hammond, etwas Irland und Countryanflügen. Alles auf den Punkt gespielt. Auf überflüssigen Schnickschnack hat der Wahlkonstanzer verzichtet. Erstaunlich, Alex Behning wurde 1968 geboren, zu der Zeit, als die Platten seiner heutigen Vorbilder so oder ähnlich klangen. Und der Mann singt seinen Blues auf Deutsch. Es sind einfache, eingängige Texte über die Liebe und das Leben – und wenn Worte und Musik eine so tiefe Symbiose eingehen wie bei „Auf dünnem Eis“, stellt sich ein wunderbar zerbrechliches Glücksgefühl ein.
Martin Steiner
 DIE GRENZGÄNGER: Maikäfer flieg! – Verschollene Lieder 1914-1918
DIE GRENZGÄNGER
Maikäfer flieg! – Verschollene Lieder 1914-1918
www.musikvonwelt.de
(Müller-Lüdenscheidt-Verlag)
16 Tracks, 57:39, mit Texten u. Infos


Der Bremer Michael Zachcial gehört mit seiner Band schon viele Jahre zu jenen Folkmusikern, die historische Themen konzeptionell aufarbeiten. Der hundertste Jahrestag des Beginns des Ersten Weltkrieges bot den Anlass für ihr Programm „Maikäfer flieg!“, welches nun auch als Album vorliegt. Es bietet bekannte und seltene Texte zwischen Größenwahn und Depression, darunter erwartungsgemäß schwer Verdauliches, aber auch Parodien wie „Brot und Frieden hätt’ ich gern“ oder „Aspirin“. Oder Brechts sarkastische „Legende vom toten Soldaten“. Und als Abschluss „Zogen einst fünf wilde Schwäne“, als zeitloses Friedenslied auch heute, wo es noch immer – oder schon wieder – Krieg und Leid in der Welt gibt, eindrucksvoll. Musikalisch reicht das Spektrum vom Sound der Zwanzigerjahre über traditionelle Folkmelodien bis hin zu modernen, jazzigen Klängen bei besonderer Erwähnung des virtuosen Akkordeons von Felix Kroll. Vorbildlich auch das vierzigseitige, reich illustrierte Booklet, in dem ein nahezu unglaubliches Zitat von Friedrich Engels zu finden ist, der 1887 diesen barbarischen Weltkrieg in all seinen Dimensionen vorausgesagt hatte.
Reinhard „Pfeffi“ Ständer

 SHANTEL & BUCOVINA ORKESTAR: The Mojo Club Session
SHANTEL & BUCOVINA ORKESTAR
The Mojo Club Session
www.bucovina.de
(Edel Content 0209517CTT/Edel Kultur)
Vinyl-Do-LP, 13 Tracks, 77:05


„The Kiez Is Alright“ heißt einer der letzten Erfolgstitel Shantels, nun hatte er im legendären Hamburger Musikmekka Mojo Club im Reeperbahn-Kiez Gelegenheit, das aufzunehmen, was in seiner Diskografie noch fehlt: ein Livealbum. Shantel hat sich zuletzt stark für die Übergangsphase des Rock ’n’ Roll zum Beat in den frühen Sechzigern interessiert, für das Milieu, in dem heute oft vergessene wilde Livebands entstanden, für Gitarrensounds aus dieser Zeit, Röhrenverstärker und entsprechende Mikros. Deshalb legte er großen Wert darauf, diese Aufnahme analog auf Bandmaschinen zu machen. Seiner Musik hat er seit dem letzten Album zudem mehr Garagensound gegeben. Die Aufnahmetechnik verleiht dem Klangbild tatsächlich etwas Ungeschöntes, Direktes. Völlig anders als die Studioaufnahmen. So hört sich eine Band am Bühnenrand an. Lediglich die Bläser sind etwas zurückgemixt. Aber die Rituale und besonderen Varianten einzelner Stücke, die man bislang nur in den Bühnenfassungen erleben konnte, sind hier eingefangen, das Publikum und die Atmosphäre hautnah vermittelt. Und Shantels momentanem Retrotouch entsprechend, gibt es das Album als 180g-Vinyl-Doppel-LP. Sammler wird es freuen.
Hans-Jürgen Lenhart
 TIDEMORE: By The Sea
TIDEMORE
By The Sea
www.tidemore.de
(Timezone TZ248)
11 Tracks, 44:20, mit Texten


Es ist nicht ungefährlich, sich als Musiker auf Folkpop einzulassen. Gute Songs für akustische Gitarren gibt es zu Tausenden und auch die Spieltechnik wird selbst von den meisten Straßenmusikern ausgezeichnet beherrscht. Während es bei anderen Musikfarben oft möglich ist, die lohnenswerten Bands vom Durchschnitt zu unterscheiden, sind Akustikgitarristen im Folkpopsektor üblicherweise allesamt auf sehr hohem Niveau. Tidemore ist da keine Ausnahme. Elf wunderschöne Eigenkompositionen vertonen die zwei Brüder aus Thüringen auf ihrem zweiten regulären Album. Einen hohen Wiedererkennungswert erlangt das Duo, indem mal auf Deutsch, mal auf Englisch gesungen wird. Das klingt erst einmal befremdlich und beim ersten Durchhören nicht rund. Gerade auf die beiden deutschen Tracks wartet man aber in weiteren Durchgängen geradezu. Der Geist bleibt wach und man hört das Album vollständig und aufmerksam. Damit entgeht Tidemore einer weiteren Gefahr des Folkpop, nämlich der, als Hintergrundrauschen in Studentencafés zu enden. Sympathisch und musikalisch ausgereift ist das Duo allemal. By The Sea hat aber zusätzlich eine echte Chance, in den Gehörgängen zu verweilen, was den Künstlern wirklich zu wünschen wäre.
Chris Elstrodt

 TSCHING: Vagabundensuite
TSCHING
Vagabundensuite
www.tsching.net
(Eigenverlag)
15 Tracks, 65:37, mit Zeichnungen u. dt. Infos


Was mag das wohl sein? Fragt man sich mit Blick auf das Cover mit einem gezeichneten gewaltigen Gerät aus diversen Blas- und Saiteninstrumenten und dem Bandnamen Tsching. Blasmusik? Und dann Tracktitel wie „Hejo“, „Taler“, „Schönerland“ oder „Maien“. Aufgelegt erklingen alsbald schräge, quirlige, rhythmische, ja, doch, Blas- und Stringmusiktöne aus den Lautsprechern, wie eine große Klezmer- oder Balkanmusikkapelle und doch von nur drei Berlinern auf Violoncello, Gitarre und Saxofon hervorgebracht. Und aus dieser Musik ostmittel- und südosteuropäischer Tradition entwinden sich plötzlich vertraute Melodien aus dem deutschen Volksliedgut, wie „Hejo, spann den Wagen an“, „Taler, Taler, du musst wandern“, „Kein schöner Land“ oder „Wie schön blüht uns der Maien“, ein wenig verfremdet, verklezmert zwar, doch erkennbar und somit behutsam aus dem starren Korsett der Schulunterrichtsmusik befreit und mit neu eingehauchtem Leben. Heimat und Fremde bekommen hier ein neues Verhältnis zueinander, umspielen einander, verschmelzen miteinander und öffnen den Horizont zu einem neuen Verständnis von Tradition und Volksmusik. Die Scheibe endet mit einer Verbindung von „Mazel Tov“ und „Maria durch ein Dornwald ging“, dem richtigen Soundtrack für den jüdisch-christlichen Dialog.
Michael A. Schmiedel
 FUNNY van DANNEN: Geile Welt
FUNNY van DANNEN
Geile Welt
www.funny-van-dannen.de
(JKP/Warner)
Promo-CD, 17 Tracks, 48:28


Alle ein bis zwei Jahre bringt Franz-Josef Hagmanns-Dajka aus Tüddern, besser bekannt als Funny van Dannen aus Berlin, seit 1995 seine Alben heraus. Immer wieder gelingen ihm Lieder mit unscheinbaren Alltagsgeschichten, die so wunderbar unfertig wirken. Seine Reflexionen über kleine und große Menschen- und Weltbeobachtungen sind ebenso originell wie hinterlistig, sind schlicht und raffiniert, sind kritisch und lebensbejahend, sind ironisch-philosophisch. Lakonisch vorgetragen, diesmal sogar mit mehreren Gastmusikern eingespielt, sind sie zwar keine musikalischen Offenbarungen, doch erfreuen und überraschen seine Texte immer wieder. Auf dieser neuen Produktion sind sie überwiegend geradezu positiv geraten, eine geile Welt eben. Ein poetisches Lied über nichts, Gähnen aus Spaß, das Bekenntnis, dass er keine Souldiva sei, immer wieder Geld, verlorene Menschen und Menschen im Glück, Arbeit in der Rüstungsindustrie und, dass man besser nicht den Wind fragt – es ist ein bunter Reigen wacher und verträumter Gedanken. Das sei nun die Platte, die er immer schon habe machen wollen, schreibt er im Pressetext, er sei sehr zufrieden. Und er hat auch allen Grund dazu.
Rainer Katlewski

 ZWECKGEMEINSCHAFT: Zweckgemeinschaft
ZWECKGEMEINSCHAFT
Zweckgemeinschaft
www.zweckgemeinschaft.com
(Eigenverlag)
12 Tracks, 54:31, Texte


Christoph Scholtz, Rasmus König und Kai Schweiger, drei junge Männer aus Leipzig, alle Jahrgang 1984, sind zwei Jahre lang mit ihren Liedern durch die Gegend gezogen. Sie haben auf der Straße gesungen, in Wohnzimmern und auf kleinen und größeren Bühnen (TFF Rudolstadt 2014) und haben jetzt ihr Debütalbum herausgebracht, das mittels Crowdfunding finanziert wurde. Es sind Beziehungslieder des Dazwischen, keine heilen Welten, kein Himmelhochjauchzen, keine kitschigen Happy Ends, stattdessen Gefühle und Situationen in aller Widersprüchlichkeit. Ihre Lieder sind voller Melancholie, Einfühlungsvermögen, Nachdenklichkeit, manchmal spöttisch und manchmal anrührend. Es sind erstaunlich reife Texte, wortgewandt, voller kluger Bilder. Musikalisch ist das Trio vom Harmoniegesang durch Crosby, Stills, Nash & Young beeinflusst, zwei Zweckgemeinschaftler haben im Thomanerchor gesungen, zwei werden Musiklehrer, es sind also Profis am Werk. Unterstützung erhielten sie zudem von befreundeten Musikern. Mit Gitarren, Klavier, Percussion, Trompete und Streichern wird für einen wohligen Sound gesorgt. Es ist ein gelungener Start, mit einem gekonnten und liebevoll gestalteten Album, das Türen öffnen wird.
Rainer Katlewski



DVD/Filme
 HARD SOIL: The Muddy Roots of American Music
HARD SOIL
The Muddy Roots of American Music
www.slowboatfilms.com
(Slowboat Films)
114:00 plus 30:00 Extras, engl. mit dt. u. engl. Untertiteln


Für viele mag das wie eine Freakshow wirken: Die Bärte sind lang, die Haare auch, die Blicke irr, die Tätowierungen überall und die Flüche deftig und häufig. Sowohl Musiker als auch Publikum wirken wie eine verschworene Gemeinschaft aussortierter Kellerkinder. Doch abseits aller Äußerlichkeiten zeigt diese Dokumentation des Filmemachers Marc A. Littler Typen, die eine offenbar tiefe und ehrliche Leidenschaft zu den Traditionen US-amerikanischer Folkmusik hegen. Ihre wüsten Auftritte auf den Muddy-Roots-Festivals in Cookeville/Tennessee und im belgischen Waardamme offenbaren eine manchmal schwer zu ertragende Intensität. Allen porträtierten Künstlern nimmt man aber die Leidenschaft zur Folkmusik ab; jeder erzählt von dem Glück, Geschichten in Songs erzählen zu dürfen, die andere Menschen berühren – seien es auch vergleichsweise wenige. Wer beispielsweise das ungleiche Paar Sean Wheeler und Zander Schloss erlebt, wie sie Josh Hadens „Spiritual“ interpretieren, muss keine Fragen nach Authentizität mehr stellen. Diese Freaks und Punkkonvertiten sind musikalische Originale am Rand des Folks, die von innen brennen. Muddy Roots – eine Welt für sich, geöffnet durch diesen Film.
Volker Dick
 JOAN BAEZ: How Sweet the Sound – Das Gewissen und die Stimme der 1960er Jahre
JOAN BAEZ
How Sweet the Sound – Das Gewissen und die Stimme der 1960er Jahre
www.absolutmedien.de
(Absolut Medien 4027)
10 Kapitel plus Extras, 90:00 plus 65:00, engl. mit dt. Untertiteln


Erstmals wurde diese Baez-Dokumentation 2009 in der vom US-Fernsehen PBS produzierten Reihe Americans Masters gezeigt. Die jetzt in Deutschland veröffentlichte DVD ist die auf Arte ausgestrahlte Version mit deutschen Untertiteln. How Sweet the Sound ist der erste umfassende Film, der das Leben einer Künstlerin nachzeichnet, deren weltweite Karriere mit ihrem (ungeplanten) Auftritt beim ersten Newport Folk Festival im Sommer 1959 begann und bis heute anhält. Interviews mit David Crosby, Bob Dylan, Ex-Ehemann David Harris, Reverend Jesse Jackson, Roger McGuinn und vielen anderen mehr sowie Ausschnitte aus Konzerten und Fernsehnachrichten präsentieren Joan Baez als eine Frau, die nicht nur mit ihrer Musik, sondern auch mit ihrer politischen Haltung das Gewissen einer Generation war und heute noch ist. Unter anderem begleiteten die Filmproduzenten Mark Spector und Mary Wharton Baez auf ihrer Welttournee 2008/2009, die sie auch noch einmal nach Sarajevo führte, wo sie fünfzehn Jahre zuvor während der Belagerung schon einmal gewesen war. Archivmaterial zeigt die Künstlerin im Dezember 1972 bei ihrem umstrittenen Besuch in Hanoi inmitten eines der heftigsten Bombenangriffe der USA, während des Vietnamkriegs oder mit Martin Luther King Jr., der ihr Mitte der Sechzigerjahre einen Solidaritätsbesuch in einem kalifornischen Gefängnis abstattete, als sie wegen der Blockade einer Zufahrt zu einem Armeekomplex zu einer neunzigtägigen Gefängnisstrafe verurteilt worden war. Die nicht mit Untertitel versehenen Extras bieten neben mehreren längeren Interviewauszügen Gespräche, die Joan Baez unter anderem mit Vaclav Havel und Steve Earle führte, sowie einen siebeneinhalb Minuten langen Ausschnitt eines frühen Auftritts 1958 im legendäre Coffeehouse Club 47 in Cambridge, Massachusetts.
Michael Kleff

Europa
 ALDOC: From Tallaght To Halle
ALDOC
From Tallaght To Halle
www.aldocmusic.com
(CD-Nr. 253621)
10 Tracks, 51:29, mit kurzen Infos


Wie ein chilliger Abend unter Palmen, wie ein Zug durch die Nacht im trubeligen Dublin, wie das Eintauchen in die kreative, drogengeschwängerte Atmosphäre eines Dub-Studios und eine immer virtuose, mal ziemlich jazzig-frei, mal nach irischer Trad-Music klingende Flöte – das alles und mehr ist Alan Dohertys neues Album. Der Meister-Flötist (Lord of the Rings, Gráda) hat in seiner neuen Heimat zu einer eher dem Fusion/Club-Segment zuzuordnenden als einer typischen Modern-Irish-Music-CD ausgeholt. Dazu haben er und Gerry Paul (Gitarre) eine Reihe von sensiblen Gästen an Bass, Drums und vielen anderen Instrumenten eingeladen. Anders als bei ähnlichen Projekten wie The Ollam, wo ganz deutlich die auf Irish-Trad basierenden Whistle- und Pipes-Linien im elektronischen Kontext führen, ist ALDOC eine wirklich multikulturelle Klangreise, welche die Beiträge der hochkarätigen Gastmusiker und Alans weitgestreute musikalische Interessen in den Vordergrund rückt. Chanting, sein vorzüglicher Gesang, Sprachkollagen, Scratching, Ambient und ethnische Sounds, alles hat seinen Platz. Anspieltipps: „Feed Me Seymour“, „Feeling So Much Better“, „Euge“, „In Halle“… Im Detail liebevoll, mit fantastischem Sound, findet man jedes Mal mehr in dieser großartigen Produktion. Congrats!
Johannes Schiefner
 JETHRO TULL’S IAN ANDERSON: Thick as a Brick – Live In Iceland
JETHRO TULL’S IAN ANDERSON
Thick as a Brick – Live In Iceland
www.jethrotull.com
(Eagle Records EDGCD533/Universal)
Do-CD, 18 Tracks, 108:20, mit wenigen engl. Infos


War’s das jetzt wirklich? Anderson hat schon oft davon gesprochen, dass das Kapitel Tull eigentlich zu Ende sei, das ist es aber wohl noch nicht so ganz. Mit seinem 1972er-Meisterwerk Thick As A Brick tourte er 2012/13 und komplementierte es mit einer Fortsetzung nach vierzig Jahren Thick As A Brick 2 – Whatever Happened To Gerald Bostock, dem Protagonisten des Originals. Apropos Original, da gab sich der verkappte Folkie Anderson alle erdenkliche Mühe, den Teil eins in Island exakt wie auf der LP klingen zu lassen. Nur die Erinnerung an den Werbespot für Prostatakrebs-Vorsorgeuntersuchungen etwa zu dem Zeitpunkt, wo damals die LP umgedreht werden musste, die scheint völlig verblasst zu sein. Ansonsten hat es Teil zwei natürlich schwer, gegen die geballte Nostalgie des Erstlings zu bestehen, denn Thick As A Brick und Aqualung waren zwei legendäre Alben, die durchaus als eine Art Folkrock durchgehen konnten. Nicht von ungefähr sind später zeitweise die Fairport-Musiker Dave Pegg und Maartin Allcock bei Jethro Tull eingestiegen. Gute Musik mit ein wenig Patina.
Mike Kamp

 SALLY BARKER: Maid In England
SALLY BARKER
Maid In England
www.sallybarker.co.uk
(Hypertension Music/Soulfood HYP 14305)
13 Tracks, 64:21, mit engl Infos


Diese Rezension ist eigentlich mehr eine Erzählung. Ab dem Jahr 2000 begannen die Aufnahmen für dieses Album, die meisten folklastigen Songs von der Engländerin stolz (ko-)geschrieben und mit Gästen wie Phil Beer, Maartin Allcock, Patsy Seddon oder Sarah Allen eingespielt. Probleme mit den Mandeln sorgten für eine lange Unterbrechung, nach einer Operation ging es weiter, und 2003 erschien das Werk – ohne jegliche Resonanz, denn ihr Mann erkrankte an Krebs und starb noch im gleichen Jahr. Nun gab es zwei Jungs, deren Erziehung Priorität hatte. Diese beiden – mittlerweile Teenager – überredeten Sally Barker 2013, an der englischen Version der Castingshow The Voice teilzunehmen. Ihre Stimme überzeugte den Juror Tom Jones, der sie einfühlsam ins Finale brachte. Sie wurde zwar nicht die Siegerin, aber es reichte locker, um ihre Karriere neu zu beleben. Sally Barkers alte (deutsche) Plattenfirma erklärte sich bereit, das 2003er-Album erneut zu veröffentlichen, angereichert mit zwei Songs aus der Castingshow (großartig: der Bee-Gees-Song „To Love Somebody“). Maid In England trägt deutlich die Botschaft: Welcome back, Sally! Jetzt wissen wir erst, wie sehr wir dich vermisst haben!
Mike Kamp
 THE BEVVY SISTERS: Plan B
THE BEVVY SISTERS
Plan B
www.bevvysisters.co.uk
(Interrupto Music IM004)
11 Tracks, 44:28


Die Bevvy Sisters sind in erster Linie drei Damen aus Schottland, die mit geradezu betörenden Stimmen traditionelle (wie „Ain’t No Grave“) und selbst geschriebene Americana-Songs interpretieren. In zweiter Linie gibt es auch noch einen David Donnelly, der im Gesamtzusammenhang nur optisch zu vernachlässigen ist, akustisch und mit seinen Kompositionen jedoch keinesfalls. Und drittens sind die Sisters (plus Brother) auch erfreulich kompakte Instrumentalisten, die jedoch ihr Können immer in den Dienst des Gesanges stellen. Egal ob Trad, Eigenes oder die zwei Sandy-Wright-Kompositionen „Little Bird“ und „Six Degrees“, die Bevvy Sisters interpretieren ihr Material mit ansteckendem Enthusiasmus und großem handwerklichen Können. European Americana at its best!
Mike Kamp

 RAY COOPER: Palace Of Tears
RAY COOPER
Palace Of Tears
www.raycooper.org
(Westpark Music 87267/Indigo)
10 Tracks, 47:49, mit engl. Texten u. Infos


Genau die richtige Jahreszeit, um das zweite Soloalbum des Ex-Oysterband-Mannes Cooper zu hören und zu besprechen. Irgendwie passt eine CD nicht in Zeiten blauer Himmel und Schäfchenwolken, die vom Berliner Tränenpalast, den Tränen der Isis, zerstörten Engeln und kriegerischen Spuren im Sand handelt. Da wirken die beiden Instrumentalparts wie zum Beispiel „Maarit’s Waltz“ geradezu optimistisch, auch wenn Letzterer Betrachtungen über verflossene Schönheit folgt. Nein, niemand wird Ray Cooper vorwerfen können, textlich oder musikalisch ein Bruder Leichtfuß zu sein. Sein umfassendes instrumentelles Können (Gesang, Cello, Gitarre, Kantele, Harmonika, Mandoline, Percussion, Harmonium, Bassgitarre) macht Gastmusiker weitgehend überflüssig. Textlich ebenso wie musikalisch lässt sich Cooper zunehmend von seiner schwedischen Wahlheimat inspirieren. Wie gesagt, leichte Kost ist das nicht, und angenehm gepflegte Melancholie kommt auch kaum auf, aber wer Songs mit Tiefgang sucht, der ist bei Ray Cooper goldrichtig.
Mike Kamp
 MICK FLANNERY: By The Rule
MICK FLANNERY
By The Rule
www.mickflannery.com
(Universal 00602537757527)
13 Tracks, 46:24, mit engl. Texten und Infos


Spätestens seit den Fleet Foxes und Bon Iver hat sich eine Songwritergeneration etabliert, die in der Tradition des amerikanischen Folkrevivals um Woody Guthrie und Bob Dylan steht und die nicht nur an die musikalischen Parameter der Sechziger anknüpft, sondern auch das Image des männlichen Sensibelchens in voller Konsequenz rekonstruiert. Heute bedeutet das: ein notorischer Bart, zur Schau gestellte soziale Isolation und genuschelter Falsett zur Akustikgitarre. Die Männer der Nufolk-Szene, der Ire Mick Flannery ist einer von ihnen, singen nicht mehr über politische Missstände, sondern über das Private, sei es Liebe, Freundschaft, oder – natürlich – Schmerz. Wenn der Künstler sich nur um sich selbst dreht, ist die Grenze zum Pathos fließend, aber es gelingen auch immer wieder anrührende Songs, denen das Understatement ihrer Macher gut steht. In dem Gerüst aus Gitarre und Klavier geht die Stimme Flannerys förmlich auf, ungeglättet und gespickt mit eigenwilligen Phrasierungen steht sie im Mittelpunkt der Songs und dient – in feinster Songwritertradition – ganz dem Text und ihrer persönlichen Ausdeutung. Mick Flannery reiht sich ein in die Riege irischer Sänger und Bands wie James Vincent McMorrow, Declan O’Rourke oder die Villagers.
Judith Wiemers

 SIOBHÁN KENNEDY: Seíd
SIOBHÁN KENNEDY
Seíd
www.siobhan-kennedy.com
(Siúnta Music)
14 Tracks, 49:41


Das Kompendium irischer Folkinstrumentals der irischen Flötistin Siobhán Kennedy beweist einmal mehr, dass es keiner jazzigen Rhythmen oder aufwendigen Produktionen bedarf, um die Varianz und Dramatik dieses Repertoires auszustellen. Ihre Sets kombinieren Reels, Hornpipes, Jigs und Airs und spielen mit Tempo- und Tonartwechseln, begleitet von Vamping an Klavier, Bouzouki und Gitarre. Jens Kommnick, der die zuvor genannten Instrumente bedient, fügt sich einfühlsam in die Tunes ein und bereichert die Melodieführung der Flöte, ohne sie je zu dominieren. Die Stückauswahl stellt Klassiker neben ungewöhnliche Hornpipes und vergessene Reels, die Kennedy auf alten Aufnahmen gefunden hat. Ihr Sinn für die musikalische Tradition und einhergehendes Verantwortungsgefühl gegenüber dem Material ebenso wie ihre Erfahrungen im Set- und Stepdance machen dieses Album so gut. Als weiteren Bonus bespielt Siobhán Kennedy hier fünf verschiedene Flöten aller Register (Whistles, Flutes, Low Whistle) und erschließt so die vielfältigen Klangräume ihres Instruments. Drei Songs komplettieren das versierte Debütalbum der Flötistin.
Judith Wiemers
 PIIA KLEEMOLA: Pirun Ja Papin Polska
PIIA KLEEMOLA
Pirun Ja Papin Polska
www.piiakleemola.com
(SEITACD017)
8 Tracks, 43:25, finn. u. engl. Infos


Piia Kleemola schrieb ihre Doktorarbeit über die Violine in der finnischen Volksmusik. Die Musik, die sie dabei fand, wurde im und um das neunzehnte Jahrhundert komponiert und in Archiven Österbottens gesammelt, dem schwedischsprachigen Teil Finnlands im Westen. Daraus entstand ihr Album Fiddle Feast (2012) mit drei weiteren Violinistinnen, unter anderem Kukka Lehto (Polka Chicks). Ebenfalls auf dieser musikalischen Basis entwickelte sie „Die Polska von Teufel und Pfarrer“. Es ist ein Soloalbum, an dem nur bei zwei Stücken die Akkordeonspielerin Anne-Mari Kivimäki beteiligt ist. Das Geigenspiel von Piia Kleemola ist so raumfüllend, dass andere Instrumente es wohl schwer haben sich durchzusetzen. Sie erreicht das durch die starke Betonung der tiefen Saiten mit vielen Doppelgriffen, oft als Ostinato. Diese traditionelle, sehr rhythmische Spielweise ist darin begründet, dass die Spielleute früher oft solo in einem Saal zum Tanz aufspielten. Das musste dann schon eine gewisse Lautstärke haben. Kleemolas Musik lässt sich stilistisch aber nicht eindeutig zuordnen, denn sie enthält schwedische, finnische und zeitgenössische Anteile. Im Booklet findet man einiges an Erklärungen zu den einzelnen Stücken.
Bernd Künzer

 LEVELLERS: Greatest Hits
LEVELLERS
Greatest Hits
www.levellers.co.uk
(On The Fiddle Recordings/Rough Trade OTF019)
Promo-Do-CD, 35 Tracks, 124:58


Ziemt es sich für Folk-Rock-Punk-Anarchisten, ein Greatest-Hits-Album rauszubringen? Keine Ahnung, aber sie haben es zumindest selbst zusammengestellt, und es ist praktisch, alle ihre Mitsinghymnen der letzten circa fünfundzwanzig Jahre auf zwei Silberlingen versammelt zu hören, Songs wie „Hope Street“, „What A Beautiful Day“ oder „Just The One“. Wie sich das gehört, hat man noch ein paar Schmankerl eingebaut, Kooperationen mit Imelda May, Frank Turner, Bellowhead oder Billy Bragg. Das kommt ziemlich gut, und das ist auch gut abgepasst, schließlich geht’s Ende Oktober, Anfang November für vier Gigs durch diese Republik. Was allerdings als nicht so nett empfunden wird, ist, dass auch eine politisch denkende Band wie die englischen Levellers (oder ihre Vertriebspartner) diesen Promo-Exemplar-Unfug mitmachen. So erhält der Rezensent zwei Silberlinge plus Tracklisting, wo es doch angeblich auch noch opulente Booklets und eine DVD geben soll. Vielleicht ist dies nicht der richtige Ort für eine solche Kritik, aber wie man unter diesen Voraussetzungen eine Besprechung schreiben soll, die dem Produkt gerecht wird, das der Interessent kaufen kann, das bleibt das Geheimnis der Verantwortlichen.
Mike Kamp
 OQUESTRADA: Atlantic Beat – Mad’ In Portugal
OQUESTRADA
Atlantic Beat – Mad’ In Portugal
www.oquestrada.com
(Jaro Medien 4321-2)
10 Tracks, 41:19, mit Texten


Tasca Beat, der „Rhythmus der Tavernen“, das Debütalbum der Lissaboner Gruppe wurde in Portugal zu einem riesigen Verkaufserfolg. Nun, fünf Jahre danach, folgt Atlantic Beat. Raus aus den Kneipen heißt die Devise. Rauf auf den Dampfer, von wo man einen guten Blick auf die Küste des kleinen südeuropäischen Landes am Atlantik genießt, das vom Rest Europas so gerne vergessen wird und wo die Zeit ein wenig gemächlicher fließt. In „Sweet Old Country“, dem englisch gesungenen Stück des Albums, bringt die Sängerin Marta Miranda die Liebe der Portugiesen zu ihrem Land zum Ausdruck. Dann rattern wir in Fernando Pessoas „Zug nach Süden“ („Comboio Descendente“), halb schlafend, halb wach, blicken aufs Meer Richtung Brasilien. Ja, das Herz des kleinen Landes am Atlantik schlägt ruhiger als anderswo – und doch beschwingt. Marta Miranda, Waschbecken-Bassist Pablo und der Mandolinist João Lima, unterstützt von Gästen an Gitarren, Akkordeon oder einer Trompete schenken dem Herzschlag eine Melodie. Oquestrada tönen ein wenig abgeklärter als auf dem Debütalbum, aber trotzdem einnehmend, und sie spielen mit viel Liebe zum Detail.
Martin Steiner

 ANDREAS TOPHØJ & RUNE BARSLUND: The Danish Immigrant
ANDREAS TOPHØJ & RUNE BARSLUND
The Danish Immigrant
www.andreasrune.dk
(GO’ Danish Folk Music GO1214 EP)
EP, 5 Tracks, 16:25, engl. Kurzinfo


Einflüsse aus anderen Ländern auf die nationale Folkmusik gab es schon immer. Durch die erleichterten Reisemöglichkeiten hat das in den letzten fünfzig Jahren stark zugenommen und zur Bereicherung beigetragen. Die beiden jungen dänischen Musiker, Violine/Viola und Akkordeon, verarbeiten hier ihre Erfahrungen aus Amerika und Irland in eigenen Kompositionen mit ihrer skandinavischen Basis. Das heißt nicht, dass die Orte, an denen sie komponiert wurden, immer einen besonders starken Einfluss haben. „The Danish Immigrant“ könnte wirklich von einem im neunzehnten Jahrhundert nach Amerika ausgewanderten Dänen geschrieben sein. Die „Kerry Polska“ klingt jedoch ausgesprochen schwedisch. Vielleicht wegen des Heimwehs. Wesentlicher aber ist, wie die beiden zusammenspielen. Das ist so einfühlsam, dass Violine/Viola und Akkordeon manchmal kaum zu unterscheiden sind. Mit diesen fünf sehr anrührenden Melodien ist ein Kleinod produziert worden, bei dem man bedauert, dass es nur eine EP geworden ist. Es ist die Auskoppelung des Soundtracks eines Films, für den es 2012 einen Danish Music Award Folk gab. Bei zwei Stücken begleitet sie der Gitarrist Rasmus Zeeberg, mit dem sie auch in anderen Gruppen musizieren.
Bernd Künzer



International
 MIREL WAGNER: When The Cellar Children See The Light Of Day
MIREL WAGNER
When The Cellar Children See The Light Of Day
www.mirelwagner.com
(Sub PoP SP1075)
10 Tracks, 31:09, mit Texten


Mirel Wagner ist in Äthiopien geboren, aber in Finnland aufgewachsen. Das bereits könnte Neugier wecken, und tatsächlich, ihr Bluesfolkalbum ist ein außergewöhnliches Werk. Mit ihrer zerbrechlichen Stimme vertont sie alle Hoffnungslosigkeit der Welt. Sie begleitet sich auf der Gitarre mit spärlichen spröden Akkorden, lediglich begleitet von Keyboards und Cello des einzigen Mitmusikers, Grammy-Gewinner Craig Armstrong. Musikalisch schmerzhaft reduziert bis zum absolut Notwendigen schleichen sich ihre düsteren Lieder in das Herz des Hörers, ein perfekter Alptraum für Alkoholiker oder Liebeskranke. Mirel Wagner verbündet sich in ihren Songs mit Nick Cave oder Dead Moon. Ihr Album erreicht die Intensität der Texas Campfire Tapes von Michelle Shocked. Der Gesang von Mirel Wagner hat nichts vom Blues, nichts von afrikanischer Gesangskultur. Stattdessen klingt sie wie die minderjährige Tochter von Nico nach einer Psychose. Sogar die Zeit zeigt sich beeindruckt und spendiert dem Album eine ausgiebige Besprechung. Zielgruppe des Albums ist dementsprechend eher der intellektuelle Punk, der früher die Neubauten gehört hat und nun sein Burn-out-Syndrom pflegt. Wer als Folkfan mit der dunklen Seite der Macht liebäugelt, sollte bei Mirel Wagner aufhorchen.
Chris Elstrodt
 WELTENKLANGHAUS: Raga Against The Machine
WELTENKLANGHAUS
Raga Against The Machine
www.weltenklanghaus.de
(Weltenklanghaus GM 011414)
8 Tracks, 55:37


Die ersten Sonderpunkte gibt’s schon mal für den Albumtitel. Doch was wie eine augenzwinkernde Parodie scheint, ergibt hier durchaus Sinn. Denn so wie Zack de la Roches alte Band ihr Repertoire aus recht heterogenem Material rekrutierte, so mischt auch der Eigner des Weltenklanghauses, Peter Krämer, gerne verschiedene (welt-)musikalische Stile zu etwas Neuem zusammen. Ein schönes Beispiel dafür ist Krämers Komposition mit dem skurrilen Titel „Felakutiaufkoxinkalkuti“, ein Parforceritt durch indische, afrikanische und krautrockmusikalische Welten. Doch bei aller Leidenschaft für den Crossover-Gedanken, Krämers große Liebe bleibt die indische Klassik. So ist denn auch das Weltenklanghaus komplett in indischer Hand. Sudokshina Chatterjee Manna (Gesang), Rajib Karmakar (Sitar), Prosenjit Sengupta (Sarod) und Subrata Manna (Tabla) bilden das Fundament, auf das der gelernte Gitarrist Krämer seine „Rockwerke“ aus Saiten, Tasten und Fellen schichtet. Und so beginnen die Stücke des WKH nicht selten mit dem obligaten Sitar-Arpeggio und enden mit rockigem Schlagwerk. Gewiss, Crossover ist nichts für Puristen. Aber wenn’s so gut gemacht wird wie hier, dann spricht absolut nichts dagegen!
Walter Bast

Lateinamerika
 MÁRCIO FARACO : Cajueiro
MÁRCIO FARACO
Cajueiro
www.marciofaraco.com
(World Village SKU 479100/Harmonia Mundi)
11 Tracks, 40:57


Ziemlich unbekannt ist, dass es in Frankreich eine Garde hervorragender brasilianischer Musiker gibt, die fast immer aufhorchen lassen, verirrt sich mal eines ihrer Alben zu uns. Márcio Faraco ist einer von ihnen, und er spielt nicht nur die Musik Brasiliens, sondern lässt klar erkennen, dass er in Frankreich wohnt. Da klingen ein Musetteakkordeon und Gypsy Swing an, und der dezente Gesangsstil hätte auch zu Chansons gepasst. Tatsächlich singt er auch einmal Französisch. Stimmlich erinnert er an Gilberto Gils leise Balladen, vermittelt aber mehr Jazzfeeling. Eine seiner stärksten Melodien hat „Mundo Lelê“ mit seinem hüpfenden Rhythmus aus Bahia. Durch die butterweiche Klangwelt von Faraco streifen Wolken aus Samba, Xote, Folk und Jazz. Faszinierend, wie Faraco alle seine Anleihen in seinen Sound integriert. Baden Powells Philippe sitzt übrigens seit Jahren am Piano an seiner Seite. Ansonsten passt Faraco in eine Reihe mit ebenso intelligent arrangierenden und dezenten brasilianischen Sängern/Gitarristen wie Vinicius Cantuaria.
Hans-Jürgen Lenhart
 O Lendário Chucrobillyman: Man Monkey
O Lendário Chucrobillyman
Man Monkey
www.myspacecom/chucrobillyman
(Off Label Records OLR33/Eigenvertrieb)
10 Tracks, 30:04


Der zweisprachige Name und das vom Musiker entworfene, vibrierende Cover lassen Besonderes ahnen. Klaus Koti aka O Lendário Chucrobillyman nennt sich im Untertitel „Trash Tropical One Man Band Orchestra“, was es irgendwo trifft. Die zehnsaitige Violagitarre, Schlagzeug und Müll [!] werden gleichzeitig bedient, wobei auf dem Album manchmal Overdubs mehrerer Gitarren zu hören sind. Und entsprechend dem Albumtitel spielt sich Chucrobillyman wie vom wilden Affen gebissen durch Garage Rock, Rockabilly, Boogie oder Delta Blues. Der Bottleneck-Blueser ist ein exzellenter Gitarrist, der gar an David Lindleys El-Rayo-X-Zeit erinnert. Die Grundriffs klingen aufgrund der Spielweise fast wie Loops. Die Stimme kommt etwas leise rüber, was daran liegt, dass hier durch eine angeschraubte Flüstertüte gesungen wird. Was der brasilianische [!] Bluespunk jedoch drübergelegt, ist schnell, fetzig, rotzig, archaisch. Da trommelt’s wie im Urwald, und eine geisterhafte Stimme lacht verzerrt aus dem Dschungel. Momentan hat er jedenfalls die beste Scheppergitarre im Universum.
Hans-Jürgen Lenhart

Nordamerika
 AMERICAN NOMAD: Country Mile
AMERICAN NOMAD
Country Mile
www.americannomadmusic.com
(Spruce and Maple Music SM 1101)
13 Tracks, 58:14


Mit dem Namen Hassan El-Tayyab wird man in den USA derzeit nur schwer Karriere machen. Aber unter diesem Ziel dürfte der Nachfahre eines Beduinenvolkes auch nicht angetreten sein. Im Namen seiner Band steckt er noch drin, der Nomade. El-Tayyab zog es in seinem Chevy Malibu quer durch Nordamerika, von Boston aus übers ganze Land, bevor er in der kalifornischen Bay Area hängen blieb. Dort lernte der Gitarrist die Sängerin Shilo Parkerson kennen, die mit ihrer kräftigen Stimme etliche Stücke des Albums prägt – beeinflusst von so unterschiedlichen Künstlerinnen wie Gillian Welch, Loretta Lynn und Billie Holiday. Was in etwa auch die musikalische Bandbreite der Stücke erfasst: Die zum Großteil von El-Tayyab stammenden Songs berühren Old-Time, Western Swing, Country, Blues und Folk. Einige von ihnen hätten das Zeug, zu Klassikern zu werden, etwa der Folksong „Be Here Now“ mit seiner intimen Fingerpickinggitarre und der Botschaft, im Hier und Jetzt zu sein und den eigenen Augen zu trauen. Oder „Hallelujah“, das mit ausstrahlender Wärme entzückt, eine zu Herzen gehende Countryballade – aber ganz ohne schmalziges Timbre. Wenn das die Musik amerikanischer Nomaden ist, dann bitte gerne.
Volker Dick
 FLACO & MAX: Legends & Legacies
FLACO & MAX
Legends & Legacies
https://myspace.com/flacojimenezmusic
(Smithsonian Folkways SFW CD 40569/Galileo MC)
17 Tracks, 58 min, 44-seit. Booklet mit engl. u. span. Texten u. Infos


Flaco Jiménez und Max Baca gehören zu den Familiendynastien, die Tejano Conjunto Musik über die Grenzen von Texas hinaus bekannt gemacht haben. Flaco, dessen Spiel auf dem dreireihigen Knopfakkordeon einem breiteren Publikum erstmals durch Ry Cooders Chicken Skin Music bekannt wurde, feierte dieses Jahr seinen 75. Geburtstag. Max, Jahrgang 1967, stand mit sieben Jahren zum ersten Mal mit Flaco auf der Bühne, der sich im weiteren Verlauf als Mentor und Lehrer des jungen Banjo-Sexto-Spielers erwies. Das vorliegende Album feiert auf siebzehn Stücken die traditionelle Conjunto Musik, wie sie seit Generationen gespielt wird. Wir hören Klassiker wie „Margarita, Margarita“, Standards wie „Mi Primer Amor“, das seit Dekaden zu Flacos Programm gehört, oder auch Stücke, die Flacos Vater Santiago Jiménez Sr. verfasst hat. Zum ersten Mal in ihrer Karriere singen Max und Flaco gemeinsam, und Akkordeon und Barca, begleitet von Bass und Schlagzeug, sind die Grundlage jeden Stückes. Die Beiden sind in ihrem Element, und es gibt dementsprechend musikalisch keine Überraschungen. Die Produktion ist transparent und auf das Wesentliche beschränkt. Eine schöne Zusammenfassung des Genres von zwei Veteranen und Meistern ihres Faches.
Dirk Trageser

 CHUCK PROPHET: Night Surfer
CHUCK PROPHET
Night Surfer
www.chuckprophet.com
(Yep Roc Records/Cargo-Records)
Promo-CD, 12 Songs, 46:33


Nach Anfängen als Gitarrist des Folkrockquartetts Green on Red steht Prophet bereits seit über zwanzig Jahren als Solokünstler auf der Bühne. Mittlerweile ist mit Night Surfer sein dreizehntes Album auf dem Markt. Peter Buck (Ex-R.E.M.) ist – wie beim Vorgängeralbum Temple Beautiful – wieder mit dabei und trägt zum folkigen Sechzigerjahre-Flair der Songs bei. Doch ist Prophet vor allem ein persönlicher Geschichtenerzähler, der sich zeitkritische Kommentare verkneift. Die näselnde Stimme des fünfzigjährigen US-Amerikaners wird immer wieder gerne mit der von Kinks-Mastermind Ray Davies verglichen. Tatsächlich sind weitere musikalische Parallelen herauszuhören, wenngleich sich Chuck Prophet durch seine Zusammenarbeit mit so unterschiedlichen Musikern wie Bob Neuwirth, Jim Dickinson, Warren Zevon, Jonathan Richman oder Lucinda Williams als vielseitiger Musiker hervorgetan hat, der nicht immer im Mittelpunkt stehen muss. Gerade sein vielschichtiges Können kommt auf Night Surfer deutlich zum Tragen. Gitarrenbetont sind die Songs, und gerne setzen akustisch gespielte Streicherarrangements weiche Akzente. Abwechslungsreich ist dieses Album gestaltet, doch bleibt es vor allem im folkigen Songwriterbereich verortet.
Michael Freerix
 CHRIS SMITHER: Still On The Levee – A 50 Years Retrospective
CHRIS SMITHER
Still On The Levee – A 50 Years Retrospective
www.smither.com
(Homunculus Music/Signature Sounds 74374/Cargo)
CD 1: 13 Tracks, 46:12; CD 2: 12 Tracks, 46:58, mit Texten


Wer den baumlangen Chris Smither schon einmal live gesehen hat, mag kaum glauben, dass der in Miami geborene und in New Orleans aufgewachsene Songschreiber bereits siebzig Jahre alt ist und fünfzig davon auf der Bühne steht. Ausgefeiltes, souverän entspanntes Fingerpicking, von Lightnin’ Hopkins und Mississippi John Hurt inspiriert, und eine leicht nuschelige, aber kraftvolle Stimme, die klingt, als habe ihr Besitzer vor dem Auftritt noch schnell mit Glasscherben in Bourbon gegurgelt. Seit Smithers 1970 sein erstes Album I’m A Stranger Too aufnahm, entstanden viele musikalische Freundschaften, mit Bonnie Raitt etwa, mit Lowell George oder mit Dr. John. Seinen bekanntesten Song, „Slow Surprise“, nahm Emmylou Harris für den Soundtrack des Films Der Pferdeflüsterer auf. Smithers Lieder erzählen tiefgründige Alltagsgeschichten über die universalen Themen Liebe, Leben und Verlust. Die Retrospektive umfasst fünfundzwanzig davon, die er mit seiner Stammband neu und, kurz gesagt, brillant eingespielt hat. Hochkarätige Gäste veredeln die Produktion, darunter Loudon Wainwright III (Gitarre und Gesang) und Allan Toussaint (Klavier). Hinzu kommen Smithers Schwester Catherine Norr (Gesang) sowie seine Tochter Robin (Geige). Gelegentliche Slide-Guitar- oder Cellolinien verfeinern die ausgefeilten Arrangements zu einem Genuss.
Ulrich Joosten

 FRANK SOLIVAN & DIRTY KITCHEN: Cold Spell
FRANK SOLIVAN & DIRTY KITCHEN
Cold Spell
www.dirtykitchenband.com
(Compass Records 7 4633 2)
Promo-CD, 10 Tracks, 48:23


Nach dem ersten Stück scheint klar: Was danach kommt, kann kein reiner Bluegrass sein. Eher ein akustisch vom Bluegrassinstrumentarium geprägtes Album voller kompositorischer Finessen und Feinheiten des Arrangements. Der frühe Eindruck relativiert sich dann im Laufe der zehn Songs – im Kern bleibt es Bluegrass, allerdings mit Elementen aus Jazz, Rock, Blues und Country beeindruckend anders formuliert. Davon kündet nicht nur der „Country Song“, der so gar nicht wie ein solcher klingt, sondern in dem es vor Breaks und schrägen Soli wimmelt und der zudem eine Länge von über acht Minuten erreicht! Prog-Grass offenbar. Dagegen lebt „She Said She Will“ von einem Bluesrock-Groove, bei dem die erstklassige Band mit Chris Luquette (g), Mike Munford (banjo) und Danny Booth (b) nichts verbirgt von ihrer kompakten Virtuosität, die sich durchs gesamte Album zieht. Frank Solivan zeigt sich als der gewohnt geschmackssichere Mandolinenspieler, brilliert aber genauso als Sänger, gleich ob soulig oder balladesk – gelegentlich umrahmt von wunderbaren Gesangsharmonien. Es gibt Bluegrass, den muss man nicht auf Platte bannen. Cold Spell lohnt dagegen das Zuhören von vorn bis hinten.
Volker Dick



REGGAE
 ALBOROSIE: Specialist Presents Alborosie & Friends
 DR. RING DING & SHARP AXE BAND AND FRIENDS: Gwaan And March Forth – Dr. Goldphibes In The Chamber Of Dub
 TIKEN JAH FAKOLY: Dernier Appel
 MELLOW MOOD: Twinz
 MAXI PRIEST: Easy To Love
 WILLIAM WHITE: Open Country
ALBOROSIE
Specialist Presents Alborosie & Friends
www.alborosiemusic.com
(Greensleeves Records/VP Records VPGSCD7016/Groove Attack)
Do-CD, 24 Tracks, 89:50


DR. RING DING & SHARP AXE BAND AND FRIENDS
Gwaan And March Forth – Dr. Goldphibes In The Chamber Of Dub
www.ringding.de
(Flat Daddy Records/Broken Silence 06158)
Do-CD, 30 Tracks, 126:23


TIKEN JAH FAKOLY
Dernier Appel
www.tikenjah.net
(Barclay 378 084 - 9/Wrasse Records/Harmonia Mundi)
10 Tracks, 34:20


MELLOW MOOD
Twinz
www.mellowmoodmusic.com
(La Tempesta LTI-014/14/Master Music)
13 Tracks, 48:14


MAXI PRIEST
Easy To Love
www.maxipriest.com
(VP Records VPCD1978/VP Music Group/Groove Attack)
11 Tracks, 44:04


WILLIAM WHITE
Open Country
www.williamwhite.ch
(Eigenverlag 7640151866723/Galileo MC)
Do-CD, 19 Tracks, 94:31


Während der Reggae international zum popmusikalischen Allgemeingut auf hohem musikalischem und produktionstechnischem Niveau geworden ist, hat er seine in den Siebzigern und Achtzigern enorme gesellschaftliche Bedeutung, ganz zu schweigen von der politischen, nahezu vollkommen eingebüßt. Oder aufs – gleichermaßen klassische – dritte Popmusikterrain verschoben: Wohlfühlmusik, wo man hinhört! Selbst wenn Tiken Jah Fakoly, der führende afrikanische Reggaeinterpret von der Elfenbeinküste, den turbulenten Zeiten vollkommen angemessen Max Romeos „War Ina Babylon“ zeitgemäß entstaubt, wirkt das im sodann typisch afrikanisch tröpfelnden leichten Gewand vor allem idyllisch – nur im leichten Gegensatz zum Großteil des Rests des souveränen Kurzalbums, der gelegentlich immerhin nicht nur etwas zupackender, sondern auch angenehm zeitgemäß und frei von den historischen Klangfarben klingt. Näher an die historischen Vorbilder geht Alberto d’Ascola mit Specialist Presents Alborosie & Friends heran: Internationale Erstliga-Gäste von Dennis Brown bis Black Uhuru, Michael Rose bis Horace Andy, Ky-Mani Marley bis Gentleman adeln den Sizilianer, der vor dreizehn Jahren nach Jamaica aufbrach, um von den Gründervätern und ihren Zöglingen zu lernen, als einen der ihren; ihre Interpretationen, ob Klassiker wie „Natural Mystic“ und „Guess Who’s Coming“ oder weniger bekannte Stücke, sind ebenso kompetent wie der überwiegend schwere Roots Reggae mit sanften Dancehall-Beigaben der Band. Auf ähnlich souveräne Begleiter können sich auch der Schweizer William White, gebürtig aus Barbados, und Richard Alexander Jung aus Münster verlassen, der als Dr. Ring Ding seit Jahren vielen nachwachsenden Bands hierzulande den Weg geebnet hat. Beiden, White weniger, Ring Ding deutlich mehr, mangelt es aber an der stimmlichen Klasse und Präsenz internationaler Vorbilder wie etwa Maxi Priest, in den Achtzigern einer der größten Stars des Reggae überhaupt. Easy To Love, das zehnte Album des in London geborenen und aufgewachsenen Jamaikaners, stellt seine Sangesqualitäten neuerlich unter Beweis – kann darüber hinaus aber auch nicht die geringsten über allgemeingefällige Unterhaltung hinausgehenden Argumente aufweisen. Popreggae-Schmuseschnee von gestern, mit dem die nachfolgende Generation der Alborosie-Landsleute Mellow Mood ganz bestimmt nichts anfangen kann. Sie dürften mit Dancehall und Elektro aufgewachsen sein – und so knackig und modern klingt auch ihr drittes Album Twinz; auch noch in seinen rootsigeren Momenten. Eine erwähnenswerte Bedeutung, die nennenswert über das Festival und die Party hinausgehen könnte, ergibt aber auch das noch nicht ...
Christian Beck



WEIHNACHTSALBEN
 QUADRO NUEVO: Bethlehem
QUADRO NUEVO
Bethlehem
www.quadronuevo.de
(Fine Music FM184-2/Soulfood)
20 Tracks, 79:18


Das Akustikquartett aus Süddeutschland präsentiert mit Bethlehem sein zweites Weihnachtsalbum. Die Weisen aus aller Welt für Harfe, Saxofon, Akkordeon und Bass sind im gewohnten Tango-Jazz-Stil arrangiert. Ohne sich sehr an Altbekanntes zu klammern, gelingt es den Musikern, mit Respekt vor der Tradition eine andächtige und fröhliche Stimmung zu schaffen.
Sarah Fuhrmann
 GEORG WADENIUS/JAN LUNDGREN/ARLID ANDERSEN: Jul På Norska
 GEORG WADENIUS/JAN LUNDGREN/ARLID ANDERSEN: Jul På Svenska
GEORG WADENIUS/JAN LUNDGREN/ARLID ANDERSEN
Jul På Norska
www.wadenius.com
(Parlophone 0209020CTT/Edel Kultur)
12 Tracks, 50:42


GEORG WADENIUS/JAN LUNDGREN/ARLID ANDERSEN
Jul På Svenska
www.wadenius.com
(Parlophone 0209021CTT/Edel Kultur)
11 Tracks, 43:06


Als gemischtes Doppel kann man die Weihnachtsalben des Jazztrios Wadenius, Lundgren und Andersen betrachten. Man hört förmlich die Schneeflocken fallen. Mit betont ruhigen Interpretationen nehmen sich die routinierten Musiker auf Jul På Norska traditionellen norwegischen Melodien an und lassen mit Gitarre, Klavier und Kontrabass in kammerjazziger Besetzung die Töne in ihrer Schlichtheit dahingleiten. Auf Jul På Svenska wiederholen sie ihr Konzept nun mit Bezug auf Schweden. Da gänzlich ohne Texte, würde vermutlich nur sehr spitzfindigen Kennern eine Unterscheidung gelingen. So kann man die totale Entspannung, die beim Hören des norwegischen Albums einsetzt, hier fortführen.
Sarah Fuhrmann

 ELIZABETH MITCHELL AND FRIENDS: The Sounding Joy. Christmas Songs In And Out Of The Ruth Crawford Seeger Songbook
ELIZABETH MITCHELL AND FRIENDS
The Sounding Joy. Christmas Songs In And Out Of The Ruth Crawford Seeger Songbook
www.youaremyflower.org
(Smithsonian Folkways SFW CD 45074)
24 Tracks, 70:32


In der ersten Hälfte der 1900er-Jahre sammelte die amerikanische Musikerin und Komponistin Ruth Crawford Seeger Folklieder für Kinder. Elizabeth Mitchell hat sich daraus Weihnachtslieder herausgesucht und zu einem Album zusammengestellt. Mit Spielfreude und authentischer Einfachheit bringen Mitchell und ihre Freunde diese nicht nur zu den kleinen Menschen.
Sarah Fuhrmann
 DIVERSE: Acoustic Christmas
DIVERSE
Acoustic Christmas
www.putumayo.com
(Putumayo PUT 340-2/Exil Music)
10 Tracks, 31:02


Putumayo, eine großer Name auf dem musikalischen Markt der thematischen Zusammenstellungen, hat sich hier der Weihnachtszeit angenommen. Und man sieht, ein bisschen Kitsch gehört dazu, aber es muss nicht triefen. Mal in Richtung Country, dann einen Schwenk zum Jazz oder zu Folk, aber immer dem großen Winterfest zu Ehren. Ohne Überraschungen, genau das, was man erwartet. Beim Plätzchenbacken ein guter Begleiter.
Sarah Fuhrmann

 SINATRA TRIBUTE BAND & MAX NEISSENDORFER: Winter Wonderland
SINATRA TRIBUTE BAND & MAX NEISSENDORFER
Winter Wonderland
www.sinatra-tribute-band.ch
(Jawo Records JAW019)
17 Tracks, 66:23


Wer Hollywood-Weihnachtsfilme mag, der wird Winter Wonderland lieben. Von „Let It Snow“ bis „Santa Claus Is Coming To Town“ ist alles dabei. Die Band ist – klar – eine Big Band, und Neissendorfer gibt den Entertainer. Weich wie Marshmallows, glitzernd wie Lichterketten, befinden sich ausschließlich amerikanische Evergreens auf dem Album, die garantiert jeder zumindest mitsummen kann.
Sarah Fuhrmann
 NOBODY KNOWS: Morgen, Kinder, und übermorgen auch. Eine neuverpackte Weihnachtshommage
NOBODY KNOWS
Morgen, Kinder, und übermorgen auch. Eine neuverpackte Weihnachtshommage
www.nobodyknows.de
(Rainsong Records RS0072013/Senna Music)
13 Tracks, 46:03


Das sonst keltischen, nordischen und osteuropäischen Klängen zugewandte Sextett hat mit seinem Weihnachtsalbum eine spaßige Interpretation klassischer Weihnachtsstücke herausgebracht. Mit einer Instrumentation, die an Hausmusik erinnert (Glockenspiel, Querflöte, Geige, Mundharmonika, Gitarre) und meist eher flotten, launigen Spielarten ist dies ein Album, das sich zwar für traditionsbewusste Weihnachtsfeierer eignet, die es aber gerne etwas weniger glatt und glänzend haben.
Sarah Fuhrmann

Afrika
 RICARDO LEMVO & MAKINA LOKA: La Rumba Soyo
RICARDO LEMVO & MAKINA LOKA
La Rumba Soyo
www.makinaloca.com
(Cumbancha CMB CD-31)
11 Tracks, 52:50, m. engl. Infos


Er ist wieder da, der Afro-Latino-Star, mit einem Gute-Laune-Album erster Güte. Sein zwölfköpfiges Ensemble Makina Loka, das er 1990 gründete, stärkt ihm erneut den Rücken. Dazu gesellen sich zahlreiche Gäste, darunter Akkordeonist Mario Aguilar mit passgenauen Soli und Sängerin Chantal Yal Kizita. Lemvo stammt aus dem Norden Angolas, der Grenzregion Zaire, zur Demokratischen Republik Kongo hin, wo er auch aufwuchs. Als Fünfzehnjähriger siedelte er in die USA über, wo er später Politikwissenschaft studierte. In Los Angeles hat Lemvo bis heute seinen Lebensmittelpunkt. Die stilistische Bandbreite ist enorm. Natürlich bilden Rumba, Samba und Salsa die Grundfesten. Er bedient sich aber auch bei Merengue, Bolero, oder in Würdigung seiner angolanischen Wurzeln bei Kizomba und Semba. Die Stücke gehen fast fließend ineinander über, animieren erwartungsgemäß zum Tanzen. Verbunden sind sie durch Lemvos sonore Stimme. Bemerkenswert, wie oft er die Sprachen wechselt! Natürlich spielt das Thema Liebe die Hauptrolle, bisweilen augenzwinkernd wie in „Padre George“ („Meine Frau ist schwanger, und mein Nachbar ist der Vater!“) oder „Dikulusu“ (da gibt „seine“ Exfrau die Alimente an den Neuen weiter!).
Roland Schmitt



Asien
 DIVERSE: Magic Kamancheh. World Music Instruments – Die Streichlauten Vol. 1: Asien
DIVERSE
Magic Kamancheh. World Music Instruments – Die Streichlauten Vol. 1: Asien
www.noethno.de
(Noethno 1015-19/Galileo MC)
4 CDs, 41 Tracks, 317:50, plus Buch u. DVD (240:00)


Eigentlich müsste man diesem Bernhard Hanneken eine Ehren-Ruth beim TFF Rudolstadt für sein Lebenswerk verleihen, wenn – ja wenn’s kein Geschmäckle hätte …! Denn Hanneken ist nicht nur seit Jahren künstlerischer Leiter des TFF, sondern parallel dazu auch noch Herausgeber einer CD-Edition über diejenigen (Welt-)Musikinstrumente, die beim TFF das „Special“ bestreiten. Und diese Edition kompiliert Hanneken mit der gleichen Akribie und immensen Fachkenntnis, mit der er auch das alljährliche Programm des TFF zusammenstellt. Auch die aktuelle Ausgabe der Edition ist ein dicker Brocken an kompetenter Information: vier randvolle CDs, ein 96-seitiges Buch (mit Lesebändchen), dazu eine knapp vierstündige DVD mit bewegten Bildern zum Thema. So werden im Buch die wichtigsten Instrumente in Einzeldarstellungen präsentiert, natürlich ist die persische Kamancheh ebenso vertreten wie die abchasische Apkhiartsa oder die indische Taus, eine Streichlaute mit dem Korpus eines Pfaus. Von allen finden wir Bilder und Beschreibungen; auf den beiliegenden CDs gibt’s dann die dazugehörenden Klänge. Tja, wie gesagt: Eigentlich müsste man … Aber das passiert wohl erst, wenn er sich ins Privatleben zurückgezogen hat!
Walter Bast



Australien/Ozeanien
 BRETT HUNT: Dangerous Currents
BRETT HUNT
Dangerous Currents
www.bretthunt.com.au
(Tonetoaster Records TT 01019)
10 Tracks, 36:14, mit Texten


Es ist nicht leicht, einen Countrysänger wie Brett Hunt zu beschreiben. Die großen Vorbilder wie Willie Nelson oder Johnny Cash hört man zwar auch bei dem Australier heraus, die Atmosphäre auf Dangerous Currents ähnelt aber viel mehr der von irischen Liedermachern wie Christy Moore. Dabei gehört der Künstler musikalisch weder in die eine, noch in die andere Schublade. Sein Fingerpicking ist sein Markenzeichen und eines Ian Melrose würdig. Die Songs klingen sehr rau, so als würden sie von bluesorientierten Rockmusikern eingespielt. Ein akustisches Countryalbum von Rory Gallagher hätte vielleicht so geklungen. Die Texte sind spröde und beschränken sich auf das Wesentliche: „Gonna love you in the mornin’“. Musik, um auf Arbeitssuche zu gehen oder seinen Rausch zu verarbeiten. Das Holzfällerherz wird tief berührt, und der Hörer gerät in Versuchung, seinen Rucksack zu packen und durch die australische Wildnis zu ziehen. Brett Hunt weiß genau, welche Wirkung er erzielt. Jeder Einsatz der Mundharmonika oder der seltenen perkussiven Elemente erfolgt nicht nur als musikalischer Ausdruck seiner Seele. Nein, er möchte beinah berechnend den Zuhörer nur noch tiefer in seinen Bann schlagen, bis dieser ihm und seinen Geschichten verfallen ist.
Chris Elstrodt



Deutschland
 REIJKO KEKKONEN (Hg.): Wiegenlieder aus aller Welt. Mit CD zum Mitsingen. In Zusammenarbeit mit der European Choral Association
REIJKO KEKKONEN (Hg.)
Wiegenlieder aus aller Welt. Mit CD zum Mitsingen. In Zusammenarbeit mit der European Choral Association

(– Europa Cantat, Stuttgart: Carus-Verlag, 2013, mit Noten, orig. Texten, dt. )
ISBN 978-3-89948-182-2, 24,90 Euro


Und das Kind kann diesen Ritus später wiederum an eigene Kinder weitergeben. So bleiben wichtige menschliche Traditionen lebendig. Singen war schon immer ein Teil der menschlichen Kultur. Darüber hinaus hat das Singen einen wichtigen sozialen Aspekt: Menschen, die zusammen singen, erleben ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Sicherheit.“ Mit diesen Worten im Vorwort benennt der Herausgeber bereits Intention und Anliegen der Sammlung, die als Buch über 128 Seiten Wiegenlieder aus aller Welt mit Noten, originalen Texten und deutschen Übersetzungen präsentiert. Türkische, chinesische, armenische und italienische Wiegenlieder finden wir neben Liedern aus Lappland, Venezuela oder von den Kanarischen Inseln – jedes einzelne mit großen wunderschönen Farbfotos ergänzt, die bei allen Gemeinsamkeiten auch auf die vielen interessanten Unterschiede der Traditionen hinweisen. Als Besonderheit enthält die Sammlung das international vielleicht bekannteste Wiegenlied, „Guten Abend, gut’ Nacht“ von Johannes Brahms – und zwar in siebzehn Sprachen. Die beigefügte CD verbindet instrumental musizierte Fassungen der Lieder aus insgesamt vierundzwanzig Nationen mit von Muttersprachlern gelesenen Singtexten und erleichtert das unmittelbare Mit- und Nachsingen. Denn genau darum geht es, um das Wiederentdecken und die Wertschätzung des gemeinsamen Singens. Mit der vorliegenden Veröffentlichung wird uns dafür hinsichtlich der praktischen Nutzung eine wertvolle, hinsichtlich ihrer Ausführung aber außerdem auch ausgesprochen schöne Grundlage in die Hand gegeben.
Cathrin Alisch



Besondere
 CATCH-POP STRING-STRONG: II
CATCH-POP STRING-STRONG
II
www.catchpopstringstrong.com
(Col Legno WWE 1CD 30009/Harmonia Mundi)
14 Tracks, 52:12



Ihre Musik überfällt mit subversiver Kraft. Man muss sie live erlebt haben, die beiden klassisch ausgebildeten Streicherinnen von Catch-Pop String-Strong, jede geboren in einem anderen Teil Jugoslawiens. Rina Kaçinari verbrachte ihre Kindheit in der Kosovohauptstadt Pristina, Jelena Popržan stammt aus Novi Sad, der Kapitale der Wojwodina. Zusammen sind sie Catch-Pop String-Strong. Anders als Jelena Popržan an der Bratsche ist die Cellistin Rina Kaçinari mit traditioneller Musik aufgewachsen, hat sie auf Familienfesten gehört und nie vergessen. Immer wieder funkeln Fragmente dieser Melodien durch die eigenen Kompositionen. Diese Frauen haben nicht nur eine große Lust am Melodienerfinden, sie singen in
 CATCH-POP STRING-STRONG * FOTO: WOLF- DIETER GRABNER
vielen Sprachen – Albanisch, Türkisch, Italienisch, Englisch und Deutsch. II bringt auch vertonte Literatur wie einen Ausspruch von Johann Nestroy über all „die guten Menschen“. Es gibt noch weitere Wiener Aphorismen auf dem neuen Album von Catch-Pop String-Strong, mit denen sich die beiden Künstlerinnen die Kultur ihrer Wahlheimat Österreich aneignen. Doch mehr noch als von gelebter Vergangenheit ist der Klang von Catch-Pop String-Strong durchs Unterwegssein geprägt. Und vom Alltag zwischen den Reisen. Jelena Popržan singt über die Gehirnwäsche, die man erlebt, wenn man einen Popsong so oft hört, bis man ihn nicht mehr ertragen kann. Beide Künstlerinnen zupfen die Saiten mit atemberaubender Virtuosität und trommeln immer wieder auf die hölzernen Körper ihrer Instrumente. Ein Miniorchester auf insgesamt vier Beinen, wo Präzision und Freiheit im Spiel einander bedingen. Dabei weben sie einen dichten Klang aus Naturtönen. Das Album Catch-Pop String-Strongs ist ein Manifest der Vielfalt. Es gibt nostalgisches Schwelgen, feine Ironie und derben Humor. Anarchistisch klingt diese Musik, ausgelassen, aber auch elegisch. Wie bei einem albanisch-türkischen Lied über die Morgendämmerung, dem bewegenden Schlusspunkt auf dem Album von Rina Kaçinari und Jelena Popržan.
Grit Friedrich
 MIGUEL RIVERA: Paseo De Ensueño
MIGUEL RIVERA
Paseo De Ensueño
www.miguelrivera.es
(Karonte/Nuba Records/Galileo MC)
11 Tracks, 56:00, mit span. Texten u. Infos



„Der Tod suchte mich an einem Frühlingsmorgen; und als er vor mir stand, sagte ich ihm ins Gesicht, dass er Geduld haben soll. Eines Morgens im Mai kam ich aus einem Traum ins Leben zurück – dank Soleá und Taranta, an der Hand meiner Negra, meiner Eva und meiner Sonanta“ [Soleá und Taranta sind Flamencogenres, die Sonanta ist eine Flamencogitarre, Übersetzung aus „La Corrala“; Anm. d. Verf.]. Miguel Rivera bereiste mit seiner Flamencogitarre lange Jahre die halbe Welt. Pro Jahrzehnt spielte er ein neues Album ein, mehr nicht. Paseo De Ensueño entstand zwischen Chemotherapiesitzungen im Kampf gegen den Krebs. Der Wille, dieses Album fertigzustellen, die Liebe zu seiner Frau
 MIGUEL RIVERA
(Mi Negra), seiner Tochter Eva, zur Gitarre und nicht zuletzt dem Flamenco haben ihn am Leben erhalten. So jedenfalls singt der Cantaor Saúl Quirós im Stück „La Corrala“. Paseo De Ensueño ist ein reifes Werk geworden. Schon bei den ersten zwei Stücken, zwei Eigenkompositionen, beweist Miguel Rivera Mut. So gelassen und ruhig hat noch kaum ein Flamencogitarrist ein Album eröffnet. Rivera ist ein Meister der Zwischenräume. Jeder einzelne Ton hat seine Bedeutung. Ein weiterer Höhepunkt des Albums ist das von Rafael Riqueni geschriebene Titelstück. Der dichte gitarristische Dialog zwischen Miguel Rivera und Rafael Morales ist eine Mischung aus Flamenco und E-Musik. In der zweiten Hälfte nimmt das Werk zuweilen Tempo auf – mit einer Bulería, einer Rumba, die er für seine Tochter schrieb, Gastspielen diverser Flamencosänger sowie einer Flöteneinlage von Jorge Pardo. „Pasajeros En El Tiempo“, ein leicht angejazztes Stück mit Klavier, Palmas, Percussion und dem Cante von Argentina, einer jungen andalusischen Cantaora, ist der Ausklang eines der poetischsten Flamencoalben der letzten Zeit. Der Gewinn aus den Verkäufen des Albums fließt in die Fundación uno entre cien mil, ein Hilfswerk für Kinder mit Leukämie. Dem Mann gebührt Respekt.
Martin Steiner

Bücher
 LÜÜL: Und ich folge meiner Spur ...
LÜÜL
Und ich folge meiner Spur ...
www.lüül.de
( – Völlig neu überarb. u. aktual. Ausg. – o. O. : Eigenverl., 2014. – 39)
ISBN 978-3-00-045438-7, 15,00 Euro


Das Angebot an Büchern über die deutsche Musikszene der späten 1960er und frühen 1970er, in der sich Krautrocker, Jazzer, Folkies und Elektroniker ein fröhliches und wildes Stelldichein gaben, ist reichlich: opulente Bildbände mit Plattencovern, leidenschaftliche Pamphlete von Fans, Doktorarbeiten von Spätgeborenen und immer wieder Biografien und Autobiografien. Zu den informell ergiebigsten zählen da wohl Helmut Wenskes Rock ’n’ Roll Tripper II, Julian Copes Krautrocksampler und Ingeborg Schobers unübertroffenes Amon-Düül-Porträt Tanz der Lemminge. Seit Kurzem gibt es auch die Memoiren des Agitation-Free-Gitarristen Lutz Ulbrich (geb. 1952) in einer Neuauflage. Ulbrich, besser bekannt unter seinem Spitznamen „Lüül“, hatte seine Lebenserinnerungen bereits 2006 bei Schwarzkopf & Schwarzkopf vorgelegt (Lüül – ein Musikerleben). In dem Buch beschreibt er in lakonischer Aufsatzform seinen (musikalischen) Lebensweg von den Anfängen als fünfzehnjähriger Aushilfsgitarrist, über die Gründung der Berliner Krautrockformation Agitation Free, seine Lebens- und Drogengemeinschaft mit Velvet-Underground-Ikone Nico bis hin zu seinen aktuellen Projekten als Theatermensch und Mitglied der 17 Hippies. Zur Lesbarkeit: Ulbrich hat eine angenehm direkte Sprache, die Kapitel sind überschaubar und eignen sich so auch fürs Lesen zwischendurch. Das Charmante an Lüüls Autobiografie ist aber letztlich sein Humor und seine positive Lebenseinstellung: Always look on the bright side of life ...
Walter Bast
 The Great Australian Songbook: The Ultimate Collection.
The Great Australian Songbook
The Ultimate Collection.
www.musicsales.com
(– Sydney : Music Sales, 2013. – 539 S. : nur Noten, Texte u. Akk.)
ISBN 978- 0-949785-30-5, 48,95 Euro


Ein ganz schöner Brocken ist das Songbuch der dreihundert beliebtesten (Folk-)Songs Australiens. Es ist bereits die vierte Auflage des Werks, welches 1993 erstmals erschienen ist und sich größter Beliebtheit in Australien erfreut. Das Buch enthält in dieser Auflage mehr als einhundert Songs zusätzlich aus sieben Jahrzehnten australischen Musikschaffen der bekanntesten Musiker und Songwriter Australiens. Laut Autor geben die Songs neben der Geschichte Australiens auch das Lebensgefühl der Menschen aus „Down Under“ wieder, aber leider enthält das Buch keinerlei Erklärungen zu den Songs, sodass das für Nicht-Aussis schwer nachvollziehbar ist. Alphabetisch nach Songtiteln geordnet, werden die Songs mit Melodienoten, Texten und Akkordangaben sowie Grifftabellen abgedruckt. Außer der alphabetischen Titelliste gibt es leider kein weiteres Register. Auch ist die Sammlung nicht ganz preiswert, was aber für Fans australischer Musik vielleicht kein Kaufhindernis ist.
Doris Joosten

Deutschland
 DIVERSE: Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache
DIVERSE
Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache
www.checkyourhead.de
(Columbia/Sony)
17 Tracks, 79:19, mit dt. Texten u. Infos


Er wird zu Recht in einem Atemzug mit Neil Young, Bob Dylan und Townes Van Zandt genannt: der Poet und leise Rebell Leonard Cohen. Anlässlich seines achtzigsten Geburtstages erschien nun, quasi als Verbeugung vor diesem bedeutenden Künstler, das Album Poem – Leonard Cohen in deutscher Sprache. Der Berliner Autor, Übersetzer und Songschreiber Misha G. Schoeneberg hat siebzehn Songs des kanadischen Singer/Songwriters ins Deutsche übertragen und von Künstlern wie Karsten Troyke, Max Prosa, Tim Bendzko, Anna Loos, Jan Plewka, Manfred Maurenbrecher, Nina Hagen, Reinhard Mey und anderen interpretieren lassen. Herausgekommen ist eine bemerkenswerte Anthologie, die einige echte Songperlen offeriert. Ausnahmen: Das Castingduo Mrs. Greenbird benutzt allerlei elektronischen Schnickschnack, die Stimme von Steffen Brückner wirkt flach, die Kleinmädchenstimme von Partnerin Sarah Nücken nervt. Einige Beteiligte an dem Projekt nennen sich bezeichnenderweise Beautiful Losers. Ihre Version von „Hallelujah“ kann nur als Hinrichtung eines ursprünglich großartigen Songs empfunden werden. Dennoch: Der Titel Poem ist zutreffend, denn es ist tatsächlich vertonte Lyrik, die auf diesem insgesamt sehr besonderen Album zu Gehör gebracht wird.
Kai Engelke
 ELEMENT OF CRIME: Lieblingsfarben und Tiere
ELEMENT OF CRIME
Lieblingsfarben und Tiere
www.element-of-crime.de
(Universal Music Group/Vertigo Berlin)
10 Tracks, 37:15, mit dt. Texten u. Infos


Die Klänge fließen entspannt und unaufgeregt dahin. Wie ein breiter Strom, der ruhig und kraftvoll seinem Ziel zustrebt, entfaltet die Musik eine nahezu hypnotische Energie, die tief ins Bewusstsein eindringen kann. Kein Instrument tritt mehr als nötig in den Vordergrund. Die Band agiert hochprofessionell und unangestrengt. Sven Regeners verhaltenes Spiel auf der gestopften Trompete setzt zusätzliche Akzente. Die Grundstimmung ist auf eine angenehme Weise melancholisch. Dazu singt Regener seine Texte, als sei er mal eben zufällig ins Studio hereingeschneit und formuliere nun, was ihm just in diesem Moment in den Sinn kommt. Natürlich ist es nicht so, aber genau darin besteht ja gerade die Kunst, nämlich das sorgfältig Durchdachte leichtfüßig und wie selbstverständlich klingen zu lassen. Wer kann es sich schon leisten, Zeilen wie die folgende in einem Lied unterzubringen: „Im Schwachstromübertragungsweg gibt es Durchleitungsprobleme …“? Regener kann es. Inhaltlich geht es meist um verlorene Liebe, enttäuschte Hoffnungen und bittersüße Erinnerungen. Sven Regener ist ein Musiker und Schriftsteller, der in seinen Texten zum Ausdruck bringt, was mit Worten häufig nur schwer zu sagen ist.
Kai Engelke

 HAMBURG KLEZMER BAND: Tunklgold
HAMBURG KLEZMER BAND
Tunklgold
www.hamburgklezmerband.com
(Da Casa Records/Galileo MC)
13 Tracks, 62:55, mit engl. Infos


Ganz fünf Jahre sollte es dauern, bis diese 2007 gegründete Formation aus Hamburg, wenn auch zwischenzeitlich mit mehreren Umformierungen, ihr nunmehr zweites Album veröffentlicht hat. Dabei handelt es sich hier nicht um, man möchte beinahe sagen „noch eine weitere deutsche Klezmerband“, sondern ganz im Gegenteil um Musik, die über die üblichen jiddischen Pfade eigene und vor allem auch mitreißende Wege geht. Stanislav Dinerman (acc), Kateryna Ostrovska (v, g), Mikhail Misha Manevitch (tuba), Christian Dawid (cl, fl, voc) und Stanislav (Jona) Rayko (viol) bringen in Stücken wie „In Ades“, „Borscht“ oder „Monastrishter“ den zeitgenössischen Klezmer wieder zurück zu seinen Ursprüngen: Einladend rhythmische Arrangements animieren zum Mittanzen. „Stiller Abend. Dunkelgold. Ich sitz beim Gläschen Wein. Was blieb mir noch von meinem Tag?“ – so beginnt der letzte Vers von Itzik Mangers (1901-1969) Gedicht, das er natürlich in jiddischer Sprache schrieb, und „dunkel“ ist mit „tunkl“ zu ersetzen, wie im Titel des Albums. Bemerkenswert in Verbindung mit Mangers Träumereien sind in jedem Fall die dem Booklet beigefügten Gemälde Pavel Ehrlichs, die das in allem stimmige Album abrunden. Weiter so!
Matti Goldschmidt
 KÖSTER/HOCKER: Kumm jank
KÖSTER/HOCKER
Kumm jank
www.gerd-koester.de
(GMO – The Label 049-2/Rough Trade)
13 Tracks, 59:34, mit Texten


Besinnliches trifft auf Belachbares, Melancholie auf Lebensfreude – so sind sie, die Kölschen. Immer gepolt zwischen extremen Befindlichkeiten. Wie „Yin und Yangk“ sind seit über 25 Jahren auch Gerd Köster und Frank Hocker. Einer ist ohne den anderen kaum vorstellbar. Der eine, Köster, ist einer der genialsten Texter, den die Kölner Mundartszene derzeit vorzuweisen hat, mit untrüglichem Gespür für Themen aus dem kölschen Milieu und einem scharfen Blick für die skurrilen und absurden Aspekte des Lebens. Der andere, das Yangk sozusagen, ist der kongeniale Komponist und Gitarrist Frank Hocker, der es immer wieder versteht, Kösters Texten die Melodien silbengenau maßzuschneidern und sie in ein sehr abwechslungsreiches Gewand aus Folk, Blues und akustischem Rock zu kleiden, zu „Kölschangsongs“ jenseits jeglicher Schunkelseligkeit. Das dynamische Duo wird vom fantastischen Friesen, dem Ex-BAP-Gitarristen Helmut Krumminga, zu einem trefflichen Trio erweitert, Buddy Sacher an der E-Gitarre, Thomas Flake am Bass und Roland Peil (Percussion) sowie Piet Haaser an den Tasten vervollständigen das Line-up dieses grandiosen Albums, auf dem es erstmals seit langer Zeit auch wieder eine neue Tom-Waits-Adaption, „The Long Way Home (Ömwääch heim)“, zu hören gibt. Schlicht genial!
Ulrich Joosten

 CYNTHIA NICKSCHAS: Kopfregal
CYNTHIA NICKSCHAS
Kopfregal
www.cynthiaandfriends.de
(Sturm & Klang/Laut & Luise/Al!ve)
10 Tracks, 45:59, mit Infos u. dt. Texten


Sie ist ohne Zweifel eine neue, kraftvolle Stimme aus der häufig geschmähten „Generation Merkel“. Cynthia Nickschas selbst tituliert ihre oft trägen Altersgenossen als „Generation Blöd“. Sie benutzt eine derbe Sprache, um ihre Wahrheiten auszudrücken. Ihr stimmliches Spektrum ist wirklich beeindruckend: Sie kann von zart bis hart, von rau bis weich; mal gibt sie die Elfe, mal die freche Punkgöre. Und alles durchaus glaubhaft. Ein ironischer Song über die Austauschbarkeit der Castingstars („Niveau“) kommt als Reggae daher; das Lied „Gedankensalat“ thematisiert das Ringen um den richtigen Weg; der Song „Verdummt genug“ ist ein verzweifelter Schrei gegen Dummheit, Ignoranz und Abgestumpftheit. Die von Manuel Randi virtuos gespielte Flamencogitarre gibt dem Song Tiefe und Glaubwürdigkeit. Den Finger in Wunden zu legen, ist absolut richtig; doch gleichzeitig Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, kann schnell in Banalität münden: „Alles, was du weißt, ist nur ein Bruchteil von dem, was dir bevorsteht, bis dein Weg zu Ende geht.“ Na ja … Aber eines ist völlig klar: Cynthia Nickschas hat das Zeug, frischen Wind in die deutschsprachige Liederszene zu pusten.
Kai Engelke
 NOBODY KNOWS: Kleinstadtrhapsodien
NOBODY KNOWS
Kleinstadtrhapsodien
www.nobodyknows.de
(Prosodia 4280000827029)
13 Tracks, 43:30


Beim Betrachten des Covers denkt der Hörer: „Oh nein, das wird so eine moderne Liedermacherplattitüde.“ Dann hört man die ersten Töne und denkt: „Noch schlimmer, das wird ein Irish-Folk-Punk-Klon.“ Und dann zerreißt es einen vor Begeisterung. Auf zwölf Eigenkompositionen sausen die Musiker in bester Cochise-Manier durch die Schubladen und verbreiten Spielfreude, Humor und Lebensenergie. Man hört die Musiker durch ihre Instrumente lachen und bereitet sich mit ihnen auf den nächsten Schabernack oder auf die nächste große Party vor. Dabei ist das Etikett „Irish Folk Punk“ gar nicht so falsch. Aber auch nicht richtig. So wird die Folkband, die es immerhin seit 2003 gibt (wobei die Musiker jünger aussehen), von Zillo auf Mittelaltersamplern verwurstet. Die durchweg deutschen Texte sprengen ebenfalls jedes Klischee. Mit Rapunzel- und Wilhelm-Busch-Zitaten haben Nobody Knows auch einen eigenen Weg zur Coolness gefunden, der sich so wohltuend vom „Die-Stadt-ist-so-grau-aber-ich-liebe-dich-so-sehr“-Einerlei der neuen deutschen Kleinkunstszene abhebt. Sich mit einer Coverversion der großen Toss the Feathers zu verabschieden, grenzt an Angeberei. Nobody Knows bringen frischen Wind auf deutsche Bühnen und lassen dankbare Hörer zurück.
Chris Elstrodt

 PETER TILCH: Von Schönheit und Semmelknödeln – Chansons
PETER TILCH
Von Schönheit und Semmelknödeln – Chansons
www.petertilch.de
(TYXart/Chromart Classics TXA14048)
12 Tracks, 67:12, mit Texten


Dass ein Künstler sich auf den großen und den kleinen Bühnen umtut, ist ungewöhnlich und verdient Beachtung. Peter Tilch ist als Bariton seit Jahren festes Ensemblemitglied am Landestheater Niederbayern, spielt außerdem Klarinette und tritt mit eigenen Kabarettchansons am Klavier auf. Da ist für eine ganz ausgezeichnete musikalische Grundlage schon mal gesorgt, und famose Musiker unterstützen ihn auf seinem Album zudem. Doch nicht nur musikalisch überzeugen die Lieder. Er ist ein sehr gekonnter und versierter Texter, der feinfühlig beobachtet und mit viel Witz seine Themen aufspießt. Sein genauer Blick erkennt ganz schön viel Oberflächliches. Macht Denken hässlich? Werden unserer Politiker immer schöner? Wie schön ist es, wenn man den ganzen Blödsinn nicht mehr hören kann? Wie verloren ist man, wenn man sein Handy verloren hat? Existenzielle Fragen mithin, da ist es gut, wenn man wenigstens eine ordentliche Rentenversicherung hat. Ganz wunderbar auch, wenn er das doch eher einfache Rezept für altbayrische Semmelknödel mit warmem Pathos singt. Ein Ohrenschmaus der besonderen Art, von dem hoffentlich noch einiges mehr in der Zukunft serviert wird.
Rainer Katlewski



Europa
 YANN LOUP ADAM: Carte De Visite
YANN LOUP ADAM
Carte De Visite
www.yannloup.de
(Leico 8775)
17 Tracks, 71:02, mit frz. u. dt. Texten


Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm! So verhält es sich auch beim Debütalbum von Yann Loup Adam, gerade mal 23 Jahre jung und Sohn des lothringischen Liedermachers Marcel Adam. Wer Yann live erleben durfte, staunt über dessen Fingerfertigkeit auf der Gitarre. Seit geraumer Zeit ist er solo am Start, orientiert sich konzeptionell gewiss an seinem Vater, versucht aber durchaus, sich freizuschwimmen. Als in der deutsch-französischen Grenzregion lebender Künstler präsentiert sich Adam Junior entsprechend vielfältig, in den Sprachen (inklusive des Sarregueminer Dialekts) und mit den Stilen (unter anderem klassisches Chanson, Francopop, Blues), mit denen er aufgewachsen ist. Das Album ist vollgepackt, entspricht in etwa seinem Liverepertoire, glänzt mit erstaunlich reifen Eigenkompositionen („New York Country“, „Le Coeur Et La Cervelle“), zu denen der Papa bisweilen auch die Texte lieferte (unter anderem zur Hommage „Ray Charles“, zu „Der Emigrant“). Etliche Gastmusiker sorgen für eine sehr professionelle Produktion. Mancher Coversongs hätte es nicht bedurft, „Bleib mein Freund“, die einst von Jasemin Bonnin ins Deutsche übertragene Version von Tom Paxtons „The Last Thing On My Mind“ mal ausgenommen.
Roland Schmitt
 BALTIC CROSSING: The Tune Machine
BALTIC CROSSING
The Tune Machine
www.balticcrossing.dk
(GO’ Danish Folk Music GO0614 EP)
13 Tracks, 50:27, engl. Info


Das aus Teilen von Mikrofonen und Musikinstrumenten zusammengebastelte Cover suggeriert Weltraumatmosphäre. Das lässt nicht vermuten, dass es sich hier um traditionelle, modern arrangierte Folkmusik handelt – wenn man Baltic Crossing nicht kennen würde. Seit zehn Jahren spielen sie nun zusammen, virtuos, und was ihre hohe Musikalität unterstreicht: Die fünf Musiker können sich zurücknehmen. So gibt es hier nicht nur laute, schnelle Stücke wie die Polska „Risumäki Satiainen“ oder die Polka „Goodnight Salonkylä“, die ihren Ursprung in Schottland hat und nun eines der beliebtesten Stücke der finnischen Fiddler ist, sondern auch leise melancholische wie das March-Set „Central Point“ oder „Wedding Guests“. Auch wenn der Klang der Gruppe von den skandinavischen Fiddles bestimmt wird, vielleicht bis auf „Emily Rock“, so tragen doch die beiden Mitspieler aus UK immer wieder zu anderen Klangfarben bei. So gut kann die grenzübergreifende Zusammenarbeit funktionieren. Anerkannt wurde das auch durch das „Rising Stars Program“ der European Concert Hall Organisation (ECHO), die Baltic Crossing als erste Folkgruppe 2011 zu einer Tournee durch die großen Konzerthäuser in Europa eingeladen hatte.
Bernd Künzer

 MICHELLE BURKE: Step Into My Parlour
MICHELLE BURKE
Step Into My Parlour
www.michelleburkemusic.com
(Kilcronat Records KLC002CD)
10 Tracks, 41:36, mit engl. Infos


Bei manchen Alben erfüllt es einen mit Freude, dass sich Downloads noch nicht durchgesetzt haben. Weil nämlich alles stimmig ist, Musik und Verpackung. Michelle Burkes neues Werk ist ein Paradebeispiel. Das Werk ist zwar von parlour, also dem Salon oder Wohnzimmer ihrer Kindheit in Irland inspiriert, und Burke ist eine junge Dame, aber optisch und akustisch steht die Veröffentlichung für die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts, ohne allerdings die Folkwurzeln zu verleugnen. Das wäre für Burke auch schwierig. Die Irin lebt seit Jahren in Edinburgh und kann als Empfehlung unter anderem das Sängerinnenamt bei Cherish the Ladies auflisten. Und auch bei den Begleitern arbeitet sie mit den besten. Ein Auszug: Cathal McConnell von den Boys of the Lough singt und flötet, Heidi Talbot duettiert, James Ross am Piano, Anna Massie an der Gitarre – erlesener kann man kaum musizieren. Das Material ist eine ziemlich gerechte Aufteilung zwischen Trad und Zeitgenössischem. Musiker brennen Songs kaum je beliebig auf CD, aber in Burkes Fall ist klar: Hier hatte eine Künstlerin ein Konzept und das hat sie durchgezogen, bis hin zum Sherry, der natürlich im parlour getrunken wird. Wunderbar!
Mike Kamp
 ANTONIO CASTRIGNANÒ: Fomenta – Ilenu De Taranta
ANTONIO CASTRIGNANÒ
Fomenta – Ilenu De Taranta
www.galileo-mc.de
(Ponderosamusic & Art, CD123/Galileo MC)
9 Tracks, 41:36, mit Texten


Bei manchen Alben sollte man sich vorgängig vergewissern, wer mitspielt und welche Instrumente zum Einsatz kommen. Beim neuen Werk des Apuliers sollte man zuerst reinhören. Da sind, wie schon auf dem Vorgängeralbum Mara La Fatìa, verschiedenste Trommeln, Saiteninstrumente, ein Akkordeon, Dudelsack und natürlich der eindringliche Gesang und die treibenden Pizzicarhythmen. Doch auf Fomenta sind auch türkische Einflüsse herauszuhören. Ein Blick ins Beiheft bestätigt das. Produziert hat das Album der Türke Mercan Dede, der mit seiner mit Samples und Elektronikklängen angereicherten Sufimusik weltbekannt wurde. Nicht weniger als vier Musiker bedienen auf Antonio Castrignanòs aktuellem Album Synthesizer und andere elektronische Klangerzeuger. Diese verweben sie so geschickt in den apulisch-türkischen Klangteppich, dass man kaum merkt, was hier akustisch und was elektronisch erzeugt wurde – etwa der repetitive Gesang am Anfang der „Pizzica Di Uccio“, der wohl aus der mongolischen Steppe stammt. Wie auch immer, die eingesetzte Elektronik fügt sich nahtlos ins Klangbild ein und sorgt für zusätzliche Dramatik. Intensiv und hörenswert.
Martin Steiner

 JOSIENNE CLARKE & BEN WALKER: Nothing Can Bring Back The Hour
JOSIENNE CLARKE & BEN WALKER
Nothing Can Bring Back The Hour
www.josienneclarke.co.uk
(Folkroom Records FRR1401)
13 Tracks, 42:59, mit engl. Texten


Clarke & Walker sind zwei englische Spezialisten für Melancholie und daher auf Tonträger nicht gerade massenkompatibel. Live wird die Stimmung allerdings durch die herrlich witzigen und skurrilen Ansagen bestens aufgehellt. Ihre Arbeitsteilung haben die beiden bei ihrem Zweitling beibehalten. Clarke schreibt die Lieder und singt höchst bezaubernd, Walker zupft die Gitarre und schreibt die Orchesterarrangements. Richtig, dieses Mal haben sie sich Mitmusiker in Orchesterstärke und -besetzung ins Studio geholt – Bläser, Streicher, Percussion, alles was dazu gehört, neben Folk auch mal jazzig, mal funkig, mal klassisch. Wenn wir dann noch die Aufmachung des Booklets und die Fotos berücksichtigen, entsteht der Eindruck einer breiten und szenischen Filmmusik. Der Streifen würde dann wahrscheinlich im 19. Jahrhundert spielen. Wie gesagt, nicht jedermanns Sache, aber gut, sehr gut sogar.
Mike Kamp
 DIVERSE: 40 Years’ Credibility
DIVERSE
40 Years’ Credibility
www.kkv.no
(Kirkelig Kulturverksted FXCD 400)
48 Tracks, 211:00, mit 32-seitigem Booklet


Zum vierzigsten Geburtstag gönnte sich das norwegische Label Kirkelig Kulturversted eine 4-CD-Box. Der Hörer erlebt noch einmal die Entwicklung der Folkmusik dieses skandinavischen Landes – vom traditionellen Folk hin zur modernen Crossover-Weltmusik. Bekannte Namen wie Bjørn Eidsvåg, Kari Bremnes oder Iver Kleive haben für dieses älteste Label Norwegens aufgenommen. Gründer Erik Hillestad feiert auf jeder CD ein Jahrzehnt mit jeweils zwölf Titeln. Die Zeit 1974-1983 dokumentiert das Zusammenkommen von weltlicher und kirchlicher Musik, also von Folk und Chormusik. 1984-1993 hört man neue Töne, die Musik greift mehr moderne Formen auf und präsentiert auch einen Spiritual wie „Motherless Child“. Die Epoche 1994-2003 baut Brücken und ist geprägt vom Austausch mit östlichen Kulturen, zum Beispiel mit Musikern aus Aserbaidschan. 2004-2013 hat sich das Label längst als weltoffene Plattform unterschiedlichster Musiktraditionen etabliert – egal, ob sie nun aus Norwegen oder dem Iran kommen. Was alle CDs verbindet: Die Aufnahmen sind sehr atmosphärisch, oft kontemplativ und klingen durchgehend hervorragend. Der Rückblick macht die Bedeutung des Labels für die Musik Norwegens bewusst.
Udo Hinz

 DIVERSE: The Elizabethan Session
DIVERSE
The Elizabethan Session
www.folkbytheoak.com/tes
(Quercus Records QRCD001)
14 Tracks, 53:08, mit engl Texten u. Infos


Oh dear, wie fasst man sich bei einem solchen Projekt kurz? Worum geht’s? Sieben Top-Folkmusiker aus England (Emily Askew, Bella Hardy, Nancy Kerr, Hannah James, Jim Moray, Martin Simpson und John Smith) und eine Schottin (Rachel Newton) schlossen sich sieben Tage weg, um ein von der English Folk Dance and Song Society und dem Festival Folk by the Oak kommissioniertes Projekt durchzuziehen: Lieder mit elisabethanischen Themen und Gefühlen zu schreiben, die aber trotzdem nicht antiquiert klingen sollten. Nur zur Erinnerung: Elisabeth I. regierte in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, zur Zeit Shakespeares also. Das Album wurde direkt im Anschluss an die Klausur innerhalb von zwei Tagen eingespielt, und was da aus den Lausprechern kommt – Respekt! Die Themenauswahl ist breit, der fast soulige Song „London“ schildert die brutalen und harten Lebensbedingungen dieser Zeit, Themen sind Sklavenhandel, Liebe und Betrug sowie Lieder über Zeitgenossen wie Christopher Marlowe. Die Musik entstand durch intensive Zusammenarbeit, auch wenn sich die Originalidee manchmal auf eine Person zurückverfolgen lässt, und die Namen der Musiker bürgen für höchste Qualität. Das muss reichen. Was bleibt zu sagen? Selber hören, es lohnt!
Mike Kamp
 GRIFF TRIO: Yoraré
GRIFF TRIO
Yoraré
www.griff.be
(Home Records 4446109)
17 Tracks, 66:04, Booklet mit Texten u. engl. Zusammenfassungen


Griff ist eine belgische Band, die ihre bisher vier Alben abwechselnd als Sextett und als Trio aufgenommen hat. Nun war wieder ein Trio an der Reihe. Es besteht diesmal aus Raphael de Cock, Rémi Decker und dem neuen Mitglied Colin Deru. Alle drei spielen Dudelsack, alle drei spielen Flöte, alle drei singen, alle drei können alles sehr gut. Die Stücke sind meist entweder instrumental oder a cappella. Dudelsäcke scheinen für das Selbstverständnis der Band wichtig zu sein, ihr Motto lautet „bagpipes but no kilt“. Doch die Flöten, die manchmal wie eine Drehorgel zusammenklingen, sind meist interessanter. Auf „Yoraré“ hat sich das Trio ganz auf traditionelle belgische Musik konzentriert, auf Balladen, Trinklieder, Schäferrufe. Trotz des ausgesprochen traditionellen Materials wirkt das Album stylisch, näher oft an hochkultureller Konzeptkunst als an bodenständiger Folkmusik.
Christian Rath

 HUBERT Von GOISERN: Filmmusik
 DIVERSE: Steilklänge – ausgewählt von Hubert von Goisern
HUBERT Von GOISERN
Filmmusik
www.hubertvongoisern.com
(Capriola/Sony/Blankomusik)
16 Tracks, 49:57, mit dt.Infos


DIVERSE
Steilklänge – ausgewählt von Hubert von Goisern

(Capriola/Sony/Blankomusik)
28 Tracks, 67:27, mit dt. Infos


Zwei Jahre war der Erfinder des „Alpenrocks“ nicht mehr auf Konzertbühnen anzutreffen. Diese Zeit nutzte er intensiv für andere Projekte, aus denen beide vorliegenden Alben entstanden. Zum einen wurde er gebeten, die Filmmusik für den sehr aufwendig produzierten Dokumentarfilm Österreich: Oben und unten zu entwickeln. Zwei Monate arbeitete von Goisern daran, weil er orchestralen Sound haben wollte. Dabei kooperierte er mit Professor Robert Opratko, da doch unerwartete Schwierigkeiten in der Zusammenarbeit mit dem Orchester auftraten. In einem Interview sagte er dazu: „Ein Jodler hat keinen Takt, hat keinen Puls, sondern ist einfach frei in die Welt hinausgesungen. Und dass dann ein Orchester dazu spielen soll, das hat es notwendig gemacht, dass er aufteilt in Taktstruktur, um es dirigieren zu können.“ Herausgekommen ist ein sphärischer Sound der Goisern-Songs mit vielen verhallten Jodlern. Musik, die die Nerven beruhigt zum Feierabend – aber eigentlich braucht man die Bildergewalt des Films. Neben den Dreharbeiten für den Kinofilm Brenna tuats schon lang gab es dann das dritte große Projekt, die Musikkonzeption für die Großglockner-Dauerausstellung „Alpenliebe“. Geplant war eine Stunde traditionelle Musik aus dem gesamten Alpengebiet für einen Ausstellungsraum mit interaktiven Abspielmöglichkeiten. Letztendlich wurden es 99 Stücke, die von der Neugier des einundsechzigjährigen Hubert von Goisern auf die benachbarten Musikkulturen geprägt sind und von seinem ernsthaften Umgang mit fremden Traditionen. So wählte er für die Auswahl auf Steilklänge Dudelsackmusik aus Kärnten neben Volksmusik aus dem Piemont mit Drehleier, Akkordeonmusik aus der Lombardei neben einem italienischen Kirchenchor aus Friaul, Maultrommel-Variationen aus der Schweiz neben slowenischen Mehrstimmigkeiten. Und natürlich immer wieder Jodler aus den verschiedenen Gebieten. Ein eigener Song bildet den Abschluss.
Piet Pollack
 MARTYN JOSEPH: Kiss The World Beautiful
MARTYN JOSEPH
Kiss The World Beautiful
www.martynjoseph.com
(Pipe Records PRCD25)
11 Tracks, 47:02


Das Musikgeschäft ist manchmal kriminell, und es ist schlicht kriminell, dass Martyn Joseph in Deutschland kaum bekannt ist. Das wird ihn kaum stören, denn er hat Arbeit genug, aber es sollte uns sehr stören, denn wir verpassen einen einzigartigen Künstler. Drei Jahrzehnte im Geschäft, über dreißig Alben veröffentlicht und Konzerte in den USA, Kanada und quer durch Europa, nur in Deutschland ganz, ganz selten. Dabei hat der Mann aus Wales so viel zu bieten. Großartige Songs in der Art eines akustischen Bruce Springsteen, aber eigenständig, Songs mit einem ausgeprägten sozialen Bewusstsein, gesungen mit einer kraftvollen und emotionalen Stimme, die das Publikum unfehlbar packt. Wofür steht Martyn Joseph? Man sollte sich „Call It Democracy“ anhören und danach den Titelsong des Albums, stellvertretend für all das Falsche auf der Welt, und warum es sich trotzdem lohnt zu kämpfen. Oder besucht die Website seiner Stiftung www.letyourself.net. Für diese Stiftung hat er sein aktuelles Werk eingespielt, einen Querschnitt seines Programms (plus einmal Woody Guthrie und einmal Bruce Cockburn), nur Gitarre und Gesang, live – und umwerfend. Bringt den Mann nach Deutschland, und zwar regelmäßig!
Mike Kamp

 DIDIER LALOY/KATHY ADAM: Belem
DIDIER LALOY/KATHY ADAM
Belem
www.didierlaloy.be
(Home records 4446122)
11 Tracks, 46:18


Wollte man den belgischen Akkordeonisten Didier Laloy angemessen vorstellen, bräuchte man allein dafür schon eine Seite. In den letzten zwanzig Jahren hat er auf über hundert Alben mitgespielt. Er war unter anderem Mitglied der Gruppen Panta Rhei, Trio Trad, Urban Trad, Tref, S-Tres und Noirs. Ständig ruft er neue Formationen ins Leben. Nun also hat er ein Duo mit der Cellistin Kathy Adam gebildet. Sie war auch schon bei manch anderem seiner Projekte dabei, rückt jetzt aber mit in den Vordergrund. Gemeinsam schaffen sie einen originellen Mix aus Folk und Kammermusik, wobei der Folk klar dominiert. Überwiegend spielt Laloy auf dem Akkordeon die melodieführende Stimme, während Adam auf dem Cello begleitet. Auch die meisten Kompositionen stammen von Laloy, etwa das herausragende „Senn“, das er 2009 schon einmal aufgenommen hatte. Auf dem Duoalbum sind nur die beiden Musiker zu hören. Doch zu keinem Zeitpunkt wirkt die rein instrumentale Musik dünn oder skizzenhaft. Im Gegenteil, der Klang ist wuchtig, wie ein kleines Folkorchester. Ein besonderes Lob geht deshalb an den Produzenten Michel van Achter.
Christian Rath
 LIGURIANI: Stundai
LIGURIANI
Stundai
www.liguriani.it
(Felmay fy8218/Galileo MC)
10 Tracks, 48:48, mit ital. u. engl. Texten u. Infos


Ein stundäio ist für die Genuesen ein wunderlicher Kauz, ein Einzelgänger. Einen eigenen Weg gehen auch die fünf Liguriani. Sie beweisen das mit der Dramaturgie ihres zweiten Albums. Es fängt mit einer ninnananna an, einem Schlaflied, und schließt mit einem Stück, in dem ein Unschuldiger zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wird. Das Herz der Liguriani gehört nicht den Mitläufern, viel eher dem Deserteur oder der jungen Frau, die es sich nicht nehmen lässt, den Mann ihrer Träume selbst auszusuchen. Wenn der Geiger und Sänger Fabio Biale diese alten Lieder anstimmt, wird einem warm ums Herz. Doch bevor die Tränen fließen, laden Filippo Gambetta (diat. Akkordeon, Mandoline), Fabio Rinaudo (Drehleier, Dudelsack), Claudio De Angeli (Gitarre) und Michel Balatti (Flöten) mit einem Walzer oder einer Polka wieder zum Tanz. Und wie! Liguriani beweisen auf ihrem zweiten Album erneut, wie spannend traditionelle Musik sein kann. Da wird nie endlos wiederholt, immer wieder überraschen sie mit einer unerwarteten Kadenz. Stundai ist wie ein Erntedankfest an einem farbig schönen Herbsttag irgendwo in einem Bergdorf des Apennins. Ein raue Landschaft, aber man spürt die Nähe des Meeres. Bestnote.
Martin Steiner

 MANNIJO: Café-Klatsch
MANNIJO
Café-Klatsch
www.manfred-pohlmann.de
(Eigenverlag MJ05)
11 Tracks, 38:25, mit Texten u. Infos


Seit den Neunzigerjahren gibt es das deutsch-französische Trio nun schon. Von Beginn an war der Gruppe der grenzüberschreitende Gedanke wichtig, „chansons transfrontières“ sozusagen. Mit Manfred Pohlmann (Gesang, Gitarre, Scheitholz) und Jo Nousse (Gesang, Gitarren) trafen sich zwei Chansonniers von beiden Seiten des Rheins, ein Moselfranke und ein Lothringer, und beschlossen, dass der Fluss keine trennende Grenze und die in beiden Regionen gesprochene moselfränkische Sprache ein verbindendes Element ist. Gemeinsam mit dem Pianisten Patrick Riollet spielt das Trio seitdem wahrhaft europäische Lieder, eingedenk der wechselhaften gemeinsamen Geschichte ihrer Heimatregion, die mal deutsch, mal französisch regiert wurde und unter dem jeweiligen Nationalismus zu leiden hatte. Wer könnte authentischer für ein multikulturelles Europa musizieren als diese drei, ob sie gegen das schleichende Sterben der regionalen Wurzeln ansingen („On Tient Ensemble“) für das Miteinander der Kulturen („Fir Mohamed a Mario“), sich an eine unbeschwerte Kindheit erinnern („On da Baach“) oder mit der ultimativen Pazifistenhymne „Le Déserteur“ von Boris Vian (das schon längstens einmal wiederbelebt gehörte) eine friedliche Zukunft einfordern. Musikalisch wird das Trio auf seinem fünften Album von Schlagzeug, Percussion, E-Gitarre und Chorgesang unterstützt. Ein sehr gelungenes, nur leider recht kurzes Werk.
Ulrich Joosten
 MONSIEUR DOUMANI: Grippy Grappa
MONSIEUR DOUMANI
Grippy Grappa
www.monsieurdoumani.com
(Eigenverlag)
13 Tracks, 61:06, mit griech. u. engl. Infos


Zypriotische Musik kommt nicht alle Jahre in den Spieler des Rezensenten. Umso aufmerksamer lauscht er der vorliegenden Scheibe dieses Trios mit dem französischen Namen von der griechischsprachigen Insel Zypern. Nominiert als „Best Newcomer“ des Songlines Music Awards 2014 hat sie das Zeug, auch die Ohren aufgeschlossener Folker-Leserinnen und -Leser zu erobern. Auf Tzouras (einer Langhalslaute), Gitarre, Posaune, Flöte und anderen Blasinstrumenten und mit Gesang führen Antonis Antoniou, Angelis Ionas und Demetris Yiasemides durch modern, oft jazzig, teils auch im engeren Sinne folkig arrangierte Klangräume der Musik ihrer Heimatinsel. Über diese sind im Laufe der Jahrtausende viele Völker gezogen und haben ihre Spuren hinterlassen. Vieles, aber bei weitem nicht alles, klingt griechisch, manches arabisch, balkanisch, mediterran, mittel- und westeuropäisch, ja sogar an bretonischen Wechselgesang erinnert eines der Lieder, das nächste dann wieder an ägyptischen. Nur gesungen wird immer auf Griechisch. Leider gibt es keine lesbaren oder gar übersetzten Texte oder auch nur detailliertere Infos zu den Liedern. So bleibt nur das Lauschen auf die Melodien, Rhythmen und Harmonien, die viel Lebensfreude und Witz transportieren.
Michael A. Schmiedel

 DÓNAL Ó CEALLAIGH: Irish Songs, Amhráin Ghaeilge, Gälische Lieder, Música Gaélica, Chansons Gaéliques
DÓNAL Ó CEALLAIGH
Irish Songs, Amhráin Ghaeilge, Gälische Lieder, Música Gaélica, Chansons Gaéliques
www.donaloceallaigh.com
(Bluebird Cafe Berlin Records)
14 Tracks, 55:22, mit engl. u. gäl. Infos


Haben Sie schon einmal einen Bossa Gaelach gehört, einen Bossa Nova auf Gälisch? Nein? Mit dem vorliegenden Album können Sie diese Erfahrungslücke schließen sowie ohnehin lernen, wie sich die gälische Sprache abseits rein traditioneller irischer Liedformen anhören kann. Dónal Ó Ceallaigh stammt aus Donegal, lebt aber in Frankfurt am Main, und verspürt, aufgewachsen gleichermaßen mit irischer und internationaler Musik, den Drang, durch Übertragung auf andere Musikstile die Lebendigkeit und Modernität seiner Muttersprache zu beweisen und zu fördern, nachdem sie im Zuge der Finanzkrise beinahe aus den Lehrplänen irischer Schulen gestrichen worden wäre. Dabei helfen ihm an diversen Instrumenten zehn Musikerinnen und Musiker mit Namen deutscher, griechischer und anderer Provenienz. Im Zentrum bleibt aber die Sprache, mit der Ó Ceallaigh moderne Liedermacherei betreibt. Das Fehlen von Texten im Beiheft gleichen detaillierte Erklärungen auf der Homepage ein wenig aus, die einem helfen, den Sinn des Unterfangens zu verstehen und für fördernswert zu erachten. Man kann sich aber auch einfach nur genüsslich den eigenwilligen Melodien und dem Klang der Sprache hingeben.
Michael A. Schmiedel



Lateinamerika
 Miriam Aida: É De Lei
Miriam Aida
É De Lei
www.miriamaida.com
(Connective Records CTV36532/ Broken Silence)
10 Tracks, 44:58, mit engl. Infos


Die in Schweden lebende brasilianische Jazzsängerin Miriam Aida wagt sich hier an die legendären Afrosambas von Baden Powell und Vinícius de Moraes. Während es von vielen der Stücke wie „Canto De Ossanho“ von Powell Einspielungen gibt, die meist nur mit Gitarre, Percussion und Bass auskommen, wird hier ein ganzes Orchester mit Streichern, Flöten und Chor eingesetzt. Die oft archaische und hypnotische Stimmung der Originale steht bei Aida nicht so im Vordergrund wie die Melodie der Stücke. Der weibliche Gesang und die Arrangements lassen die Stücke nicht melancholisch wie bei Powell, sondern überraschend fröhlich wirken, mit einer eigenen Strahlkraft. Man versucht auch nicht, mit Powells begnadeten Gitarrenkünsten zu konkurrieren oder irgendwelche zeitgeistkonformen Sounds einzubauen. Baden Powell spielte jedoch etliche Stücke ebenso mit Orchester und Chor ein, woran sich die Neuinterpretation eher orientiert. Aida gelingt eine neue Wahrnehmung der Stücke, die einem gewahr werden lässt, welch zeitlose Kompositionen hier einst geschaffen wurden, die den so oft interpretierten Klassikern von Tom Jobim in nichts nachstehen.
Hans-Jürgen Lenhart
 MARIA BETHÂNIA: Meus Quintais
MARIA BETHÂNIA
Meus Quintais
www.mariabethania.com
(Discmedi DM5128-02/Galileo)
13 Tracks, 42:37, mit port. Texten


Weniger ist bekanntlich manchmal mehr. Die große brasilianischen Sängerin Maria Bethânia reduziert auf ihrem neuen Album die Musik Brasiliens auf die Essenz. Gerade bei Liedern, die nur von ein oder zwei Instrumenten begleitet werden, kommt ihre warmherzige, reife Stimme zum Tragen. Das Album ist faszinierend ruhig und sehr atmosphärisch, besitzt aber auch rhythmische Titel. Meus Quintais, „meine Hinterhöfe“, hat die Künstlerin ihr einundfünfzigstes Album genannt. Sie singt über ihre Kindheit und changiert dabei zwischen Folksängerin und Liedermacherin – was in Brasilien ja eh kaum zu trennen ist. Die Siebenundsechzigjährige gehörte zu den Erneuerern der Música Popular Brasileira in den Sechziger-/Siebzigerjahren und ist eine der erfolgreichsten Sängerinnen des Landes. So klingt auch ihr neues Album durchgehend modern, durch die geschmackvollen Arrangements sogar zeitlos. Viele Titel sind mit traditionellen Instrumenten eingespielt und vertragen sich wunderbar mit Stücken, in denen zum Beispiel eine E-Gitarre oder nur ein Piano zu hören ist. Hübsch sind auch das Digipack und das 32-seitige Booklet. Eine Wohlfühlplatte!
Udo Hinz

Nordamerika
 SAM AMIDON: Lily-O
SAM AMIDON
Lily-O
www.samamidon.com
(Nonesuch Records 7559-79545-1/Warner)
10 Tracks, 47:14, mit engl. Infos


Wenn sich einfache Folksongs mit den komplexen Ideen einfallsreicher Musiker verbinden, mag daraus etwas Ungehörtes entstehen. Dem in Vermont geborenen Sänger, Fiddler, Banjospieler und Gitarristen Sam Amidon gelingt auf seinem dritten Album genau das – die Zuhörer in akustische Welten zu entführen, die außergewöhnlich klingen. Es sind Welten, die zwar Vertrautes erkennen lassen, aber doch aus sich heraus ein eigenes Leben entwickeln. Dazu tragen Amidons Mitstreiter ihren gehörigen Teil bei, allen voran Jazzgitarrist Bill Frisell, dessen eigentümlich schräger E-Gitarrenton Klischees gar nicht erst aufscheinen lässt. Hinzu kommen Bassist Shazad Ismaily und Drummer Chris Vatalaro mit ihren besonderen musikalischen Sichtweisen. Und auch Produzent Valgeir Sigurðsson, in dessen Greenhouse Studios auf Island die Aufnahmen entstanden sind, hinterlässt seine Spuren auf diesem vielfach inspirierten Werk. Im Zentrum steht das fast neunminütige Titelstück „Lily-O“, das Sam Amidon a cappella mit seiner leicht brüchigen Stimme eröffnet, in dem sich nach und nach aber eine Soundwand auftürmt, die sämtlichen Schmerz der traurigen Ballade in sich vereint. So trifft Schönklang auf Tiefe. Gänsehaut!
Volker Dick
 ALANA AMRAM & THE ROUGH GEMS: Spring River
ALANA AMRAM & THE ROUGH GEMS
Spring River
www.alanaamram.com
(Kingswood Records)
Promo-CD, 10 Tracks, 36:32


Langsam und träge schlängelt sich die elektrifizierte Gitarre von Alana Amram durch den ersten – und titelgebenden – Song dieses Albums, „Spring River“. Darin beschreibt sie die schmutzig träge Schönheit des „Frühlingsflusses“, der Arkansas mit Missouri verbindet und Ursprung für vielerlei Leben in und um sich ist. Gleichzeitig definiert dieser Song recht genau ihre eigene Musik als bluesgefärbtes Amalgam aus Folk, Country und der Lust am Geschichtenerzählen. Alana Amram wurde die Musik quasi in ihre Wiege gelegt, ist sie doch die Tochter des Komponisten David Amram, der nicht nur zahlreiche Orchestermusiken geschrieben hat, sondern auch viele Filmmusiken – unter anderem die zu Pull My Daisy von Robert Frank, nach einer Geschichte von Jack Kerouac. Doch hat sich Alana schon lange aus dem Schatten ihres Vaters freigeschwommen und singt nun mit ihrer etwas rauchigen Stimme schwermütige Balladen, in denen immer wieder biblische Motive auftauchen. Ihre Musik kann als Bindeglied zwischen Himmel und Erde verstanden werden, als Mittler zwischen dem kaum sag- und doch deutlich fühlbaren. Spiritualität ist für Alana Amram wichtig, wenngleich sie diese gerne in ein erdenschweres Kleid steckt.
Michael Freerix

 DIVERSE: This Ain’t No Mouse Music! – The Story Of Chris Strachwitz And Arhoolie Music
DIVERSE
This Ain’t No Mouse Music! – The Story Of Chris Strachwitz And Arhoolie Music
www.arhoolie.com
(Arhoolie CD 545 A&B)
CD 1: 20 Tracks, 64:04; CD 2: 18 Tracks, 72:25, 36-seitiges, engl. Begleitbuch


Als 16-Jähriger kommt Chris Strachwitz nach dem Zweiten Weltkrieg als deutscher Emigrant in die USA, wo er 1960 mit Arhoolie ein Schallplattenlabel gründet, das zu einem bedeutenden Klangarchiv der amerikanischen Regionalstile wird und sich zu einem der einflussreichsten Rootsmusik-Anbieter des Landes entwickelt. Weltmusik und Weltbeat – das sind heute gängige Vermarktungsbegriffe im Musikgeschäft. In den USA war schon immer fast jede Ethnomusik eine Vermischung unterschiedlicher Kulturen und Musikstile – wie Blues, Cajun, Zydeco oder auch Tex-Mex. Sie alle finden sich neben Bluegrass, Polka, Country und Jazz im Arhoolie-Repertoire. Die vorliegenden CDs bieten einen Querschnitt aus dem Soundtrack des gleichnamigen Films von Maureen Gosling und Chris Simon, der Leben und Werk von Chris Strachwitz nachzeichnet. Vertreten sind unter anderem Ry Cooder, Flaco Jiménez, Country Joe MacDonald, Clifton Chenier, Lydia Mendoza. Vierzehn der Titel sind bislang unveröffentlicht. Das Begleitbuch liefert Informationen zu Strachwitz, den Filmemachern und den Künstlern sowie zu den Songs und ihren Entstehungsgeschichten. Eine exzellente Einführung in den Katalog von Chris Strachwitz.
Michael Kleff
 THE FRETLESS: The Fretless
THE FRETLESS
The Fretless
www.thefretless.com
(Magnetic Music 05873/Membran Entertainment)
Promo-CD, 11 Tracks, 42:00


The Fretless haben sich beim Instrumentalstudium an der renommierten Bostoner Musikakademie Berklee kennengelernt und sich in der Besetzung eines klassischen Streichquartetts (Violine I, Violine II, Bratsche, Cello) gefunden. Ihre Musik hingegen entspringt schottischen und irischen Fiddletraditionen sowie Bluegrass und Americana ihrer Heimat Kanada. Der nordamerikanischen Folkmusik entnehmen sie Techniken wie das Choppen, eingestreute Banjoarrangements und die dort so typischen Bluesskalen. Das Repertoire ist hingegen größtenteils irischer und schottischer Folklore entlehnt. Ihr Set-up erlaubt der Band, mit vollmundigen Streichersounds zu arbeiten, den Jigs und Reels satte Harmonien zugrunde zu legen und ihre Sets mit allerlei technischen Finessen, waghalsigen Improvisationseinlagen und Modulationen auszustatten. Insbesondere das Cello, das sich als erstaunlich schnellfüßiges Melodieinstrument entpuppt und mit rhythmisierenden, perkussiven Stricharten für den Drive sorgt, gibt den Tracks klangliche Tiefe. Ergänzend wartet das zweite Album der Band mit einigen Songs auf, für die zwei Gastsänger engagiert wurden, und mit einer wilden Stepptanznummer.
Judith Wiemers

 LILY & MADELEINE: Fumes
LILY & MADELEINE
Fumes
www.lilandmad.com
(Asthmatic Kitty Records AKR128/Cargo)
Promo-CD, 10 Tracks, 37:17


Das neue Album der Schwestern aus Indianapolis, die – man mag es kaum glauben – mit siebzehn und neunzehn Jahren immer noch Teens sind. Ähnlich wie bei First Aid Kit aus Schweden ist es der phänomenale zweistimmige Gesang, der jedem gesungenen Wort eine endgültige Wahrheit zu verleihen scheint. Immer eine Spur zu rau, um kitschig zu sein, so brillant einfach, schlicht und authentisch kommt er daher, um ohne Umwege direkt an der Seele zu rühren. Mit Produzent und Manager Paul Mahern, sowie dem Ko-Songwriter Kenny Childers sitzt wieder das gleiche Team hinter den Reglern. Das klangliche Spektrum wird dezent erweitert Richtung Popappeal, dennoch bleiben die Stimmen immer – in diesem Falle – Frau im Haus. Die Stücke sind allesamt getragen, und die Instrumentierung mit vornehmlich Akustikgitarre, Bass und dezentem Schlagzeug schafft eine Grundlage mit genügend Bodenhaftung. Wobei Produktion und Arrangements ein perfektes Schaumbad ergeben, in dem Fumes in Schönheit und Sentimentalität hätte versinken können. Dass dies nicht passiert, ist die große Qualität dieses Albums – da winkt man auch die eine oder andere musikalische Belanglosigkeit gerne durch.
Dirk Trageser
 DAN POSSUMATO & FRIENDS: Tunes Inside
DAN POSSUMATO & FRIENDS
Tunes Inside
www.danpossumato.com
(Old Box Records 003/Eigenvertrieb)
14 Tracks, 51:05, mit engl. Infos


Akkordeonist Dan Possumato und seine musikalischen Mitstreiter haben auf Tunes Inside ihre Anspielung auf die irische Pubsession in musikalische Tat umgesetzt. Die Einspielungen von Jigs, Reels, Songs und Polkas klingen wie direkt im Pub aufgenommen, mit Musikern unterschiedlichsten Niveaus, ungeschönt, unbearbeitet, ein bisschen asynchron und hier und dort klapprig, aber mit Groove gespielt, oder irisch gesagt lift. Hier sind echte Liebhaber am Werk, die nicht hauptberuflich, sondern lediglich aus Spaß am Repertoire musizieren. Die Auswahl der Tracks umfasst Kompositionen nordamerikanischer Nachkommen irischer Einwanderer, Standard-Sessionhits, Tunes aus Neufundland und Québec sowie Eigenkompositionen großer Namen der irischen Folksmusik (Frankie Gavin, Liam Clancy und andere). Für die musikalische Umsetzung verlassen sich die Musiker auf ein moderates Tempo und ein traditionelles Set-up mit mehreren Melodieinstrumenten (Geige, Uilleann Pipes, Knopfakkordeon) sowie Begleitung auf Gitarre, Banjo oder einem improvisierenden Klavier. Besonders schön und einfühlsam gespielt ist eine Komposition des Fiddlers André Bronet: „Valse Du Chef De Gare“.
Judith Wiemers

 THE STRAY BIRDS: Best Medicine
THE STRAY BIRDS
Best Medicine
www.thestraybirds.com
(Yep Roc Records YEP-2408/Cargo Records)
Promo-CD, 12 Tracks, 46:17


Sie schöpfen aus dem Vollen, holen sich Inspiration bei Altvorderen wie der Carter Family und Bill Monroe, vergessen also traditionelle Wurzeln nicht und bedienen sich aus der Pop- und Rockgeschichte. Dieses Trio aus Lancaster, Pennsylvania, reiht sich ein in die Riege großartiger junger Bands aus den USA, die energievolle akustische Musik zu bieten haben, voller Melodien und atmosphärisch dichter Arrangements. Maya de Vitry, Oliver Craven und Charlie Muench spielen eine Vielzahl an Instrumenten, singen ohne Tadel und schreiben überzeugende Songs. Nur zwei Stücke ihres zweiten Albums stammen nicht von ihnen, sind Traditionals. Die Stray Birds erzählen aber Geschichten wie die Alten, über Liebe, Einsamkeit, Schmerz und Hoffnung, Themen, die sich immer erneuern – erst recht, wenn sie in den Händen talentierter Songschreiber liegen. Ob die Band wundervolle Balladen liefert wie „Never For Nothing“ oder mitreißenden Western Swing, ob Old Time oder Bluegrass, immer üben ihre Lieder eine Faszination aus, die über die gesamte Plattenlänge trägt. „Music is the best medicine I sell“, heißt es im Titelstück. Was jeder sofort unterschreiben kann, der diesen Stray Birds zuhört.
Volker Dick
 DAVID VIDAL: World Of Trouble
DAVID VIDAL
World Of Trouble
www.davidvidal.net
(Wilmac Records)
Promo-CD, 11 Tracks, 40:55


David Vidal hat das Leben eines Hobos geführt, bevor er sich in Los Angeles niederließ und Songs für andere Musiker und Filmfirmen schrieb. Sein eigenes Material, bluesgetränkt und teilweise auf selbst gebauten Gitarren gespielt, hat er bisher auf vier Tonträgern veröffentlicht. Wenn man Hollywood vor Augen hat, verwundert die Knarzigkeit dieses Albums doch ein wenig. Nun, vermutlich helfen ihm genau die im Filmbusiness verdienten Dollars dazu, als Performer eine für Hollywood absolut untaugliche Musik zu machen. Simplizistisch doch souverän spielt Vidal mit seinem Bottleneck die sechs oder vier Saiten seiner Instrumente. Er erzählt Geschichten von Bergen, Flüssen und Seen; sogar das Sirren von Insekten und das Wispern von Wüstengras scheinen sich darin auszubreiten, doch das ist alles nur Fantasie, sind die Songs von David Vidal doch geradezu staubtrocken produziert. Joe Walsh und Gene Clark haben seine Songs aufgenommen. Jackson Browne hat mal ein Hähnchensalat-Sandwich mit ihm geteilt. Vidal ist schon lange in einer uramerikanischen Songschreiberszene verankert, und es bleibt zu hoffen, dass er noch viele ähnlich eigenwillige Alben veröffentlichen wird.
Michael Freerix

Kurze Onlinerezensionen
ACUERDO
Desde El Alma
www.acuerdo-berlin.de
(Eigenverlag)
13 Tracks, 58:11


Engagiert spielen die deutschlandweit auftretenden Musikpädagogen Anja Dolak (Knopfakkordeon) und Bernhard Hariolf Suhm (Violoncello) Tango, Musette und Klezmer, im September 2013 live aufgenommen in der Kirche Rahnsdorf (Berlin). Der Gruppenname entstammt einem Wortspiel aus dem Spanischen: „ac“ für Akkordeon und „cuerda“ für Saite.

ARANIS
Made In Belgium II
www.aranis.be
(home records 4446119)
13 Tracks, 56:13


Die sechsköpfige belgische Band Aranis hat zum zweiten Mal Material von zeitgenössischen belgischen Komponisten vertont. Eher Avantgarde als Folk – wer anstrengende Musik mag, kann sich hier beweisen.


ASP
Per Aspera Ad Aspera
www.aspswelten.de
(Trisol, Soulfood)
CD 1: 15 Tracks, 78:00; CD 2: 15 Tracks, 77:50


Das Best-of-Doppelalbum der Frankfurter nach fünfzehn Bandjahren enthält die Essenz aus acht Studiowerken. Kennzeichnend sind deutsche historisierende Texte, rockige Musik mit viel Schlagzeug und immer wieder elektronischen Einsprengseln. Das Genre eher Gothic und Metal als Folk, verpackt in gediegenes Artwork.

BACKBEAT SOUNDSYSTEM
Together Not Apart
www.backbeatsoundsystem.com
(Easy Star Records ES-1043/Broken Silence)
12 Tracks, 52:22


„Du glaubst, du weißt, was du mit einer Beziehung machen solltest, aber statt diesem Instinkt zu folgen, begräbst du ihn“ – könnte, was Sänger und Keyboarder Dean Forrest zum Track „Losing Faith“ zu sagen hat, auch auf das Debütalbum der acht Mann aus Cornwall allgemein zutreffen? Etwas kühl und noch wenig groovy, dieses rocklastige Reggaemodell ...


ABELARDO BARROSO WITH ORQUESTA SENSACIÓN
Cha Cha Cha
www.worldcircuit.co.uk
(World Circuit WCD088)
14 Tracks, 43:17


Remasterte Aufnahme eines der wichtigsten Sänger, die Kuba je hatte, aus den Fünfzigerjahren, die nachvollziehen lässt, warum man hier vom goldenen Zeitalter der kubanischen Musik spricht. Inbrünstig und voller Energie. Selbst in Afrika hatte seine Musik enormes Airplay. Die Aufnahmen stammen aus Barosos Comebackzeit.

BOISTER
Your Wound Is Your Crown
www.boister.net
(Piano Parasite Productions/Bug/A Wing/Prayer Recordings)
Promo-CD, 10 Tracks, 43:30 min


Die aus Baltimore stammende Band um Sängerin und Pianistin Anne Watts schenkt uns auf ihrem Album eine krachende Achterbahnfahrt mit viel Nervenkitzel. Sie ist die warme Feuerstelle inmitten von spröden, gewittrigen und windschiefen Arrangements. Rustikal, hemdsärmelig und zugleich verspielt, charmant und zugänglich. Ein großes Herz im Wolfspelz.


BUYAKANO
Bombasto
www.buyakano.com
(Beatbert 14/Broken Silence)
5 Tracks, 21:14


Die Rotterdamer Combo Buyakano versucht alles, um als Percussion Group zeitgemäß zu sein. Man nahm eine Brass Section hinzu, Rapper, eine deutschsprachige Sängerin, Gitarren; Funk, Dubsteb und vieles mehr wurden eingebaut, aber dass dies mal eine Sambatruppe gewesen sein soll, ahnt man nur noch. Hipper als hip, aber braucht’s das?

MEGAN CHASKEY
Naam Radiance
www.meganchaskey.com
(Eigenverlag o. Nr.)
10 Tracks, 65:50


Frau Chaskey ist Sängerin und hauptberuflich Yogalehrerin für Shakti Naam, eine Anti-Ageing-Schule von Bewegungs- und Atemübungen für gestresste Neuzeitmenschen. Ihr viertes Album (unter anderem mit Jazzer David Darling am Cello) bietet dafür den perfekten Soundtrack. Und wer beim „nur Hören“ zwischendrin mal sanft einnicken sollte – egal, auch das entspannt ...


JORAN ELANE
Glenvore
www.joran-elane.com
(Eigenverlag)
11 Tracks, 53:15


Weich gespülte Musik im Enya-Sound mit viel Hall und lang gezogenen Streicher- und Flötenklängen ist auf dem ersten Soloalbum von Joran Elane zu hören. Ausschließlich Eigenkompositionen in Deutsch und Englisch, über die Natur, die Liebe, die Mystik des Lebens – eben Fantasy Folk.

EUPHORIA
Reggae us da Berga
www.euphoriamusik.ch
(Brambus Records Brambus 201482-2/Rough Trade)
11 Tracks, 46:13


Seinem im Oktober 2013 live eingespielten Debütalbum nach zu urteilen, hat das Graubündner Sextett neben einem gewissen Potenzial noch einiges zu lernen. Das zeigt vor allem die melodisch und harmonisch verlustreiche Einebnung der Klassiker „Bend Down Low“ und „Israelites“, aber auch der Mangel an jeglicher Subtilität querbeet weit darüber hinaus.


FOLK’S SAKE
Best Of Live
www.folkssake.de
(Eigenverlag)
16 Tracks, 56:25


Auch das gibt es immer noch: gute alte irische Evergreens wie „Tell Me Ma“, „Foggy Dew“ und „Molly Malone“, hier dargebracht von zwei Mädels und drei Jungs aus Berlin auf allerlei Saiten- und Schlaginstrumenten sowie Mundharmonika, mit viel Gesang und Ansagen, da allesamt Konzertmitschnitte. Echte Volksmusik! Texte im Beiheft.

DEBORAH HENRIKSSON
Traces
www.deborahhenriksson.com
(DHP Records)
12 Tracks, 42:54


Mit durch Mats Nyman vertonten eigenen Texten vermag dieses Mal die aus New Jersey stammende Schwedin Freunde leicht poppiger, verträumter irischer Lieder zu erfreuen. Nyman begleitet sie auf diversen Instrumenten, Bengt Anderson auf Gitarre und Kent Ihrén mit Hintergrundgesang. Leider keine Texte im Beiheft.


INGO HÖRICHT & MICHAEL BERGER
Moments Animés
www.ingo-hoericht.de
(Cross the Border Prouctions 001 2014)
16 Tracks, 47:53


Ein Fall für Klassikliebhaber: Der musikalische Grenzgänger und Violinist Ingo Höricht spielt mit dem Jazzpianisten Michael Berger kammermusikalische Duos. Die Werke knüpfen an Kammermusik der Romantik an. Gelegentlich meint man Tango-Melancholie zu spüren. Die Musiker spielen schwermütig und sehnsuchtsvoll. Ein Album für ruhige Stunden.

CIRO HURTADO
Ayahuasca Dreams
www.cirohurtado.com
(Inti Productions IP -28062)
11 Tracks, 54:42


Der in den USA lebende Gitarrist blickt in seine Kindheit in Peru zurück. Die aufwendig arrangierten Instrumentaltitel und Lieder vereinen seine Erfahrungen aus Folk, Jazz und Pop. Bei einigen Titeln lud er Musiker aus Indien ein. Das Album erinnert an Weltmusik aus den Neunzigern und etwas an New Age. Kurz: leichtgängiger Peru-Fusion-Folk.


MEKLIT
We Are Alive
www.meklitmusic.com
(Six Degrees Records 657036 120426)
13 Tracks, 48:17


Die äthiopischen Wurzeln der stimmgewaltigen Sängerin, die in den USA aufwuchs, an der Yale University Politikwissenschaft studierte und nunmehr in San Francisco ansässig ist, werden an sich nur in dem traditionellen Stück „Kemekem“ (mit Samuel Yirga als Gastpianist) hörbar. Ansonsten liefert sie ein beachtliches, aber eher poppiges Soul-Jazz-Album.

ROSENGREEN
World At Your Feet
www.nikolajrosengreen.com
(GO’ Danish Folk Music GO0914)
10 Tracks, 43:18


Der dänische Gitarrist und Komponist Nikolaj Rosengreen begann mit Rock und klassischer Musik. Auf seinen Reisen, unter anderem nach Afrika, Spanien und Mali, übernahm er die Musik dieser Länder, sodass er jetzt als Weltmusiker angesehen werden kann. Er spielt perfekt die Flamenco- und die arabische Gitarre. Unterstützt wird er von Bass und Percussion.


MICHA SCHLÜTER
Nichtschwimmer
www.micha-schlueter.de
(Timezone Records/Timezone Distribution)
12 Tracks, 47:58


„Der Nichtschwimmer sitzt am Ufer und schaut den Anderen beim Schwimmen zu. Er begibt sich in die passive Rolle des Beobachters. Seine Muse ist die Banalität des Augenblicks“, schreibt Micha Schlüter als Motto seines Albums. Seine subtilen Beobachtungen verarbeitet er zu feinen Texten, aus denen er mithilfe origineller Melodien beachtenswerte Lieder macht.

ARTURO STÀLTERI
In Sete Altere – Arturo Stàlteri Suona Battiato
www.arturostalteri.wix.com
(Felmay fy7043/Pool Music)
11 Tracks, 55:38


Die Lieder des Sizilianers Franco Battiato – Popsänger, Politiker und Liedermacher zwischen Eurovision Song Contest, Klassik und Experiment – in neuer Verpackung, das verspricht die CD. Die Überraschung ist groß. Was bei Battiato opulent produziert war, erscheint hier auf das Klavier und ein wenig Elektronik reduziert als Minimal Music. Hat durchaus seinen Reiz.


VERAS KABINETT
Ungetüm
www.veraskabinett.de
(Traumton Records, Indigo 989302)
12 Tracks, 55:34


Veras Kabinett, das sind die Pianistin und Komponistin Vera Mohrs, Bassist Dominik Lamby und Schlagzeuger Hartmut Ritgen. Das musikalische Spektrum des Trios ist außerordentlich breit angelegt: druckvolle Beats, lässige Jazzphrasierungen, sanft orchestrale Klänge. Typisch sind die sowohl inhaltlichen als auch musikalischen Kontraste. Ungewöhnlich gut!




Lange Onlinerezensionen
 GIANT PANDA GUERILLA DUB SQUAD: Steady
 GROUNDATION: A Miracle
GIANT PANDA GUERILLA DUB SQUAD
Steady
www.livepanda.com
(Easy Star Records ES-1044/Broken Silence)
13 Tracks, 52:56, mit engl. Infos


GROUNDATION
A Miracle
www.groundation.com
(Soulbeats Records SBR 67/Broken Silence)
10 Tracks, 55:08


Beide Ensembles, sowohl die Neun-Mann-Band aus Sonoma County, Kalifornien, deren Name auf den Groundation Day anspielt, mit dem in der Rastafari-Welt Haile Selassis Besuch auf Jamaika am 21. April 1966 gefeiert wird, als auch das Quintett aus New York, spielen sich auf ihren neuen Alben souverän durch ihre bewährten Reggaehybride: solide grundiert mit den Roots der Generationen, die den Stil einst grundlegend definierten – aber doch nie einem Flirt mit neueren Varianten abgeneigt, die etwas weniger spirituell klingen, dafür aber etwas mehr den zeitgenössischen Tanzgrooves entsprechen, nach denen die internationale Clubgeneration gern auch einmal ein bisschen locker skankt zwischen all dem Hi-Energy-Abgehotte und dem gepflegten Chillen danach. Groundation können mit je einem Gastauftritt der beiden ehemaligen I Threes Judy Mowatt und Marcia Griffiths punkten, deren Gesang ihren Stücken praktisch automatisch gleichsam Klassikercharakter verleiht – die Giant Panda Guerilla Dub Squad steht dem auch ohne solche Adelung nicht nach. Beide Ensembles pflegen den Stil gleichermaßen kompetent wie souverän, wobei allerdings beiden die vor allem inhaltliche, aber auch musikalische Dringlichkeit der hervorstechenden Größen der Vergangenheit abgeht. Es scheint, auf welche Art auch immer, im Reggae eben doch noch einmal einen Unterschied zu machen, der hörbar wird, wo und in was für einer Gesellschaft man lebt. Amerika ist nicht Jamaika – eine ebenso banale wie im Reggae doch offenbar weiterhin essenzielle Erkenntnis ...
Christian Beck
 HIRUNDO MARIS: Vox Cosmica
HIRUNDO MARIS
Vox Cosmica
www.ariannasavall.com
(Carpe Diem Records)
10 Tracks, 77:43, mit engl. u. dt. Infos


Beruhend auf der Gregorianik schrieb die frühmittelalterliche Äbtissin Hildegard von Bingen sehr vielfältige Kompositionen. Sie war überzeugt davon, dass der Kosmos ein großes klingendes Ganzes darstellt, welches von der Harmonie und Liebe eines Schöpfers zusammengehalten wird. Zu hören sind fünf einstimmige liturgische Gesänge von ihr – denn gesungene Gebete waren doppelt wirksam. Dazu ein Klagelied von Abaelard mit einem Thema aus dem Alten Testament. Zwischen diese Sologesänge mit äußerst sparsamer Begleitung wurden vier Meditationen für historische Instrumente eingefügt, die vom norwegischen Tenor und Komponisten Petter Udland Johannsen geschrieben wurden. Neben ihm gestalten die katalanische Sopranistin Arianna Savall, das Ensemble Hirundo Maris und zwei Musiker der Capella Antiqua Bambergensis dieses Album. Instrumentiert wurde mit Harfen, Hardangerfiedel, Colascione, Nonnengeige, Nyckelharpa, Glocken und Percussion. Ein Projekt mit sehr authentisch wirkender Alter Musik, darauf angelegt den Gesang wirken zu lassen.
Piet Pollack

 MARTIN KOLBE: Blue Moment
MARTIN KOLBE
Blue Moment
www.martinkolbe.com
(Stockfisch/In-akustik)
14 Tracks, 35:40, mit zwei engl. Texten u. Infos


Martin Kolbe? Ja klar! Kolbe/Illenberger, in den 1970er- und 1980er-Jahren das mit Abstand profilierteste und erfolgreichste Gitarrenduo Deutschlands. Das vorliegende Album ist eine auf der Grundlage des Originaltapes neu bearbeitete Wiederveröffentlichung der dritten LP, die der damals junge Musiker 1977, noch vor der gemeinsamen Karriere mit Ralf Illenberger, im Stockfisch-Studio bei Günter Pauler in Northeim aufnahm. Neben virtuosen Interpretationen der beiden Fremdkompositionen „Here Comes The Sun“ und „Bach (Jesu bleibet meine Freude)“ finden sich auf dem Album ausschließlich Eigenkompositionen, darunter drei Songs, die Kolbe zu seinem filigranen Gitarrenspiel mit rauchiger Stimme singt. Zwar wollte er schon damals weg vom Hochgeschwindigkeits-Fingerpicking à la Leo Kottke, doch Anklänge dieses Stils finden sich noch vereinzelt auf Blue Moment. Erstaunlich auf alle Fälle, welche künstlerische Reife auf diesen weit mehr als dreißig Jahre alten Aufnahmen zum Ausdruck kommt. Nach einer etwa fünfundzwanzig Jahre währenden, krankheitsbedingten Schaffenspause ist Martin Kolbe nun endlich auch mit einem aktuellen Album zurückgekehrt. Mehr darüber im nächsten Folker.
Kai Engelke
 MUSÉE MÉCANIQUE: From Shores Of Sleep
MUSÉE MÉCANIQUE
From Shores Of Sleep
www.museemecanique.net
(Glitter House Records GRCD 822/Indigo)
Promo-CD, 10 Tracks, 46:28


Ein Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür werden Schiffe nicht gebaut. Mit diesem Sinnspruch im Gepäck gingen die Mitglieder von Musée Mécanique auf ihre musikalisch große Fahrt. Dazu passt der Namensgeber des 2006 gegründeten Quintetts aus Portland, das am Hafen von San Francisco gelegene gleichnamige Museum mit seiner Sammlung alter mechanischer Musikinstrumente und Spielautomaten. Denn vintage und handgemacht klingt das Album. Thematisch sind es die sehnsuchtsvollen, verklärten und entrückten Aspekte einer solchen Reise, das Traum- und Märchenhafte. Zurückhaltend beginnen die Stücke und bauen sich Schicht um Schicht auf, bis zur überbordenden Opulenz. Streicher, Chöre und orchestrale Arrangements lösen sich los von der Komposition und beginnen eine eigene Reise. Pop, Folk und Filmmusik heißen die Gewässer, in denen die Mannschaft segelt, und das mit großer Kunstfertigkeit und Leidenschaft. Kein Wunder, dass Konstantin Gropper, der Kopf von Get Well Soon, den Begleittext geschrieben hat. Sechs Jahre haben sich die beiden Multiinstrumentalisten Sean Ogilvie und Micah Rabwin mit ihrer Crew für dieses Album Zeit gelassen, aber die spielt in diesem Universum sowieso keine Rolle.
Dirk Trageser

Besondere
 DIVERSE: Native North America Vol. One: Aboriginal Folk, Rock And Country 1966-1985
DIVERSE
Native North America Vol. One: Aboriginal Folk, Rock And Country 1966-1985
www.lightintheattic.net
(Light In The Attic Records LITA 103/Cargo)
CD 1: 17 Tracks, 54:39, CD 2: 17 Tracks, 65:44, mit aufwendigem engl. Beiheft u. Texten



Dieses Doppelalbum behandelt eine musikhistorische Lücke. Mit Aufkommen der Protestsongbewegung begannen auch nordamerikanische Ureinwohner, in Songs von ihrem Elend in den Reservaten zu singen. Teilweise taten sie das nicht in Englisch, sondern in der Sprache ihres Stammes, denn sie wollten vor allem von ihren eigenen Leuten verstanden werden und das Erbe dieser Sprache lebendig halten. Erst nachdem sich ein Netzwerk von indianischen Kleinstlabels entwickelt hatte, konnte die Musik eines Willie Dunn, John Angala oder Willie Trasher veröffentlicht werden. Doch nicht allein die Protestsongbewegung, sondern auch der Rock ’n’ Roll eines Elvis Presley schlägt sich in diesen Songs nieder. Der Songschreiber Gordon Dick nennt seine Musik
 (ohne)
deshalb „Siwash Rock“. So findet sich klassisches Rockmaterial auf diesem Doppelalbum wie auch Country oder Folk, während in den Texten über Sinn und Zukunft des Indianerlebens reflektiert wird. Kevin „Sipreano“ Howes hat diesen Sampler aus unterschiedlichsten Quellen zusammengestellt. Die Suche nach den Autoren und Rechteinhabern war dabei häufig äußerst mühselig. Howes suchte zum Beispiel sehr lange vergeblich nach dem Songschreiber Tayara Papigatuk, von dessen Inuitband Sugluk einige Titel auf dem Sampler vertreten sind. Auf herkömmlichem Weg konnte er Papigatuk nicht ausfindig machen. Schließlich bekam Howes den Hinweis, Papigatuk würde in Cape Dorset, 2012 Kilometer nördlich von Montreal leben. Doch war dieser offiziell dort nicht gemeldet. Howes rief die lokale Radiostation an und bat, man möge seine Suchanzeige über das Radio verlesen, zusammen mit seiner Telefonnummer. Tatsächlich klingelte zwei Stunden später Howes’ Telefon und Papigatuk war am Hörer, jedoch nicht seines eigenen Telefons, sondern an dem eines Freundes. Er selbst hatte gar keines. Diese Geschichte macht deutlich, wie wenig die Songs, die auf Native North America versammelt sind, bisher überhaupt wahrgenommen wurden, obwohl viele von ihnen dem, was in den Sechziger- und Siebzigerjahren sonst noch so erschienen ist, kaum nachstehen.
Michael Freerix
 BUBE DAME KÖNIG: Traumländlein – Neue Folkmusik
BUBE DAME KÖNIG
Traumländlein – Neue Folkmusik
www.neue-volkslieder.de
(CPL-Music/Broken Silence 00649)
14 Tracks, 47:27, mit Texten u. Infos



Zugegeben, wir haben im Vorfeld ein wenig gelästert über die Idee des Fundraisings durch sogenannte Liedpatenschaften zur Finanzierung der CD-Produktion. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing!“, heißt es ja so schön. Doch die junge Band hat sich nicht verbiegen lassen. Es bedarf durchaus eines gesunden Selbstvertrauens, wenn man sich eine Setliste zulegt mit nicht nur von Folkies sattsam abgesungenen Heulern wie „Nun will der Lenz uns grüßen“, „Wenn alle Brünnlein fließen“ oder sogar dem gefühlt tausendfach abgenudelten „Dat du min Leevsten büst“. Dass das Gesamtwerk keineswegs piefig tümelnd, sondern weltmusikalisch offen sein würde, war schon durch die Mitwirkung des
 Bube Dame König 2014
Creole-Bundespreiträgers Till Uhlmann zu erahnen, einem der virtuosesten Drehleierspieler im Lande, der außerdem Violine und Chorgesang beisteuert. Sängerin Juliane Weinelt verfügt über eine elfenhafte, unverdorbene Sopranstimme. Sie spielt außerdem kompetent Querflöte, dazu Maultrommel. Jan Oelmann an Violine, Gitarre, Percussion und Gesang komplettiert das Trio. Sein angenehmer Bariton kontrastiert sehr schön mit Weinelts Stimme und sein druckvoll-grooviges, keltisch inspiriertes Gitarrenspiel ergänzt sich (nicht nur) mit Uhlmanns Leier perfekt. Vier Gastmusiker polieren den ausgezeichnet produzierten Gesamtsound mit Kontra-, Akustik- und E-Bass, Posaune, Pedal Steel, Dobro und E-Gitarre auf. Bube Dame König überzeugen von der ersten bis zur letzten Note nicht nur mit überschäumender Spielfreude, sondern auch mit sehr einfallsreichen und überaus geschmackvollen Arrangements und Bearbeitungen. Die Band geht mit Rhythmik und Melodie der Lieder frei, aber nicht respektlos um. Sie schaffen den Spagat, deutsche Volkslieder vom Mittelalter über die Romantik bis heute mit eigenen und Texten des Leipziger Dichters Thomas Kolitsch zu einem Gesamtwerk aus einem Guss zu verbinden, das sowohl eine Verbeugung in Richtung des deutschen Liedgutes als auch in die der keltischen Musik ist. Ein Hochgenuss!
Ulrich Joosten

Bücher
 KONSTANTIN WECKER: Mönch und Krieger : auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt.
KONSTANTIN WECKER
Mönch und Krieger : auf der Suche nach einer Welt, die es noch nicht gibt.
www.gtvh.de
(– 3. Aufl. – Gütersloh : Gütersloher Verlagshaus, 2014. – 278 S.)
ISBN 978-3-579-07066-7, 19,99 EUR (auch als E-Book erhältlich)


Alles zulassen, auskosten und leben, auch die eigenen gegensätzlichen Wesenszüge, scheint ihm bereits 1947 als Großauftrag in die Wiege gelegt worden zu sein, dem Konstantin Alexander Wecker. Da stecken schon beide drin: der Mönch (Kaiser Konstantin war zugleich oberster Priester von Rom) und der Krieger, der die ganze Welt einen will. Solche starke Vornamen, dazu den „Rufer zur rechten Zeit“ als Familiennamen, würden schwächere Typen überfordert haben. Ihm waren seine Namen offenbar Anspruch und Ermutigung zugleich. Er hat es gepackt. „Conny“, wie ihn früher nur sein Freund, der weise Dieter Hildebrandt, nennen durfte, bildete Körper und Geist, Herz und Sinne, Kunstfertigkeit und Charakter. Er nahm jede Lebenserfahrung, die sich ihm bot, dankbar als Herausforderung an: vom feinen Lyriker bis zur Rampensau, vom Sexfilmstarlet bis zum wahrhaft Liebenden, vom Junkie auf Trip bis zum nüchternen Visionär, vom Knastbruder bis zum Musik- und Friedensapostel. Dabei war er immer ehrlich Suchender, auch Gottsucher, was ihm mancher Mensch ob seines Pathos vielleicht bis heute nicht abnehmen mag. Doch das Pathos ist ein echtes, und die laute Stimme – die ihn schon manchmal selbst erschreckt hat, wenn er zu seinen Kindern sprach – hat er nun mal mitgekriegt, von ganz oben. Wer Konstantin Weckers Autobiografie unvoreingenommen liest, wird einen ebenso inspirierten wie spirituellen Mann mit Tiefgang kennenlernen, der durch seine Gedanken, seine Offenheit und Ehrlichkeit immer wieder positiv überrascht und durch sein Wesen berührt. Holen Sie ihn sich dort, „wo der Conny nicht mehr weit ist“ – in der nächsten Buchhandlung –, und nehmen Sie seine Literaturempfehlungen gleich mit! Schade, dass Wecker wohl nie Bundeskanzler oder -präsident werden wird. Wie sähe die Welt aus, wenn Künstler und Visionäre wie er in den Schaltzentralen der Macht säßen? Wie gut, dass es die Welt, die Wecker sucht, wenigstens in einigen Köpfen gibt. Ein Buch, wie ein Freund.
Kay Reinhardt
 GERHARD PAUL, RALPH SCHOCK [Hrsg.]: Sound des Jahrhunderts : Geräusche, Töne, Stimmen ;1889 bis heute / Hrsg.: Gerhard Paul u. a.
GERHARD PAUL, RALPH SCHOCK [Hrsg.]
Sound des Jahrhunderts : Geräusche, Töne, Stimmen ;1889 bis heute / Hrsg.: Gerhard Paul u. a.
www.bpb.de
(– Bonn : Bundeszentrale f. polit. Bildung, 2013. – 629 S. : mit zahlr. Foto)
ISBN 978-3-8389-7096-7, 7,00 EUR


Veröffentlichungen der Bundeszentrale für politische Bildung sind in der Regel das Ergebnis sorgfältiger und umfassender Recherche. Ein unschlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis wegen fehlender Profitnotwendigkeit ist ein weiteres Argument für BPB-Publikationen. Schade nur, dass dort selten bis nie Themen bearbeitet werden, die die musikalischen Folker-Interessen berücksichtigen. Selbst bei Sound des Jahrhunderts sind lediglich 10 von 634 Seiten genuin Folker-relevant: ein Artikel über amerikanische Bürgerrechtssongs sowie die Abhandlung über „Degenhardt und die Geschichte der Liedermacher in der Bundesrepublik“, zufällig verfasst vom ex Chefredakteur Michael Kleff, der sich mit diesem Thema bekanntlich bestens auskennt. Eigentlich können wir schon froh sein, dass wir nicht komplett vergessen wurden. Dennoch kann dieses dicke Buch Lesern dieser Zeitschrift problemlos empfohlen werden, denn unsere Musik existiert schließlich nicht im luftleeren Raum. Der Folker ruft gerne, regelmäßig und zu Recht, das politische Umfeld des Musikmachens ins Gedächtnis, beeinflussende Faktoren sind aber auch „Geräusche, Töne, Stimmen – 1889 bis heute“, wie der Untertitel konkretisiert. Eine unglaublich breite Themenvielfalt wird kompetent und kompakt bearbeitet. Beispiele gefällig? „Musik im Konzentrationslager“, „AFN: neue Musik, neue Radiokultur, neues Lebensgefühl“ oder „Udo Lindenberg und die deutsch-deutsche Sehnsucht“ – und das waren jetzt nur musikbezogene Topics. Besonders spannend und informativ ist die beiliegende Daten-DVD, auf der neben dem kompletten Band auch eine große Menge der angesprochenen Klänge abrufbar ist. Dieses Buch verhilft zu einem besseren Verständnis der Klangentwicklung der letzten circa 120 Jahre auch unserer Musik – mit teils überraschenden Fakten.
Mike Kamp

 JAKE WALTON: Sunlight And Shade : Celtic Song Affairs / Ill.: Vivien Nicholson.
JAKE WALTON
Sunlight And Shade : Celtic Song Affairs / Ill.: Vivien Nicholson.
www.heupferd-musik.de
(– 1. Aufl. – Dreieich : Heupferd Musik-Verl., 2014. – 117 S. : mit zahlr.)
ISBN 978-3-923445-11-0, 16,00 EUR


Der Lied- und LP-Titel des kornischen Folkmusikers Jake Walton ist auch der Titel seines Songbuchs mit dem Zusatz „Celtic Song Affairs“. Es enthält die schönsten Stücke seiner vier Jahrzehnte umspannenden musikalischen Praxis als Songwriter und Musiker: originelle Bearbeitungen traditioneller Lieder befreundeter Musiker sowie eine Fülle eigener Songs, die ihn als kreativen Inspirator der keltischen Folkszene ausweisen. Jake Walton spielt Gitarre, Dulcimer und Drehleier und „gilt als wahrer Meister des keltischen Klanguniversums und dessen vielfältiger Songpoesie. Mit bemerkenswertem Einfühlungsvermögen gelingt es ihm, feinste Nuancen eines ungemein reichen musikalischen Erbes aufzuspüren, neu zu beleben und auf höchst kunstvolle Weise in zeitgemäße Formen zu überführen“ (Klappentext). Es ist begrüßenswert und verdienstvoll, dass der kleine Heupferd-Musikverlag aus Dreieich das verlegerische Risiko eingegangen ist, das Songbuch des hierzulande eher unbekannten Liedermachers und Sängers zu veröffentlichten. Das mit zahlreichen Schwarz-Weiß-Illustrationen wunderschön ausgestattete Buch enthält knapp vierzig Lieder und ein Instrumentalstück im übersichtlichen Notensatz mit Texten und Gitarrenakkorden sowie Hinweise, auf welchen Bund man das Capo setzten sollte und mit welcher Gitarrenstimmung Walton sein Instrument spielt. Am Ende des Buches finden sich die verwendeten Akkordgriffbilder der verschiedenen, teils offenen Stimmungen. Ein Vorwort von Musikerkollege Jez Lowe eröffnet den Band. Walton selbst hat zu jedem Song Hintergründe und Anekdoten beigesteuert und das Nachwort verfasst. Die Texte sind auf Englisch und in deutscher Übersetzung abgedruckt. Ein Quellennachweis informiert über die Veröffentlichungsdaten und Urheberrechte. So weit, so schön. Ein fast rundum gelungenes Werk, wäre da nicht das eher unzulängliche Lektorat gewesen. So ist die erste Stimme des Instrumentalstücks „Appleby Gallop“ peinlicherweise einen Ganzton gegenüber der zweiten Stimme nach unten gerutscht. Auch den Texten hätte eine gründlichere Durchsicht gut getan. Es ist unschön, wenn zum Beispiel eine Liederklärung am Ende mit einem unvollständigen Satz schließt („The Music Makers“). Insgesamt ist es ein inhaltlich und optisch sehr gelungenes Liederbuch mit kleinen, verschmerzbaren Schönheitsfehlern.
Ulrich Joosten
 JOHN COWLEY [Hrsg.]: Creole Music of the French West Indies : a discography, 1900-1959 / comp. by Alain Boulanger, John Cowley, Marc Monneraye.
JOHN COWLEY [Hrsg.]
Creole Music of the French West Indies : a discography, 1900-1959 / comp. by Alain Boulanger, John Cowley, Marc Monneraye.
www.bear-family.com
(– Hambergen : Bear Family Publ.,2014. – 367 S. (frz./engl.) : mit zahlr. Abb)
ISBN 978-3-89916-705-4, 49,90 EUR


Diese große, genau 1.000 g schwere und sehr aufwendig gestaltete Zusammenstellung von Veröffentlichungen kreolischer Musik der ersten sechs Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts ist zugleich eine Dokumentation der langen und vielschichtigen Tradition der schwarzen karibischen Musik auf den französischen Antillen und ihrer Rückkopplung mit dem Musikgeschehen in den Nachtclubs und Studios von Paris. Der Leser wird zu den Ursprüngen der Biguine geführt, die in der Sklaverei liegen, und vermag die eigenständige Entwicklung nachzuvollziehen, wenn ihm anhand alter Plakate, Plattenlabel, Plattencover, Fotos, Liederbüchern und ähnlichem etwa Chansons Créoles, Folklore Martiniquais, Orchestre Typique Antillais präsentiert werden. Ausgesprochen detailliert finden sich ganze Programmfolgen, Anzeigen, Bandbesetzungen, Kompositionen und Veröffentlichungen zwischen Folk, Jazz und Swing à la Creole neben Ergänzungen von Sprachwissenschaftlern, Anthropologen und Historikern. Eine wertvolle Zusammenstellung für Insider, allerdings – wie schade! – ohne jegliche Klangbeispiele.
Cathrin Alisch

 Joshua John Green: Music Making in the Faroes.
Joshua John Green
Music Making in the Faroes.
www.sprotin.fo
(– Aarhus : Scandinavian Books, 2013. – 332 S.)
ISBN 978-99918-76-55-9, 188,00 DKK


Der kanadische Musikforscher Joshua Green hat mehrere Monate auf den Färöern verbracht und schreibt nun über die dortige Musikszene. Er konnte kein Färöisch, als er hingefahren ist, hat es dort nur bruchstückweise gelernt, und das merkt man. An schrägen Übersetzungen und Missverständnissen, die ihm nicht aufgehen, weil er ja eben die Sprache nicht beherrscht. Dass er kein Färöisch kann, erzählt er so ungefähr in jedem Kapitel einmal, wie er überhaupt Wiederholungen liebt, und das macht die Lektüre manchmal recht anstrengend. Dabei ist sein Buch eigentlich fantastisch gut, eine Fundgrube jedenfalls für alle, die gern mehr über die Musik auf den Färöern wissen möchten, aber kein Färöisch können. Sein Interesse wurde geweckt durch den Erfolg von Metalbands wie Tyr oder Hamferð. Die nun wieder greifen auf die nordische Mythologie zurück (etwa auf Tyr/Tiwaz, den Gott, dem wir den Dienstag verdanken) und orientieren sich an den alten Gesangstraditionen der Färöer. Die bestehen vor allem aus Reigen, die zu endlosen Balladen aus dem späten Mittelalter getanzt werden. Instrumente gab es auf den bettelarmen und von der Kolonialmacht Dänemark jahrhundertelang schonungslos ausgebeuteten Inseln so gut wie keine, und so wurde das Hauptgewicht eben auf Gesang gelegt. Ein guter Vorsänger beim Reigen konnte (und kann) den Ruhm erwerben, der anderswo Instrumentalvirtuosen vorbehalten ist. Joshua Green schildert die aktuelle Musikszene auf den Färöern, skizziert die Geschichte der färöischen Musik und reichert alles mit Anekdoten und eigenen Erlebnissen an.
Gabriele Haefs
 IIRO RANTALA: Songbook : 20 pieces for piano.
IIRO RANTALA
Songbook : 20 pieces for piano.
www.mutemusicproduction.com
(– o. O. : Bosworth, 2014. – 88 S. : nur Noten u. Abb. – (BOE ; 7752))
ISBN 978-3-86543-860-7, 24,95 EUR


Der mit einem Echo ausgezeichnete finnische Jazzpianist veröffentlicht ein Liederbuch mit zwanzig selbst komponierten Werken, veröffentlicht auf verschiedenen seiner bisherigen Alben. Nichts für Anfänger, da einige Stücke schon recht kompliziert sind. Notiert sind sie mit Pianostimme sowie teilweise auch mit Violin- und Cellostimme. Bei einigen sind für weitere Instrumente Akkordangaben dazugegeben, aber merkwürdigerweise nicht bei allen.
Doris Joosten

 Element of Crime: Songbook.
Element of Crime
Songbook.
www.bosworth.de
(– o.O. : Bosworth Ed., 2014. – 288 S. : nur Noten u. Akk. + Texte. – (BOE)
ISBN 978-3-86543-594-1, 29,95 EUR


Die seit dreißig Jahren existierende deutsche Band, die durch ihre melancholisch-chansoneske akustische Musik und durch ihre Texte von Sven Regener bekannt wurde, hat nun alle ihre Lieder in einem Songbuch veröffentlicht. Alle Stücke sind mit Noten, Akkorden und Akkorddiagrammen sowie Text abgedruckt. Laut Vorwort wurde bewusst auf Intros, Outros oder Zwischenspiele verzichtet, ebenso wie auf Gesangsphrasierungen, damit eigene „Gestaltungen“ der Songs möglich sind.
Doris Joosten



Afrika
 ANOUAR BRAHEM: Souvenance
ANOUAR BRAHEM
Souvenance
www.anouarbrahem.com
(ECM 2423/24)
Doppel-CD, 11 Titel, 89:03


Hypnotisch. Dieses Wort trifft die Musik des tunesischen Udspielers am Besten. Zunächst hört man nur einzelne, lange Töne des Klaviers. Leise, beinahe unhörbar zart, erklingen Violinen. Was zunächst als Klangfläche anmutet, entwickelt sich zu vielschichtigen Ebenen, aus denen akzentuierte Lautenschläge erwachsen. Immer tiefer tauchen sie den Hörer in eine behagliche Parallelwelt, in der Zeit und Raum schon bald vergessen sind. Plötzlich dringt ein düsterer Bass aus der Tiefe hervor, der einen aus der behaglichen Trance reißt. Die Noten des Klaviers wirken nun wie Steine, die in einen ruhenden See geworfen werden; der Bass schlägt die Wellen. Allmählich glätten sich die Wogen, doch in der Musik schwingt nun auch etwas Bedrohliches, dass die Spannung bis zuletzt aufrechterhält. Ähnlich wie der Opener „Improbable Day“ bauen sich auch die übrigen Songs langsam auf. Durch variierende Instrumentierung erschafft Anouar Brahem jedesm Mal einzigartige Welten, in denen man sich verlieren möchte. Die Musik ist jedoch keine leichte Kost, sondern erfordert vollste Aufmerksamkeit. Wer sich darauf einlässt, den wird die Magie von Souvenance in seinen Bann ziehen und nicht mehr loslassen.
René Gröger



Bücher
 EBERHARDT BORT [Hrsg.]: At Hame Wi’ Freedom : Essays on Hamish Henderson and the Scottish Folk Revival. – / Ed. by Eberhard Bort.
EBERHARDT BORT [Hrsg.]
At Hame Wi’ Freedom : Essays on Hamish Henderson and the Scottish Folk Revival. – / Ed. by Eberhard Bort.
www.gracenotepublications.co.uk
(– Ochtertyre : Grace Note Publications, 2012. – 219 S. : mit s/w-Fotos)
ISBN 078-1-907676-17-8, 12,99 schott. Pfd.


So richtig hat sich das politische und kulturelle Schottland nie mit diesem unbequemen, streitbaren Folkloristen und Poeten anfreunden können. Die Folkszene liebte ihn zumeist umso mehr, und sie tut es noch heute, denn Henderson gab dem Revival den akademischen Hintergrund. Neben den jährlichen Carrying Stream Festivals des Edinburgh Folk Clubs, die ganz im Zeichen Hamish Hendersons Schaffen stehen, gab es bereits in den Jahren 2010 und 2011 zwei Bücher mit Artikeln, Analysen und Abhandlungen zu seinen Werken (siehe Folker 2/2012 und 6/2012) und At Hame Wi’ Freedom macht die Trilogie komplett. Treibende Kraft hinter diesem Projekt ist erneut der Deutsche in Edinburgh, Eberhard „Paddy“ Bort, der für den Einstieg und den Abschluss sorgt. Die zehn Beiträge dazwischen – zum Beispiel über Hendersons frühe Folkloristentage, über sein Verhältnis zu Irland und speziell Nordirland oder über die Blairgowrie Festivals der späten 1960er – sind alles andere als akademisch trocken, aber ab und an ist eine Vorliebe für theoretische Ausführungen zumindest hilfreich. Für Schottlandfreunde und Folkloristen generell auf jeden Fall erneut nachdrücklich zu empfehlen.
Mike Kamp
 MAIK HERFURTH: Das Akkord-Buch für Anfänger-Gitarristen : leicht & verständlich, alle wichtigen Akkorde, Titelvorschläge u. v. m. – kompl. aktual. Neuaufl.
MAIK HERFURTH
Das Akkord-Buch für Anfänger-Gitarristen : leicht & verständlich, alle wichtigen Akkorde, Titelvorschläge u. v. m. – kompl. aktual. Neuaufl.
www.acoustic-music.de
(– Osnabrück: Fingerprint, 2014. – 53 S. : mit zahlr. Abb. – (Gitarrenwork)
ISBN 978-3-945190-02-9, 16,80 EUR


Auf den ersten Blick sieht alles klar und übersichtlich aus: Griffdiagramme und Fotos für ein und denselben Akkord, leicht verständliche, knapp gehaltene Erklärungen und alles in großem Maßstab abgebildet. Doch anstatt nach dem Erlernen der ersten Akkorde (A, D und E) entsprechende Songs zum Üben anzubieten, sind erst einmal die Mollakkorde dran (E-Moll, A-Moll, D-Moll). Wieder keine Übungslieder. Dann weiter mit C-Dur und G-Dur. Hat der Lernwillige die drauf – richtig: noch immer keine praktischen Übungen, stattdessen, ganz wichtig, die Septakkorde. Anschließend keine Übungen, vielmehr heißt es: „Auf in die Welt der ‚gefürchteten‘ Barré-Akkorde!“ Der zunehmend genervte und abnehmend motivierte Gitarrenschüler erfährt: „Auf den nächsten Seiten widmen wir uns einem Barré-Akkord.“ Ein nahezu seitenfüllendes Foto nebst Griffdiagramm zeigt F-Barrée. Dazu zwölf Zeilen Text. Das war’s. Das also ist Herfurths Welt der Barré-Akkorde. Es folgen ein paar Seiten mit Schlagmustervorschlägen (Patterns), einige Sätze zum Gebrauch eines Kapos, und dann kommen – unbedingt nötig für Anfänger – Akkorde wie Asus4, Dsus2 und E7sus4; immer grade mal zwei auf einer Seite, ohne Text wohlgemerkt. Ganz nett das Kapitel mit den Powerchords, dann „haben wir fertig“ (steht wirklich so im Heft). Aber, stimmt auch nicht, denn es folgen ja noch neun [!] Seiten mit Songtiteln und entsprechenden Akkorden, fast ausnahmslos zu begleiten mit A, D und E sowie G, C und D beziehungsweise E, A und H7. Keine Texte, keine Noten, keine Tabulaturen und, was wirklich wichtig für den Anfänger gewesen wäre: keinerlei Hinweise, an welcher Stelle welcher Griff zu spielen ist (Akkordwechsel). Apropos Tabulaturen: Zwar wird auf dem Heftumschlag (U4) versprochen, „Wir lernen unter anderem, wie man eine Tabulatur liest und versteht“, doch im Heft findet sich nicht eine einzige Tabulatur, geschweige denn eine entsprechende Erklärung. Diese Veröffentlichung ist eine platzverschwendende, überteuerte Mogelpackung.
Kai Engelke

 ANDREAS GEBESMAIR, ANJA BRUNNER, REGINA SPERLICH: Balkanboom! : e. Geschichte der Balkanmusik in Österreich.
ANDREAS GEBESMAIR, ANJA BRUNNER, REGINA SPERLICH
Balkanboom! : e. Geschichte der Balkanmusik in Österreich.
www.peterlang.com
(– Frankfurt a. M. : Lang, 2014. – 329 Seiten. – (Musik und Gesellschaft ; )
ISBN 978-3-631-64526-0, 61,95 EUR


Das waren noch Zeiten, als eine sich geschmäcklerisch atomisierende Gesellschaft musikalisch auf einen Nenner gebracht wurde. Zuletzt gelang das einer Musik, die unter dem Oberbegriff „Balkan“ firmiert. Von den Niederungen der Clubs hin zu Glamourwelt Madonnas, sie alle wurden Anfang des Jahrtausends von den schrägen Rhythmen und Harmonien des Balkans dominiert. Nach einigen Jahren war allerdings alles vorbei. Moden kommen und gehen, was bleibt? Diese Frage haben sich Andreas Gebesmair, Anja Brunner und Regina Sperlich in ihrer Studie zum Balkanboom! gestellt. Methodisch sauber, leider weitestgehend ohne Auswertung deutscher Quellen, arbeiten sie heraus, welcher Bedingungen es für den Hype bedurfte und warum Wien zum Hotspot wurde. Vorausgeschickt wird, dass es zuvor zu einer Umwertung des Folklorebegriffs kam: Der war etwas für Sammler und nostalgische gesonnene „Gastarbeiter“; mit der neuen Bezeichnung „World Music“ ließ sich die Chose besser vermarkten. Und die neue Weltmusik hörte sich auch anders, moderner an, denn ihre Protagonisten suchten nicht Heimatpflege, sondern Nähe zu Jazz, Rock oder Dance Music. Dem österreichischen Balkanhype kam zugute, dass die Flüchtlinge aus den Balkankriegen, die ihre Instrumente im Gepäck hatten, jung, akademisch gebildet und weltoffen waren. Das half ihnen, tonangebend den Hype zu reiten – und sich von ihm zu distanzieren, als es mit ihm zu Ende ging. Während der Bauer im Karpatendorf immer noch seine Fiedel streicht, hat sich der hippe, urbane „Balkanboom“-Musiker längst vom Genre abgewendet und musiziert anderswo. Was also ist geblieben? Laut Rolling Stone eine „Frischzellenkur“ für die globale Musik, eine Zunahme der personellen Musikerdichte in Wien und eine Zunahme der Livespielstätten. Denn nicht zuletzt half der Balkanboom ein Publikum zur Musik zu führen, das sich altersmäßig zwar von dem des Gypsy Swing und Klezmerrevivals unterschied, nun aber eine neue Gemeinsamkeit herstellte, in der man sich wesensgleich mit Freunden des abenteuerlichen Lebens wähnte. Kein schlechtes Fazit, oder?
Harald Justin
 GERHARD HILDNER [Zsgest.]: Kreuz und quer auf dem Akkordeon : 100 Schlager, Oldies, Stimmungslieder, Seemannslieder, pop. Volksmusik ; leicht gesetzt / Songauswahl: Gerhard Hild
GERHARD HILDNER [Zsgest.]
Kreuz und quer auf dem Akkordeon : 100 Schlager, Oldies, Stimmungslieder, Seemannslieder, pop. Volksmusik ; leicht gesetzt / Songauswahl: Gerhard Hild
www.bosworth.de
www.musikverlag-hildner.de
(– o.O. : Bosworth, 2014. – 262 S. : nur Noten, Akk., u. Texte. – (MH Songs)
ISBN 978-3-86543-854-6, 29,95 EUR


Eigentlich ist schon fast alles gesagt durch den Untertitel, denn tatsächlich sind von Traditionals über Freddy Quinn, Helene Fischer, die Beatles und Scott Joplins „Entertainer“ oder „Scarborough Fair“ Stücke aller genannten Genres vertreten, ein wenig Folk noch dazu. Zu allen Stücken gibt es neben Melodie- und Bassbegleitung auch Akkord- und Tempoangaben sowie die vollständigen Texte. Praktisch an dieser Sammlung: Neben der Spiralheftung finden sich auch ausklappbare Seiten, sollte ein Stück mal umfangreicher sein, was ein Umblättern von Noten unnötig macht. Alles in allem aber eher eine Sammlung für den Alleinunterhalter mit Akkordeon als für den Folkie …
Doris Joosten

Deutschland
 A SEATED CRAFT: Of Birds
A SEATED CRAFT
Of Birds
www.aseatedcraft.com
(Revolver RDSCD039)
14 Tracks, 56:37, mit Texten


Hinter dem Namen A Seated Craft steckt die Künstlerin Alexia Peniguel. Die Wahlberlinerin verwandelte ihre Wohnung in ein improvisiertes Tonstudio und gab den musikalischen Edelsteinen mit einigen befreundeten Künstlern über die Dauer eines Jahres hinweg die nötige Form. Of Birds ist eine dieser seltenen Veröffentlichungen, bei denen bereits mit den ersten Tönen der instrumentalen Einleitung Berührung mit dem Hörer stattfindet. Dieser findet seine Hoffnungen mit Einsetzen des Gesangs erfüllt, und so lehnt er sich entspannt zurück, um aufmerksam, entspannt und irgendwie glücklich dem Gesamtwerk zu lauschen. Die Musik der Künstlerin würde in einer Cocktailbar, nur begleitet von Piano und Kontrabass, genauso fesseln wie in der Chill-out-Lounge eines Jugendfestivals. Die Texte sind persönliche Erzählungen, der leicht angejazzte Gesang wird begleitet von Gitarre, Bläsern und etwas dezentem Schlagwerk. Das Ergebnis ist ein Album voller Geheimnisse, die man eigentlich nur seiner besten Freundin verrät. Diese Künstlerin hat den Durchbruch verdient, und doch hofft der Hörer im Stillen, dass sie wenigstens noch eine kleine Weile unbekannt bleibt, um diesen Schatz weiter etwas hüten zu können.
Christian Elstrodt
 BIBER HERRMANN: Grounded
BIBER HERRMANN
Grounded
www.biberherrmann.de
(Acoustic Music Records 319.1523.2/Rough Trade)
14 Tracks, 58:24


Zwar hat Biber Herrmann sein Album Grounded nicht ausdrücklich dem 2013 verstorbenen Freund und langjährigen Weggefährten Fritz Rau gewidmet, Zitate und Erinnerungen an die gemeinsame Zeit mit der Veranstaltungsreihe „Talk & Musik“ finden sich im Booklet jedoch zuhauf. Als „einen der authentischsten und wichtigsten Folk-Blues-Künstler“ bezeichnete der legendäre Musikveranstalter den Musiker, und wie Recht er damit hatte, stellt Herrmann hier in vierzehn von vierzehn Titeln unter Beweis. Die Fremdkompositionen von Robert Johnson, Huddie Leadbelly oder Bob Dylan sind nicht bloß kopiert, sondern interpretiert, „irgendwie anders“ als das Original, aber doch unverwechselbar und im gleichen musikalischen Duktus gehalten. Als Songwriter verarbeitet Biber Hermann thematisch große Themen wie Freundschaft, Liebe, Hoffnung und Krieg, schwere Texte in klarer, direkter Sprache. Gesang, akustische oder Resonator-Gitarre und ab und an etwas Mundharmonika, das sind die musikalischen Ausdrucksmittel. Handwerklich perfekt, virtuos – der eigentliche Zauber geht jedoch von etwas aus, was nicht erlernbar ist. Das Album strahlt eine tiefe, entspannte Ruhe aus, die Musik „atmet“. Tiefe Verneigung, große Kunst!
Achim Hennes

 GREGOR HILDEN: In Phase
GREGOR HILDEN
In Phase
www.gregorhilden.de
(Acoustic Music Records 319.1534.2/Rough Trade)
13 Tracks, 57:29


Mit dem Blues als Fundament und angereichert durch Funk, etwas Soul und Jazz bleibt Gregor Hilden sich und seiner Musik auch auf diesem Album treu. Ihm zur Seite stehen mit Thomas Hufschmidt, Keyboards, Horst Bergmeyer, Hammond B-3, Martin Engelien, Bass, und Dieter Steinmann, Schlagzeug, exzellente Musiker, bei denen sich das schnöde Vorwort „Begleit-“ verbietet. Folgerichtig räumt Hilden dann auch jedem von ihnen Platz und damit entsprechende solistische Ausdrucksmöglichkeit ein, wodurch immer wieder spannende Bögen und Zuspiele entstehen. Natürlich ist dabei auch dieses Instrumentalalbum von Hildens Gitarrenspiel dominiert: Lange Töne, die in einem schönen Vibrato enden, alles legato gespielt. Verwendet werden jeweils zum Stück ausgesuchte, edle „Vintage“-Instrumente und Verstärker, bei deren bloßer Nennung im Booklet es dem lesenden Gitarristen in den Finger kribbelt. Satte, schmatzende, runde Klänge, eine Wohltat für die Ohren und eine bedingungslose Empfehlung für Liebhaber des Blues in seiner eleganten, geschmackvollen Form.
Achim Hennes
 DANIEL VAGANT: Schön
DANIEL VAGANT
Schön
www.danielvagant.de
(Eigenverlag)
12 Tracks, 49:56


Dass ein versierter Singer/Songwriter aus Deutschland Zeilen singt wie „Ich finde mein Leben ganz toll“ oder „Ich werde fliegen wie ein Schmetterling“ erscheint nicht gerade selbstverständlich, zumal nicht wenige Liedermacher die schwermütig-melancholischen Inhalte eindeutig bevorzugen. So kann es durchaus als „schön“ empfunden werden, wenn gleich zu Beginn des Albums fast so etwas wie eine fröhliche Partystimmung aus den Boxen knallt. Aber das Trio aus Marburg kann auch ganz anders: Was unbeschwert beginnt, wird etwa ab der zweiten Hälfte des Albums ernsthaft und tiefsinnig. Die Reduzierung auf Stimme und Gitarre bei einigen Songs erzeugt zusätzlich Eindringlichkeit und Intensität. Von der Feierlaune zum anspruchsvollen Songwriting – das ist offensichtlich die Dramaturgie dieser rundum erfreulichen Produktion. Die immer wieder eingestreuten Querflöten- und Gitarrensoli von Daniel Vagant bereichern die Songs in besonderer Weise. Daniel Vagant (Gitarre, Gesang, Flöte) , Stephan Becker (Kontrabass) und Patrick Leipold (Schlagzeug, Cajon) präsentieren handgemachten, kraftvollen Akustik-Folkrock der allerfeinsten Sorte.
Kai Engelke

 WAGENBRETH/UHLMANN: Einsam heut Nacht
WAGENBRETH/UHLMANN
Einsam heut Nacht
www.rough-trade.net
(Skycap Records/Rough Trade)
14 Tracks, 52:33


Natürlich ist es der Sänger, der dieses Album ausmacht, aber es sind im vorliegenden Fall eindeutig auch die Songs. Manne Wagenbreth, ostdeutsches Folk-Urgestein aus der Leipziger Szene (Folkländer/Bierfiedler), verfügt über eine jener unverwechselbaren Reibeisenstimmen, die selbst das Örtliche Telefonbuch singen und zu einem herzergreifenden Erlebnis machen könnten. Kaum jemand vermag selbst abgenudelten Heulern so viel Glaubhaftigkeit und Seele zu verleihen wie er. Johannes Uhlmann (diatonisches Akkordeon, Gesang)ist als mit allen Folk- und Weltmusikwassern gewaschener Musiker (Uhlman, Leipziger Folk Session Band u. v. a.) dazu die Idealbesetzung. Den eklektischen Stilmix der Lieder präsentieren sie mit leichter Hand und wie aus einem Guss arrangiert, im Studio von befreundeten Musikern an Geige, Mandoline, Whistle, Posaune und Gesang veredelt. Erstaunlich, wie selbstverständlich deutsche Lieder aus Wagenbreths Feder neben Material von Tommy Sands (wie dem lüpfigen „Come In From The Rain“), dem ergreifenden „Heart Like A Wheel“ von Anna McGarrigle oder dem französischen Traditional „Aux Marches De Palais“ bestehen kann, wie wunderbar Folk- neben Pop- und Rocksongs wie „The River“ von Brian Eno oder „Darling Be Home Soon“ von John Sebastian koexistieren. Die geschmackvollen Arrangements machen dieses Album zu einem Werk, das man wieder und wieder hören möchte.
Ulrich Joosten



DVD/Filme
 DAS BLAUE EINHORN: Das letzte Konzert
DAS BLAUE EINHORN
Das letzte Konzert
www.unicornio.de
(Unicornio Records DVD)
Do-DVD, 34 Tracks, 120:23


Dieser Mitschnitt ihres letzten Konzerts, welches am 23. November 2013 im Alten Schlachthof statfand, ist das Abschiedsgeschenk der blauen Einhörner aus Dresden. Über zwanzig Jahre war Das Blaue Einhorn ein Symbol deutscher Folkmusik. Mit einem einzigartigen Gespür für das richtige Lied und das richtige Arrangement bereisten die vier Vagabunden musikalisch den halben Kontinent mit Liedern etwa aus Griechenland, Israel, Rumänien oder Finnland. Dabei gelang den Musikern das Kunststück, die musikalischen Grenzen vollständig aufzulösen. Jedes ausgewählte Stück auf der DVD klingt wie aus einer gemeinsamen, homogenen, ethnischen Tradition. Aus Klezmer, Fado und Rembetiko wird ein einziger, europäischer Stil. Rio Reiser, Jaques Brel und russische Volksweisen verschmelzen miteinander zur konzertanten Straßenmusik des Blauen Einhorns, das sich auf der Opernbühne genauso wohl fühlte wie in der Folklorekneipe. Die Arrangements gaukeln Quellentreue vor. Der Hörer glaubt, genau so wird das Lied dem Komponisten selbst im Ohr geklungen haben. Die vielen verspielten Details offenbaren den Humor der Interpreten. Das Einhorn ist gegangen und hinterlässt diese Doppel-DVD, die Sehnsucht, Trauer und Dankbarkeit erzeugt.
Chris Elstrodt
 HAINDLING: Haindling – und überhaupts ...
HAINDLING
Haindling – und überhaupts ...
www.haindling.de
www.kickfilm.de/haindling.html
(Zorro Medien DV 999948)
90:00


Zum siebzigsten beschert uns das bayrische Unikum Hans-Jürgen Buchner, Kopf der Gruppe Haindling, eine Bestandsaufnahme. Haindling, benannt nach seinem Wohnort in Niederbayern, macht seit über vierzig Jahren eine eigenwillige Mischung aus neuer Volksmusik, Jazz und Weltmusik. Regisseur Toni Schmid zeigt den Freigeist Buchner in seiner Welt voller Sonne – ob in Niederbayern oder China. Der Schützer des Bayerischen führt uns selbst auf Mundart (ohne Untertitel) spaßvoll durch sein Leben und trägt dazu oft knallige chinesische Hosen. Poetisch und philosophierend durchstreift er Haus und Garten, seine Instrumentensammlung, Zwiebelturmlandschaften und Straßen in China. Man erfährt Einiges über seine Arbeitsweise und Aufgeschlossenheit, zum Beispiel seinen Versuch, in seiner Fantasiesprache mit Chinesen zu kommunizieren. Zu Wort kommen auch die Bandmitglieder und Frau Ulrike, die wir in Aufnahmen aus den Achtzigern sehen, als beide eine Keramikwerkstatt führten, als Ehepaar auftraten und Buchner Schnauzer und Muskelshirt trug. Begleitet wird alles durch bekannte Hits und bisher unveröffentlichte Stücke. Ein Gute-Laune-Film über ein eigenwilliges, weltoffenes, konservatives und glückliches Original. Bestandsaufnahme bestanden!
Imke Staats

 GREG RUSSELL & CIARAN ALGAR: In Concert
GREG RUSSELL & CIARAN ALGAR
In Concert
www.russellalgar.co.uk
(Fellside Recordings FEDV001)
112:00, plus Bonusmaterial (Interview)


Mitte letzten Jahres veröffentlichten die beiden jungen Engländer ihr zweites Album The Call (Fellside Recordings FECD 262), etwa zur gleichen Zeit wurde ein Auftritt im Theatre Royal in Workington gefilmt, den es nun als DVD gibt. Kein Wunder, dass sechs der sechzehn Titel vom aktuellen Album stammen. Ein mehr oder weniger komplettes Konzert also, mit Ansagen und Applaus, und damit eine ideale Bewerbung für Auftritte weltweit. Algar (hauptsächlich Fiddle) hatte gerade seine Schule abgeschlossen und Russell (Gesang, Gitarre, Bouzouki) war im Studium, und es ist bewundernswert zu sehen und hören, mit welcher sympathischen Souveränität sich die beiden durch die diversen Songs und gelegentlichen Instrumentals spielen. Keine eigenen Lieder, aber gelungene, stimmige Interpretationen von traditionellem und zeitgenössischem Material. Auch optisch keine Tricks, genügend und gut abgemischte Kameraperspektiven, angenehmes Licht, was will man mehr? Zwei klitzekleine Auffälligkeiten: Manchmal sind die Kameras zu sehen, bei einem solche kleinen Theater vielleicht unvermeidlich. Und Algar fummelt bei seinen Ansagen ein wenig zu intensiv mit Mikrofon und Ständer. Aber das ist sehr nachrangig bei einem solch angenehmen Konzerterlebnis.
Mike Kamp



Europa
 ATTWENGER: Spot
ATTWENGER
Spot
www.attwenger.at
(Trikont Records US-0462)
23 Tracks, 40:00


Das österreichische Schlagwerk/Akkordeon-Duo hat mittlerweile acht Studioalben und rund 750 Live-Auftritte in 25 Jahren hinter sich. Die Livekonzerte sind krachende Rhythmusübungen mit Katharsiseffekt, die Studioalben waren Erprobungen eines sonischen Spiels mit der Vieldeutigkeit der Sprache und eigentlich konkrete Poesie, in der Sprache dekonstruiert und mit Soundminimalismen zwischen elektrifizierten Akkordeon und Schlagzeug entkernt und neu belebt wird. Das war einzigartig im deutschen Sprachraum und großartig, Streetart mit Kunstverdacht und glücklicherweise nicht angekränkelt von einem Liedermachertum, das meint, bedeutungsschwangere Texte würden die Welt verändern. Auf dem aktuellen Album scheinen Attwenger ihrem alten Konzept nicht mehr so recht zu trauen: Immer noch gibt es die wunderbaren Text- und Sinnverdreher, die aus Sprache Musik machen und sich subversiv der Deutungshoheit der Sprache widersetzen. Allerdings gibt es mehrheitlich nun skurrile Geschichten über unter anderem automatische Türen und Japaner und die Musik dockt mehr als üblich an die österreichische Volksmusik an. Attwenger goes Mainstream? Oder ist Mainstream die neue radikale Avantgarde?
Harald Justin
 DIVERSE: Voice + Vision – Songs of Resistance, Democray + Peace
DIVERSE
Voice + Vision – Songs of Resistance, Democray + Peace
www.topicrecords.co.uk
(Topic Records TSCD774D)
Do-CD, 29 Tracks, 96:15, mit engl. Infos


Diese Produktion löst gemischte Gefühle aus. Zusammengestellt wurde sie anlässlich des 75. Geburtstags des Labels und des 115-jährigen Bestehens der Schulungsstiftung der englischen Gewerkschaften. Die beiden CDs gehen inhaltlich und musikalisch in eine erfreuliche Richtung: Altes und Neueres aus dem Hause Topic (Martin Carthy, John Tams oder Shirley Collins), aber auch Spezialaufnahmen oder Übernahmen von Pete Seeger oder Chumbawamba. Der Untertitel gibt die Themen deutlich vor. Doug Nicholls, der Generalsekretär des Gewerkschaftsbundes, beschreibt im Beiheft ausführlich, warum die einzelnen Songs von ihm und Labelchef Suff ausgewählt wurden. Das ist alles sehr ehrenwert, wenn auch manchmal ein wenig mit Pathos angereichert. Nun mag es unangemessen sein, diese Frage von Deutschland aus in Richtung England zu stellen, aber glaubt der Generalsekretär tatsächlich, was er schreibt, nämlich das Gewerkschafter diese Lieder in Zukunft zu diversen Anlässen singen werden? Um Missverständnissen vorzubeugen: Es wäre grandios, wenn das geschähe, aber es ist wohl zu erwarten, dass Lieder wie „Rigs Of The Time“ oder „Black Leg Miner“ auch in Zukunft eher auf Folkbühnen interpretiert werden. Eine schönes Doppelalbum ist es allemal.
Mike Kamp

 PHILIPP FANKHAUSER: Home
PHILIPP FANKHAUSER
Home
www.philippfankhauser.com
(Funk House Blues Productions/Sony)
14 Tracks, 63:29, mit engl. Texten u. Infos


Der Schweizer Bluesmusiker und Singer/Songwriter hat bereits dreizehn Alben veröffentlicht. Jetzt legt er das vierzehnte vor, das von dem Gitarristen und Bandleader Marco Jencarelli produziert wurde. Die Aufnahmen entstanden unter Mitwirkung seiner langjährigen Musikerfreunde Hendrix Ackle (Orgel, Piano) , Angus Thomas (Bass) und Richard Spooner (Schlagzeug). Bei einigen Titeln sind auch Till Grünewald (Altsaxofon), Lukas Thoeni (Flügelhorn), Thomi Geiger (Tenorsaxofon) und Luis Conte (Percussion) dabei. Vor mehr als zwanzig Jahren hatte Fankhauser den amerikanischen Gitarristen und Sänger Johnny Copeland (gestorben 1997) kennengelernt und war mit ihm durch Europa und die USA getourt. Eine Goldene Schallplatte in der Schweiz zählt zu seinen Auszeichnungen. Das alles spricht für Qualität. Mit Titeln wie „Sweet Sensations“ und „Rainy Night In Georgia“ stellen die Musiker enormes Können und große Spielfreude unter Beweis. Ein Lob verdienen auch das hervorragend gestaltete Digipack und das Booklet. Ein absolutes Muss für jeden Bluesfan
Annie Sziegoleit
 RENAUD GARCIA-FONS & DERYA TÜRKAN: Silk Moon
RENAUD GARCIA-FONS & DERYA TÜRKAN
Silk Moon
www.renaudgarciafons.com
(E-Motive Records EM0141/Galileo MC)
14 Tracks, 56:36


Der Franzose Renaud Garcia-Fons ist einer der virtuosesten und innovativsten Kontrabassisten dieser Zeit. In atemberaubender Perfektion entlockt er seinem fünfsaitigen Kontrabass ganz neue Töne, gezupft oder mit seiner spektakulären Bogentechnik. Trotz seiner nahezu grenzenlosen Möglichkeiten auf dem Instrument steht bei Garcia-Fons die Klarheit der musikalischen Aussage im Fokus. Das ist auf Silk Moon wieder ganz wunderbar gelungen: Mit dem türkischen Musiker Derya Türkan entsteht ein intensiver Dialog zwischen dem kleinsten Streichinstrument, der Kemençe, und dem großen Kontrabass. Dabei erreichen die beiden Virtuosen durch ihr intensives Zusammenspiel einen höchst organischen Sound, der durch reduzierte, geradezu kammermusikalische Intimität besticht. Hier passiert Weltmusik im allerbesten Sinn. Mit absoluter Selbstverständlichkeit trifft orientalische Musiktradition auf Flamenco, klassische Musik, Latin und vieles mehr. Es wird nie klischeehaft oder oberflächlich agiert, diese beiden meinen jeden Ton, den sie spielen. Und das geht direkt ins Herz. Überragend!
Christian Kussmann

 HARALD HAUGAARD: Lys Og Forfald
HARALD HAUGAARD
Lys Og Forfald
www.haraldh.dk
(Westpark Music)
11 Tracks 42:17, dän., engl. u. dt. Infos


Das dritte Soloalbum des dänischen Meistergeigers ist der Abschluss einer Trilogie. Während die ersten beiden mehr zukunftsgerichtet sind, betont Haugaard im Booklet, dass auch der Zerfall wie im Herbst seine Ruhe und Schönheit hat: „Aus Zerfall entsteht Licht.“ Vielleicht entspricht das auch seinem Lebensweg. Nach dem Aufbau der Folkmusiklinie an der Akademie in Odense als Dozent ist er seit 2013 künstlerischer Leiter von Folk Baltica und hat bereits zwei Festivals erfolgreich durchgeführt. Es ist nicht nur die brillante Technik mit der Haugaard so fasziniert. Schon bei wenigen Tönen spürt man seine Seele, die verbunden ist mit seiner Geige und der dänischen Musiktradition. Nach mehr als vierhundert Auftritten weltweit, einigen CD-Produktionen und der Zusammenarbeit bei Gestaltung und Arrangement der Stücke ist mit seiner Band eine enge musikalische und menschliche Bindung entstanden. Im Einzelnen sind das seine Frau Helene Blum an der Violine, Kirstine Pedersen am Cello, Mikkel Grue und Mattias Pérez an der Gitarre und Sune Rahbek an der Percussion. Viele weitere Mitmusiker tragen zu Nuancen in den verschiedenen Stücken des Albums bei. Die Releasetour in Deutschland wird im November fortgesetzt.
Bernd Künzer
 GEMMA HAYES: Bones + Longing
GEMMA HAYES
Bones + Longing
www.gemmahayes.com
(Chasing Dragons GH233939/Membran)
11 Tracks, 11:28, mit engl. Texten u. Infos


Für Gemma Hayes ist die Musik zugleich Kampf und Tagtraum. Schon als Kind fasziniert sie, „wie ein Song die Atmosphäre eines Raumes bestimmen kann und in die Menschen eindringt, um sie für kurze Zeit zu verändern. Ich mag wohin sie mich trägt“, erklärt die Irin. Süchtig sei sie nach dem Songschreiben, wie in einer Abhängigkeit gefangen, die ihr Schmerzen bereitet und doch Lebenselixier ist. Ihr nunmehr fünftes Album ist Zeugnis einer musikalischen Arbeit, die Hayes besonders mental gefordert hat. Ihr Anliegen, die Songs nicht in verkopft-überproduzierten Versionen zu veröffentlichen, zahlt sich aus. Von einigen der elf Tracks ist der allererste Take im Studio zu hören, „inklusive aller Ungenauigkeiten“, so Hayes. Sich in den Songs auf diese Weise menschlich unperfekt und ungeschönt zu zeigen, rang der Sängerin einiges an Mut ab, aber das Ergebnis dankt es ihr. Eindringliche Songs sind es geworden, am schönsten, wenn Hayes’ Stimme nur minimal begleitet wird und sehr nah und persönlich wird. Sie singt über finstere Sehnsüchte, dysfunktionale Beziehungen und den Schmerz in der Liebe. „There’s a name for the pain that sits in equal parts between us“, dichtet sie in „Making My Way Back“. Wunderschön.
Judith Wiemers

 HOLLER MY DEAR: Eat, Drink & Be Merry
HOLLER MY DEAR
Eat, Drink & Be Merry
www.hollermydear.com
(Traumton Records 4620/Indigo)
15 Tracks mit Texten, 65:36


„Liebe Seele, du hast einen großen Vorrat auf viele Jahre; habe nun Ruhe, iß, trink und habe guten Mut!“, heißt es in Luthers Bibelworten. Weil Holler My Dear sich fürs gute Essen und Trinken erwärmen, stellen sie ihrem zweiten Album dies Zitat voran: „Eat, drink and be merry.“ In der Bibel erwidert Gott, dass es mehr im Leben gebe als nur Genuss. Doch die Band setzt nicht auf Botschaft, sondern auf ihr musikalisch großartiges Miteinander. Schon die Gruppierung zeigt, Europa ist längst enger zusammengewachsen, als die EU in Brüssel ahnt. Zwei Österreicher, zwei Russen, ein Engländer und ein Deutscher bewegen Mandoline, Gitarre, Akkordeon, Schlagzeug und Bass unverbraucht und mühelos in einer wundersamen Welt polyfoner Klänge. So wie Stephen Moult, einst Sängerknabe der Royal Opera in London, sein geniales Trompetenspiel damit verquickt, so quicklebendig und nonchalant ist Laura Winklers Gesang. Holler My Dears wunderbare Clever-&-Smart-Arrangements bekunden, progressive Musik lässt sich auch ohne elektronische Effekte machen. Eine farbenprächtige Widmung an die Hauptstadt: Hier steppt der Berliner Bär jazzig Avantgarde-verliebten Chansonpop à la russe in balkanesker Weltmusik.
Stefan Sell
 JETLAG ALLSTARS: Vintage
JETLAG ALLSTARS
Vintage
www.jetlagallstars.info
(Quinton Q-1403-2)
12 Tracks, 55:25


Auf das Wiener Quinton-Label ist gemeinhin Verlass: Es ist bekannt für Produktionen zwischen Jazz und Weltmusik außerhalb genormter Standards und mit hohen Anforderungen an die Klangqualität. Diesen Anspruch gilt es zu halten mit dem Trio um dem Violinisten Mario Gherghiu, dem Gitarristen Klaus Wienerroither und dem Bassisten Ernnö Rácz, das sich den dummen, weil nicht lustigen oder sonstwie passenden Namen „Jetlag Allstars“ gegeben hat. Geboten wird eine Rundreise durch die alten Jahre. Denn gut abgehangen, nämlich vintage, ist die Musik, bei denen zweimal die neu gegründete Barbara Bruckmüller Big Band mitspielt. Mit leichtem Pusztatemperament wird an sattsam bekannten Klassikern von unter anderem Mozart, Bach, Lehár und Strauss gezündelt, werden Rock, Bluegrass und Jazz zitiert. Mit Fug und Recht lässt sich nun darüber diskutieren, ob die Welt tatsächlich noch einen Versuch braucht, in der Klassik verjazzt oder gypsyfiziert bzw. Jazz oder Gypsymusik mit Klassik fusioniert werden muss. Anscheinend, denn das Fusionsubgenre Klassikjazzfolk füllt längst Regale und ist besonders in Wien beliebt. Wer noch Platz neben Jacques Loussiers verjazzten Bach-Einspielungen hat, darf zugreifen.
Harald Justin

 LA BANDA DI PIAZZA CARICAMENTO: Il Sesto Continente
LA BANDA DI PIAZZA CARICAMENTO
Il Sesto Continente
www.felmay.it
(Felmay fy8221)
11 Tracks, 44:25, mit Texten


Davide Ferrari, Bandleader des Genueser Multikultiorchesters, erschuf sich seine eigene Vision des Paradieses: „Der sechste Kontinent ist ein idealer Ort, wo Migranten und Reisende ihre Träume verwirklichen können, wo alle mit offenen Armen empfangen und Emotionen gelebt werden, wo Traditionen und die Kreativität blühen.“ Musikalisch fühlt sich diese Welt recht funky an. „Rock The Casbah“, dieser alte Clash-Song, fetzt mit einem babylonischen Sprachgewirr über alle Kontinente hinweg. „Final Call“, ein Folksong der Irin Lorraine McCauley macht unversehens eine Reise über Tadschikistan in den Senegal. Die vielen ausdrucksvollen Sologesangsstimmen in unterschiedlichsten Sprachen und Timbres sorgen für Abwechslung. Vergleiche zu den Projekten von Daniele Sepe drängen sich auf. Wo der Neapolitaner seine Tradition mit radikalen Stilbrüchen konfrontiert, versucht die Banda aus unterschiedlichsten Musikstilen und Kulturen eine Einheit zu schaffen. Alles klingt erstaunlich organisch und ungezwungen. 25 Musikschaffende aus Europa, Afrika, Asien und Lateinamerika lassen ihre Kulturen in ein Gesamtwerk einfließen. Wären Politiker Musiker, könnte der sechste Kontinent Wirklichkeit werden.
Martin Steiner
 MAIRI MacINNES: Gràs
MAIRI MacINNES
Gràs
www.mairimacinnes.com
(Puffin Recordings PUFFIN01CD)
10 Tracks, 42:32, mit engl. Infos


Eigentlich braucht man dieses Album gar nicht zu hören, um seine Qualität zu beurteilen. Wenn Musiker wie Aaron Jones, James Mackintosh oder Hamish Napier oder gar die Capercaillie-Sängerin Karen Matheson mit von der Partie sind, dann kann eigentlich nichts schiefgehen. Wenn man allerdings die wunderbare gälische Stimme von Mairi MacInnes kennt, dann kriegt man die CD gar nicht schnell genug in die Lade. Das erste Soloalbum seit gut zehn Jahren beginnt allerdings mit gerunzelter Stirn: Moment, macht MacInnes jetzt auf auf Esoterik? Keine Sorge, es ist lediglich eine kurze atmosphärische Einstimmung, und dann können wir uns voll und ganz auf diese einzigartige Stimme konzentrieren. Ob sie nun anhand einer Aufnahme aus dem Jahr 1972 mit ihrem Onkel im Duett singt, ob sie rhythmische und optimistische gälische Mouth Music oder hypnotisierende Waulking Songs der arbeitenden Frauen aufleben lässt oder ob sie herzzerreißende Liebes- und Abschiedslieder zelebriert, immer ist es der Gesang mit seiner ganzen Reife, der fasziniert. Wenn es denn eines Beweises bedurft hätte, dass Mairi MacInnes eine der ganz großen Sängerinnen Schottlands ist, dieses Album liefert ihn.
Mike Kamp

 MONSIEUR DOUMANI: Sikoses
MONSIEUR DOUMANI
Sikoses
www.monsieurdoumani.com
(Eigenverlag)
13 Tracks, 53:38, mit Foto u. engl. u. zypr. Infos


In Heft 1/2015 besprachen wir das Debütalbum dieses zypriotischen Trios, und schon schieben Demetris Yiasemides, Angelos Ionas und Antonis Antoniou ihre Nummer zwei nach. Im Unterschied zu Grippy Grappa präsentiert Sikoses nicht so viele verschiedene Musikstile, sondern erscheint musikalisch mehr aus einem Guss, wenn auch die Zwischenspiele abwechslungsreich zwischen traditionelleren und jazzigeren Partien rangieren. Der Schwerpunkt lieg eindeutig auf den Texten, die im regionalen Idiom des zypriotischen Griechisch verfasst und so Griechen nicht ohne weiteres verständlich sind, erst recht nicht dem Rezensenten, der aber auf englische Übersetzungen im Beiheft zurückgreifen kann. Doch auch hier müsste man wohl noch mehr Erklärungen haben, um die vielen den Zyprioten wohl geläufigen Anspielungen zu verstehen. Es geht jedenfalls um eine Demaskierung gesellschaftlicher und politischer Missstände, die ironisch auf den Arm genommen werden. Sikoses ist der Name des letzten Schlemmens vor der Fastenzeit, des Karnevals eben, sodass die Lieder gleichsam musikalische Büttenreden sind. Der an die tschechische Gruppe Krless erinnernde Gesang lässt auch des Zypriotischen Unkundige den Witz der Lieder erspüren.
Michael A. Schmiedel
 PETE MORTON: The Frappin’ And Ramblin’ Pete Morton
PETE MORTON
The Frappin’ And Ramblin’ Pete Morton
www.petemorton.com
(Fellside Recordings FECD261)
10 Tracks, 46:51, mit Texten


In der Kategorie „Worte pro Minute“ ist Pete Morton unschlagbar und hat für diese Stilrichtung einen eigenen Begriff gefunden, den Frap – eine Mischung aus akustischem Rap, Talking Blues und englischem Folksong. Davon hat der Engländer, der immer mal wieder kurze Gastspielreisen nach Deutschland unternimmt, gleich drei auf seinem neuen Album. Aber auch ansonsten schreckt Morton vor Worten nicht zurück. Das passt aber, oder wie nennt man das, wenn tatsächlich ein Lied über die Renationalisierung der Eisenbahn tagelang die Ohren blockiert? Morton legt meist großen Wert auf Inhalte, politisch, ja, und parteilich sowieso, denn er ergreift Partei für die Kleinen, die Immigranten, die Farmer, die Bettler, all die, die das System ausspuckt. Das macht er mit seiner kräftigen Stimme und Weggenossen wie Chris Parkinson (Melodeon, Akkordeon) , Jon Brindley (Fiddle, Gitarre) oder der kürzlich leider verstorbenen Maggie Boyle F(löte, Gesang). Der weitestgehende Livecharakter der Aufnahmen kommt dem rauen Charme der Lieder entgegen. Pete Morton eben, wie wir ihn lieben.
Mike Kamp

 ORIOXY: Lost Children
ORIOXY
Lost Children
www.orioxy.net
(GLM Music EC 562-2)
11 Tracks, 51:41, mit arab., engl., franz. u. hebr. Texten


Gleich vorweg: Die Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia hat die Band in ihre „prioritäre Jazzförderung“ 2015-17 aufgenommen. Seit 2008 präsentiert sich Orioxy als musikalischer Flickenteppich unterschiedlichster Stilrichtungen, wobei gleich mehrere Sprachen, konkret englisch und französisch, aber auch hebräisch und sogar arabisch weniger das Traditionelle oder Folkloristische, sondern vielmehr eine Prise Fremdartigkeit einbringen. Als Seele des Ensembles und deren dritten Albums, im Pressetext als „turning point“ beschrieben, sind die beiden Frauen Yael Miller (voc, Texte) und Julie Campiche (harp) zu nennen, begleitet von der Rhythmusformation Manu Hagamnn (b) und Roland Merlinc (dr) . „Ishah“ (dt. „Frau“) mag als musikalischer Prototyp dieses Albums herhalten, in dem insbesondere das Harfenspiel fasziniert. Nicht nur sprachlich fällt „Bakhur Meshu’amam“ (dt. „Gelangweilter Kerl“) aus dem Rahmen: Die sonst eher weicheren Melodien werden hier, neben dem hebräischen Gesang von Miller, gesanglich vom Sami Darg Team, Rappern aus Gaza ergänzt. Schließlich darf zum Ausklang auch eine Neuinterpretation der Lennon-McCartney-Komposition „Blackbird“ nicht fehlen. Das alles ist spannend anzuhören.
Matti Goldschmitt
 PLAYING CARVER: Leave The Door Open
PLAYING CARVER
Leave The Door Open
www.brokensilence.de
(Leave The Door Open/Broken Silence THMLQ 423689)
12 Tracks, 43:35, mit engl. Infos


Schon die Namen versprechen eine internationale Supergruppe. Das so ungewöhnliche wie großartige Projekt Playing Carver mit John Parish, Marta Collica, Boris Boublil, Gaspard LaNuit, Csaba Palotaï, Jeff Hallam und Marion Grandjean legt ein Folkrockalbum der ganz besonderen Klasse vor. Jeder Musiker übernimmt bei den Songs wechselnde Aufgaben und Instrumente. Die Titel sind Vertonungen von Kurzgeschichten des amerikanischen Schriftstellers Raymond Carver, der 1938 geboren wurde und 1988 gestorben ist. Alle seine Bücher sind auch in deutscher Übersetzung erschienen. Carver-Storys bilden die Grundlage des Robert-Altman-Films Short Cuts, auch in dem 2015 mit mehreren Oscars ausgezeichneten Film Birdman spielt ein Carver-Text – „Wovon wir reden, wenn wir von Liebe reden“ – eine zentrale Rolle. Das Musikprojekt Playing Carver ist eine wunderbare Hommage an diesen früh verstorbenen Autor.
Annie Sziegoleit

 ETTA SCOLLO: Scollo Con Cello – Tempo Al Tempo
ETTA SCOLLO
Scollo Con Cello – Tempo Al Tempo
www.jazzhausrecords.com
(jazzhaus records JHR 107)
14 Tracks, 48:09, mit ital. u. dt. Texten


„Dare Tempo al Tempo“, der Zeit Raum geben, abwarten, was sich entwickelt. Diese Gedanken müssten all denjenigen Musikern mit auf den Weg gegeben werden, die ihren Kompositionen den Atem rauben. Scollo Con Cello ist eigentlich ein Duoalbum. Hier die Stimme und Gitarre der Sizilianerin, da das Cello, ab und an die Mandoline und Duostimme von Susanne Paul. Die Reduktion auf das Wesentliche, der Verzicht auf Overdubs und Gastmusiker schaffen Raum und eine intime Atmosphäre, die zum genauen Zuhören einlädt. Die musikalische Bandbreite reicht von barocken Tönen über Volkslieder bis zum Kunstlied. Etta Scollo philosophiert über die (fehlende) Zeit, Lieder zu schreiben, das Leben und die Liebe ? gesungen auf Italienisch, Deutsch, einmal auch auf Sizilianisch. Das Textmaterial stammt aus eigener Feder, aber auch von den sizilianischen Dichtern Salvatore Quasimodo und Sebastiano Burgaretta oder dem deutschen Lyriker Joachim Sartorius. Hervorzuheben ist das Beiheft mit guten deutschen Übersetzungen aller Lieder. Scollos gesangliche Oktavensprünge, der barocke Schönklang und die verspielten Elemente dieses Duoprojekts entführen in eine weibliche Klangwelt mit eigener Magie.
Martin Steiner
 ROBIN WILLAMSON: Trusting In The Rising Light
ROBIN WILLAMSON
Trusting In The Rising Light
www.pigswiskermusic.co.uk
(ECM 2393)
12 Tracks, 51:07, mit engl. Texten


Warum findet der in Wales lebende Schotte Williamson eigentlich in der Folkszene so gut wie nicht mehr statt? Will er das selbst so? Selbst aufgeschlossene Festivals wie das TFF haben den über Siebzigjährigen ignoriert. Liegt es daran, dass er auf dem coolen Münchner Jazzlabel ECM veröffentlicht? Unvorstellbar! An der Musik jedenfalls kann es nicht liegen. Da gibt es sehr nachvollziehbare Parallelen zu seiner Arbeit mit der Incredible String Band oder später der Merry Band. Die zwölf eigenen Songs interpretiert er wie immer auf Harfe, Gitarre, Hardangerfiedel und Whistle sowie mit seinem typischen Gesang, einer bardischen und freien Interpretation der Melodie. Dazu kommen auf der CD (live spielt er momentan meist gemeinsam mit seiner Frau Bina) zwei amerikanische Kollegen, der Violinist Mat Maneri und der Vibrafonspieler und Percussionist Ches Smith. Mit letzterem zelebriert er eines der ungewöhnlichsten Stücke des Albums: „Night Comes Quick In LA“ – Percussion und Gesang, absolut faszinierend. Ansonsten sind unter anderem keltische, indische oder jazzige Elemente ebenso zu hören wie Blueseinflüsse. Doch, der Mann ist noch ausgesprochen fit! Wer Williamson lange nicht gehört hat, aber ihn vor dreißig Jahren mochte – einfach mal wieder vorbeihören.
Mike Kamp

Kurzrezensionen
 DOUG ADAMZ: Doug Adamz Plays National Steel
DOUG ADAMZ
Doug Adamz Plays National Steel
www.dougadamz.com
(Magi Productions)
17 Tracks, 58:03


Nicht Douglas Adams, mit „42“ Rekordhalter der kürzesten Antwort auf die am längsten dauernde Berechnung der Sinnfrage des Lebens, ist gemeint, sondern Doug Adamz, der Gitarrist aus Texas, der sich mit diesem Album dem Instrument der Dobro-Brüder widmet. Keine Neuinszenierung, aber solides Handwerk, mit großer Hingabe ausgeführt.

 REINI ADELBERT: Leave Your Light On
REINI ADELBERT
Leave Your Light On
www.reiniadelbert.co.za
(Eigenverlag)
11 Tracks, 38:38


Relaxte Grüße aus Capetown. Reini Adelbert, Fingerstyle spielender Anwalt und Singer/Songwriter mit Vorliebe für Afroblues, unterlegt Textzeilen wie „We are all rich and poor, black and white“ mit wunderbar warmen Saitentönen, die seine Stimme auf Seide betten. Sehr gut, um einen verplanten Tag unverplant ausklingen zu lassen.


 AMERICAN SONGBIRDS: Sing Me A Song
AMERICAN SONGBIRDS
Sing Me A Song

(Jaro JARO 4322-2)
13 Tracks, 53:23


Sing Me A Song heißt das Livealbum der vier Musikerinnen, und das tun sie. Vier starke, individuelle Sängerinnen singen, dass einem die Spucke wegbleibt. Souverän und mit großer Selbstverständlichkeit werden die Eigenkompositionen und Coverversionen aus den Ärmeln geschüttelt. Moderner Americana, der sich auch bei Genres wie Pop und Hip-Hop bedient.

 ÁRSTIDIR: Hvel
ÁRSTIDIR
Hvel
www.arstidir.com
(Beste! Unterhaltung/Broken Silence)
12 Tracks 45:04


Auf ihrem dritten Album spielen die inzwischen weltbekannten Isländer nun wieder als Quartett mit Gitarren, Geige, Cello, Klavier und mehrstimmigem Gesang. Sie bewegen sich zwischen Folk und Pop. Nach wie vor macht ihr harmonischer Gesang den einmaligen Klang aus. Vier Lieder sind auf Isländisch, der Rest auf Englisch. Alle Texte sind im Booklet abgedruckt.


 ARTHUR: Dreams And Images
ARTHUR
Dreams And Images

(Light In The Attic Records/Cargo LITA 118)
13 Tracks, 30:36


Diese Wiederveröffentlichung aus dem Jahr 1968 ist einigermaßen bizarr. Das von Lee Hazelwood produzierte Album beinhaltet eher vertonte Gedichte als Lieder und Arthurs helle Stimme zur Akustikgitarre, umwoben von einem versponnenen, psychedelischem Folkgespinst aus Streich- und Blasinstrumenten. Wirkt wie eine gelungene Persiflage auf diese Zeit.

 LARS ATTERMANN: Shanghaied Into The Lonely Sea
LARS ATTERMANN
Shanghaied Into The Lonely Sea
www.larsattermann.com
(Divine Records NM-1401/Broken Silence)
11 Tracks, 44:33


Der dänische Tausendsassa mit seinem zweiten Album. Tatkräftig unterstützt von Will Sexton, dessen Bruder Charlie Sexton an der Gitarre und Dony Wynn am Schlagzeug, entstanden in der Nähe von Austin elf Americanastücke gepaart mit nordischer Melancholie. Trotzdem fehlt dem Ganzen das Quäntchen Magie. Übrig bleibt ein ordentliches Album ohne Höhen und Tiefen.


 ROBBY BALLHAUSE: Well Wasted Time
ROBBY BALLHAUSE
Well Wasted Time
www.robbyballhause.de
(Timezone Records TZ367)
13 Tracks, 45:10


Ein Mann und seine Gitarre: Wie gut dieses einfache Rezept wirkt, zeigt Robby Ballhause, der das Wesentliche hier allein bestreitet. Dabei überzeugt er auf seinem siebten Album durch ausdrucksstarke Stimme und variantenreiches Gitarrenspiel – sowie mit seinen Songs übers Unterwegssein, Umweltzerstörung und die Kunst des Müßiggangs.

 BALTIC SEA CHILD: Baltic Sea Child
BALTIC SEA CHILD
Baltic Sea Child
www.spv.de
www.balticseachild.com
Promo-CD
(SPV Recordings)
11 Tracks, 40:00


Debütalbum der neuen Band rund um Kai Wingenfelder (Fury in the Slaughterhouse) und Lars Jensen (Tears for Beers). Fröhlicher, flotter, Pogues-artiger Irish Folkrock aus Norddeutschland. Spaß soll dieses Album dem Willen ihrer Macher nach machen. Das Ziel haben sie erreicht! Mehr wollen sie nicht. Obwohl einige der Balladen schon etwas ernster klingen.


 BASSA: Tango Azul
BASSA
Tango Azul
www.bassa-welt.de
(Flowfish Records/Broken Silence)
11 Tracks, 49:27


Präzise, gekonnt, überzeugend, virtuos: „Mit jedem Schritte und Tritte“ ihrer neuen Scheibe bringen Bassa Buenos Aires nach Berlin Mitte. Das Quartett deutsch-japanisch-amerikanischer Freundschaft vereint hör- und tanzbar Violine, Klarinette, Gitarre, Bass, Percussion zur Weltsprache Tango, voller Licht und Schatten, Sinnlichkeit und kühlem Temperament.

 BLACK PATTI: No Milk, No Sugar
BLACK PATTI
No Milk, No Sugar
www.black-patti.de
(Rhythm Bomb Records RBR5805/Broken Silence)
12 Tracks, 39:37


Das Duo Peter Crow C. und Ferdinand „Jelly Roll“ Kraemer haben sich dem Vorkriegsblues verschrieben und bieten Blues, Ragtime und Spirituals. Die Musik des Duos begeistert mit zweistimmigem Gesang, schönen Wechseln zwischen Gitarre, Mandoline und Mundharmonika. „Recorded on analog vintage equipment“ – garantiert authentische Atmosphäre und toller Klang.


 BLACKBERRY ’N MR. BOO-HOO: The Many Sides Of Blackberry ’N Mr. Boo-Hoo
BLACKBERRY ’N MR. BOO-HOO
The Many Sides Of Blackberry ’N Mr. Boo-Hoo
www.myspace.com/blackberrynmisterboohoo
(Rhythm Bomb Records RBR5901/Broken Silence)
17 Tracks, 59:48


Wild, rau, ungeschliffen und oft übersteuert: Die zwei Franzosen machen mit akustischer und E-Gitarre, Stompbox, Mundharmonika und Gesang Blues im weiteren Sinne, oft psychedelisch durchsetzt. Auf der Bühne wird das grandios sein, auf Tonträger ist das ziemlich starker Stoff bzw. eine Prüfung für unfreiwillige Mithörer – und damit wieder richtig gut.

 ROBERT SARAZIN BLAKE: Robert Sarazin Blake
ROBERT SARAZIN BLAKE
Robert Sarazin Blake
www.robertsarazinblake.com
(Songs & Whispers Records SSR 015/Broken Silence)
Promo-CD, 10 Tracks, 49:41


Der US-Amerikaner Blake macht sich auf seinem elften Album auf die Suche nach seinen irischen Wurzeln, klingt dabei wie Dylan auf seinem zweiten Album, nur weniger rau, weniger schwarz, sehr folkig und wie ein Original aus Greenwich Village in den Sechzigern. Hervor stechen die Duette mit der Songschreiberin Anais Mitchell.


 RYAN BOLDT: Broadside Ballads
RYAN BOLDT
Broadside Ballads
www.thedeepdarkwoods.com
(Dahl Street Records)
9 Tracks, 33:20


Ryan Boldt, Sänger und Gitarrist der kanadischen Band Deep Dark Woods, hier mit einem Soloalbum. Sehr sparsam instrumentiert, interpretiert Boldt Traditionals und ein eigenes Stück. Eingespielt mehr zufällig, mit und bei Freunden, hält eine melancholische Grundstimmung die Stücke zusammen, und im Hintergrund zwitschern ziemlich präsent die Vögel.

 JIM BOYES: Sensation Of A Wound – The Long, Long Trail Of Robert Riby Boyes
JIM BOYES
Sensation Of A Wound – The Long, Long Trail Of Robert Riby Boyes
www.nomasters.co.uk
(No Masters NMCD44)
14 Tracks, 44:30


Nur eines von Millionen traumatischer Soldatenleben im Ersten Weltkrieg, hier vom Großvater des Mitglieds von Coope, Boyes & Simpson, einfühlsam begleitet an Piano und Akkordeon von Belinda O’Hooley. Es sind die persönlichen, teils kleinen Drehungen und Wendungen, die die Geschichte einprägsam machen. Wann endlich lernen wir unsere Lektion?


 RODOLPHE BURGER: Le Cantique Des Cantiques & Hommage À Mahmoud Darwich
RODOLPHE BURGER
Le Cantique Des Cantiques & Hommage À Mahmoud Darwich
www.dernierebandemusic.com
(Dernière Bande)
2 Tracks, 59:24


Rodolphe Burger ist ein 57-jähriger Sänger und Gitarrist, der in Frankreich mit seiner Rockband Kat Onoma und als Solist bekannt wurde. Dieses Album enthält nur zwei Stücke, die auf einen Theaterabend zurückgehen, ein Track ist zwanzig Minuten lang, der andere vierzig. Burger spricht viel, seine Stimme ist großartig – männlich und sexy. Die Musik ist sehr reduziert, etwas Gitarre, etwas Ud, etwas Elektronik. Sehr stylish.

 TIMO BRAUWERS: Journey To The Unknown
TIMO BRAUWERS
Journey To The Unknown
www.timobrauwers.de
(Acoustic Delite Records)
11 Tracks, 45:38


Der Steelstringgitarrist aus Viersen veröffentlicht sein erstes Album in eigener Regie. Entspanntes perkussives Fingerpicking, lässiges Tapping und die ohrwurmartigen Kompositionen sorgen für einen hohen Wohlfühlfaktor. Ergänzt durch Bass, Schlagzeug und Vibrafon, tritt man diese Reise ins Unbekannte gerne an.


 NICO BRINA: That’s My Way – 30 Years: The Jubilee Sessions
NICO BRINA
That’s My Way – 30 Years: The Jubilee Sessions
www.nicobrina.ch
(Stormy Monday Records, MO81397)
17 Tracks, 53:02


Der 45-jährige Schweizer Boogie-Woogie-Pianist und Komponist präsentiert teilweise bereits veröffentlichte und Livetitel der letzten dreißig Jahre. Unterstützt wird er vom Gitarristen Pete Borel, der auch bei The Black Barons spielt, sowie den beiden Schlagzeuglehrern Tobias Schramm und Charlie Weibel.

 JON BROOKS: The Smiling & Beautiful Countryside
JON BROOKS
The Smiling & Beautiful Countryside
www.jonbrooks.ca
(Borealis Records BCD231)
10 Tracks, 45:58


Ein Geschichtenerzähler allererster Güte ist der Kanadier, und dazu braucht er nur Gitarre, Banjitar und seine markante Stimme. Selbst geschriebene zeitgemäße Mörderballaden des ländlichen Kanada, und das mit literarischen Einflüssen. Sein Kommentar: „Mit vier CDs habe ich inspiriert, jetzt geht’s ans Beleidigen!“ Und das ist sehr unterhaltsam.


 TOM BROSSEAU: Perfect Abandon
TOM BROSSEAU
Perfect Abandon
www.tombrosseau.com
Promo-CD
(Tin Angel Records/Indigo)
10 Tracks, 41:23


Mit leichtem Rockabilly-Swing segelt der Geschichtenerzähler Brosseau durch seine Songs. Sparsam arrangiert, ohne Angst vor der einen oder anderen sirrenden Gitarrensaite, besinnt sich der US-Amerikaner auf die Dreißiger- oder Vierzigerjahre, als Musiker riesige Hüte trugen und ausgesprochen trinkfest waren.

 BUENA VISTA SOCIAL CLUB: Lost And Found
BUENA VISTA SOCIAL CLUB
Lost And Found
www.worldcircuit.co.uk
(World Circuit WCD 090/Indigo)
14 Tracks, 48:26


Pünktlich zur Abschiedstournee des Buena Vista Social Club gibt es bisher unveröffentlichtes Material mit unterschiedlichen Aufnahmedaten. Das Album besteht aus einer Mischung von akzeptablen Gesangsnummern, etlichen teilweise verzichtbaren Instrumentalsessions sowie Konzertmitschnitten, die hier noch zu den Highlights gehören. Letzte Gelegenheit.


 CARNIVAL YOUTH: No Clouds Allowed
CARNIVAL YOUTH
No Clouds Allowed
www.facebook.com/carnivalyouth
(Popup-Records LC12427/Cargo/Believe)
Promo-CD, 11 Tracks, 40:35


Popmusik im besten Sinne. Die Indierocker von Carnival Youth machen alles richtig und liefern tanzwütige Ohrwürmer mit euphorisierenden Hymnen im Harmoniegesang, reichlich Glockenspiel und Klavier, gepaart mit glasklaren Beats und rhythmisierenden Gitarren. Ein erprobtes, süchtig machendes Rezept.

 COLOGNE WORLD JAZZ ENSEMBLE: Lullabies & Other Stories
COLOGNE WORLD JAZZ ENSEMBLE
Lullabies & Other Stories
www.cologne-world-jazz-ensemble.de
(JAZZYES 18320)
10 Titel, 56:28


Passend zum Titel beginnt das Album mit einer Spieluhrmelodie, die einen sofort in die Kindheit zurückversetzt. Wiegen- und Volkslieder stehen im Fokus dieses Albums. Das Quartett vereint Folklore und Jazz in klugen Arrangements, bei denen sanfte Melodien auf mitunter wilde Rhythmen treffen. Das Album ist zu spannend, um dabei einzuschlafen.


 JAN CORNELIUS: ... singt Wilhelmine Siefkes: Sünn un Swaarweer
JAN CORNELIUS
... singt Wilhelmine Siefkes: Sünn un Swaarweer
www.jan-cornelius.de
(Artychoke AP-0715-CD)
17 Tracks, 49:37


Von Jan Cornelius und seinen Mitmusikern Christa Ehrig und Klaus Hagemann vertonte Mundarttexte mit Tiefgang, aus der Feder der ostfriesischen Schriftstellerin Siefkes, ansprechend mit Gitarre, Cello, Bass, Keyboard, Flöte und Bass eingespielt. Ein inhaltlich wie musikalisch wunderbares, leicht melancholisches Album.

 ELISABETH CUTLER: Polishing Stones
ELISABETH CUTLER
Polishing Stones
www.elisabethcutler.com
(Beste! Unterhaltung bu061/Broken Silence)
11 Tracks, 47:49


Gediegen unterhaltsame Songwriterkost, in Italien geschrieben und dort sauber arrangiert und gespielt, ohne dass sich eine Spur von italienischer Atmosphäre in der wohligen Unterhaltsamkeit dieser Songs widerspiegeln würde. Balladen sind ihre Stärke, etwas anderes ist hier auch kaum zu hören.


 CYMINOLOGY: Phoenix
CYMINOLOGY
Phoenix
www.cyminology.de
(ECM/ECM 2397)
10 Tracks, 49:40


Mit Phoenix veröffentlicht das Quartett um die deutsch-iranische Sängerin Cymin Samawatie ein sehr starkes sechstes Album, diesmal erweitert um Martin Stegner an der Viola. Durch die komplett persischen Texte, die berührende Stimme sowie das extrem aufmerksame und intensive Zusammenspiel der Band ist hier ein ganz besonderes Stück Musik gelungen. Einzigartig und wunderschön.

 MANU DELAGO: Silver Kobalt
MANU DELAGO
Silver Kobalt
www.manudelago.com
(Tru Thoughts/Groove Attack)
10 Titel, 53:36


Als Virtuose auf dem Schweizer Instrument Hang erlangte Manu Delago 2007 Popularität. Auf Silver Kobalt entlockt er dem Instrument, das an zwei aufeinanderliegende Steeldrums erinnert, perkussive und schwebende Patterns. Mit Effekten und Synthesizern wird dieser warme Klang aufgebrochen. Ein sperriges Album zwischen rockigem Kammerjazz und Elektro.


 DAWA: Psithurisma
DAWA
Psithurisma
www.dawa-official.com
(Las Vegas Records LC 24415)
10 Tracks, 41:25


Gespielt wird mit Gitarren und Cajons, Cello und Akkordeon, das verspricht sogenannte „handgemachte Musik“. Gesungen wird in englischer Sprache, die Truppe kommt aus Wien, und die Musik ist so auswechselbar wie ungefähr zehntausend andere Produktionen im weiten Singer/Songwriter-Kontext mit Americanavorlieben.

 DIVERSE: A Taste Of Nordic Notes
DIVERSE
A Taste Of Nordic Notes
www.besteunterhaltung.biz
(Beste! Unterhaltung/CPL Music)
CD 1: 19 Tracks 71:53, CD 2: 16 Tracks 71:33


Die 35 Musikstücke bewegen sich von Island und Norwegen über Finnland sogar nach Deutschland und durch einige Genres wie Jazz und Folk, sind aber überwiegend popnah. Allerdings sucht man vergebens nach einem Konzept, und so ist dem Hörer die Entscheidung überlassen, entweder alles anzuhören oder eben nichts. Es geht hier wohl mehr um die Selbstdarstellung der drei Labels, die diese CDs produziert haben.


 DIVERSE: Dear Jean – Artists Celebrate Jean Ritchie
DIVERSE
Dear Jean – Artists Celebrate Jean Ritchie
www.compassrecords.com
(Compass Records 7 4631 2)
Do-CD, 37 Tracks, 138:28


Grandiose akustische Ehrung zu Lebzeiten der amerikanischen Folkikone. Zahlreiche prominente und meist amerikanische Künstler singen Ritchies eigene Lieder oder Traditionals aus dem Familienrepertoire, und das immer mit kreativem Respekt. Dabei unter anderem Judy Collins, Janis Ian, Alison Brown, Pete Seeger, John McCutcheon, Archie Fisher und Ritchie selbst.

 DIVERSE: Hanoi Masters: „War Is A Wound, Peace Is A Scar“
DIVERSE
Hanoi Masters: „War Is A Wound, Peace Is A Scar“
www.glitterbeat.com
(Glitterbeat GBCD 021/Indigo)
11 Tracks, 35:45


Vierzig Jahre nach Ende des Vietnamkrieges traf Musikproduzent Ian Brennan in Hanoi auf Menschen, für die die Pflege ihrer Musiktradition elementarer Teil ihrer Traumatherapie ist. Entstanden ist ein faszinierendes Tondokument mit zum Teil noch nie gehörten Klängen wie die der K’ni, einem Hybriden aus Spießgeige und Maultrommel (Tracks 4 und 10) Grandios.


 DIVERSE: The Eve Folk Recordings
DIVERSE
The Eve Folk Recordings
www.cherryred.co.uk
(RPM Records Retro D 957/Cherry Red Records)
Do-CD, 45 Tracks, 116:48


Das Produzenten- und Managementteam Peter Eden und Geoff Stephens veröffentlichte Mitte der Sechzigerjahre drei LPs: Mick Softley (Singer/Songwriter), Bob Davenport & The Rakes (trad. engl. Folk) sowie Vernon Haddock’s Jubilee Lovelies (Skiffle) plus vier Donovan-Tracks. Alles hier drauf, plus ein sehr informatives 24-seitiges Beiheft.

 DIVERSE: The Rough Guide To Latin Rare Groove (Vol. 2)
DIVERSE
The Rough Guide To Latin Rare Groove (Vol. 2)
www.worldmusicnet/latinraregroove2
(World Music Network RGNET 1324/Harmonia Mundi)
15 Tracks, 62:02


Latin Rare Groove bezieht sich auf einen Trend der Londoner Clubszene in den 1980ern, bei dem sich die DJs darin gegenseitig übertrafen, immer unbekanntere, aber sehr tanzbare Latinscheiben aufzutreiben und so die World Music Disco zu etablieren. Dieser Trend ist derzeit wieder im Kommen, nur gibt es jetzt vermehrt Hip-Hop- und Dub-Einflüsse.


 DIVERSE: The Rough Guide To Psychedelic India
DIVERSE
The Rough Guide To Psychedelic India
www.worldmusic.net
(World Network Music RGNET 1332CD/Harmonia Mundi)
12 Tracks, 67:45


Zugegeben, für manche Liebhaber der indischen Klassik ist das Zirpen der Tanpura-Grundtonlauten schon halluzinogen genug. Die britische DJane Ritu zeigt mit dieser feinen Kompilation aber, dass es zwischen Bollywood, Bhangra, Baul und Bhattacharya (feat. John McLaughlin) noch jede Menge schräger Sounds zu entdecken gibt. Notfalls auch ohne Drogen.

 Diverse: The Rough Guide To Psychedelic Salsa
Diverse
The Rough Guide To Psychedelic Salsa
www.worldmusicnet/psychedelic-salsa
(World Music Network RGNET 1304/Harmonia Mundi)
13 Tracks, 61:32


Auch im Salsa gab es einst einen Einfluss der psychedelischen Musik mit viel Effekthascherei. Die Songstrukturen wurden dadurch aber nicht komplexer wie im Psychedelic Rock. Viele der heutigen Formationen spielen ursprünglichen Salsa und polieren ihn ironisch mit psychedelischen Effekten auf, um damit eine gewisse Hipness zu erreichen.


 DIVERSE: The Rough Guide To Unsung Heroes Of Country Blues
DIVERSE
The Rough Guide To Unsung Heroes Of Country Blues
www.worldmusic.net
(World Music Network RGNET1334CD/Harmonia Mundi)
Promo-CD, 24 Tracks, 73:46


Ein schönes Beispiel dafür, wie gut ein Sampler sein kann: 24 der weniger bekannten Countrybluesmusiker der 1920er- bis 1930er-Jahre in erfreulich gut remasterter Form geben einen Einblick in die Musik des schwarzen, ländlichen Amerika. Klassiker wie „Poor Boy, Long Ways From Home“ oder „Tain’t Nobodys Business If I Do“ gibt es hier im Original.

 DRESCHER: Erntezeit
DRESCHER
Erntezeit
www.diedrescher.com
(Drescher Records)
10 Tracks, 48:04


Bandname und das von dem österreichischen Quintett anvisierte Genre sind Programm: Dreschmetal heißt die Devise, sprich: Akkordeon trifft heftige Stromgitarre trifft bösen Austro-Heavy-Metal-Sänger und eine knüppelnde Rhythmustruppe. Nicht jedermanns Geschmack, aber sicherlich die beste Antwort auf die an Gemütlichkeit sterbende Austropopszene.


 DR. MOJO Musik: A La Carte
DR. MOJO Musik
A La Carte
www.drmojo.de
(Eigenverlag)
15 Tracks, 56:51


Dr. Mojo ist ein Musiker aus Remscheid, der im Rahmen seiner Auftritte oft ein Set mit Wunschtiteln spielt. Bei den oft gewünschte Titeln treffen sich dann Cat Stevens, Leonhard Cohen, Eric Idle oder Robert Johnson. Durchaus im neuen, eigenen Gewand, und als besonders schöne Geste kommt ein Teil der Konzerterlöse dem Kinderhospiz Burgholz zugute.

 DUO DORADO: New Colors From Argentina
DUO DORADO
New Colors From Argentina
www.dorado.ch.vu
(Acoustic Music Records 319.1528.2)
11 Tracks, 38:33


Der nach Vertrauen und Virtuosität klingende Wahlschweizer Familienverbund aus Argentinien führt vor, dass die reichhaltige Heimatfolklore – nicht nur der Tango – interessante Jazzallianzen eingehen kann. Das klanglich farbenprächtige Vibrafon des Sohnes paart sich gekonnt mit dem sensiblen väterlichen Spiel der Gitarre, ohne die die argentinische Volksmusik nicht denkbar wäre.


 BERNHARD EDER: Nonsleeper
BERNHARD EDER
Nonsleeper
www.bernhardeder.net
(Solaris Empire Solaris 30)
10 Tracks, 48:31


Nonsleeper heißt passenderweise das fünfte Album des sympathischen Österreichers. Die weiche Stimme des Pop-Poeten klingt nach einer durchzechten Nacht, nach einer Tasse heißem Kaffee im Chill-out-Bereich, nach diesem Dämmerzustand, in dem man gleichzeitig hellwach und völlig übermüdet die Umwelt wie unter Drogeneinfluss wahrnimmt. Entsprechend surreal und unwirklich klingen die Songperlen des Künstlers.

 EGGS LAID BY TIGERS: This Red-Eyed Earth
EGGS LAID BY TIGERS
This Red-Eyed Earth
www.eggslaidbytigers.com
(ILK 233/Cargo)
8 Titel, 44:42


Das Trio aus Kopenhagen bewies bereits vor einem Jahr mit ihrem Debütalbum Under The Mile Off Moon, dass ihnen verträumte Balladen und seichter Soul liegen. Textlich werden die Songs mit Versen des walisischen Schriftstellers Dylan Thomas verziert. Die acht Songs des Albums sind zwar unaufdringlich poppig, leider fesseln sie einen so jedoch nicht.


 EM HUISKEN: Güntsied/Jenseits
EM HUISKEN
Güntsied/Jenseits
www.emhuisken.de
(Bluebird Café Berlin Records)
10 Tracks, 49:15


Eines jener gut gemeinten Alben, denen man einen kompetenten Produzenten gewünscht hätte, um beispielsweise die Whistle bei Track 1 zu verhindern und vor allem für einen vernünftigen Mix zu sorgen. Ein Solowerk, auf dem Stefan Em Huisken alle Instrumente, darunter Gitarre, Bombarde, Bass und Cajon (nicht mal übel) selbst eingespielt und dazu gesungen hat. Leider mit zweifelhaftem Erfolg.

 FAIRYTALE: Forest Of Summer
FAIRYTALE
Forest Of Summer
www.fairytale-folkmusic.de
(Magic Mile Music, SPV/Believe digital)
Promo-CD, 12 Tracks, 48:00


Eine Fülle des Wohlklangs ohne schroffe Kanten bietet das Debütalbum der deutschen Folkband. Mehrstimmiger Frauengesang, interessante rhythmische Akzente, sanfte Celloklänge und schnelle Geigensolos werden zu einer handwerklich gekonnten, sehr poppigen Mischung zusammengerührt. Die Corrs lassen grüßen.


 FAST EDDY’S BLUE BAND: Blues & Songs – Best Of 25 Years
FAST EDDY’S BLUE BAND
Blues & Songs – Best Of 25 Years
www.fasteddysblueband.de
(Stormy Monday Records, MO81401)
16 Tracks, 72:04


Der Gitarre spielende Blues- und Rocksänger Eddy Wilkinson, ein Stuttgarter mit englischen Wurzeln, tourt seit 25 Jahren als Solist, im Duo oder mit seiner Band durch Europa. Das Best-of-Album versammelt eigene Titel und Coverversionen von Klassikern. Gastmusiker sind unter anderen Paul Lawall (E-Gitarre), Michael Walter (Bass), Peter Schmidt (Schlagzeug) und Hartmut Zelle (Keyboard).

 FIDDLER’S GREEN: 25 Blarney Roses
FIDDLER’S GREEN
25 Blarney Roses
www.fiddlers.de
Promo-CD
(Deaf Shepherd Recordings)
17 Tracks, 59:45


Die fränkischen Irish-Speed-Folk-Rocker bleiben ihrem erfolgreichen Stil auch bei ihrer 18. CD treu: Deftig, rockig, Pogues-artig, hart und schnell. Ob das neue „Take me Back“ oder der Evergreen „Rocky Road To Dublin“ – Fans bekommen, was sie erwarten, Neulinge wissen, was sie künftig erwarten dürfen. Nr. 19 kommt bestimmt.


 JOE FILISKO & ERIC NODEN: On The Move
JOE FILISKO & ERIC NODEN
On The Move
www.rootsduo.com
(Eigenverlag)
12 Tracks, 46:01


Noden stammt aus Chicago und spielt eine im Ragtime verankerte Variante des Blues,  allerdings im Duo mit dem Harmonikaspieler Joe Filisko, der durch seine facettenreiche Virtuosität das Material aufblühen lässt.

 FINE BLEND: Hom(m)age
FINE BLEND
Hom(m)age

(Eigenverlag)
15 Tracks, 53:24


Dem Hobby frönen zu können, sich selbst und geneigten Freunden mit Gitarre und Gesang Zeugnis davon abzulegen, dass man ein musikalischer Freund von Phil Ochs, Wizz Jones oder Lead Belly ist, ist eine nette Sache. Wenn die Freunde dann noch mitspielen, ist der Abend gerettet. Für eine Karriere reicht das nicht, für den Hobbykeller schon.


 FOLLIA!: Follia!
FOLLIA!
Follia!
www.follia.be
(Wild Boar Music wbm 21.122)
12 Tracks, 48:28


Die siebenköpfige belgische Folkband hat ihr drittes Album nach sich selbst benannt, so als habe sie jetzt zu sich gefunden. Dabei experimentiert die Band hier so viel wie nie zuvor. Es bleibt aber alles verspielt und poppig. „L’air Du Cool“ verbindet zum Beispiel flämischen Dudelsackfolk mit Rap und (dezenten) Death-Metal-Elementen.

 KEN FOUST: Ken Foust
KEN FOUST
Ken Foust
www.sireena.de
(SIS 5104/Broken Silence)
11 Tracks, 34:51


Wer ein völlig entspannt klingendes Americana-Album hören möchte, das feine, kleine Melodien in Vielzahl zu bieten hat und gut erzählte Geschichten, der sollte Ken Foust eine Chance geben. Der aus North Carolina stammende Sänger und Songschreiber versammelt hier Titel aus den Jahren 1984 bis 2014 – eine ansprechende Zusammenstellung.


 BLIND BOY FULLER: The Rough Guide To Blues Legends: Blind Boy Fuller
BLIND BOY FULLER
The Rough Guide To Blues Legends: Blind Boy Fuller
www.worldmusic.net
(World Music Network RGNET1330CD/Harmonia Mundi)
Promo-CD, 25 Tracks, 70:32


In ihrer sehr empfehlenswerten Serie Jazz and Blues Legends widmet sich das Label World Music Network hier dem Bluesgitarristen und Sänger Blind Boy Fuller. Bereits im Jahr 1941 verstorben, gilt er für den Piedmont Blues als das, was Robert Johnson für den Delta Blues bedeutete. Zeitlose Bluessongs, für Sänger und Gitarristen auch heute noch eine Fundgrube.

 THE FUNNYOUNGUYS: Tries & Triggers
THE FUNNYOUNGUYS
Tries & Triggers
www.thefunnyounguys.com
(Timezone TZ251)
14 Tracks, 51:51


Die beiden Schwestern aus Nürnberg starten bereits auf ihrem Debütalbum durch. Der lockere Folkpop erobert die Herzen des Hörers im Sturm. Es lohnt sich, auf die aussagestarken Texte der Geschwister zu achten, die sich gut hinter der gespielten Leichtigkeit der Musik verbergen. Ein Vergleich mit Amy Macdonald ist bei den Nürnbergerinnen unvermeidlich. Es gibt schlechtere Referenzen.


 BILL GABLE: No Straight Lines
BILL GABLE
No Straight Lines
www.billgablemusic.com
(Autograph 502)
11 Tracks, 59:22


Singer/Songwriter trifft Weltmusik: Der amerikanische Sänger und Gitarrist singt nachdenkliche Lieder. Mal ist er ein klassischer Erzähler à la James Taylor mit luftigen Arrangements, mal reichert er weltoffen seine Lieder mit Flamencogitarre, der bulgarischen Holzflöte Kaval oder der arabischen Udlaute an. Hörenswertes Crossover mit hervorragenden Musikern für besinnliche Stunden.

 GITARRE & CELLO: Zwei
GITARRE & CELLO
Zwei
www.gitarre-cello.de
(Moon Sound Records 1315-1514-75)
13 Tracks, 46:37


Elegisch-samtiger Celloklang trifft filigran-silbrige Gitarrentöne: Das Duo Gitarre & Cello entführt auf ihrem Album Zwei in den Schönklang. In den vorwiegend eigenen Kompositionen trifft das gestrichene Cello von Ania Strass direkt ins Herz. Umgarnt werden ihre atmosphärischen Melodien von Matthias Strass auf der Steelstringgitarre. Ausflüge gibt es zum Irish Folk und zum Jazz. Musik zum Träumen.


 KATIA GUERREIRO: Live At The Olympia
KATIA GUERREIRO
Live At The Olympia
www.uau.pt
(Katia Guerreiro Produções UAU002)
CD: 15 Tracks, 70:41; DVD: 20 Tracks, 110:27


Der Auftritt im Pariser Olympia war für die Fadosängerin die „magischste Nacht des Lebens“. Ganz Diva singt sie sich durch ihr Repertoire, angereichert mit einer Nummer von Charles Aznavour. Eine hochemotionale Stimme, zwei portugiesische Gitarren, eine klassische Gitarre und ein Bass – mehr brauchte es nicht, um das Olympia in Verzückung zu bringen.

 JEAN GUIDONI: Paris-Milan
JEAN GUIDONI
Paris-Milan
www.jeanguidoni.com
(Tacet)
12 Tracks, 38:13


Jean Guidoni ist ein 62-jähriger französischer Chansonnier, der früher oft seine Homosexualität thematisierte. Sein neuestes Album enthält ausschließlich Texte des 2011 gestorbenen Allain Leprest. Die Musik schrieb jeweils Romain Didier, ein dritter Chansonnier. Natürlich kam ein großes Chansonalbum heraus, mit viel Bedeutung in der Stimme, opulent orchestriert.


 GULDMUS Hvid: Nat
GULDMUS Hvid
Nat
www.gofolk.dk
(Go’ Danish Folk Music)
10 Tracks, 35:04


Recht puristische dänische Folkmusik, deren Texte man leider nicht versteht, da auch das Booklet nur auf Dänisch vorliegt. Es dominieren das wuchtige Cello des Schweden Thommy Andersson und der prägnante Gesang von Mia Guldhammer, dezent begleitet von Gitarrenzupfen. Ruhige Lieder auf einem Debütalbum mit Vinyllänge.

 KIERAN HALPIN: It’s Always 3.15
KIERAN HALPIN
It’s Always 3.15
www.kieranhalpin.com
(SOS Records SOS023)
10 Tracks, 40:10


Vier Jahrzehnte solide Singer/Songwriter-Kunst zu Themen von aktueller Relevanz, mal zwischenmenschlich, mal philosophisch, mal politisch, immer eingängig, gespeist aus der Weisheit des Viel- und Weitgereisten – dafür steht Kieran Halpin. Dem bleibt der irische Wahlschotte auch auf seinem zweiten reinen Soloalbum in zehn neuen, auf das Wesentliche reduzierten Miniaturen treu.


 BELLA HARDY: With The Dawn
BELLA HARDY
With The Dawn
www.bellahardy.com
(Noe Records NOE08)
11 Tracks, 36:39


Die Engländerin, die sich in Edinburgh pudelwohl fühlt, eilt von Erfolg zu Erfolg: BBC Folk Awards Singer of the Year 2014 und jetzt mit dem siebten Album der Einstieg auf Platz 29 in den Indiecharts – es läuft! Das neue Werk ist ein sehr persönliches, zeitgenössisches Album, wenig Fiddle, ziemlich experimentell, gewöhnungsbedürftig und gleichzeitig faszinierend.

 THE HEADLOCKS: Most Golden Goose
THE HEADLOCKS
Most Golden Goose
www.theheadlocks.com
(Eigenverlag)
17 Tracks, 42:00


Je eine Schippe Rock, Folk, Indie und Country, ein himmelwärts strebender, hymnischer Gesang, im Fahrwasser der Achtzigerjahre Empathen Green on Red und Midnight Oil und jede Menge guter Songs ergeben ein spannendes und explosives Gemisch. Das Quintett aus New York schenkt uns in klassischer Besetzung ein zupackendes zweites Album ohne Ausfälle.


 ZAM HELGA: Monster
ZAM HELGA
Monster
www.zamhelga.de
(Gim Records)
Promo-CD, 11 Tracks, 68:34


Der Namensgeber der Helga Pictures versucht mit Monster ein Comeback als Singer/Songwriter. Die rauen, deutschen Songs werden mit Gitarre, etwas Schlagwerk und eben der prägnanten Stimme des Sängers instrumentiert. Monster erinnert an die Stimmung der Subway-to-Sally-Soloprojekte. Musik fürs Lagerfeuer, für geleerte Bierdosen und für Menschen von der Straße.

 ANDREW D. HUBER: Mercury Gets A Moon
ANDREW D. HUBER
Mercury Gets A Moon
www.andrewdhuber.com
(Northlight Records/BMI NLR011)
15 Tracks, 51:18


Der amerikanische Folkrock-Songwriter (auch Frontmann bei The Gecko Club) präsentiert auf seinem eigenen Label Folkrock mit keltischen Wurzeln. Er selbst spielt verschiedene Akustikgitarren, Mandoline, Banjo, etc. Als Gastmusiker sind dabei: Anthony Jay Houston (Schlagzeug und Percussion), Jo Marie Sison (Geige), Mary Bell (Flöte) sowie Aidan Huber, Margaret Huber und andere.


 SOPHIE HUNGER: Supermoon
SOPHIE HUNGER
Supermoon
www.carolineinternational.com
(Caroline International)
Promo-CD, 12 Tracks, 43:09


Folk, Lied & Weltmusik? Mitnichten. Sophie Hunger macht Popmusik. Ihre Lieder heißen „Supermoon“ oder „Superman Woman“. Und, die Welt ist ein Supermarkt. Die Schweizerin bedient sich aller Genres – ob Artrock, Noise oder Chanson (zusammen mit Éric Cantona). Egal, Supermoon fährt in Bauch, Bein und Brain. Sophie Hunger und Sprachbarrieren – Fehlanzeige.

 INDIALUCIA: Acatao
INDIALUCIA
Acatao
www.indialucia.com
(CM Records/Galileo MC)
12 Tracks, 55:52


Das außergewöhnlich aufwendig und liebevoll konzipierte Projekt des polnischen Flamencogitarristen Miguel Czachowski verbindet spanische und indische Musik auf höchstem musikalischen Niveau. Ein Crossoveralbum allererster Güte mit einem Riesenaufgebot an Sängern und Instrumentalisten zweier Kontinente. Shakti lässt grüßen.


 LYNN JACKSON & CHRIS BOYNE: The Acoustic Sessions
LYNN JACKSON & CHRIS BOYNE
The Acoustic Sessions
www.lynnjackson.net
(Busted Flat Records/Busted 076)
13 Tracks, 48:38


Die Kanadierin Lynn Jackson hat 13 Titel aus ihrem Repertoire neu eingespielt, begleitet von einem zweiten Gitarristen und gelegentlich von einem Cello oder Kontrabass akzentuiert. Diese Aufnahmen stellen ihre raue, zerbrechliche Stimme stärker in den Vordergrund und geben ihr den Raum die Qualitäten ihrer Songs ganz auszuloten.

 KLEZMANIAXX: Krapum!
KLEZMANIAXX
Krapum!
www.klezmaniaxx.de
(Krekhts 003)
15 tracks, 38:57


Seit Jahren spielt das 1998 gegründete Quintett monatlich in Nürnberg mit flotten Interpretationen traditioneller Melodien zum Mittanzen auf. Natürlich ohne Verstärkeranlage, so das Markenzeichen von Rudolf Harder (Tanzanleitung), Martin Barfuß (tb), Petro Grimm (tp), Karen Harder (cl) und Andreas Vogt (dr).


 KLEZMERS TECHTER: Mayim
KLEZMERS TECHTER
Mayim
www.klezmerstechter.de
(Flexaton)
13 tracks, 65:40


Die 2013 bis 2014 eingespielten Lieder des 1994 gegründeten Trios mit Nina Hacker (b), Gabriela Kaufmann (cl) und Almut Schwab (acc, fl) erschienen unter dem Titel „Wasser“ auf deren nunmehr sechsten Album: Mit fröhlichen Weisen zum Mittanzen auffordernd und eher traurigeren zum Nachdenken anregend.

 THE LATE CALL: Golden
THE LATE CALL
Golden
www.thelatecall.com
Promo-CD
(Tapete Records 306/Indigo)
12 Tracks, 42:26


Die Stärke dieses Albums: Johannes Mayers Stimme, die vor einer Kulisse aus leichtfüßigen Americanagitarren, Hammondorgel und viel Siebziger-Nashville-Gefühl ihre Vorzüge ausspielen kann. Mayers Stimmumfang und Farbe, aber besonders seine interpretatorische Ausgestaltung rücken ihn in die Nähe ganz großer Singer/Songwriter der Vergangenheit und Jetztzeit.


 MARCEESE: Have Love, Will Travel
MARCEESE
Have Love, Will Travel
www.marceese.de
(Timezone TZ33777)
11 Tracks, 51:32


Marceese spielt Songs der Hardrocker Kiss im Folkgewand. Das ist auf dem ersten Album originell. Das nun erschienene zweite Album gleicher Bauart spricht nur noch Liebhaber an. Die Songs werden mit akustischer Gitarre, mit Ukulele und selten auch mal mit einem elektronischen Gitarrensolo untermalt. Das reicht für launige Pausenunterhaltung von Fans der Band.

 JOHN McDONOUGH: Dreams And Imagination
JOHN McDONOUGH
Dreams And Imagination
www.johnmcdonoughlive.com
(Eigenverlag)
11 Tracks, 42:52


Schon zwanzig Jahre als Musiker unterwegs, legt uns der in Austin,Texas, lebende Sänger und Gitarrist ein, wie es sich für diese Gegend gehört, americanalastiges, Singer/Songwriter-Album mit leichten Popanleihen vor. Stimmig und solide eingespielt und produziert, letztlich aber nicht originär genug, um wirklich zu begeistern


 NEW PARTNER: New Partner
NEW PARTNER
New Partner
www.stargazerrecords.de
(Stargazer Records SG035/Broken Silence)
10 Tracks, 38:24


Südschweden klingt fast wie Südstaaten – jedenfalls scheint Björn Wahlström als Kind in einen Plattenschrank voller Country- und Folkmusik gefallen zu sein. Allerdings präsentieren er und seine Band Americana in Zeitlupe, mit Wahlströms extremer und beeindruckend ausdrucksstarker Stimme über allem. Musik zwischen Pathos und Verletzlichkeit.

 NORRØN: Øjeblikket
NORRØN
Øjeblikket

(GO’ Danish Folk Music GO1714)
9 Tracks, 50:02


Die bekannten dänischen Musikerinnen (Klarinette, Flöte, Violin) sind Absolventen der dänischen Musikakademie und legen hier ihr Debütalbum als Trio vor. Wegen der Freiheit bei der Improvisation zählt bei ihnen der Augenblick. Durch den Verzicht auf ein Rhythmusinstrument entsteht auf der Basis der schönen Melodielinien ein sehr harmonischer filigraner Klang.


 ODi: Maslow’s Songbook
ODi
Maslow’s Songbook
www.odimusic.co.uk
(2 Hoots Records/Songs & Whispers 2HRCD002/Broken Silence)
12 Tracks, 46:19


Die irische Songwriterin Claire Odlum besitzt eine ähnliche Druckkraft und Stimmqualität wie ihre Landsmännin Wallis Bird. Die Songs gehen nach vorne, bestechen durch ihre unprätentiöse, einfache Struktur und überraschen beizeiten durch fast zarte Momente schönster Folkseligkeit. ODi tourt derzeit durch Norddeutschland. Anspieltipp: „Real To Me“.

 SEÁN Ó hÉANAIGH: The Tides That Bind – Fánaíocht
SEÁN Ó hÉANAIGH
The Tides That Bind – Fánaíocht
www.cic.ie
(ÉinniúCD002/Cló Iar-Chonnacht)
12 Tracks, 50:45


Der Mann aus Connemara mit der spröden, aber attraktiven Stimme ging im schottischen Ardgour ins Studio und nahm mit einer erlesenen Gruppe von Highlands-&-Islands-Musikern dieses Album auf. Songs im irischen und schottischen Gälisch, englischsprachiger Trad und Eigenes. Sehr erfreuliche Klänge für Freunde irischer und schottischer Musik.


 THE PLAYFORDS: The Hunt Is Up – Shakespeares Songbook
THE PLAYFORDS
The Hunt Is Up – Shakespeares Songbook
www.the-playfords.de
(Raumklang, RK 3404)
14 Tracks, 52:07


Der amerikanische Musikwissenschaftler Duffin hat aus Shakespeares Werken einen Überblick populärer Musik des 16./17.Jahrhunderts erstellt. Daraus bedient sich das bekannte Alte-Musik-Ensemble The Playfords. Gassenhauer, Lautenstücke und Hofmusik werden mit Gambe, Renaissancelaute, Blockflöten, Barockgitarre und Violone begleitet.

 DAN POSSUMATO & FRIENDS: Tunes Inside
DAN POSSUMATO & FRIENDS
Tunes Inside
www.danpossumato.com
(Old Box Records OBR003)
14 Tracks, 51:10


25 Tunes und zwei Songs, alles zutiefst irisch gefärbt und eingespielt im Stil einer Pubsession von dem amerikanischen Melodeon- und Knopfakkordeonspieler Possumato und sechzehn teils hochkarätigen Freunden auf einer Masse von akustischen Instrumenten – doch, das macht hörbar eine Menge Spaß!


 JOE PUG: Windfall
JOE PUG
Windfall
www.joepugmusic.com
(Loose Music Records VJCD 221/Rough Trade)
Promo-CD, 10 Tracks, 35:54


Joe Pug hat eine harte Zeit hinter sich, endloses Touren und dann den Burn-out davon. Er befand sich in entsprechend schlechter Verfassung, als er begann, die Songs für Windfall zu schreiben. Doch nicht Wut und Verzweiflung, sondern eine tiefe Melancholie prägt die Atmosphäre dieses Albums, das von der Hoffnung auf bessere Zeiten getragen und dabei Musik wie für einen Spätwestern ist.

 RADA SYNERGICA: Beat!
RADA SYNERGICA
Beat!
www.rada-synergica.de
(Eigenverlag)
12 Tracks, 46:09


Drei Frauen, drei Stimmen und sieben Instrumente – dazu pure Leidenschaft, mitreißende Rhythmen und ein Herz für Zigeuner- und Klezmermusik. Das sind Claudia Herold(g), llyke Jilani (acc) und Stefanie Koch (cl), auf ihrem ersten Album unterstützt von Steffen Petzold (b)und Jan van de Kest (dr).


 JOSH ROUSE: The Embers Of Time
JOSH ROUSE
The Embers Of Time
www.joshrouse.com
(Bedroom Classics/Yep Roc Records YEP-2416/Cargo)
10 Tracks, 33:47


Midlife Crisis, Vergangenheitsbewältigung, Leben im fremden Land, Vater werden, und der Beginn einer Gestalttherapie sind nur einige der Umstände, die die Entstehung dieser Produktion begleitet haben. Umso erfreulicher, dass dabei ein unterhaltsames Singer/Songwriter-Album mit flockigem Countrytouch entstanden ist. Dazu eine tolle Stimme und hintergründige Text.

 RUDI TUESDAY BAND: Tales From Somewhere Down The Road
RUDI TUESDAY BAND
Tales From Somewhere Down The Road
www.rudituesdayband.de
(DMG Records Germany 54.218151.2/Broken Silence)
13 Tracks, 54:55


Der Songschreiber Rüdiger Mund hat eine Band um sich geschart, die ihm einen feinen Klangteppich knüpft, mit Mustern aus Banjo, Gitarren und dezenten Drums. Musikalisch bewegt sich das Ganze zwischen Country und Folk. Mund zeigt Talent für schöne Melodien. Dagegen fallen seine aus Klischees zusammengestanzten englischen Texte doch deutlich ab.


 DANNY SANTOS Y LOS BLUEGRASS VATOS: Hogtied
DANNY SANTOS Y LOS BLUEGRASS VATOS
Hogtied
www.dannysantosmusic.com
(Brambus Records 201583-2)
14 Tracks, 43:08


Ein Songwriter, aus dem Tex-Mex-Genre stammend, tut sich mit einer Bluegrassband zusammen, und es klingt – überzeugend. Hier geht es jedoch nicht um Hochgeschwindigkeit und Twang, sondern eine gelassenere Variante, so was wie „Songschreiber-Bluegrass“. Dazu gesellt sich eine Portion Western Swing, und alles wird auf virtuose Weise dargeboten.

 MARKUS SCHLESINGER: Don’t Be Afraid
MARKUS SCHLESINGER
Don’t Be Afraid
www.fingerpicking.at
(Vienna 2day CSM Y1436-B18)
10 Tracks, 37:40


Geerdete Fingerpickinggitarre bietet der Akustikgitarrist und gelegentliche Sänger Markus Schlesinger aus Wien. Auf seinem zweiten Album spielt er mit den Fingern klare Melodien und mit dem Daumen kraftvolle Basslinien. Eingefangen ist dies mit warmem Sound. Seine Musik strahlt eine wohltuende Einfachheit aus. Man fühlt sich an die Gitarrenmusik der Siebzigerjahre erinnert – im positiven Sinne!


 SEHRANG: Dar Lahze
SEHRANG
Dar Lahze
www.sehrang.com
(Lotus Records LR 14039)
11 Tracks, 68:24


Sehrang sind: die Sängerin Golnar Shahyar, der Gitarrist Mahan Mirarab und der Percussionist Shayan Fathi. Alle sind zwischen 1983 und 1985 in Teheran geboren und haben in Wien Musik studiert. Ihr Debütalbum ist denn auch eine ausgesprochen gelungene Melange aus persischer Tradition, Jazz und einem herzhaften Griff in den Topf globaler Klangformen.

 ARMIN SENGBUSCH UND DIE GEHEIMEN SINFONIKER: Ich kann fühlen, dass du einsam bist
ARMIN SENGBUSCH UND DIE GEHEIMEN SINFONIKER
Ich kann fühlen, dass du einsam bist
www.schriftstehler.de
(Timezone, Timezone Distribution, TZ328)
11 Tracks, 43:46


Sengbusch beklagt die Beziehungslosigkeit in einem Mietshaus („Anonym“) und fordert Gott auf, ihn anzurufen, da beide einsam seien „Hallo Gott“. Zwar bedauert er, dass niemand ihm sagt, wo’s langgeht, doch für andere bietet er sackweise Lebenshilfe an: „Du musst lernen, dich den Problemen zu stellen … du bist geboren, um zu leben“. Kenn ich doch irgendwoher?


 SERENATA GUAYANESA: ¡Canta Con Venezuela!
SERENATA GUAYANESA
¡Canta Con Venezuela!
www.serenata-guayanesa.com
(Smithsonian Folkways SFW CD 40566/Galileo MC)
16 Tracks, 63:54


Das 1972 formierte Ensemble gilt als die Eminenz Venezuelas. Es trägt die wunderbare, bei uns leider verloren gegangene Tradition der Serenade schon im Namen. Die kunstvoll mehrstimmig vorgetragenen, von Saiten- und Percussioninstrumenten begleiteten romantischen und patriotischen Eigenkompositionen und Traditionals spiegeln die Stilvielfalt des Landes.

 LUDWIG SEUSS BAND: Downhill Sessions Part II
LUDWIG SEUSS BAND
Downhill Sessions Part II
www.ludwig-seuss.de
(Downhill Records, DH081, Galileo MC)
13 Tracks, 62:20


Seine Hauptgruppe ist die Spider Murphy Gang. Aber der deutsche Pianist, Organist und Akkordeonist Ludwig Seuss ist auch mit anderen Formationen und als Solist unterwegs. New Orleans, R ’n’ B und vor allem Cajun und Zydeco sind seine Spezialität. Eine riesige Mannschaft an Gastmusikern ist auf diesem Album dabei, unter anderem die deutsche Blueslegende Abi Wallenstein und der 2012 verstorbene Gitarrist und Sänger Louisiana Red.


 PHIL MacLENNAN SMILLIE: Sound Of Taransay
PHIL MacLENNAN SMILLIE
Sound Of Taransay
www.philsmilliemusic.com
(Eigenverlag HRCD106)
10 Tracks, 32:39


Von fetzig bis evokativ reicht das Stimmungsspektrum des Soloalbums des Tannahill-Weavers-Flötisten. Sehr viel Eigenes, einiges Fremde und auch ein wenig Traditionelles. Beeindruckend die Liste der Gäste wie Aaron Jones, Dougie MacLean, Fred Morrison oder Patsy Seddon, beeindruckend wie das gesamte, leider ein wenig kurz geratene Album überhaupt.

 SULP: Swiss Market Place
SULP
Swiss Market Place
www.zytglogge.ch
(Zytglogge zyt 4965)
14 Tracks, 44:43


SULP, auf gut Schweizerisch „Swiss Urban Ländler Passion“, spielen Mozarts „Rondo Alla Turca“ und tönen wie die Ländlerlegende Jost Ribary. Matthias Gubler (Saxofon), Simon Dettwiler (Schwyzerörgeli) und Hannes Fankhauser (Kontrabass, Tuba, Alphorn) können aber auch anders: schön schräg sein mit jazzigen Untertönen nämlich. Dann sind sie am besten.


 TORPUS & THE ART DIRECTORS: The Dawn Chorus
TORPUS & THE ART DIRECTORS
The Dawn Chorus
www.ghvc.de
www.torpus.de
(Grand Hotel van Cleef)
Promo-CD, 13 Tracks, 49:34


Die vierköpfige Band aus Nordfriesland und Hamburg bietet hauptsächlich eine eher sanfte Rock- oder Folkrockmusik, die man beim Hören in England ansiedeln würde: Gesang in englischem Slang, Schlagzeug, Gitarren, etwas Elektronik.

 TRIO ROSENROT: Lenz
TRIO ROSENROT
Lenz
www.triorosenrot.de
(Westpark Music 87286)
11 Tracks, 54:22


Trio Rosenrot befreit das Volkslied aus dem trostlosen Musikantenstadl-Dasein. Bei Liedern wie „Es waren zwei Königskinder“ und „Der Mond ist aufgegangen“ entfaltet der Liederbaum seine tiefen Wurzeln in lichter Krone. Vor allem die Texte gewinnen in den schlanken Cool-Jazz-Bearbeitungen durch Jennifer Kothes klare Sopranstimme wieder an Bedeutung.


 MAHSA VAHDAT: Traces On An Old Vineyard
MAHSA VAHDAT
Traces On An Old Vineyard
www.kkv.no
www.mahsavahdat.com
(Kirkelig Kulturverksted)
12 Tracks, 56:56


Die iranische Sängerin interpretiert wieder Gedichte von Hafez, Rumi und Khayam in melancholischen Weisen, begleitet von Musikern aus dem Iran und Norwegen. Englische Übersetzungen der Texte und zu einem Lied eine Erklärung sind im schönen Beiheft abgedruckt. Hohe tief- und wohl auch doppelsinnig deutbare Poesie, gewidmet der Stadt Schiraz, in der Hafez’ Grabmal steht.

 ROCKY VOTOLATO: Hospital Handshakes
ROCKY VOTOLATO
Hospital Handshakes
www.rockyvotolato.com
(Glitterhouse GRCD833/Indigo)
11 Tracks, 38:20


Dies ist das mittlerweile achte Album von Rocky Votolato und das erste nach einer veritablen anderthalbjährigen Schaffenskrise. Dementsprechend handeln die Stücke auch von überwundener Depression, spiritueller Suche und dem Finden des Sinn des Lebens. Der sonst dunkle Indie-Folkpunk bekommt ein paar Sonnenstrahlen spendiert, und die Band rockt.


 MARCO R. WAGNER: My Old Spain
MARCO R. WAGNER
My Old Spain
www.marcorwagner.com
(Marco Rodriguez Music SRD-433/ Several Records)
12 Tracks, 48:21


Entspannte Singer/Songwriter-Musik von dem in Brasilien geborenen und in Spanien und den USA aufgewachsenen Gitarristen und Sänger. Unaufdringliche Arrangements, wunderbar perlende Akustikgitarren, eine sonore Stimme und eine transparente Produktion machen dieses Album zu einem perfekten Begleiter für die kommenden langen Sommerabende.

 RYLEY WALKER: Primrose Green
RYLEY WALKER
Primrose Green

(Dead Oceans/Cargo DOC 101)
10 Tracks, 44:08


„Lost my mind in the seventies“ könnte man denken, wenn Ryley Walker „Lost my mind with a headful of primrose green“ singt. Doch der Gitarrist aus Chicago übersteht die Flowerpower-Zeitreise dank einer Frischzellenkur, die sein sphärisch-träumerisches Album erstaunlich experimentierfreudig und zeitlos macht.


 ANDREA WELLARD: A Distant Welcome
ANDREA WELLARD
A Distant Welcome
www.andreawellard.com
(Zeitart Records LLCD0018)
12 Tracks, 53:00


Das zweite Album der Kanadierin enthält zwölf Balladen aus dem weiten Feld zwischen Folk und Pop, dem das Label „Americana“ nur unzureichend gerecht wird. Die meisten Songs sind tanzflächentaugliches Hitformat mit Ohrwurmcharakter. Es wird wohl vom Werbebudget abhängen, ob diese Künstlerin die Top 20 erreicht, das Songmaterial ist wie geschaffen dafür.

 HANK WOJI: The Working Life
HANK WOJI
The Working Life
www.hankwoji.com
(KZ-Records KZR006)
13 Tracks, 50:12


Woij ist Protestsänger, der sich mit Klampfe und umgehängter Mundharmonika an Straßenecken aufbaut und seine Songs spielt, manche davon covert er auch. Bruce Springsteen taucht da auf, Joe Hill, Tracy Chapman. Woji hält die Flagge des Protestsängers hoch, trägt sie weiter und überzeugt mit seiner Leidenschaft für die richtige Sache.


 WÜNNESPIL UND FREUNDE: Olden Times
WÜNNESPIL UND FREUNDE
Olden Times
www.wuennespil.de
(Eigenverlag)
13 Tracks, 64:02


Musik des Mittelalters und der Renaissance, angereichert mit nordischen (isländischen), keltischen (irischen und schottischen) Elementen, auf Harfe, Uilleann Pipes, Cister, Tamburin, Rauschpfeife, Krummhorn, Rahmentrommel usw., kompetent instrumentiert und gesungen. Kein Pseudomittelalter-Krawall, sondern fein arrangierte Musik zum Hinhören.

 AKALÉ WUBÉ: Sost
AKALÉ WUBÉ
Sost
www.akalewube.com
(Clapson CS1497)
11 Titel, 50:03


Der Eröffnungstitel „Anbessa“ mit Manu Dibango macht gleich zu Beginn deutlich, wo das Pariser Quintett stilistisch einzuordnen ist: Funkiger Ethio Jazz à la Mulatu Astatke. Produktionstechnisch fängt das Album den Sound der Sechziger und Siebziger sehr gut ein. Das Album, das teils aus Eigenkompositionen, teils aus Neuvertonungen besteht, macht Lust auf mehr.


 NORMAN YOUNG: Im Blauen bleiben
NORMAN YOUNG
Im Blauen bleiben
www.normanyoung.de
(Timezone, Timezone Distribution, TZ321)
11 Tracks, 40:26


„Zeit der feinen Töne“ ist ein Song des Berliner Singer/Songwriters überschrieben. Stimmt, es sind tatsächlich besondere Klänge, die Norman Young, ausschließlich mit Stimme und Gitarre, auf seinem Erstling Im Blauen bleiben präsentiert. Aber auch die Texte lassen aufhorchen. Young schreibt Texte im Wortsinn, man könnte sie auch Gedichte nennen.




Lateinamerika
 AXEL KRYGIER: Hombre De Piedra
AXEL KRYGIER
Hombre De Piedra
www.axelk.com
(Crammed Disc Cram 255)
Promo-CD, 11 Tracks, 40:00


Kann ein Danceflooralbum gleichzeitig eine authentische Folk-CD sein? Dem Argentinier Alex Krygier gelingt das Experiment. Hier findet die Symbiose der beiden eigentlich unvereinbaren Musikstile geschickt und homogen statt. Authentisch bedeutet eben nicht, ein paar Folkmelodien über einen Discobeat zu legen, sondern die eigentliche Essenz der Musik zu erkennen und wie ein Teppichweber zu verknüpfen, sodass ein eigenes Muster entsteht. Das Ergebnis ist schlichtweg genial und bis dahin ungehört. Welch wirrer Geist lässt sich auf einem Dancealbum von einem französischen Dokumentarfilm über Höhlenmalerei inspirieren? Krygier nimmt die Anleihe als Parabel und jagt den unerschrockenen Hörer durch seine Vision einer abgedrehten Zivilisation, ein Höllentrip zwischen Tango und Baguette, zwischen Ennio Morricone und Balkanbeat. Hombre De Piedra ist Punk und Underground im besten Sinne, Musik eines Außenseiters für Außenseiter und dabei trotz aller Fremdartigkeit gut hörbar und auch für Gelegenheitshörer leicht zu erschließen. Wenn Krygier Filme drehen würde, stünde er irgendwo zwischen den Coen-Brüdern und Kaurismäki. Musikalisch entzieht er sich jedoch jedem Vergleich. Diese Entdeckungsreise sei jedem offenen Ohr dringend empfohlen.
Christian Elstrodt
 TIGANÁ SANTANA: Tempo & Magma
TIGANÁ SANTANA
Tempo & Magma
www.tiganasantana.com
(Ajabu! AJABUCD022/Broken Silence)
14 Tracks, 69:34


Tiganá Santana lernte man vor einiger Zeit als den neuen sanften Barden Brasiliens kennen. Nun legt er ein ambitioniertes Doppelalbum vor, das er im senegalesischen Dakar mit westafrikanischen Musikern aufnahm. Santana schlägt mit diesen Aufnahmen eine Brücke zu den afrikanischen Wurzeln seiner Musik, insbesondere zum Wüstenblues eines Ali Farka Touré. Seine an sich sehr reduzierte Musik, die meist mit Gesang, Gitarre und etwas Percussion auskommt, wird hier mit Instrumenten wie der Spießlaute Ngoni und anderen Instrumenten, die nach einsaitiger Geige, Balafon, Kora und Holzflöte klingen, „afrikanisiert“. Das klingt oft beschwörend, als würde man alte rituelle Musik vor sich hin summen, wobei Santanas Stimme der von Milton Nascimento am nächsten kommt. Zwischen entspanntem musikalischem Fluss und federnden Rhythmen bewegt sich diese Musik. Als Gastsänger sind die brasilianische Sängerin Céu und die Candomblé-Hohepriesterin Mae Stella de Oxossi zu hören. Mit Santana kehrt ein kontemplatives Element in die brasilianische Musik zurück.
Hans-Jürgen Lenhart

Nordamerika
 BLIND WILLIES: Every Day Is Judgement Day
BLIND WILLIES
Every Day Is Judgement Day
www.blindwillies.net
(Eigenverlag)
15 Tracks, 57:27, mit engl. Texten u. Infos


Die Band um Frontmann und Sänger/Songwriter Alexei Wajchman, beheimatet in San Francisco, hat nichts mit Flowerpower am Hut. Roh, berauschend, wütend, bisweilen zärtlich und versöhnlich präsentiert sich die Mischung aus Rock, Jazz, Americana, osteuropäischer Gypsymusik und Klezmereinsprengseln. Cello, Trompete und Flöte stehen gleichberechtigt neben krachenden E- Gitarren und ergeben eine hochdynamische Mischung. Oft düster, kämpferisch und politisch kreisen die Texte um den Begriff Freiheit und dessen Vereinnahmung, Missbrauch und Pervertierung. So ist das erste Stück mit dem Titel „Cremo Tango“, inspiriert von Tadeusz Borowskis autobiografischer Kurzgeschichtensammlung This Way for the Gas, Ladies and Gentlemen, welche seine Erlebnisse als Häftling im KZ Auschwitz zum Inhalt haben und an dessen Eingangstor „Arbeit macht frei“ stand. „Big City“ bezieht im Gegensatz hierzu seine Inspiration aus Freude am Singen mit Kindern. Die Blind Willies geben dem Schrecken, der Hoffnung, dem Aufgeben, Überleben, Lieben und Hassen eine Plattform, denn all das macht uns zu Menschen. Was zählt, ist die Freude am Leben selbst, und dieses Album macht es vor.
Dirk Trageser
 THE CHUCK WAGON GANG: Complete Recordings 1936-1955
THE CHUCK WAGON GANG
Complete Recordings 1936-1955

(Bear Family BCD 17348 EK)
5 CDs, 152 Tracks, ca. 410:00, mit engl. Texten u. Infos


„Gott sprach, und aus der staubigen Erde von Texas erschallte ein Klang …, und dieser wird uns für immer als der Gesang der Chuck Wagon Gang in Erinnerung bleiben.“ So heißt es im Vorwort von Mary Stuart. Und in der Tat, engelsgleich klingt der Gesang der 1936 gegründeten Gruppe, gegenwärtig geleitet von Shaye Smith, der Enkelin der Original-Altstimme Anna Carter Gordon Davis. Bis zum heutigen Tag führt die Chuck Wagon Gang die traditionellen Gospelsongs im Bluegrassgewand auf, so wie sie „Dad“ Carter seinen Kindern beigebracht hat. Die vorliegende Box im LP-Format enthält auf fünf CDs die kompletten Aufnahmen mit Gründer „Dad“ Carter von 1936 bis 1955 inklusive unveröffentlichter Aufnahmen und Raritäten. In Zahlen sind das 152 Einzeltitel mit einer Gesamtspieldauer von ca. 410 Minuten. Zudem beinhaltet die Box noch einen 148 Seiten starken, farbigen Hardcover-Bildband mit Abhandlungen von Bill C. Malone, Eddie Stubbs, Harold Timmons und Gruppenmitglied Shaye Smith, plus seltene Fotos und Illustrationen aus dem Privatarchiv der Gruppe. Wie immer hat Bear Family hier mit viel Liebe und Respekt vor der Arbeit der Künstler eine Werkschau herausgebracht, die in musikalischer und ästhetischer Hinsicht einzigartig sein dürfte. Wenn heute noch jemand das Wagnis eingeht in eine solche Vorleistung zu gehen, zumal die Käuferschicht für diese Form von Musik überschaubar sein dürfte, ist das mehr als bemerkenswert.
Dirk Trageser

 HAT CHECK GIRL: At 2 In The Morning
HAT CHECK GIRL
At 2 In The Morning
www.hatcheckgirl.net
(Gallway Bay Music GBM 107)
11 Tracks, 41:47, mit engl. Texten


Peter Gallway ist ein Veteran der Greenwich-Village-Szene der Sechzigerjahre, stand jedoch immer im Schatten anderer Songschreiber, obwohl er in den frühen Siebzigern einige Alben auf Majorlabels veröffentlichte. Doch scheint es für ihn nie so recht geklappt zu haben, was um so überraschender ist, hat er doch mit Laura Nyro, Jane Sibbery, Chrissie Hynde, Suzanne Vega, Marshall Crenshaw und Rosanne Cash zusammengearbeitet und sich praktisch nebenbei zum namhaften Produzenten entwickelt, der über fünfzig Alben auf seiner Liste stehen hat. Irgendwo auf diesem Weg durch Studios und Auftrittsorte stieß Gallway vor zwanzig Jahren auf die Songschreiberin und Sängerin Annie Gallup. Musikalisch und stimmlich klappte es zwischen den beiden so gut, das sie seither als Hat Check Girl auftreten und drei Alben veröffentlichten. Nun steht mit At 2 In The Morning ihr viertes Werk im Regal und ist mit seinem absolut reduzierten Klang von zwei akustischen Gitarren und zwei Stimmen ein ungewöhnlich intimes Abenteuer. Die beiden klingen, als würden sie in die Nacht singen, allein für die Leuchtkäfer, die elegant um die Sträucher schwirren.
Michael Freerix
 MARKUS JAMES: Head For The Hills
MARKUS JAMES
Head For The Hills
www.facebook.com/markusjamesmusic
(Firenze Records 014)
16 Tracks, 55:34, mit engl. Beiheft u. Texten


Hinter der auf den ersten Blick rauen Schale des US-Amerikaners Markus James steckt selbstverständlich doch ein weicher Kern. Mit kratziger Stimme und fetter Slidegitarre baut er Songs, die tief im Mississippidelta verwurzelt sind. Doch gleichzeitig packt James seine akustische Gitarren in den Koffer und reist durch Mali, um dort ansässige Musiker zu treffen und in der Wüste nach den Wurzeln des Blues zu forschen. Regelmäßig tritt er deshalb auch beim Festival au Désert auf. James ist also nicht nur Bluesfan, sondern ein Gläubiger in der „Church of Blues“, der sein Leben komplett diesem Glauben unterworfen hat. Head For The Hills nun pendelt zwischen den Extremen. Einerseits singt James reißerische, vom Schlagzeug angetriebene, schnelle Titel, als hätte er den Höllenhunde in seinem Rücken. Andererseits spielt er auch vollkommen kontemplative, scheinbar zu Naturgeräuschen improvisierte, akustische Titel. Das ist abwechslungsreich und vielschichtig. Von der Grundstimmung her folgt diese Album den bekannten Pfaden – warum auch nicht, verlangt man von einem Ry Cooder ja auch nicht, das er plötzlich wie Jimmy Page klingt. Wobei James seinen komplett eigenen Sound hat, der niemandem nacheifert.
Michael Freerix

 TREVOR LAURENCE & SIMON HUTNER: Harlem Street Singer – The Reverend Gary Davis Story
 WOODY MANN: A Tribute To The Reverend
 EMPIRE ROOTS BAND: Music From The Film Harlem Street Singers
TREVOR LAURENCE & SIMON HUTNER
Harlem Street Singer – The Reverend Gary Davis Story
www.harlemstreetsinger.com
(Acoustic Traditions Films, AT101, Acoustic Music Records)
DVD, 77:00, mit engl. Infos


WOODY MANN
A Tribute To The Reverend
www.woodymann.com
(Acoustic Music Records, Rough Trade 319.1530.2)
14 Tracks, 36:43, mit engl. Infos


EMPIRE ROOTS BAND
Music From The Film Harlem Street Singers
www.woodymann.com
(Acoustic Music Records, Rough Trade 319.1529.2)
11 Tracks, 46:31, mit engl. Infos im Digipack


Die vielfach ausgezeichnete DVD Harlem Street Singer erzählt die Lebensgeschichte des Reverend Gary Davis (1896-1972), eines der bekanntesten und einflussreichsten Blues-, Gospel- und Ragtimegitarristen unserer Zeit. Der schwarze Musiker, der als Kind erblindete, begann seine Karriere als Straßenmusikant in North Carolina, bevor er in den 1960er-Jahren die New Yorker Folkszene nachhaltig inspirierte. Er war Vorbild für so illustre Künstlerpersönlichkeiten wie David Bromberg, Jerry Garcia, Stefan Grossman, Ry Cooder, Happy Traum und John Cohen. Bob Dylan und Peter, Paul & Mary nahmen Coverversionen seiner Songs auf. Werner Lämmerhirt spielte Davis’ berühmten „Hesitation Blues“ und Hannes Waders „Kokain“ ist die deutsche Version von Davis’ „Cocaine“. Der Film reiht zahlreiche Originalaufnahmen in Bild und Ton aneinander, Weggefährten des Reverend, der auch als überzeugter Baptistenprediger tätig war, berichten über den Bluesmann, und zwischendurch spielt immer wieder die Empire Roots Band mit Dave Keyes (Piano), Woody Mann (Gitarre), Brian Glassman (Kontrabass) und dem Blues- und Gospelsänger Bill Sims Jr. Kompositionen des Meisters. Der Fingerstylegitarrist Woody Mann setzte seinem ehemaligen Gitarrenlehrer Reverend Gary Davis als Produzent und Mitwirkender im Film ein geradezu liebevolles Denkmal. Das umfangreiche Zusatzmaterial zur DVD enthält – neben zahlreichen Statements und Interviews – eine Filmsequenz, in der Mann als junger Gitarrenschüler vom Reverend unterrichtet wird. Manns Album A Tribute To The Reverend ist eine weitere Verbeugung vor einem außergewöhnlichen Blueskünstler, der selbst nie Instrumentalunterricht erhielt und daher einen recht unkonventionellen, dafür aber nicht minder ausdrucksstarken eigenen Stil entwickelte. Woody Mann spielt, begleitet vom Kontrabassisten Brian Glassman, Stücke des Reverend und eigene Kompositionen. Das Album Music From The Film Harlem Street Singer ist der Soundtrack zum Film. Insgesamt ein hochkarätiges Paket, das geeignet ist, den Ausnahmekünstler Reverend Gary Davis intensiv kennenzulernen.
Kai Engelke
 GRETCHEN PETERS: Blackbirds
GRETCHEN PETERS
Blackbirds
www.gretchenpeters.com
(Proper Records PRPCD124/H’Art Music)
Promo-CD, 11 Tracks, 49:31


Das Album heißt nicht umsonst Blackbirds, die vielfach gepriesene Songschreiberin Gretchen Peters spürt das Alter. Als sie mit der Arbeit an den Stücken begann, gab es eine Woche, in der sie zu drei Trauerfeiern und einer Hochzeit eingeladen war – nicht umgekehrt. Allerdings scheint es für Frauen im Musikgeschäft nur mit Mut möglich zu sein, von diesem Prozess in Liedern zu erzählen, zumindest in den USA. Gretchen Peters, Mitglied der renommierten Nashville Songwriters Hall of Fame, hat sich getraut, das Thema Vergänglichkeit anzupacken. „Everything Falls Away“, „Black Ribbons“, „Blackbirds“ lauten einige der Songtitel, die unterstreichen: Hier scheint keine ewige Jugend auf. Dennoch klingt Peters nicht depressiv oder durchgängig düster, sondern vor allem nachdenklich. Ihren Folk- und Countryrock durchzieht eine gedeckte Stimmung, die Lichtblicke nicht ausschließt. Musikalisch taucht gelegentlich eine Nähe zu Joni Mitchell auf, der Folkrock der Siebziger wirkt als Mittel der Wahl. Unterstützt wird die Künstlerin von Musikern wie Jerry Douglas und Jason Isbell, die Band groovt. Nein, Gretchen Peters ist kein Trauerkloß; ein Herbstalbum ist es trotzdem.
Volker Dick

 ANDY DALE PETTY: Frick’s Lament
ANDY DALE PETTY
Frick’s Lament
www.andydalepetty.bandcamp.com
(Voodoo Rhythm Records VRCD84/Cargo)
Promo-CD, 12 Tracks, 29:39


Dieser Petty heißt nicht Tom, er ist gerade mal so um die dreißig, und es setzt sich der Eindruck fest, als sei er zur falschen Zeit jung. Er wäre wahrscheinlich lieber in den Vierziger- oder Fünfzigerjahren auf Güterzüge gesprungen und mit Jack Kerouac oder Woody Guthrie durchs Land gezogen. So aber muss er das Beste machen, was er heute tun kann. Was bedeutet, dass er uns in eine andere Zeit trägt. Er hebt Schätze aus den 1920er-Jahren, beschwört aber genauso den Folkgeist der Sechziger herauf, mit seinem schnellen Fingerpicking oder dem Spiel auf der Slidegitarre. John Fahey und Bert Jansch lassen kurz grüßen. Außerdem zeigt sich Petty als versierter Mann am Banjo, ob es um Picking- oder Clawhammertechnik geht. So führt uns der viel gereiste Musiker aus Huntsville, Alabama, durch einen Kosmos aus Old-Time, Bluegrass, Folk und Countryblues, gelegentlich unterstützt durch Schlagzeug und anderes. Im Wesentlichen bleibt es aber bei der Konstellation „Ein Mann und sein Instrument“, dies eingebettet in eine ebenfalls zeitvergessene Produktion zwischen Hallorgie und Wohnzimmerkonzert. Das klingt nicht wirklich nach Retro, sondern einfach nur eigen. So ist er wohl, dieser Petty.
Volker Dick
 ASTRID YOUNG: One Night At Giant Rock
ASTRID YOUNG
One Night At Giant Rock
www.astridyoung.net
(Eigenverlag)
Promo CD, 11 Tracks, 45:52


Nach mehr als zehnjähriger Pause legt die Halbschwester von Neil Young ein neues Album vor. Eine eigenwillige Mischung aus Folk, Country, Funk, Singer/Songwriter und vielem mehr. Urbane Kiezmusik, die trotz ihrer Zickzackfahrt nicht zerrissen oder beliebig wirkt. Bisweilen sind es nur Kleinigkeiten im Arrangement, Chorgesangslinien oder Gitarreneinsätze, die den Stücken einen extra Dreh verleihen. Begleitet von Victor DeLorenzo, Schlagzeuger der Violent Femmes, Joe Gore und Eric McFadden an der Gitarre plus Ehemann Ray Farrugia, Mitglied von Junkhouse, ebenfalls Schlagzeug, sind zudem einige Protagonisten dabei, die schon lange aus einem traditionellen Background heraus unbeschwert mit Stilen und Versatzstücken experimentieren. Die Produktion ist bodenständig und kantig, an den richtigen Stellen aber auch samtweich geschliffen. Schade nur, dass dem Album am Ende etwas die Luft ausgeht.
Dirk Trageser

Besondere
 GERD SCHINKEL: Abgelaufen – Eigenfüßige Lieder vom Jakobsweg
GERD SCHINKEL
Abgelaufen – Eigenfüßige Lieder vom Jakobsweg

(Eigenverlag, ausschließlich erhältlich unter info@gerdschinkel.de)
Do-CD, selbst gebrannt, CD1: 31 Tracks, 78:57, CD 2: 28 Tracks, 77:08, Heft mit allen Texten extra erhältlich



Es gibt viele gute Gründe, den Jakobsweg zu gehen: die Suche nach sich selbst; innerlich zur Ruhe kommen, um Antworten auf oft gestellte Fragen zu erhalten; Gedankenklarheit gewinnen; neue Erfahrungen sammeln; vielleicht sogar den Zugang zu einer übergeordneten Instanz erlangen. In jedem Fall ist der weite, oft beschwerliche Weg zu Fuß das Ziel. Auf der Suche nach Anregungen für neue Lieder ist Gerd Schinkel im Sommer 2014 auf dem Jakobsweg gegangen – hundertsechzig Kilometer in sieben Etappen. Unterwegs notierte er regelmäßig seine Eindrücke, Gedanken, Erfahrungen, Erlebnisse und Erkenntnisse, um sie gleich nach der Rückkehr aus Santiago de Compostela zu ernsthaft reflektierenden
 Gerd Schinkel * Foto: Ingo Nordhofen
Texten und ebensolchen Liedern zu verarbeiten. Herausgekommen ist ein wirklich besonderes Werk, das sowohl ein Konzeptalbum als auch ein Hörbuch ist. In seinen sorgfältig formulierten Zwischentexten, die er Moderationen nennt, schildert Schinkel seine Zweifel und Unsicherheiten, die er im Vorfeld empfand, erzählt von wilden Radfahrern und skurrilen Mitwanderern, berichtet von verschiedenen Arten zu gehen und vom Wetter, von geplagten Füßen und schleichender Zeit. Und auch der Tod wird angstfrei thematisiert. Im Wechsel mit den Texten, die Schinkel angenehm unaufgeregt mit professioneller Stimmführung vorträgt, erklingen seine Lieder – souverän gereimt, musikalisch ansprechend vertont. Keine technischen Spielereien, keine Effekte, nur Stimme und Gitarre. Auch das macht die Faszination dieser Eigenproduktion mit einfachsten Mitteln aus. Das umfangreiche Textheft, das sämtliche Moderationen und Lieder enthält, ermöglicht es dem Hörer zusätzlich, auf intensive Weise zweieinhalb Stunden lang in Schinkels vielfältige Gedanken- und Liederwelt einzutauchen und seine Pilgerreise anschaulich nachzuvollziehen. Schinkel hat sich auf die Suche nach Inspiration begeben und sie offensichtlich auch gefunden. Daran lässt er den Hörer nun teilhaben.
Kai Engelke
 CRISTINA PATO & DAVIDE SALVADO & ANXO PINTOS & ROBERTO COMESAÑA: Rústica
CRISTINA PATO & DAVIDE SALVADO & ANXO PINTOS & ROBERTO COMESAÑA
Rústica

(Fol 100FOL1083/Galileo MC)
8 Tracks, 31:32, mit galic. Infos u. Texten



Bei Liebhabern galicischer Musik werden diese (leider nur!) knapp 32 Minuten allergrößten Zuspruch finden. Auch uneingeweihte Folkfans werden Rústica zu schätzen und zu genießen wissen. Waren doch bei diesem Vierergipfel einige der besten Neofolkloristen der nordwestspanischen Region mit maximaler, spürbarer Sensibilität und Tiefe am Werk. Die zum Teil auch singende Gaitaspielerin Cristina Pato (auch Pianistin) betreibt seit längerem von New York aus ihre musikalische Wurzelpflege und zelebriert – wie im Booklet zu lesen – hiermit die fünfzehn Jahre ihrer Solokarriere. Dafür kann sie auf drei ihr sehr am Herzen liegende Kollegen zählen. Der Drehleierspieler Anxo Pintos (hier auch künstlerischer Leiter) kam uns
 Anxo Pintos, Roberto Comesaña, Cristina Pato, Davide Salvado
mit seinem überaus vitalen, innovativen Spiel unter anderem auf den diversen Alben der 2014 aufgelösten Band Berrogüetto zu Ohren. Die einfühlsamen Akkordeonklänge, die in der galicischen Musik ihr besonderes Zuhause haben, steuert der hier weniger bekannte Roberto Comesaña bei. Fehlt noch einer der derzeit – zu Recht! – gefeiertsten Vokalisten der Szene: Davide Salvados gleichermaßen traditionsverbundener wie freiheitsliebender Gesang hätte die Gaitera auf Anhieb betört, ist ihrem Einführungstext zu entnehmen. So erging es wohl auch jedem, der den Mittdreißiger bei der letzten WOMEX in Santiago de Compostela live erleben konnte. Auch nun, in sieben der insgesamt acht adaptierten, neu arrangierten, größtenteils von Salvado selbst eingesammelten Traditionals verfehlt die Kunst des Sängers und Pandereteiros ihre suggestive Wirkung nicht. Die warme, angenehm geerdete Stimme und der flirrende, teils spitz anmutende Klang der Gaita gehen eine vertrauensvolle, gelungene Allianz ein. Die beiden anderen Instrumentalisten tragen mit viel Gespür fürs richtige Maß das Ihre bei zu Rústica, diesem musikalischen „Liebesbrief an das unglaubliche Kulturgut Galiciens, an das unglaubliche Talent der galicischen Künstler, die menschlichen Beziehungen, die Freundschaft, Emotion, das Vertrauen“.
Katrin Wilke

Bücher
 KLAUS & HENRIKE ECKHARDT: Hör an mein Stimm – wiederentdeckte Volkslieder / aus d. Verklingenden Weisen von Louis Pinck, ausgewählt von Klaus Eckhardt ; Umschlaggestaltung,
KLAUS & HENRIKE ECKHARDT
Hör an mein Stimm – wiederentdeckte Volkslieder / aus d. Verklingenden Weisen von Louis Pinck, ausgewählt von Klaus Eckhardt ; Umschlaggestaltung,

(– Norderstedt : BoD - Books on Demand, 2014. – 47 S. : Noten, Texte u. zahlr)
ISBN 978-3-7347-3193-8, 14,90 EUR


Von wegen: Book on demand, das kann doch nichts sein … Doch, doch, kann es sehr wohl. Den Beweis liefern Klaus und Henrike Eckhardt, auch bekannt als saarländisches Folkduo Erledanz, mit einem Liederbuch, das man schlicht als wunderschön bezeichnen muss. Und das liegt in allererster Linie an den Illustrationen von Henrike Eckhardt. Das Buch im A5-Format beinhaltet einundzwanzig „wiederentdeckte“ deutsche Volkslieder, die dem passionierten Deuschfolkie so neu nun nicht sind, darunter „Der arme Bauer (Lothringer Bur)“, „Die Brombeeren“, „Das Sichelein“ und andere, allerdings in weniger bekannten Text- oder Melodieversionen. Insofern hat dieses Buch durchaus seine Berechtigung, zumal die Lieder sauber und übersichtlich in Noten gesetzt sind, mit Angaben der Akkorde über den Noten, die im Anhang auch noch einmal in Kapodasterversionen angegeben sind. Was dieses Buch allerdings zu einem außergewöhnlichen macht, sind die bereits erwähnten, meist ganzseitigen, farbenfrohen Illustrationen von Henrike Eckhardt, die einen Vergleich etwa mit Tatjana Hauptmann oder Tomi Ungerer nicht zu scheuen brauchen.
Ulrich Joosten
 SASCHA LANGE: Meuten, Swings & Edelweißpiraten : Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus.
SASCHA LANGE
Meuten, Swings & Edelweißpiraten : Jugendkultur und Opposition im Nationalsozialismus.
www.ventil-verlag.de
(– Mainz : Ventil-Verl., 2015. – 223 S. : mit zahlr. s/w-Abb.)
ISBN 978-3-95575-039-8, 17,00 EUR


Sie begrüßten sich schon mal mit „Swing Heil“, einer Adaption des amerikanischen Songs „Swing High“ von Tommy Dorsey, damals im Hamburg der Vierzigerjahre. Dass eine Grußformel der verhassten Nationalsozialisten ganz ähnlich klang, war den jungen Andersdenkenden, die sich auch „Swing-Boys“, „Youngsters“ oder „Edelweißpiraten“ nannten, natürlich bewusst. Sie hatten nichts am Hut mit HJ und Nazi-Ideologie. Sie wollten sich mit allen Mitteln dem Zwang des Nationalsozialismus entziehen, und sei es zunächst nur durch Kleidung und die damals verbotene Swing- und Jazzmusik. Der Musiker, Autor und promovierte Historiker Sascha Lange stellt in seinem Buch anschaulich und sorgfältig recherchiert die unterschiedlichsten Aktivitäten von Jugendgruppen außerhalb der Hitlerjugend dar. Er zeigt auf, dass es den meisten Jugendlichen zunächst um Nonkonformität und Opposition ging, die allerdings nicht selten in Widerstand mündete. Viele der Swings, die sich in den Jahren 1933 bis 1945 in „Banden“, „Meuten“ und „Cliquen“ zusammenfanden, wurden verhaftet, verurteilt und in Konzentrationslager geschickt, was in den meisten Fällen einem Todesurteil gleichkam. Sascha Lange hat seine Darstellungen jugendlicher Opposition geografisch geordnet, sodass sich für den Leser ein detaillierter Überblick ergibt, was wann wo stattfand. Neben den bekanntesten Widerstandsgruppen wie „Weiße Rose“ oder „Edelweißpiraten“ finden zahlreiche weitere, eher weniger bekannte Widerstandsgruppen Erwähnung. Es fällt auf, dass amerikanisch geprägte Musik in vielen der damaligen Jugendgruppen außerhalb der HJ eine ganz wesentliche Rolle spielte. Interviews mit Zeitzeugen wie Coco Schumann, Manfred Omankowsky oder Heinz Koch ergänzen diese umfangreiche Materialsammlung auf eindrucksvolle Weise.
Kai Engelke

 SIMONA PAKENHAM: Singing and Dancing wherever She Goes – A Life of Maud Karpeles.
SIMONA PAKENHAM
Singing and Dancing wherever She Goes – A Life of Maud Karpeles.

(– London : English Folk Dance and Song Society, 2011. – 276 S. : mit zahlr. )
ISBN 978-0-85418-216-9, 10,00 brit. Pfd.


Cecil Sharp war eine monumentale Figur der englischen Folkmusik des frühen zwanzigsten Jahrhunderts, ein Name, der auch interessierten Menschen hierzulande geläufig ist. Aber Maud Karpeles? Oberflächlich gesehen war sie seine Assistentin, Begleiterin auf seinen zahlreichen Feldforschungsreisen in England und besonders in den Appalachian Mountains der USA. Beide pflegten ein seltsames Abhängigkeitsverhältnis: Er sah sie als eine Art Tochter und (preiswerte) Unterstützerin seiner folkloristischen Ambitionen, sie ihn als ein Objekt rein platonischer Verehrung. Als Sharp 1924 starb, wurde Karpeles seine unnachgiebige folkloristische Nachlassverwalterin und sorgte im Rahmen der English Folk Dance and Song Society (EFDSS) und des von ihr 1942 ins Leben gerufenen International Folk Music Council für den Fortbestand seiner Ideen. Karpeles starb 1976 im Alter von 91 Jahren und war bis zuletzt höchst aktiv in Sachen Folkmusik. Simona Pakenham, die Karpeles kannte, hat eine Biografie aus gemischten Quellen verfasst. Zum einen basiert sie auf Karpeles’ eigener, ziemlich faktischer und nie veröffentlichter Autobiografie. Zum andern zieht Packenham Tagebücher und Briefe aus der Bücherei des Cecil Sharp House in London hinzu, und das führt insgesamt zu einer verdichteten Lebensgeschichte mit ausführlichem Bildmaterial.
Mike Kamp
 NEPOMUK RIVA [HRSG.]: Klangbotschaften aus der Vergangenheit : Forschungen zu Aufnahmen aus d. Berliner Lautarchiv.
NEPOMUK RIVA [HRSG.]
Klangbotschaften aus der Vergangenheit : Forschungen zu Aufnahmen aus d. Berliner Lautarchiv.
www.shaker.de
(– o. O. : Shaker-Verl., 2014. – 240 S. : mit Abb. – (Berichte aus der Musi)
ISBN 978-3-8440-3203-1, 49,80 EUR


Das Lautarchiv der Berliner Humboldt-Universität besitzt eine riesige Sammlung von Schellackplatten und Aufnahmen auf Wachswalzen, und einige davon werden im vorliegenden Buch untersucht. Die Aufnahmen entstanden zwischen 1916 und 1940, aufgenommen wurde Gesang von Insassen von Kriegsgefangenenlagern im Ersten Weltkrieg, von rückgewanderten Bessarabiendeutschen und von anderen, die das Schicksal aus welchen Gründen auch immer nach Deutschland verschlagen hatte. Manchmal ist es möglich, mehr über diese Menschen zu erfahren, wie im Fall der Bessarabiendeutschen Aniela Ziebart, die Weihnachtslieder aus ihrer Heimat aufnahm. Andere, wie der 1894 im damals russischen Vilnius geborene Scholom Finn, von dem zwei revolutionäre russische Lieder vorliegen, sind biografisch nicht mehr greifbar. Aufnahmen von katalanischen Kriegsgefangenen aus dem Roussillon belegen, wie der Erste Weltkrieg als auslösendes Moment fungierte: Viele der damals in die französische Armee eingezogenen Katalanen begannen danach, sich eher als Franzosen denn als Katalanen zu begreifen, der Niedergang der katalanischen Sprache in Frankreich war die direkte Folge. Ein Abschiedslied aus Samoa und Untersuchungen der Trommelsprache der Duala in Afrika zeigen Folgen der deutschen Kolonialherrschaft auf, und es gibt noch viel mehr zu entdecken in diesem überaus spannenden Buch. Mit einer Ausnahme wurden alle Beiträge von Männern verfasst, was man daran merkt, dass sexistische Scherzchen oder Textstellen einfach so durchrutschen, was das Lesevergnügen durchaus schmälert. Außerdem wäre ein gründliches Korrekturlesen sinnvoll gewesen, um wenigstens die ärgsten sprachlichen Schnitzer und Druckfehler zu tilgen: „augenscheinlich“ statt „sichtbar“, „des Knecht Ruprechts“, „Beschneidigung“, um nur einige wenige zu nennen. Aber die Vorzüge überwiegen, also ein unbedingt lesenswertes Buch!
Gabriele Haefs

 GERHARD GRAF-MARTINEZ: Flamenco Guitar Technics Vol. 1 : Arpegios, Rasgueados : music notation + tablature ; dt./span./engl. / alle Übungen u. Studien sind Kompositionen vo
 GERHARD GRAF-MARTINEZ: Flamenco Guitar Technics Vol. 2 : Picados, Escalas, Ligados : music notation + tablature ; dt./span./engl. / alle Übungen u. Studien sind Komposition
 GERHARD GRAF-MARTINEZ: Flamenco Guitar Technics Vol. 3: Acordes, Cadencias : music notation + tablature ; dt./span./engl. / alle Übungen u. Studien sind Kompositionen von G
GERHARD GRAF-MARTINEZ
Flamenco Guitar Technics Vol. 1 : Arpegios, Rasgueados : music notation + tablature ; dt./span./engl. / alle Übungen u. Studien sind Kompositionen vo

(– Urbach : Nota Blanca Verl., 2014. – 60 S. : nur Noten u. TAB. – (nota bl)
ISBN 979-0-9000067-0-7, 13,90 EUR


GERHARD GRAF-MARTINEZ
Flamenco Guitar Technics Vol. 2 : Picados, Escalas, Ligados : music notation + tablature ; dt./span./engl. / alle Übungen u. Studien sind Komposition

(– Urbach : Nota Blanca Verl., 2014. – 71 S. : nur Noten u. TAB. – (nota bl)
ISBN 979-0-9000067-1-4, 15,90 EUR


GERHARD GRAF-MARTINEZ
Flamenco Guitar Technics Vol. 3: Acordes, Cadencias : music notation + tablature ; dt./span./engl. / alle Übungen u. Studien sind Kompositionen von G
www.nota-blanca.de
(– Urbach : Nota Blanca Verl., 2014. – 95 S. : nur Noten u. TAB. – (nota bl)
ISBN 979-0-9000067-2-1, 19,90 EUR


Gerhard Graf-Martinez, ein bekannter deutscher Flamencogitarrist und Autor zahlreicher Publikationen zum Thema, legt nach einer zweibändigen Schule nun drei Hefte zum „daily workout“ vor. Studien und Übungen, die gleichermaßen für Anfänger wie Fortgeschrittene konzipiert sind. Es wurde besonderer Wert darauf gelegt, dass diese Etüdensammlung nicht allzu trocken gerät, was sich bei Übungen nicht immer ganz vermeiden lässt (auch bei diesen nicht). Der erste Band behandelt in erster Linie Akkordzerlegungen und die wichtigen Anschlagtechniken (Rasgueados) des Flamenco. Volume zwei beschäftigt sich mit den klassischen Modi (Tonleitern), die die Grundlage für die Improvisation bilden, ergänzt durch Legatoetüden (Bindungsübungen). Der dritte und ausführlichste Band setzt sich mit der Harmonik des Flamenco auseinander. Akkordfolgen (Kadenzen) werden vorgestellt, analysiert und wiederum durch kleine spielerische Sequenzen ergänzt. Die praktischen Übungen klingen durchweg sehr lebens- sprich flamenconah und bieten dem Schüler genügend Futter auf dem Weg zur Meisterschaft. Das Noten- und Tabulaturbild ist vorbildlich, was grafische Darstellung und Lesbarkeit angeht. Alle Hefte sind auch als E-Books erhältlich.
Rolf Beydemüller
 HAPPY TRAUM: The Blues Bag : e. Sammlung traditioneller Bluessongs u. Instrumentals aus dem Repertoire der großen Country-Blues-Gitarristen ; in Gitarren-Tabulatu
HAPPY TRAUM
The Blues Bag : e. Sammlung traditioneller Bluessongs u. Instrumentals aus dem Repertoire der großen Country-Blues-Gitarristen ; in Gitarren-Tabulatu
www.bosworth.de
(– Dt. Erstausg. – o.O. : Bosworth Ed., 2015. – 94 S. : überw. Noten u. Ab)
ISBN 978-3-86543-868-3, 19,95 EUR


Keinen wirklichen Blueslehrgang, aber eine schöne Sammlung von Bluesoriginalen liefert der Folkbluesgitarrist Happy Traum in einem Band, der angereichert durch tolle Schwarz-Weiß-Aufnahmen, eine unbedingte Kaufempfehlung abgibt. Nach einer kurzen, prägnanten Einführung ins „Wesen des Blues“ geht es dann auch gleich los. Neben den Songs, die mit Melodie und Text abgedruckt sind, findet man kleine Intros und Soli (die der Autor „Breaks“ nennt) für akustische Gitarre. In den kurzen vorangestellten Texten erhellt Traum Hintergrund und Herkunft des jeweiligen Titels. The Blues Bag bietet reichlich gut klingenden Lehrstoff für alle Bluesliebhaber.
Rolf Beydemüller

 JUSTIN SANDERCOE: Justinguitar.com – Songbook für Ukulele : 25 sagenhaft coole Ukulele-Songs mit detaillierten Spieltipps.
JUSTIN SANDERCOE
Justinguitar.com – Songbook für Ukulele : 25 sagenhaft coole Ukulele-Songs mit detaillierten Spieltipps.
www.bosworth.de
(– Dt. Erstausg. – o. O. : Bosworth, 2014. – 63 S. : überw. Noten, Akkorde)
ISBN 978-86543-870-6, 16,95 EUR


Der fleißige Sandercoe liefert nun auch sein erstes Ukulele-Songbuch ab und das kann sich wirklich sehen lassen. 25 fein ausgewählte Hits verschiedenster Genres von ganz einfach bis ziemlich komplex. Wie auch in den Liederbüchern für Gitarre setzt der umtriebige Brite auf lockeren Erzählstil, übersichtliche Darstellung und gute Einführung in den jeweiligen Song. Israel Kamakawiwo’oles wunderbares Medley von „Somewhere Óver The Rainbow/What A Wonderful World“ ist ebenso mit an Bord wie auch Pharrell Williams Megahit „Happy“ oder Eddie Vedders „Longing To Belong“ von dessen Album Ukulele Songs. „Georgia On My Mind“, „American Pie“ oder Cohens „Hallelujah“ auf der Ukulele? Na klar. Sandercoe macht vor, wie es geht.
Rolf Beydemüller



Deutschland
 BUKAHARA: Strange Delight
BUKAHARA
Strange Delight
www.bukahara.com
(Capital Music)
11 Tracks, 48:00


„Man wird niemanden finden, der einem sagt, wo es lang geht im Leben.“ So lautet nur eine Liedzeile von Bukahara. Wenige Bands schaffen es, aus dem engen Korsett der Balkan Beats auszubrechen und einen kongenialen eigenen Sound zu finden. Schon darum sind die vier Männer eine Entdeckung. Hier wird kollektiv gewerkelt und das Ergebnis klingt höchst individuell, verrät multiple Einflüsse und eine breite musikalische Bildung. Strange Delight ist mit Sorgfalt produziert. Unverwechselbar der raue Gesang von Soufian Zoghlami, der gut gezupfte Bass von Ahmed Eid, das Sinti Swing erprobte Geigenspiel von Daniel Avi Schneider. Und die Posaune von Max von Einem rundet das Bild ab, mit gezielt eingesetzten Bläserlinien. Kraftvolle und zuweilen verrätselte Songs bringt Bukahara, Lieder, die in die Beine fahren, schon beim ersten Hören. „Macht den Fernseher und das Handy aus“ und schaut was passiert, wenn man die Augen offenhält und die Ohren für den Balkan Orient Folk Mix dieser Band aus dem tiefen Westen der Republik, zu hören Mitte Juli auf der Funkhaus Europa Odyssee.
Grit Friedrich
 CATALEYA FAY: Journey
CATALEYA FAY
Journey
www.cataleyafay.com
(Electromantica EM1001)
12 Tracks, 52:00, mit dt. u. engl. Texten u. Infos


Cataleya Fay nennt ihr neu erschienenes Album selbst „Spiegel meines Lebens“, weil sie all ihre Lebenserfahrungen in ihren Songs verarbeitet und den Hörer so an ihrem Gefühlen und Erlebnissen teilhaben lässt. Die Sängerin ist vor allem für ihre Liveperfomances bekannt, bei denen sie meist nur Gitarren- und Klavierklänge begleiten. Dennoch hat sie sich nach ihrem Debütalbum Trace für eine weitere Studioplatte entschieden. Zu hören sind auf Journey neben der einprägsamen Stimme der Singer/Songwriterin in erster Linie Gitarrenklänge, Cello- und Klavierarrangements, aber auch exotische Instrumente wie Sitar oder Lap-Steel-Gitarre. Die Songs zeugen von Unbeschwertheit und sorgen für Unbeschwertheit beim Hören. Trotz Studioarbeit bleibt die für Fay typische Fragilität erhalten, die dem Folkpopsound einen Schuss Soul verleiht. Zwar hat die Künstlerin all ihre Songs selbst geschrieben und komponiert, aber auf musikalische Unterstützung wollte sie nicht verzichten. Die Platte wird mit Einflüssen der Gastmusiker Sitara und Henning Schmitz bereichert. Besonderes Highlight ist der letzte Track, der als einzige Ausnahme in deutscher Sprache gesungen wird.
Claudia Niedermeier

 JAMARAM & ACOUSTIC NIGHT ALLSTARS: Heavy Heavy
JAMARAM & ACOUSTIC NIGHT ALLSTARS
Heavy Heavy
www.jamaram.de
(Turban Records/Soulfire Artists SF 045)
16 Tracks, 64:19, mit simb., engl. u. dt. Texten u. engl. Infos


Ursprünglich vor allem auf Reggaekurs, haben Jamaram aus München schon von jeher und zunehmend verstärkt Ausflüge in darüber hinausgehende Gebiete gepflegt – Hauptsache afrikanisch grundiert. Heavy Heavy führt sie auf diesem Weg schon deshalb auf eine neue Stufe, weil es sich dabei um eine gleichberechtigte Kollaboration mit den Acoustic Night Allstars, sechs Sängern und Musikern aus Harare, Simbabwe, handelt. Nach dem ersten Zusammentreffen beider Ensembles beim Harare International Festival of the Arts 2012 nahmen die multinationalen Bayern ihre afrikanischen Kollegen mit auf eine Deutschlandtour, bei der sich das gemeinsame Programm zu entwickeln begann, das auf Heavy Heavy nun veröffentlicht wurde. Die vergleichsweise schwerblütigen jamaikanischen Blue Beats rücken für Jamaram-Verhältnisse dabei in den Hintergrund, stattdessen dominieren über weite Strecken ansteckend leichtfüßig-afrikanische, oft besonders von Mbira und Kora geprägte Klänge und Melodien. Jetzt bitte nur noch auf seichten Konsenspop wie „Why“ und „Miles Away“ verzichten. Dass es in den Texten nahezu ausschließlich um private Befindlichkeiten geht, macht alles leicht, um nicht zu sagen leichtgewichtig genug.
Christian Beck
 MANFRED MAURENBRECHER: Rotes Tuch
MANFRED MAURENBRECHER
Rotes Tuch
www.maurenbrecher.com
(Reptiphon/Broken Silence)
15 Tracks, 63:18, Texte u. Infos


Seit vielen Jahren eine verlässliche Liedermacheradresse, und doch staunt man immer wieder, wie genau sich Maurenbrecher Land, Leute und seine Zeit anschaut und wie trefflich er dies stets zu Liedern formt. Obwohl das Cover ihn als modischen Che-Guevara-Verschnitt präsentiert, belehrt oder bekehrt er nicht, sondern beschreibt. Er erzählt Geschichten, reflektiert, fantasiert, sinniert, träumt, spottet, karikiert, beißt. Das Album ist bunt gemischt und die Lieder sind recht unterschiedlich entstanden. Sein Lied vom „Staubsauger“, mit dem erst der Dreck und später alles weggesaugt wird, was stört, ist für ein Berliner Lesebühnenprogramm geschrieben. Das Titelstück „Rotes Tuch“ hat er bereits 1988 verfasst, die „Romanze“, ein Text über eine äußerst unwahrscheinliche Liebe, ist erst im Studio entstanden. Bei zwei Titeln („Wer hat, der kriegt“ und „Schuldunfähig“) stand Franz Josef Degenhardt Pate, dessen Methode, Typen zu beschreiben, an deren Zynismus sich Missstände offenbaren, er hier übernimmt. Zudem macht er Anleihen bei Dylan, Cohen und anderen und bleibt doch immer unverkennbar Maurenbrecher: kratzige Stimme, Realismus, Poesie, Blues, Klavier und einige Begleitmusiker.
Rainer Katlewski

 MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN: Voodoo
MR. HURLEY & DIE PULVERAFFEN
Voodoo
www.pulveraffen.de
(Timezone/Timezone Distribution)
19 Tracks, 69:51, mit Fotos u. dt. Infos u. Texten


Piraten sind in, seitdem Jack Sparrow auf der Leinwand die Karibik unsicher macht. Während bei ihm aber nur ein Affe eine Hauptrolle spielt, sind es hier gleich vier Pulveraffen, die mit Mr. Hurley auf Kaperfahrt gehen. Diese feuern denn auch eine volle musikalische Breitseite auf den nichts Böses ahnenden Hörer ab, der mitgerissen von treibenden und wiegenden Rhythmen verschiedener musikkultureller Provenienz vom Shanty über Irish Punk Folk und deutschem Volkslied bis zum Rock ’n’ Roll nicht anders kann, als sich zu ergeben und entern zu lassen. Wer schon über die Seefahrerpersiflage von Santiano lachen kann, wird hier damit gar nicht wieder aufhören, so sehr wird das Piratenklischee kreuz und quer durch den Kakao gezogen. Unterbrochen werden die vom Schrumpfkopf im Rumtopf, von Männern mit Haaren im Gesicht und vom Haken an dem Haken an der Hand handelnden Lieder, die auch Blut-Svente und Messer-Jocke mitgrölen würden, von einer vierepisodigen Geschichte von Captain Blakes Konsultation der Heilkünste eine Voodoozauberin, deren Nebenwirkungen immer weitere Behandlungen erfordern. Diese fünfte Scheibe der Osnabrücker Seeräuber ist der perfekte Gute-Laune-Soundtrack für Segeltouren und Kindergeburtstage gleichermaßen!
Michael A. Schmiedel
 STRÖMKARLEN: Edda Sånger
STRÖMKARLEN
Edda Sånger
www.stroemkarlen.de
(Eigenverlag)
Do-CD, 14 Tracks, 76:13, Buch mit isländ. Lyriktexten, engl. u. dt. Übers. u. Erl.


Das Trio Strömkarlen benennt sich nach einem schwedischen Wassergeist. Ihr dreistimmiger Gesang mit der klaren Sopranstimme, einem Bariton und einem Bass ist ein besonderes Merkmal der Gruppe. Dieses, ihr fünftes, Album zum zehnjährigen Bestehen ist nun in jeder Hinsicht etwas ganz Besonderes. Die beiden CDs sind in ein in blaues Leinen gebundenes, 70-seitiges Buch eingelegt, das alle Texte und umfangreiche Erläuterungen enthält. Teile der Edda-Dichtungen sind weit früher entstanden, aber erst im 13. Jahrhundert im Codex Regius festgehalten worden. Überlieferte Melodien gibt es nicht. Die Musiker haben daher aus ihrer Kenntnis skandinavischer und keltischer Musik eigene Kompositionen für die Edda-Gedichte geschrieben. Das ist natürlich nicht authentisch, aber der Musik des frühen Mittelalters einfühlsam nachempfunden. Dramatisch-schöne Gesänge sind dabei, wie zum Beispiel „Die Namen Odins“, was etwas an das mittelalterliche gotländische Musikdrama Volund (1993) erinnert. Es gibt aber auch einige etwas „leichtere“ Stücke wie „Loddfafnirs Lied“, mit Slidegitarre, etwas poppig. Gesungen wird auf Schwedisch, Isländisch oder Nynorsk. Das ganze Projekt ist eine wunderbare Möglichkeit, sich mit der Edda zu befassen. Die Musik ist die Brücke dazu.
Bernd Künzer

 JÜRGEN THELEN: Wir ziehen nach Amerika – Lieder der Auswanderungen des 19. Jahrhunderts
JÜRGEN THELEN
Wir ziehen nach Amerika – Lieder der Auswanderungen des 19. Jahrhunderts
www.dilldapp.de
(Eigenverlag CD-TD-042015)
16 Tracks, 46:50


Der Multiinstrumentalist Jürgen Thelen ist auch als Spielmann Thelonius Dilldapp bekannt, der mit Dudelsack und Drehleier über die Mittelaltermärkte dieser Republik zieht. Nun spürt er mit zeitgenössischen Liedern der deutschen Auswanderungswelle im 18. und 19. Jahrhundert nach, mit Liedern, die die Strapazen der vielfach abenteuerlichen Reisen aufzeigen und die Erwartungshaltung der Auswanderer, die oftmals mit der realen Situation in der neuen Heimat nicht viel zu tun hatte. Das ein oder andere Lied kennt man von anderen Interpreten, doch selten klangen sie als Gesamtkonzept so stimmig wie in den sehr gelungenen Arrangements und der einfühlsamen Interpretation Thelens. Er schafft eine authentische Atmosphäre, die den Hörer förmlich in die Zeit der Emigranten zurückversetzt. Zu seinem Gesang hat der Musiker fast sämtliche Instrumente selbst eingespielt: Gitarre, Waldzither, Akkordeon, Schlüsselfidel, Dudelsack, Klarinette, Flöten, Brummtopf und Drehleier – und zwar äußerst gekonnt. Nur zwei Gastmusiker unterstützten ihn im Studio: Andreas Krall an Klavier, Organetto, Trommel und mit Gesang sowie Daniela Osietzki an der Harfe. Das Album ist als Dokumentation der historischen Auswandererlieder und als äußerst gelungenes Deutschfolkalbum rundweg zu empfehlen.
Ulrich Joosten
 TROVACI: Aprililili
TROVACI
Aprililili
www.trovaci.de
(GMO – The Label GMO 053-2/Rough Trade)
11 Tracks, 45:13, mit serb., engl. u. dt. Texten u. engl. Infos


Aprililili steht im Titelstück für Sprüche, es gäbe keine Faschisten, Nationalisten, Radikale, arme und kranke Menschen mehr – bestenfalls als Aprilscherze abzutun. Als Klassifizierung für Trovacis viertes Album taugt der Albumtitel dagegen kein Stück – diese Musik, die Themen, Ton und Haltung sind keine Aprilscherze. Kein Wunder, wenn es schon damit beginnt, dass man sich im Exil trifft, weil es in der Heimat zugeht wie auf dem Balkan bei Krieg! Betrachtungen der Weltpolitik im Allgemeinen – „Che“ – und im Besonderen – „Is It Okay?“, ein Stück über die NSA, das schon alleine deshalb auf Englisch gesungen wird, damit dessen Mitarbeiter auch alles verstehen. Aufgelockert von allgemein menschlichen Themen, vor allem der Liebe. Die vier Wahlkölner aus dem ehemaligen Jugoslawien und ihre beiden deutschen Mitstreiter gießen sie auf Serbisch, Deutsch und Englisch in schweren Reggae, kräftigen, rauen Rock, aber auch die gelegentliche melancholisch schwebende Meditation und einen locker luftigen Schlager zwischen Latin und Reggae, der zwar behauptet „Multikulti ist gescheitert“, aber schon im Titel „Nix Vorbei“ und dann vor allem auch durch sein eigenes Beispiel das Gegenteil beweist.
Christian Beck

 U.T.A.: Endless Summer
U.T.A.
Endless Summer
www.uta-holst-ziegeler.de
(Eigenverlag)
16 Tracks, 47:43


Wozu braucht die Welt ein Magazin wie den Folker, wenn es doch Spotify und Last FM gibt, wodurch der Hörer Neuheiten in unbegrenzter Zahl aus seinem Lieblingsgenre hören kann? Die Antwort ist einfach: Damit Alben wie Endless Summer nicht untergehen. Die Künstlerin U.T.A. hat ein großartiges Debüt hingelegt, welches komplett handgemacht und ohne Werbebudget die musikalische Welt bereichert. Eine Liedermacherin mit Gitarre und selbst geschriebenen Songs, das klingt nach einer CD von Tausenden. Aber bereits bei den ersten Tönen zieht die Künstlerin den Hörer in ihren Bann. Die bluesige Stimme der Sängerin klingt noch lange nach dem Ende der Albumlaufzeit im Ohr. Die begleitende Gitarre ist, wie übrigens die gesamte Produktion, auf höchstem Niveau. U.T.A. schreibt ihre Songs auf Englisch und legt vorsichtshalber keine Texte ins Booklet, auch die Homepage ist mehr als spartanisch. Selbst hören ist also angesagt, um den Worten der Dortmunderin zu folgen. U.T.A. hat ihren Stil gefunden und drückt ihn perfekt aus. Das Cover im Bauwagenstil harmoniert mit dem Inhalt. Das Einfache wird zur bewusst gewählten Kunstform, und Endless Summer damit in jedem Wortsinn schlicht großartig.
Christian Elstrodt
 KONSTANTIN WECKER: Ohne Warum
KONSTANTIN WECKER
Ohne Warum
www.wecker.de
(Sturm & Klang)
Promo-CD, 16 Tracks, 64:29


Immer wieder gelingt es Konstantin Wecker, Poesie und Musik auf das Schönste miteinander in Einklang zu bringen. Zarte, innerliche, suchende, auch mystische Texte aus eigener und fremder Feder (z. B. von Angelus Silesius, Meister Eckhart, Novalis, Hugo von Hofmannsthal) stehen gleichberechtigt neben fordernden, aufrüttelnden, anklagenden Liedern, die auf Missstände verweisen und zum eigenen Handeln ermuntern. „An Meine Kinder“ ist ein sehr privates Lied, wohingegen „Die Mordnacht von Kundus“ auf eine völlig andere, aber ebenfalls existente Wirklichkeit verweist. Weckers Neubearbeitung des alten, schon immer hochpolitischen Volkslieds „Die Gedanken sind frei“ transportiert die Liedaussage in die Jetztzeit. „Willi 2015“ veranschaulicht, dass Dummheit und Ignoranz leider noch immer fester Bestandteil des öffentlichen Lebens sind. Lieder, geprägt von Wut und Zärtlichkeit, Mystik und Widerstand. Der Poet und Musiker Konstantin Wecker ist ein Künstler, dem seine Verantwortung als Person von öffentlichem Interesse schon immer bewusst gewesen ist. Dabei stellt sich die Verbindung von Ernsthaftigkeit und bestem Entertainment als ein weiteres Markenzeichen des Münchner Liedermachers dar.
Kai Engelke

DVD/Filme
 MARCUS H. RODENMÜLLER: Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang
MARCUS H. RODENMÜLLER
Hubert von Goisern – Brenna tuat’s schon lang
www.hubertvongoisern.com
(Langbein & Partner/Blankomusik)
Promo-DVD/PR-Screener, 94:34


Es ist ein ausgiebiges Künstlerporträt und ein Rückblick auf viele Dinge, die Hubert von Goisern antreiben. Den Rahmen des Films bildet ein Angelkahn auf einem malerischen Alpensee. Dort sitzt der Protagonist und philosophiert über sein Leben und seine Musik. Eine Reise durch Raum und Zeit, Begegnungen mit anderen Reisenden. Gezeigt werden wenig veröffentlichtes Archivmaterial, einige Konzertauszüge und Gespräche mit ehemaligen Mitstreitern. Dazu gehören erste Auftrittsorte in Wien 1984. Oder wie der BMG-Manager Goisern erstmals auf einem Open-Air-Festival sah und erstaunt war, dass das Publikum bei „Koa Hiatamadl“ auf die Tische sprang und mitsang. Gezeigt wird Goiserns Rebellionsgeist, zum Beispiel gegen Herrn Haider. Und seine vielen Reisen zu anderen Kulturen – zur Affenforscherin Jane Goodall, nach Tibet, für Konzerte in Ägypten und im Senegal. Großen Raum nimmt im Film sein Schiffsprojekt 2007 bis 2009 ein, als er die Donau hinunterfuhr – eine völkerverbindende Musikreise im bunt bemalten Lastkahn, im Unwetter die Technik von der Bühne holend und hinterher das Keyboard mit dem Föhn trocknend. Diese vielen kleinen Details machen den Film interessant und spannend. Und die Unbekümmertheit, mit der sich HvG auf andere Musikkulturen einlässt und sie in sich einsaugt.
Piet Pollack
 KOFELGSCHROA: Frei. Sein. Wollen.
KOFELGSCHROA
Frei. Sein. Wollen.
www.indigo.de
www.kofelgschroa.by
(Indigo DV 10853-8)
191:00, inkl. Bonusmaterial


Die erfolgreichen Oberammergauer Handwerker und Freizeitvolksmusiker begeisterten die Freunde des neuen Folks und des Authentischen und irritierten TV-und Rundfunkmoderatoren. Regisseurin Barbara Weber hat das Quartett, bestehend aus dem Brüderpaar Martin und Michael von Mücke, Maxi Pongratz und Matthias Meichelböck, in den letzten sieben Jahren begleitet und ein recht aufschlussreiches Porträt daraus geschaffen. Vor allem ist es ihr gut gelungen, die relativ stillen Typen in ihrem eigenen Tempo, ihren Ansichten sowie in ihrem regionalen Umfeld einzufangen. Dass sie sich, wie sie betonen, zwar fürs Musikmachen, aber kaum für die Gestaltung ihrer Karriere interessieren, lässt allenthalben Gerüchte über einen wohlkalkulierten Kult grassieren. Die Dokumentation wirkt dem entgegen, sie hinterlässt den Eindruck geradezu liebenswerter Wahrhaftigkeit, Individualität und Bescheidenheit der mit trockenem Humor gesegneten jungen Männer. Und gleichzeitig können wir uns den real existierenden Gegenentwurf zum hektisch-zwanghaften Leben andernorts betrachten. Als unterhaltsame Extras sind Videos, Tourimpressionen aus Peru und den USA, Auftritte zwischen Küche und Altenheim und mehr oder weniger geglückte Interviews dabei.
Imke Staats

 THE RED HOT CHILLI PIPERS: Live At The Lake 2014
THE RED HOT CHILLI PIPERS
Live At The Lake 2014
www.redhotchillipipers.com
(Chilli Pipers Production CPP01NDVD)
auch als Do-CD erhältlich, 116:00 plus 21:00 Extras


Das Milwaukee Irish Fest an den Ufern des Lake Michigan ist wahrscheinlich das größte keltische Festival Nordamerikas. Der ideale Ort für die Red Hot Chilli Pipers, um in einer Riesenbesetzung mit sage und schreibe sechzehn Beteiligten auf die Bühne zu gehen: Gitarre, Bass, Keyboards, diverse Percussioninstrumente, eine Bläsersektion, zwei ausgezeichnete Tänzerinnen in ständig wechselnden Kostümen und eine Sängerin. Im Zentrum natürlich immer die drei Dudelsäcke, deren Ruf die Band ohne Frage nachhaltig aufpoliert hat. Während die CD-Version noch die Möglichkeit des Mittanzens gibt, zwingt die fast identische DVD natürlich den faszinierten Blick auf den Schirm, wo das riesige Publikum bei den wenigen langsameren Stücken brav mit den Handys wedelt. Alles ist komplett durchgestylt: Die Kleidung, die Dudelsäcke, die Choreografie, die ganze Show. Und genau das ist es, eine Show mit Konfettikanonen, ziemlich amerikanisiert, kein Wunder bei dem Spielort, alle sind permanent in Bewegung, hoch professionell, eine einzige riesige zweistündige Party (plus 21 Minuten extra, wie minutiös alles geplant wurde). Wer das nicht abkann, der ist hier und bei jedem RHCP-Konzert sowieso fehl am Platz.
Mike Kamp
 PERRY STENBÄCK & DEKADANSORKESTERN: Cornelis Och Andra Visor
PERRY STENBÄCK & DEKADANSORKESTERN
Cornelis Och Andra Visor

(GO’ Danish Folk Music GO0115)
DVD, 12 Tracks, 70:24


Neben seinem Gesang spielt er mindestens zehn unterschiedliche Instrumente, von der Gitarre bis zur Nyckelharpa, ist in vielen Genres zu Hause, vom Folk über den Blues bis zum Jazz und Reggae, hat einen Masterabschluss am Königlichen Musikkolleg in Kopenhagen gemacht und ist 2009 mit einem Danish Music Award Folk als bester Instrumentalist ausgezeichnet worden. Jetzt mit Mitte vierzig hat er sich mit dem Dekadansorkestern, das allerdings nur aus weiteren drei Musikern (Schlagzeug, Kontrabass, zweite Stimme) besteht, einen sehr schönen Wunsch erfüllt. Er erinnert mit diesem Projekt besonders an den niederländisch-schwedischen Liedermacher Cornelis Vreeswijk (1937-1987), von dem 7 der 12 Lieder auf der DVD sind. Dieser hat auf eindrucksvolle Weise die Einflüsse von französischen Chansons, amerikanischem Blues und später auch Sambamusik in die schwedische Liedtradition aufgenommen, wobei es ihm meist um sozialkritische Inhalte ging. Perry Stenbäcks Interpretationen klingen perfekt, aber verglichen mit Vreeswijks originalen Aufnahmen ein wenig weich gespült. Dennoch ein guter Beitrag zur skandinavischen Liedtradition, die bei uns weniger bekannt ist als die von den Geigen dominierte Musik.
Bernd Künzer

Europa
 THE ALT: The Alt
THE ALT
The Alt
www.thealtmusic.com
(Under the Arch Records UTACD002)
11 Tracks, 47:31, mit engl. Infos


Wenn drei profilierte Musiker zusammen ein Album aufnehmen, dann muss nicht zwangsläufig etwas Gutes dabei herauskommen. Die Iren Nuala Kennedy (Gesang, Flöte, Whistle), John Doyle von der Gruppe Solas (Gesang, Gitarre, Bouzouki, Mandoline) und Eamon O’Leary (Gesang, Gitarre, Bouzouki) jedoch hatten klare Vorstellungen von dem, was sie musikalisch umsetzen wollten, und so mieteten sie sich im Winter in einem abgelegenen Blockhaus in den Appalachians ein, um ihr Debüt einzuspielen. Dem Trio, benannt nach einem mythenbehafteten Tal im County Sligo, war klar: Selbstverständlich könnten wir unsere eigene, zeitgenössische Musik schreiben, aber mit dieser Band wollen wir an die Wurzeln gehen. Traditionelle Lieder und ein paar feine Instrumentals aus England, Schottland, jedoch überwiegend aus Irland haben sie also für dieses Album bearbeitet. Der Klang ist frisch und klar wie die Bergluft des amerikanischen Aufnahmeortes, die Arrangements scheinbar simpel und dennoch filigran ineinander verwoben, und besonders die gesanglichen Harmonien mit dem typisch irischen „Lilt“ sind ausgereift, überlegt und trotzdem natürlich. So klingt wunderschöne Musik.
Mike Kamp
 CANZONIERE GRECANICO SALENTINO: Quaranta 40
CANZONIERE GRECANICO SALENTINO
Quaranta 40
www.canzonieregrecanicosalentino.net
(Ponderosa Music & Arts CD 126)
Promo-CD, 13 Tracks, 45:24


1975 trat die apulische Gruppe erstmals an die Öffentlichkeit. Ihre Pizziche (die Salentiner Variante der Tarantella) sangen sie auf Griko, einer aus altgriechischen, byzantinischen und italienischen Elementen gemischten Sprache, die ältere Leute der Gegend noch heute sprechen. Vor acht Jahren übergab Daniele Durante, der musikalische Leiter des Canzoniere, den Dirgentenstab seinem Sohn Mauro. Rechtzeitig zum vierzigjährigen Jubiläum hat das Septett mit vielen Gästen, darunter dem Komponisten und Pianisten Ludovico Einaudi und den albanischen Bläsern der Fanfara Tirana, ein Album eingespielt. Volksmusik lebt, wenn sie mit neuen Realitäten konfrontiert wird. Das gelingt auf Quaranta 40 sowohl musikalisch als auch textlich. „Solo Andata“, ein eindrücklich vertontes Gedicht des Schriftstellers Erri De Luca über das Flüchtlingselend vor den Küsten Italiens, wurde 2014 von Amnesty International mit dem Preis für Kunst und Menschenrechte ausgezeichnet. Passend zu den teils auch sarkastischen und witzigen Texten vermitteln die Pizziche und Balladen eine Stimmungspalette von sanfter Melancholie zu rauer Euphorie. Der Canzoniere lebt – und wie!
Martin Steiner

 DIVERSE : Sulle Rive Del Tango Azul
DIVERSE
Sulle Rive Del Tango Azul
www.sullerivedeltango.it
(Agualoca, Indigo)
12 Tracks, 49:05, 13 Tracks, 55:33


Denkt man an Neapel und die Seilbahn, die einst bis zum Vesuv hochfuhr, fällt einem das Lied „Funiculì, Funiculà“ ein, selbst Richard Strauss hat dafür Tantiemen zahlen müssen. Aber Tango Napoli? Ja, doch Sulle Rive Del Tango („An den Ufern des Tango“) ist ein imaginärer Ort, ein wenig magisch, wo Sprachen verwirren können, Geschichten miteinander verflochten sind und Klänge sich mischen, um einen Tango zu kreieren, verzaubert und respektlos. Es ist nur eine Übung in Freiheit. Zehn Jahre gibt es die Künstlergruppe und das eigenwillige Plattenlabel und anlässlich dieses „Aniversario“ ist aus der exquisit gepflegten, immer zeitgemäßen Tangoreihe eine wunderbar breit gefächerte Kompilation erschienen. Ja, klar der Tango ist auch in Neapel zu Hause, ebenso wie beispielsweise das Quartett Kantango, deren Stimme diesmal mit der Sängerin Lura von den Kapverden kommt. Raritäten von traditionell bis Elektrobeat. Lasziv apokalyptisch lassen der Serbe Boris Kovac und sein Ladbaaba Orchestra in einem Tango-Dub-Talkingblues ihr „Begin-ing“ kreisen. Für Tangofans ein Muss!
Stefan Sell
 DREAMERS’ CIRCUS: Second Movement
DREAMERS’ CIRCUS
Second Movement
www.dreamerscircus.com
(GO’ Danish Folk Music GO0315)
11 Tracks, 46:46, mit engl. Info


Hier haben drei sehr individuelle Spitzenmusiker zu einem sehr homogenen Spiel zusammengefunden: Nikolaj Busk, Tasteninstrumente, und Ale Carr, Cister, mit ihren Einfällen zu Kompositionen und Arrangements, und Rune Tonsgaard, Violine, der gleichermaßen im Folk und in der Klassik zu Hause ist. Innerhalb von wenigen Jahren wurde das Trio mit allen möglichen Preisen ausgezeichnet. Sie stehen an der Spitze der Weiterentwicklung traditioneller Musik in Skandinavien, einer Entwicklung, die vor Jahren unter anderem durch die schwedische Gruppe Väsen eingeleitet wurde. Ihre Wurzeln haben sie auch auf ihrem dritten Album nicht vergessen. Die Melodien klingen folknah und meist sehr sanft, werden aber aufgebrochen durch schnelle und sehr rhythmische Passagen. Auffällig ist das oft auf dem Piano gespielte aus wenigen Tönen bestehende Ostinato. Aus diesen Gegensätzen entsteht eine große Dynamik, die kennzeichnend für die Musik von Dreamers’ Circus ist. Kurz: Lieblichkeit und Harmonie gegenüber Heftigkeit und Lautstärke. Erreicht wird das auch durch einige Overdubs, die dem Trio orchestrale Kraft verleihen. Wer sie allerdings zum Beispiel bei Folk Baltica im Mai live gehört hat, wird bemerkt haben, dass das Trio auch ohne diese Technik glänzt. ?
Bernd Künzer

 I HAVE A TRIBE: Yellow Raincoats
I HAVE A TRIBE
Yellow Raincoats
www.soundcloud.com/i-have-a-tribe
(Grönland 23354/Rough Trade)
Promo-CD, 4 Tracks, 15:24


Die EP des Iren Patrick O’Laoghaire alias I Have A Tribe beginnt wie ein Nachspiel, mit einer wie dahingespielten einstimmigen Klaviermelodie und einer fast gesprochenen, rezitierenden Gesangsstimme. Die Klangwelt ist so durchsichtig, die Stimmaufnahme so unverfälscht und voller Sprechgeräusche und winziger Unsauberkeiten, das man O’Laoghaire fast neben sich sitzen vermutet. Die Intimität der Produktion reflektiert auch das Songwriting, dessen persönlicher Bezug dem Sänger nach eigener Aussage einiges an Mut abverlangte. „Ich wollte sehen, ob ich etwas machen kann mit den Farben in meinem Kopf“, so O’Laoghaire. Das Wagnis ist geglückt, die vier Songs der EP sind einfach, schlicht und doch speziell in ihrer Unperfektheit. Sie erinnern an die unbegleiteten Folksongs seiner Heimat und nutzen Klavier, Gitarre und Elektronika à la William Fitzsimmons nur als Beiwerk. Die regionalen Nachbarn James Vincent McMorrow und Conor O’Brien von den Villagers, mit denen Patrick O’Laoghaire jeweils das Label teilt und im Studio gemeinsam arbeitete, klingen ebenfalls musikalisch durch. Auf ein Album darf und sollte man gespannt sein.
Judith Wiemers
 IVA NOVA: Krutila Pila
IVA NOVA
Krutila Pila
www.iva-nova.ru
(Geometry Geo 081 CD)
12 Tracks, 42:53, mit russ. u. engl. Texten


Vier Musikerinnen, die einen wilden Mix aus Punk und Folk fabrizieren? Da drängt sich ein Vergleich mit Katzenjammer aus Norwegen auf. Iva Nova stammen zwar aus dem russischen Sankt Petersburg und haben 2004 ihr erstes Album veröffentlicht, zu einer Zeit also, in der Katzenjammer noch nicht einmal gegründet war. Die Parallelen zwischen der slawischen und der skandinavischen Musik sind aber auffällig. Dakha-Brakha-Fans lieben Pohjonnen und Farlanders-Anhänger kaufen Mari-Boine-CDs. Folgerichtig sind Iva Nova ein Geheimtipp für Freunde der nordischen Musik. Mit Katzenjammer sind die Russinnen jedoch nur bedingt vergleichbar. Die Folknummern sind sehr hart arrangiert und sprechen damit sogar Metalfans an. Eine düstere, kraftvolle Grundstimmung durchzieht das Album, welche man vielleicht von den frühen Hedningarna-Alben kennt. Das Akkordeon als bestimmendes Instrument treibt die Songs durch die schrägen Arrangements und verursacht Aggression im Bauchraum. Diese Stimmung mit einem lupenreinen Folkalbum zu erzeugen, ist schon außergewöhnlich. Iva Nova trauen sich auf Krutila Pila auch in elektrische Gefilde, die, zart dosiert, den dampfenden Jazzrocknummern eine avantgardistische Note verleihen.
Christian Elstrodt

 THE LEGENDARY TIGERMAN : True
THE LEGENDARY TIGERMAN
True
www.thelegendarytigerman.com
(Metropolitana/India Records CD 471174-2)
13 Tracks, 45:50, mit engl. Infos


Er ist ein neuer Stern am Blues- und Rockhimmel, Paulo Furtado aus Portugal. Zwar legte er sein Debütalbum bereits vor dreizehn Jahren vor, aber hierzulande muss er noch entdeckt werden, und dafür ist es höchste Zeit. Der als „Legendary Tigerman“ auftretende Sänger und Gitarrist spielt als One-Man-Band alle Instrumente selbst – und ein Sturm bricht los. Seine Inspiration holt sich der Linkshänder auch aus der Literatur, so widmet er sein Album dem legendären Poeten Charles Bukowski und dem 2009 verstorbenen amerikanischen Sänger Lux Interior. Die Texte handeln von Außenseitern und den Dramen ihres Lebens. Da passt einfach alles zusammen – mal druckvolle Beats und eine melancholische Stimme, mal unangepasster, archaischer Delta Blues und wilder Rock ’n’ Roll. Der 45-Jährige spielte schon Filmmusik ein und sucht doch immer wieder die Nähe zu Undergroundbands. Bei einigen wenigen Titeln sind Gastmusiker dabei, darunter Sängerin Rita Pereira alias Rita Redshoes. Auch bei Coverversionen von „Twenty Flight Rock“ (Eddie Cochran) und „Green Onions“ (Booker T) kommt pure Freude auf. Für mich ist das – schon jetzt – die Platte des Jahres.
Annie Sziegoleit
 NORRIE MacIVER: Danns An Rathaid – The Road Dance
NORRIE MacIVER
Danns An Rathaid – The Road Dance
www.norriemaciver.co.uk
(Tago Records TAGOCD01)
12 Tracks, 57:08, mit engl. u. gäl. Texten


Das erste Soloalbum des Mànran-Sängers MacIver beginnt ziemlich Americana-orientiert. Komisch, das soll gälische Musik von den Äußeren Hebriden sein? Na ja, der Beginn ist ein wenig atypisch und dann wiederum auch nicht, denn was sollen wir von einem Werk halten, auf dem der A.-P.-Carter-Klassiker „Will The Circle Be Unbroken“ gleich zweimal vertreten ist, jeweils in Englisch und in Gälisch. Das kann irritieren, und auch der zweite Track, MacIvers eigenes Lied über die Glasgower Boxerlegende Benny Lynch, ist eher zurückhaltender, wenn auch eingängiger Folkrock. Kraft und Intensität werden beim dritten Track, dem ebenfalls von MacIver geschriebenen gälischen Titelstück, deutlich gesteigert. Das geht ins Ohr und in die Beine. Höhepunkt des Albums aber ist Track vier, „Hold Your Breath“, ein großartiges englisch/gälisches Duett zwischen MacIver und Julie Fowlis, elegisch, balladesk und ungemein breitenwirksam – ein moderner Klassiker. In der Folge gibt es keine Hänger mehr (die beiden „Circle“-Versionen sind eher rätselhaft), neben Dylan lassen auch die Runrig-Brüder Macdonald grüßen, und vielleicht hat Calum Macdonald ja Recht, wenn er über MacIver schreibt: „Die gälische Crossoverstimme seiner Generation.“
Mike Kamp

 MALINKY: Far Better Days
MALINKY
Far Better Days
www.malinky.com
(Malinky Music MM001)
11 Tracks, 47:51, mit engl. Texten u. Infos


Nach 2008 meldet sich das schottische Quartett Malinky mit einem neuen Album zurück, und das ist gleich in zweifacher Hinsicht eine gute Nachricht. Da ist zum einen natürlich die Musik. Das Motto lautet: zurück zu den Wurzeln der Band, und das sind nun mal die Songs, ausschließlich Songs, und zwar (fast) ausschließlich traditionelle. Jede Gruppe, die eine Fiona Hunter, einen Steve Byrne oder einen Mark Dunlop in ihren Reihen hat, wäre auch dumm, wenn sie diese wunderbaren Interpreten nicht nutzen würden. Jede der drei Stimmen ist überdurchschnittlich, aber Fiona Hunter singt in einer höheren Liga als der Rest. Bei ihr ist der gesangliche Reifeprozess der letzten Jahre besonders deutlich zu hören. Großartig auch das Zusammenspiel aller vier Stimmen bei Songs wie „Son David“, da passt einfach alles. Wo jedoch ein Mike Vass die Fiddle bedient, da ist auch die Instrumentierung zusammen mit unter anderem Bouzouki, Gitarre oder Flöten bemerkenswert. Die Art, wie die Instrumental- und Gesangsparts ineinander verwoben sind, das ist feinstes Arrangement, perfekt produziert von Donald Shaw. Und zum anderen? 2016 planen Malinky, diese herrliche Musik nach Deutschland zu bringen. Da sollten die Veranstalter doch Schlange stehen!
Mike Kamp
 DONNIE MUNRO: Sweet Surrender – Live Accoustic
DONNIE MUNRO
Sweet Surrender – Live Accoustic
www.donniemunro.co.uk
(Hypertension Music/Soulfood Music HYP 15308)
Do-CD, 19 Tracks, 100:55, mit wenigen engl. Infos


Donnie Munro war die ultimative Stimme der Gruppe Runrig in ihrer prägendsten Phase. Darüber sind sich achtzehn Jahre nach seinem Ausstieg beide Parteien wohl im Klaren, und daher ist es völlig okay, dass Munro bei seinen Konzerten auch weiterhin Runrig-Titel auf seiner Setlist hat. Die Fans haben neben der Band Munro sowieso weiterhin ins Herz geschlossen. Aber was Munro nun präsentiert, ist in seiner Konsequenz für Runrig nur schwer vorstellbar: Alle Songs, von Runrig, Munro oder wem auch immer, werden live auf Gesang, Gitarre und Fiddle (Maggie Adamson von den Shetlandinseln) reduziert. Diese akustische Radikalkur fokussiert die Lieder mehr oder weniger auf Munros sehr dramatische Stimme, wobei der Begleitgesang von Produzent und Gitarrist Eric Cloughley eine willkommene Ergänzung ist. Diese Behandlung bekommt natürlich weniger den typischen Runrig-Songs im Viervierteltakt. Dazu eignen sich in erster Linie langsame oder verlangsamte Nummern wie „The Cutter“, „The Wire“ oder „Eirinn“. Oder eben Munros fünf hier vertretene eigene Kompositionen wie etwa „Irene“. Für Fans ein absolutes Muss!
Mike Kamp

 RE NILIU: In A Cosmic Ear
RE NILIU
In A Cosmic Ear
www.reniliu.it
(Alfa Music AFMCD173/Felmay)
12 Tracks, 58:18, mit ital./engl. Texten u. Infos


Re Niliu waren in den Achtzigerjahren die treibende Kraft einer neuen kalabrischen Volksmusik. Urig tönende ethnische Instrumente trafen auf elektrische Gitarren und Elektronik. Traditionelle Klänge kontrastierten mit Jazz und Einflüssen anderer Kulturen. Nun, vierzehn Jahre nach ihrer Auflösung im Jahr 2001, legt die zum Septett angewachsene Band unter Gründungsmitglied Ettore Castagna ein neues Album vor. Beim Anhören stellt sich die Frage: Liegt Kalabrien noch in Europa oder hat der Rest Europas seine archaischen Wurzeln verloren? Wer den Lautstärkeregler voll aufdreht, findet vielleicht eine Antwort: Mimmo Mellace trommelt mit Schlaginstrumenten aus aller Welt einen hypnotischen Tanz zu Dudelsack, Akkordeon und einer Vielzahl von Saiteninstrumenten, deren Aufzählung jede Rezension sprengen würde. Dazu der Gesang. Rau, erdig, eindringlich. Genau wie die Musik. Das ist der Soundtrack einer bergigen Landschaft unweit des Meeres, wo Schafe auf der Weide blöken und der Hirt ab und an auf ein halluzinogenes Pflänzchen stößt. In A Cosmic Ear ist ein Aufbruch in neue (musikalische) Welten, aber auch die Rückbesinnung auf ein Kalabrien fernab aller Klischees. ?
Martin Steiner
 SAVINA YANNATOU & PRIMAVERA EN SALONICO: Songs Of Thessaloniki
SAVINA YANNATOU & PRIMAVERA EN SALONICO
Songs Of Thessaloniki
www.savinayannatou.com
(ECM 2398, CD 6025 4709151)
17 Tracks, 67:32


Zwanzig Jahre ist es her, dass Savina Yannatou mit ihrem Album Anixi Sti Saloniki – Sefarditika Laika Tragoudia sich sephardischer Gesänge annahm. Seitdem arbeitet sie mit dem Ensemble Primavera en Salonico. Mit den Songs Of Thessaloniki erweist sie ihrer Heimatstadt alle Ehre. Aufgrund der multikulturellen Tradition sprach man lange Zeit vom „Jerusalem des Balkans“. Einem Paradies gleich mischten sich hier Religionen und Kulturen der unterschiedlichsten Couleur, lebten Griechen, Juden, Türken, Bulgaren, Serben, Armenier, Slawo-Mazedonier und Pontosgriechen miteinander. Yannatou besingt sie in siebzehn mehrsprachigen Liedern, schafft so eine Klangbiografie liebevoll kolorierter Momentaufnahmen. Das macht die Sängerin so einfühlsam und voller Herzblut, dass dem Hörer ein Panorama vor Augen tritt, das mehr offenbart, als zu sehen wäre. Hier darf man getrost seinen Ohren trauen. Man spürt in jedem Ton ihre lange Erfahrung im Umgang mit Alter Musik. Yannatous Stimme ist ein Gedicht, ihr Ensemble der lyrisch kongeniale Partner, zusammen gelingt ihnen, all die verschiedenen Facetten mit Bravour zu vereinen: einfach grandios!
Stefan Sell

International
 FATOUMATA DIAWARA & ROBERTO FONSECA: At Home (Live In Mariac)
FATOUMATA DIAWARA & ROBERTO FONSECA
At Home (Live In Mariac)
www.fatoumatadiawara.fr
www.robertofonseca.com
(Jazz Village JV 9570080/Harmonia Mundi)
6 Tracks, 48:08


„Wo ist zu Hause, Mama?“, sang einst Johnny Cash. Die malische Sängerin Fatoumata Diawara und der bekannte kubanische Pianist Roberto Fonseca nennen ihr Album At Home, aber es wirft die Frage auf, wo dieses zu Hause denn nun ist. In Kuba, in Afrika oder gar in den USA, denn der erste Titel kommt äußerst funkig daher. Funk galt seit den Siebzigern als schwarze Musik, heute ist das anders. Da spielen Schwarze Musik aus weit auseinanderliegenden Regionen miteinander. Fonseca hat auf seinem letzten Album damit schon Erfahrung gesammelt. Im Grunde bietet das Album Afropop mit Jazz kubanischen Einschlags, wobei Fonsecas furiose Soli dazu führen, dass das Ganze nicht zu sehr in Richtung Salif Keita klingt. Die erste Zusammenarbeit des Duos gleich als Konzertmitschnitt zu präsentieren, zeigt wie überzeugt Fonseca von der Kooperation mit Diawara war. Die an der Elfenbeinküste geborene Tochter malischer Eltern kam über die afrikanische Musiktheaterszene nach oben und sollte bei Fonseca eigentlich nur zu einem Albumtrack singen. Der war so begeistert von ihr, dass gleich ein ganzes Album mit Tournee draus wurde.
Hans-Jürgen Lenhart
 WHO’S THE BOSSA?: The Chamber Music Project
WHO’S THE BOSSA?
The Chamber Music Project
www.whosthebossa.com
(Music & Words CUP8061/ mc-galileo)
12 Tracks, 56:26 min


Normalerweise weiß man von der innigen Verbindung von Bossa Nova und Cool Jazz, aber Tom Jobim hat auch immer den Einfluss von Harmonien aus der Klassik im Bossa Nova betont. Und wie ergreifend brasilianische Musik zum Beispiel mit Cellobegleitung klingen kann, weiß man von den Alben, auf denen Jaques Morelenbaum, der brasilianische Vorzeigecellist und -arrangeur, mitmischt. Da verwundert es nicht, wenn das international besetzte Quartett Who’s The Bossa? mit Cello, Piano, Gitarre und Gesang den Bossa Nova auf kammermusikalische Begleitung arrangiert und das wie selbstverständlich klingt. Hier steht die Zeit still, und die Melancholie ist noch intensiver als sie eh schon in brasilianischen Liedern hervorklingt. Das ist gar kurz vorm Taschentuchhervorholen. Sängerin Josee Koning erinnert dabei etwas an Joyce Moreno. Zum Relaxen optimal geeignet.
Hans-Jürgen Lenhart

Kurzrezensionen
 ACOUSTIC REVOLUTION: Finally Folk
ACOUSTIC REVOLUTION
Finally Folk
www.acoustic-revolution.com
(Tonart Promotions)
Promo-CD, 11 Tracks, 45:38


Gitarrenlastigen Folkrock mit großer Stimmgewalt bietet die Acoustic Revolution. Man merkt dem Trio die Herkunft aus den Rockgefilden an. Eine etwas bedächtigere Herangehensweise hätte einigen Songs vermutlich gut getan, elf Powerrocknummern im Folkgewand haben aber auch ihren Reiz. Das fehlende Schlagzeug wird durch die kraftvolle Spielweise jedenfalls mehr als ersetzt.

 ALTAN: The Widening Gyre
ALTAN
The Widening Gyre
www.altan.ie
(Compass Records, Compass CD 7 4640 2)
14 Tracks, 58:59


Altan – mit Neubesetzung Martin Tourish (Piano, Akkordeon) – treffen sich mit Giganten der amerikanischen Newgrass-Szene, unter anderem Darol Anger (Fiddle), Sam Bush (Mandoline), zu einer bunten transatlantischen Session. Dabei erhalten sowohl die rasanten Tunes aus Donegal als auch Old-Time-Klassiker Farbtupfer der jeweils anderen Kultur. Hochwertig produziert und musikalisch sehr vielseitig.


 MIRIAM ARIANA & LENE HØST: Vingefang
MIRIAM ARIANA & LENE HØST
Vingefang
www.miriamariana.com
(GO’ Danish Folk Music GO0215)
8 Tracks, 30:01


Das Debüt der beiden Folkmusikabsolventinnen der Musikakademie im dänischen Odense enthält Klänge ihrer Heimat, wie in „Jag Er Her“, aus Brasilien, wie in „Sanfona Sentida“, oder kombiniert beide, wie in „Perdido A Padre …“. Dazu etwas Overdubbing und A-cappella-Gesang. Sehr abwechslungsreich und höchst musikalisch dargebracht.

 BAD TEMPER JOE: Tough Ain’t Easy
BAD TEMPER JOE
Tough Ain’t Easy
www.badtemperjoe.com
(Timezone TZ387)
Promo-CD, 12 Tracks, 64:51


Zwölf Stücke zwischen Blues und Folk, gespielt auf akustischer Gitarre und mit ausdrucksstarker Stimme gesungen. Bad Temper Joe schreibt dazu sehr tiefgründige Texte, die immer ernst und melancholisch sind, jedoch nie mahnend oder düster. Dass er ein sehr belesener Mensch ist, verrät das Booklet. Dass er ein sehr guter Musiker ist, beweist dieses Album.


 EMILY BARKER: The Toerag Sessions
EMILY BARKER
The Toerag Sessions
www.emilybarker.com
(Everyone Sang ES143CD)
12 Tracks, 44:57


Die Australierin in England begab sich ohne ihr Damentrio The Red Clay Halo ins Studio und spielte ihre Songs sozusagen direkt auf CD und LP. Analoger geht’s nicht. Daher kommen die eigenen Lieder nur mit Gitarre (elektrisch/akustisch) und Mundharmonika begleitet so intim wie selten rüber. Was bleibt ist der dezente Americana-Twang in den Melodien.

 ARNAUD BIBONNE & CAMILLE RAIBAUD: En Cadencia – Musique Traditionelle Des Landes De Gascogne
ARNAUD BIBONNE & CAMILLE RAIBAUD
En Cadencia – Musique Traditionelle Des Landes De Gascogne
www.bibonne-raibaud.com
(AEPEM 15-03)
27 Tracks, 62:14


Arnaud Bibonne spielt die Boha, eine Sackpfeife aus der Gascogne. Camille Raibaud ist Geiger. Gemeinsam spielen sie traditionelle gascognische Tanzmusik. Historisch sind die beiden Instrumente wohl nicht im Duo eingesetzt worden. Trotzdem klingt das Album sehr puristisch.


 MICKE BJORKLOF & BLUE STRIP: Ain’t Bad Yet
MICKE BJORKLOF & BLUE STRIP
Ain’t Bad Yet
www.mickebjorklof.com
(Hokahey Records HHR1501/Rough Trade)
11 Tracks, 41:03


Die fünf Finnen spielen Bluesrock, und das nicht etwa unterkühlt, sondern mit viel Energie und hörbarem Spaß an der Sache. Kein Stück ist wie das andere, Rocksongs im Vorwärtsgang, Balladen, Slow Blues im Wechsel, mit Harp, Steelgitarre und Percussion abwechslungsreich instrumentiert. Ganz zu Recht „die Beste Bluesband Finnlands“.

 MAX & LAURA BRAUN: Highwire Haywire
MAX & LAURA BRAUN
Highwire Haywire
www.maxandlaurabraun.com
(Interbang Records/Broken Silence)
10 Tracks, 40:41


Erstaunlich, was sich alles unter der Überschrift „zerbrechlich“ vereinen kann: geradeaus folkig, verquer, harmonisch, experimentell, dezent dissonant, wallend, gehaucht. Genau solche Musik nämlich spielt das britisch orientierte Geschwisterduo auf Gitarre, Banjo, Piano und ergänzt Gesang und Studiogäste.


 SANDY BRECHIN & EWAN WILKINSON: Hard Times Come And Go
SANDY BRECHIN & EWAN WILKINSON
Hard Times Come And Go
www.brechin-all-records.com
(Brechin All Records CDBAR020)
14 Tracks, 48:03


Enorm flinke Finger auf dem Akkordeon bei den sechs Instrumentals, eine sympathische Stimme bei den fünf Traditionals und drei Eigenkompositionen sowie eine ausgesuchte Schar an Gästen (zum Beispiel an Fiddle oder Pipes) im Studio, so präsentiert sich das Duo Brechin & Wilkinson aus Edinburgh auf ihrem durchgehend erfreulichen zweiten Album.

 ABLAYE CISSOKO & VOLKER GOETZE: Djaliya
ABLAYE CISSOKO & VOLKER GOETZE
Djaliya
www.ablaye-cissoko.com
(Ma Case 011)
9 Tracks, 35:21


Seit sich das Duo 2001 im Senegal kennenlernte, entwickeln sie gemeinsam Klangräume aus Jazztrompetensound und afrikanischer Kora. Percussionist Francois Verly ergänzt die zwei Musiker dezent und gibt dem verträumten Gesang von Cissoko einen rhythmischen Unterbau. Ein gelungener Nachfolger zum letzten gemeinsamen Album Sira.


 GERDA STEVENSON: Night Touches Day
GERDA STEVENSON
Night Touches Day
www.gerdastevenson.co.uk
(Gean Records GEAN01CD)
13 Tracks, 52:35


Teilweise fast chansonhaft schreibt und singt die Schottin ihre intelligenten Lieder, zweimal in Scots, begleitet von arrivierten Musikern wie James Ross (Piano) oder Inge Thomson (Akkordeon). Besonders die beiden religionskritischen Lieder stoßen einigen Rezensenten negativ auf, dieser sieht sie als Beweis für die mutige Behandlung aktueller Themen.

 SEBASTIAN STURM & EXILE AIRLINE: The Kingston Session
SEBASTIAN STURM & EXILE AIRLINE
The Kingston Session
www.sebastian-sturm.com
(Rootdown Records RDM13087-2/Soulfood)
Promo-CD, 9 Tracks, 46:16


Alles beim Alten beim Aachener Rootsreggae-Nachgeborenen: kompetent und weitgehend stilvoll – aber die Magie der jamaikanischen Vorbilder ist, sowohl im Groove als auch was die Ausstrahlung des Sängers betrifft, noch einmal etwas anderes. Es gab sie folglich auch bei der Live-Studiosession im Harry-J-Studio in Kingston, Jamaika, nicht für lau.


 SVER: Fryd
SVER
Fryd
www.sverfolk.com
(Folkhall Records)
11 Tracks, 47:46


Das junge Quintett basiert seine Musik auf norwegische Traditionen. Die eigenen Kompositionen – die meisten stammen vom Hardangerfiedler Olav Mjelva – gehen aber mit ihren Arrangements mehr in Richtung Folkrock, auch wenn die Geigen die bestimmenden Instrumente sind. Es gibt aber immer wieder ruhige Melodien, trotz der relativ hohen Durchschnittsgeschwindigkeit.

 SOFIA TALVIK: Big Sky Country
SOFIA TALVIK
Big Sky Country
www.sofiatalvik.com
(Makaki Music)
11 Tracks, 38:42


Die auf Gotland lebende Sängerin, Gitarristin und Komponistin hat sich als Singer/Songwriterin dem Americana-Stil verschrieben. Alle Songs bis auf einen von Buffy Sainte-Marie sind von ihr und klingen sehr authentisch, was wohl ihren vielen Aufenthalten in den USA zu verdanken ist. Ihr exzellentes Gitarrenspiel wird auf dem Album etwas von den (guten) Begleitmusikern überdeckt.


 TARNEYBACKLE: Singing Land
TARNEYBACKLE
Singing Land
www.tarneybackle.co.uk
(Eigenverlag TBMCD6)
13 Tracks, 53:18


Das sechste Album des Trios aus Perthshire. Eine Dame und zwei Herren singen sich durch eine Mischung aus Trads, Eigenem und Fremdkompositionen wie dem Titelsong von Dougie MacLean. Der instrumentale Teil (Gitarren, Mandoline, Flöte und Percussion) könnte aus den Siebzigern stammen, die Stimmen überzeugen besonders beim engen Harmoniegesang.

 THE TALLEST MAN ON EARTH: Dark Bird Is Home
THE TALLEST MAN ON EARTH
Dark Bird Is Home
www.thetallestmanonearth.com
(Dead Oceans DOC100)
Promo-CD, 10 Tracks, 41:45


Der sympathische Folkanarchist beginnt mit seinem neuen Album auch ein neues Kapitel. Zum ersten Mal spielt der dünne Mann seine Songs mit einer vollwertigen Band ein. Damit wird aus einem Songwriter ein Folkrocker, und aus träumerischem Abhängen auf der Wiese wird begeistertes Mitwippen auf der Tanzfläche. Ohrwürmer sind die Songs allemal.


 THROUGH THE STREETS OF THE CITY: New Orleans Brass Bands
THROUGH THE STREETS OF THE CITY
New Orleans Brass Bands
www.folkways.si.edu
(Smithsonian Folkways/Galileo MC, SFW CD 40212)
15 Tracks, 69:37


Das National Museum of African American History and Culture präsentiert ein weiteres Album mit „Legacy Recordings“. Zu hören sind verschiedene Brassbands von den 1920er-Jahren bis heute mit Klassikern wie „Give Me My Money Back“ und „Shake It And Break It“.

 TIR NAN OG: Jack Of Folk
TIR NAN OG
Jack Of Folk
www.tirnan.org
(Eigenverlag)
11 Tracks, 38:17


Auch die dritte Scheibe der Irish Folkrocker aus Neuenburg an der Donau bietet deftigen Partyfolk, hier und da aber auch mit etwas Melancholie durchdrungen. Die mit männlichem und weiblichem Gesang, Gitarren, Geige, Bass, Whistle und allerhand Schlagwerk dargebrachten Songs sind großenteils selbst geschrieben. Die Texte gibt es leider nicht zum Mitlesen.


 TOMBO: Ragamuffin Brass Orchestra
TOMBO
Ragamuffin Brass Orchestra
www.tombosound.com
(Huette Records/Hoanzl)
10 Tracks, 46:30


Auf seiner EP Raggamuffin Sounds in der Diskostadt zuletzt noch mit Hang zum fetten, aber entspannten Reggaegroove, reiten den Wiener Ragga-Singer/Songwriter auf Ragamuffin Brass Orchestra etwas die Ambitionen: Die jazzigen Brassbandarrangements sind wie seine Deklamation ausgesprochen gelungen – aber auch etwas zickig, wenn nicht gar sperrig.

 TONE FISH: On The Hook
TONE FISH
On The Hook
www.tone-fish.com
(Timezone TZ402)
13 Tracks


Shuffle-Rhythmus mit dem Cajon, Tin Whistle und bezaubernder mehrstimmiger Gesang, das sind die Zutaten des Folkrockquartetts Tone Fish aus Hameln. Welthits und eigene Songs werden durch die irische Folkmühle gedreht. Tone Fish klingen nach einer typisch deutschen Folkband, glatt und schön. Das ist nichts Schlechtes, muss man aber mögen.


 CLICK HERE: Balkandalucia, Vol. 1 DJ Click Presents
CLICK HERE
Balkandalucia, Vol. 1 DJ Click Presents
www.nofridge.com
(No Fridge CDNO17)
17 Tracks, 73:00


DJ Click hat sein Soundequipment von Griechenland über Bulgarien bis nach Andalusien gekarrt und dort berückende Stimmen eingefangen. Es gibt eine ganze Reihe rumänischer Lieder, Flamenco und viele gute Instrumentalisten und Künstler, wie Tziganiada aus Paris oder die Operndiva Leontina Vaduva. Eine Tanzscheibe mit viel Emotion produziert, typisch DJ Click eben.

 ÚZGIN ÜVER: 99
ÚZGIN ÜVER
99
www.uzginuver.hu
(Lollipoppe Shoppe 013/Cargo Records)
20 Tracks, 1:06:37


Das remasterte Album der Ungarn von Úzgin Üver erschien erstmals 1999 und spielte somit bereits lange vor dem Balkanbeat-Hype mit osteuropäischen Klanghybriden und Elektronika. Die Band mischt Instrumente und Spielarten aus der Türkei, Armenien sowie Zentralasien und experimentiert in psychedelischen Endlosschleifen mit Oberton- und Kehlkopfgesang.


 VINCENT’S CHAIR: The New Vibe
VINCENT’S CHAIR
The New Vibe
www.vincentschair.com
(Eigenverlag)
10 Tracks, 41:02


Die Band Vincent’s Chair stammt aus Australien und zählt ihre Musik zum Acoustic Folk. Englische Texte werden mit sparsam eingesetzten Klängen von Akustikgitarre, Bratsche, Schlagzeug oder E-Gitarre so unterlegt, dass stets der Gesang im Vordergrund steht.

 MADISON WARD & THE MAMA BEAR: Skeleton Crew
MADISON WARD & THE MAMA BEAR
Skeleton Crew
www.facebook.com/madisonwardandthemamabear
(Glasnotemusic/Caroline)
Promo-CD, 12 Tracks, 52:59


Farbiges Mutter-Sohn-Gespann mit recht einfachen Folksongs und ausdrucksvoller Stimme, die aber einen Tick zu angestrengt klingt. Das ungewöhnliche Duo zeigt nur manchmal, was es kann, nämlich wenn es zu swingen anfängt.


 WHISKEY & WOMEN: Medicine For The Blues
WHISKEY & WOMEN
Medicine For The Blues
www.whiskeyandwomenmusic.com
(Via Bandcamp)
11 Tracks, 43:10


Träumen sich diese drei Damen musikalisch in die feuchten Sümpfe Louisianas, weil es in ihrer Heimat Kalifornien nicht mehr regnet? Auf jeden Fall nehmen sie bei ihrer Mischung aus Cajun, Zydeco, Blues und Punk keine Gefangenen, spielen Traditionals und eigene Stücke, in die selbst Irish Folk einfließt. Whisky soll es regnen für dieses Trio!

 WILLIAM ELLIOTT WHITMORE: Radium Death
WILLIAM ELLIOTT WHITMORE
Radium Death
www.williamelliottwhitmore.com
(Anti 7382-2a/ Indigo)
10 Tracks, 35:39


Von der Stimme her eher eine Rockröhre, singt Whitmore Coffeehouse-Folk und Country mit spärlicher Begleitung (Akustik- oder E-Gitarre, Banjo, manchmal Bass und Schlagzeug dazu). Unübliche Kombination, aber für Musikkneipen geeignet.


 RAFAEL CORTÉS: Blanco Y Negro
RAFAEL CORTÉS
Blanco Y Negro
www.herzogrecords.com/de/artist/rafael-cortés
(Herzog Records, Edel/Finetunes)
8 Tracks, 36:31


Die Widmung eines Meisters an den Meister. Rafael Cortés, Flamencogitarrist aus Essen mit andalusischen Wurzeln, verneigt sich vor der Anfang 2014 verstorbenen Legende Paco de Lucia. Es habe ihn größte Anstrengung gekostet, dieses Album zu machen, weil ihm der Stern fehle, der ihn geleitet habe. In Cortés Händen ist das Erbe gut aufgehoben.

 KAURNA CRONIN: Glass Fool
KAURNA CRONIN
Glass Fool
www.kaurnacronin.com
(Songs&Whispers S&W40)
10 Tracks, 34:37


Der wunderbar verschrobene Indiefolkpop des Australiers Kaurna Cronin geht in eine neue Runde. Nur mit Mundharmonika und akustischer Gitarre bewaffnet, singt sich der Musiker in die Herzen der Fans. Die hohe Gesangslage ist gewöhnungsbedürftig, macht aber gerade den Charme von Glass Fool aus. Ob Bon Iver oder Kaurna Cronin, Musik dieser Art ist schwer festivaltauglich.


 THE DAD HORSE EXPERIENCE: Best of – Seine schönsten Melodien 2008-2014
THE DAD HORSE EXPERIENCE
Best of – Seine schönsten Melodien 2008-2014
www.dad-horse-experience.com
(Off Label Records, Sacred Flu Records/Fuego)
Promo-CD, 13 Tracks, 46:24


Stolperfolk und Rumpelcountry samt Gesang in schlechtem Englisch: Es wäre nicht Dad Horse Ottn, wenn es anders klänge. Manchen Schwank hat der Norddeutsche in seiner bisherigen Karriere zum scheppernden Banjo erzählt. Dabei bleibt er so eigenständig, dass man ihn auch in Übersee liebt – womöglich mehr als hierzulande. Speziell, aber herzlich.

 LUKE DANIELS: Tribute To William Hannah
LUKE DANIELS
Tribute To William Hannah
www.lukedanielsmusic.com
(Greentrax Recordings CDTRAX379)
12 Tracks, 38:04


Hannah war in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts „Schottlands bedeutendster Akkordeonspieler“ und ist heute dennoch so gut wie vergessen. Luke Daniels (Knopfakkordeon) zusammen mit Ian Carr, Neil Ewart und John Paul Gandy haben seinen Stil genau studiert und erinnern mit den teils bekannten Stücken ausgesprochen kompetent an einen alten Meister.


 DE TEMPS ANTAN: Ce Monde Ici-Bas
DE TEMPS ANTAN
Ce Monde Ici-Bas
www.detempsantan.qc.ca
(L-Abe LABECD-1998)
11 Tracks, 49:42


Live rocken die drei Herren aus der Provinz Quebec mit vornehmlich Gitarre, Bouzouki, Akkordeon, Fiddle und natürlich Fußpercussion derart ab, dass CDs wie diese einen willkommenen Einblick in die feineren Aspekte ihrer Musik geben. Wie virtuos man Maultrommel oder Mundharmonika spielen kann! Großartig und mitreißend.

 DIVERSE: Classic American Ballads
DIVERSE
Classic American Ballads
www.folkways.si.edu
(Smithsonian/Folkways SFW CD 40125)
25 Tracks, 74:16


Vor Youtube und Twitter wurden Nachrichten auch in Songs verbreitet. Doc Watson, Sis Cunningham, Woody Guthrie und Pete Seeger u. v. a. m. präsentieren beispielhaft eine Chronik von Tragödien und grausigen Verbrechen in den USA. Die Themen der zwischen 1836 und 1947 geschriebenen Songs reichen vom Untergang der Titanic bis zum berüchtigten Outlaw Billy The Kid.


 DIVERSE: Cornemuse Picarde – Musique Traditionelle Du Nord, Pas-de-Calais, Picardie, Flandre, Wallonie
DIVERSE
Cornemuse Picarde – Musique Traditionelle Du Nord, Pas-de-Calais, Picardie, Flandre, Wallonie
www.amuseon.fr
(Amuséon/AEPEM)
Do-CD, CD 1: 27 Tracks, 73:07, CD 2: 18 Tracks, 46:37


Dokumentation der Dudelsackwiederbelebung in der Picardie. Acht Musiker sind auf verschiedenen Instrumenten zu hören. Konzertmitschnitte vom Pipasso-Festival und Studioaufnahmen, dazu Gesprächsmitschnitte mit dem legendären Dudelsackbauer Remy Dubois. Ein 148-seitiges Booklet mit vielen Fotos macht das Doppelalbum zum Muss für Dudelsackconnaisseurs.

 DIVERSE: Frankensterne – Das „Who is Who“ der fränkischen Musikszene auf 3 CDs
DIVERSE
Frankensterne – Das „Who is Who“ der fränkischen Musikszene auf 3 CDs
www.intraton.de
(Intraton/Bruno Records Best.-Nr. 09114)
3 CDs, CD 1: 17 Tracks, 79:46, CD2 : 19 Tracks, 79:24, CD 3: 20 Tracks, 79:27


Umfassender geht’s nicht. Radiolegende Alfred Urban (aka Der Frankenflüsterer) hat vier Stunden Musik mit der Creme der fränkischen Musikszene zusammengestellt, von der legendären Frankenbänd über Ihre Kinder, Klaus Brandl bis hin zu Sandy Wolfrum, um wirklich nur einige zu nennen. Die Kompilation macht die Vielfalt der fränkischen (Rock-)Musikszene deutlich.


 DOUBLE TONIC: Drops Of Celtic Life
DOUBLE TONIC
Drops Of Celtic Life
www.doubletonic.de
(Eigenverlag)
12 Tracks, 57:15


Traditionelle irische und schottische Lieder als entspannter Jazzgesang begleitet von Piano, Saxofon, Bass und Schlagzeug. Yvonne Arnitz aus Waldbronn im Schwarzwald und ihre Band verschmelzen die beiden Musikkulturen gekonnt zu einer Einheit, etwas ungewohnt, aber wunderschön. Ein Stück stammt vom Saxofonisten und Flötisten Klaus Bucher. Texte angeblich auf der Homepage.

 DR. WILL FEAT. SAN2: Cuffs Off
DR. WILL FEAT. SAN2
Cuffs Off
www.drwill.de
(Downhill Records/Galileo DH083)
15 Tracks, 47:18


Der umtriebige und facettenreiche Sänger, Gitarrist, Percussionist und Produzent Will Hampel alias Dr. Will aus München spielt seinen Blues diesmal mit vielen Gästen. Darunter Sahmo Bibergeil (Gitarre), San2 (Harmonika), Jürgen Reiter (Bass), Uli Kümpfel (Mandoline), Titus Waldenfels (Violine) und Ludwig Seuss (Akkordeon).


 ELINA DUNI QUARTET: Dallëndyshe
ELINA DUNI QUARTET
Dallëndyshe
www.elinaduni.com
(ECM 2401, CD 4709282)
12 Tracks, 55:07


Ein wundervoll berührendes, ja lichterfülltes Album aus Jazz und Folk. Tranceartig erzählen die Lieder voll Melancholie und Zuversicht von Liebe und Exil. Betörend schön besingt die albanisch-schweizerische Sängerin Zerrissenheit und Verbundenheit des Balkans. Dem gut aufeinander eingespielten Quartett ist ein Album aus einem Guss gelungen.

 DUO DOYNA: Sammy’s Freilach
DUO DOYNA
Sammy’s Freilach
www.doyna.de
(Konnex-Records KCD 531)
9 Tracks, 49:22


Annette Maye (cl) und Martin Schulte (g) bilden das Duo Doyna, welches fröhlich und virtuos neben Eigenkompositionen und Tangos wunderschöne Balladen mit hauptsächlich jiddischem Einschlag in ihrem Programm hat. Dabei wird die jazzig-freie, expressive Improvisation in den Mittelpunkt gestellt.


 DUO SERAPHIM: A Renaissance Journey
DUO SERAPHIM
A Renaissance Journey
www.green-sonic.net
(Friends Of Green Sonic CD 1428)
24 Tracks, 54:09


Britta Hauenschild an der Renaissance-Traversflöte und Andreas Düker mit Renaissancelaute und Vihuela sind mit jeweils drei bis fünf Stücken aus fünf Ländern zu hören. Man muss diesen spartanischen Sound schon mögen, da die aufgenommenen Instrumentalstücke des 16./17. Jh. immer gleich instrumentiert sind. Sehr aufwendige Medieninfos und geschmackvolles Artwork sind hervorzuheben.

 LUDOVICO EINAUDI: Taranta Project
LUDOVICO EINAUDI
Taranta Project
www.ludovicoeinaudi.com
(Ponderosa Music & Art CD 130)
Promo-CD, 12 Tracks, 64:24


Der Turiner Ambient-Klassik-Komponist und Pianist Ludovico Einaudi lädt zum Pizzica-Dinner in Apulien. Mit von der Partie sind etwa der türkische Ethnoklangtüftler Mercan Dede, der malische Griot Ballaké Sissoko und der apulische Sänger Antonio Castrignanò. Das rockige „Nazzu Nazzu“ mündet nach einer Zwischenstation in der Mongolei im Nigerdelta.


 EL ZITHERACCHI: Modernes Raubzithertum
EL ZITHERACCHI
Modernes Raubzithertum
www.zitheracchi.com
(JD Records and Pictures)
13 Tracks,46:07


Der humorige Titel leitet irr: Die meisten seiner Stücke hat das Trio selbst komponiert. Modern sind die überwiegend instrumentalen Stücke schon, vor allem im Sinne des Unterschieds zum traditionellen Einsatz der Zither in der Volksmusik, oft beinahe meditativ ruhig, weniger dissonant als gewohnt. Bayerische Titel wie „Da Nosnbahra“ unterstützen die Denkrichtung. Angenehm!

 RAPHAËL FAŸS: Circulo De La Noche
RAPHAËL FAŸS
Circulo De La Noche
www.raphaelfays.com
(Label Ouest 1500987713475454/Broken Silence)
3 CDs, CD 1: 8 Tracks, 38:16, CD 2: 8 Tracks, 43:53, CD 3: 8 Tracks, 41:35


Flamenco pur führt die Hörer stilvoll auf eine Reise durch die Nacht. Faÿs, der sich schon früh der Synthese zwischen Gypsy-Style und Flamenco widmete, lässt hier das Duende zwischen Jazz und Tradition verschmelzen. Wie bei dieser Melange zu erwarten, spielt der in Paris geborene Gitarrist passioniert und voller Hingabe.


 WILLIAM FITZSIMMONS: Pittsburgh
WILLIAM FITZSIMMONS
Pittsburgh
www.williamfitzsimmons.com
(Grönland/Rough Trade)
Promo-CD, 7 Tracks, 39:00


Kaum zu glauben, dass ein bärtiger Barde so gefühlvolle und emotionale Songs schreiben kann. Doch genau darin liegt das Talent des Singer/Songwriters William Fitzsimmons. Sein neues Minialbum Pittsburgh bringt uns Erlebnisse und Erfahrungen des Künstlers nahe, die er mit sanften Gitarrenklängen untermalt und so für nachdenkliche Stimmung sorgt.

 JOHNETHEN FUCHS: Algeroy
JOHNETHEN FUCHS
Algeroy
www.soundcloud.com/johnethenfuchs
(Calyra)
12 Tracks, 51:16


Die ersten Songs auf dem Debüt von Johnethen Fuchs könnten auch von einem Americana-Superstar der Siebziger stammen. In klassischer Bandbesetzung bietet der Künstler Singer/Songwriter-Rock, der zum Mitsingen und Nachspielen einlädt. In der Mitte verliert das Album an Fahrt, die Songs orientieren sich hier eher am Indie-Folkrock neuerer Zeit.


 GANEF: Strassenköter
GANEF
Strassenköter
www.ganef.de
(Sturm & Klang/Alive)
13 Tacks, 46:13


Jude, Russe, Deutscher, selbstbewusst, frech. Sergej Master, in Odessa geboren, singt seine Lieder im Stile der russischen Gaunerchansons. Sein Künstlername „Ganef“ (jiddisch für „Dieb“) unterstreicht diesen Anspruch ebenso wie die Wölfe und Straßenköter in seinen Liedern. Doch seine Wildnis ist die Großstadt, insbesondere die Straßen in Berlin.

 GLITTERTIND: Blåne For Blåne
GLITTERTIND
Blåne For Blåne
www.glittertind.net
(Indie Recordings INDIE138CDL)
10 Tracks, 41:53


Glittertind benannten sich nach einem Berg im Herzen Norwegens und nehmen sich gerne historische Themen vor. Die sechs Musiker legen jetzt ein ambitioniertes Konzeptalbum vor: Lieder über das Ende des zweiten Weltkrieges und den Neustart der Kriegsgeneration. Das schwere Thema gehen sie leichtfüßig an. Dabei hat sich die Metalfolkformation neu erfunden als mitreißende akustische Folkband.


 GREAT LAKE SWIMMERS: A Forest Of Arms
GREAT LAKE SWIMMERS
A Forest Of Arms
www.thegreatlakeswimmers.com
(Nettwerk Productions/Soulfood Music 31050-2)
Promo-CD, 12 Tracks, 40:25


Das kanadische Quintett kommt aus der semiakustischen Ecke der Mumfords, nur dass die Swimmer keine Epigonen sein können, weil sie diesen folkrockigen Stil schon vor den Engländern kreiert haben. Schlagzeug, Bass, Gitarre, Banjo und Geige treiben die Lieder mächtig voran, deren Inhalte sich zwischen persönlichen und umweltpolitischen Themen bewegen.

 JJ GREY & MOFRO: Ol’ Glory
JJ GREY & MOFRO
Ol’ Glory
www.jjgrey.com
(Provogue PRD Promo 450/Rough Trade)
12 Tracks, 58:36


Hier trifft weißer Southern-Rock-Gesang auf schwarze Soulmusik, doch die alten Soulveteranen versprühten da wesentlich mehr Adrenalin. Dynamische Steigerungen eines endlos wiederholten Songriffs machen nun mal noch kein gutes Stück. Nur die Balladen können einigermaßen überzeugen. Grey kommt live eindeutig besser rüber.


 SCHORSCH HAMPEL: Sog gscheid
SCHORSCH HAMPEL
Sog gscheid
www.schorsch-hampel.de
(Focus 370.0174.2/Rough Trade)
16 Tracks, 57:23


Gewohnt bissig und politisch präsentiert Hampel neue, ausschließlich selbst geschriebene Songs zwischen Blues und Songwriteridiom, kompetent unterstützt von einer erstklassigen Riege an Gastmusikern, die im Studio mit Bass, Schlagzeug, Akkordeon, Klarinette und Banjo für eine authentische Blues- und Rootsathmospäre sorgten – nur eben in bayerischer Mundart.

 BARNA HOWARD: Quite A Feelin’
BARNA HOWARD
Quite A Feelin’
www.barnahoward.com
(Loose Music/Rough Trade)
Promo-CD, 10 Tracks, 37:38


Auf seinem zweiten Album klingt Barna Howard schon wie ein Alter, mit seiner warmen, einprägsamen Stimme und den melancholisch-nachdenklichen Liedern, in denen er seine Jugend in Eureka, Missouri, reflektiert. Dazu erklingen Gitarren und Banjos in bewährter Songschreibertradition. Man fühlt sich auf angenehme Weise zu Hause – und lauscht andächtig.


 HUBERT VON GOISERN: Federn
HUBERT VON GOISERN
Federn
www.hubertvongoisern.com
(Capriola/Sony 88875074402)
15 Tracks, 67:02


Das neue Goisern-Album enthält die Musik seiner Tour 2014 (siehe Ortstermin in Folker 1/2015). Viele Anregungen seines Louisiana-Aufenthalts wurden in treibende Americana, kräftigen Delta Blues, Cajun- und Bluegrassmusik mit österreichischen Texten verwandelt. Soundprägend neben vielen Akkordeons und Jodlern ist Gast Steve Fishell an Pedal Steel, Dobro und Lap Steel.

 THE HUT PEOPLE: Cabinet Of Curiosities
THE HUT PEOPLE
Cabinet Of Curiosities
www.thehutpeople.co.uk
(Fellside Recordings FECD264)
14 Tracks, 59:56


Eigentlich ist es ganz einfach, was das englische Duo auf seinem dritten Album macht: Instrumentals unter anderem aus England, Schottland, Schweden, Spanien oder dem Baskenland mit Akkordeon und Percussion. Aber wie die Stücke arrangiert und die unzähligen Rhythmusgeräte (bis zu zwölf pro Track) eingesetzt werden, das muss man hören. Erstaunlich!


 JANSBERG: Terra Nova
JANSBERG
Terra Nova
www.jansberg.com
(GO’ Danish Folk Music GO0415)
13 Tracks, 44:47


Jansberg geht seinen 2004 mit Signatur begonnenen Weg der Erneuerung der Traditionen weiter und produziert hier einen zeitgenössischen Sound mit Hilfe einiger Elektronik. Er ist mit seiner Fiddle und den eigenen Kompositionen weiterhin die treibende Kraft des Quintetts. Es ist – auch wegen der vielen schönen Melodien – unverkennbar, dass es sich um dänische Folkmusik handelt.

 EILEN JEWELL: Sunday Over Ghost Town
EILEN JEWELL
Sunday Over Ghost Town
www.eilenjewell.com
(Signature Sounds SIG 2076/Cargo)
12 Tacks, 37:17


Die kleine Stadt Boise, Idaho, versteckt sich als durchgängiges Thema auf diesem Album, zog doch Eilen Jewell zum Songschreiben zurück in ihre alte Heimatstadt und nahm die Fäden auf, die sie dort in ihrer Jugend gesponnen hatte. Bluegrassgefärbt sind ihre Songs, mit charmanten Verweisen in Richtung Rockabilly und Hinterwäldlermusik.


 JOHEWO: Zeitfenster
JOHEWO
Zeitfenster
www.johewo.de
(Eigenverlag)
16 Tracks, 72:03


Das Debüt der beiden jungen Singer/Songwriter Jonathan Heintges und Oliver Wonschik aus Mülheim/Ruhr birgt ansprechendes Gitarrenspiel, eingängige Melodien und angenehmen Gesang. An den Texten ließe sich noch arbeiten. Es lassen sich übrigens auch Lieder ohne das Personalpronomen „ich“ schreiben.

 THE JUKE JOINT PIMPS: Boogie Pimps
THE JUKE JOINT PIMPS
Boogie Pimps
www.voodoorhythm.com
www.juke-joints-pimps.com
(Voodoo Rhythm Records)
7 Tracks, 41:23


Sofort bollert er los – der dreckigste Blues des Mississippideltas, geschaffen aus Mundharmonika, Gitarre, Schlagzeug und Gesang. Klingt echt, roh, wild und alt. Er stammt jedoch von zwei Herren vom Rhein und ist ganz neu. Erfolgreich um den authentischen Klang bemüht, eignet sich das nostalgische Werk perfekt zum Trinken, Tanzen und Schwitzen.


 JULIKA: Itufi – To The Tropics And Back
JULIKA
Itufi – To The Tropics And Back
www.julakim.de
(Eigenverlag)
Promo-CD, 7 Tracks, 43:08


Nach einer Südamerikatournee vertonte die Darmstädter Liedermacherin ihre Eindrücke gleich in mehreren Sprachen – auf sehr poetisch-persönliche Weise. Dabei fordert sie den Zuhörer mit expressivem Gesang, überzogenem Einsatz von Effektgeräten und lässt mal zehn Minuten Vögel statt ihrer selbst singen. Unausgereifte Verbindung von Folk und Avantgarde.

 PEKKO KÄPPI: Sanguis Meus, Mama!
PEKKO KÄPPI
Sanguis Meus, Mama!
www.pekkokappi.com
(GAEA Records GAEACD66)
10 Tracks, 38:45


Pekko Käppi ist vielleicht der einzige Folkmusiker, der es jemals auf das Stoner-Rock-Festival Roadburn geschafft hat. Auf die WOMEX passt die Musik des Finnen ebenfalls. Mittlerweile auf dem vierten Album bietet Pekko Käppi einen psychedelischen Mix aus finnischem Folk und Independentsounds, der eine Entdeckungsreise für Menschen mit skurrilem Humor verspricht.


 MICHAEL PATRICK KELLY: Human
MICHAEL PATRICK KELLY
Human
www.facebook.com/michael.patrick.kelly.official
(Sony/Columbia)
Promo-CD, 11 Tracks, 39:00


Ein überperfekt produziertes Album, das trotz aalglatter und überflüssiger Orchesterarrangements und schwülstigem Backgroundgesang die cleveren, tanzenden Popsongs mit gelegentlichen Folkanleihen nicht erdrückt. Singen kann Kelly sowieso. Man wünscht ihm eine unvoreingenommene Hörerschaft, die von Kelly-Family-Vergleichen absieht. Es lohnt sich.

 KING AUTOMATIC: Lorraine Exotica
KING AUTOMATIC
Lorraine Exotica
www.kingautomatic.com
(Voodoo rhythm)
14 Tracks, 40:28


King Automatic ist ein lothringischer Garagenrocker, der auf seinem vierten Album einige (für seine Verhältnisse) „exotische“ Einflüsse verarbeitete: Salsa, Ska und ukrainische Folklore.


 KLEINE FREIHEIT: Lebend
KLEINE FREIHEIT
Lebend
www.kleinefreiheit-musik.de
(Eigenverlag)
14 Tracks, 79:47


Mitschnitt eines Konzertes des Liedermacherduos Roland Prakken und Kanneman mit norddeutschem Songschreiberfolk, gespielt auf Gitarre, Mandoline, Slide Guitar und Harp. Lakonisch-ironische, hörenswerte Texte über Klabautermänner, Perlentaucher, Penner und anderes Gelichter mit humorvoll-reflektiven Ansagen.

 BERND KÖHLER UND EWO2: In dieser Straße – Das Waterboarding-Syndrom
BERND KÖHLER UND EWO2
In dieser Straße – Das Waterboarding-Syndrom
www.ewo2.de
(Jump Up, jup 35)
14 Tracks, 67:05


Bernd Köhler ist ein hoch engagierter Musiker, der seit vielen Jahren gegen Gewalt, Hass und Krieg ansingt. Dabei steht ihm das ausgezeichnete kleine elektronische Weltorchester (EWO2), bestehend aus Hans Reffert, Jan Lindquist, Adax Dörsam und Laurent Leroi, zur Seite. Allerdings sollten Sprachschnitzer wie „… lernten dem Volke sich wehren“ vermieden werden.


 KRAJA: Hur Långt Som Helst
KRAJA
Hur Långt Som Helst
www.kraja.nu
(Westpark Musik)
12 Tracks, 42:34


Auch auf dem vierten Album des Quartetts gibt es sanfte instrumentale Begleitungen zu dem überirdisch schönen A-cappella-Gesang. Ein Weg in die Zukunft des Quartetts? Alle Melodien und Arrangements sind dieses Mal von den Musikerinnen selbst. Die von ihnen bearbeiteten Texte (mit deutscher und englischer Übersetzung) sind meist skandinavischen Ursprungs, je zwei sind aber auch indianisch und afrikanisch.

 LA MINOR: Ona Büla Pervoi
LA MINOR
Ona Büla Pervoi
www.tomato-production.com/kuenstler/la-minor
(Krekhts 003)
12 Tracks, 48:13


„Sie war die Erste“ ist bereits das sechste Album des 2001 in Sankt Petersburg gegründeten Sextetts, welches sich mit Psychobillyelementen auf „urbanen Folk“ spezialisierte. Slava Shalygins (voc) Repertoire, durchwegs auf Russisch singend, bewegt sich, unterstützt von seinen fünf Kollegen, zwischen tanzbaren Kaffeehausliedern und Punk.


 SINIKKA LANGELAND: The Half-Finished Heaven
SINIKKA LANGELAND
The Half-Finished Heaven
www.sinikka.no
(ECM Records, ECM2377)
12 Tracks, 49:22


Mystisch, sphärisch und von erhabener Schönheit: Die norwegische Kantelespielerin und Sängerin vereint Traditionen von Norwegen und Finnland. Den glockenhaften Klang ihres Zupfinstruments bereichert sie mit meditativen Improvisationen eines Jazzsaxofonisten, der Melancholie eines klassischen Bratschisten und schamanenhafter Percussion. Ein Kunstwerk jenseits von Genres und Zeiten.

 LÍADAN: In Am Tátha – Well Timed
LÍADAN
In Am Tátha – Well Timed
www.liadan.ie
(Eigenverlag LN0003/Magnetic Music)
Promo-CD, 11 Tracks; 42:16


Sechs irische Musikerinnen, die beschlossen haben, ihre sehr traditionell gehaltenen Arrangements mit Fiddles, Akkordeon und Flute weitgehend ohne moderne Begleitinstrumente oder Percussion zu präsentieren – sehr mutig. Daneben lassen fantasievoll arrangierte Songs die jungen Stimmen verschiedener Bandmitglieder hören. Schöne, farbenfrohe, intensive Klangerfahrung!


 LIANA: Embalo
LIANA
Embalo
www.lianafado.com
(Eigenverlag)
14 Tracks, 43:20


Liana wurde im deutschen Sprachraum vor allem als Sängerin des Stockholm Lisboa Projects bekannt. Auf Embalo singt sie neben einem Lied von José Afonso und dem selbst geschriebenen Titelstück traditionellen Fado. Liana hat ein Flair für Pathos – und im letzten Stück darf das große Orchester die Sängerin begleiten. Eine Zeitreise in die Vergangenheit.

 SHELBY LYNNE: I Can’t Imagine
SHELBY LYNNE
I Can’t Imagine
www.shelbylynne.com
(Rounder/Universal/Concord)
10 Tracks, 40:53


„Alle da? Das Lied geht so. Knopf drücken und los.“ So beschreibt Shelby Lynne ihre Aufnahmetechnik. Kaum zu glauben, klingt doch das Album nach ausgefuchster Produktion. Bekannt durch ihr 1999er-Album I Am Shelby Lynne mit folgender kleiner Durststrecke, schöpft I Can’t Imagine seine Inspiration aus Southern Soul, RnB, Country und Americana.


 ROB LYTLE: A Hypocrite Of  Heart And Hope
ROB LYTLE
A Hypocrite Of Heart And Hope
www.roblytle.com
(Eigenverlag)
10 Tracks, 33:22


In den 1980ern war Lytle Mitglied des Duos Theater Side und in den Neunzigern Teil der Bostoner Folkszene, um dann eine vierzehnjährige Pause einzulegen um sich lieber um die Familie zu kümmern. Seit 2009 ist er wieder Aktiv, und das vorliegende Album bietet schnörkellose, countrylastige Singer/Songwriter-Stücke mit feiner Westcoast-Leichtigkeit.

 THE MAGICAL MOONBAND: Back In Time
THE MAGICAL MOONBAND
Back In Time
www.themoonband.de
(Millaphon Records, Broken Silence)
Promo-CD, 12 Tracks, 46:58


Die junge Münchner Formation The Moonband erfüllte sich mit ihrer CD Back In Time den Wunsch, ausschließlich Songs einzuspielen, die sie beeinflusst und inspiriert haben. Darunter finden sich Kompositionen von Bob Dylan, Colin Wilkie und Tim O’Brian. Schwungvoller Folkrock mit Gesang, Gitarre, Bouzouki, Banjo und Mandoline. Macht Spaß.


 EMILY MAGUIRE: Bird Inside A Cage
EMILY MAGUIRE
Bird Inside A Cage
www.emilymaguire.com
(Shaktu Records/Rough Trade SHK2104)
Promo-CD, 10 Tracks, 35:30


Dass die Künstlerin aus England seit ihrer Jugend mit Depressionen zu kämpfen hat, kann man den Presseverlautbarungen entnehmen und vielleicht noch den Texten, wenn man den selbst geschriebenen Songs sorgfältig lauscht. Die Musik jedoch ist kraftvoller, energischer Singer/Songwriter-Rock mit vielen leichten und überschäumenden Popelementen.

 LAURA MARLING: Short Movie
LAURA MARLING
Short Movie
www.lauramarling.com
(Caroline/Virgin)
Promo-CD, 13 Tracks, 50:05


Dem fünften Album der immer noch sehr jungen Dame (25) ging ein Jahr Auszeit in LA voraus, wo sie sich – ausgepowert vom endlosen Touren – auf sich selbst besann, verrückte Dinge tat und neue Kraft und neue Ideen tankte. Das Resultat ist eine dynamische, eigen- und selbstständige Musik, die weder Vergleiche kennt noch welche scheuen braucht.


 SIOBHAN MILLER: Flight Of Time
SIOBHAN MILLER
Flight Of Time
www.siobhanmiller.com
(Vertical Records)
10 Tracks, 42:32


Hoppla, welche Überraschung! Miller, die bislang vornehmlich mit einfühlsamen Interpretationen schottischer Balladen glänzte, überzeugt auf ihrem ersten Soloalbum mit teils eigenen Pop-Rock-Stücken, und das Prague Philharmonic Orchestra sorgt für den Schmelz. Love-and-Money-Frontmann James Grant produzierte und spielte Gitarre. Wenig Folk, sehr gute Musik.

 MOIRAI: Sideways
MOIRAI
Sideways
www.moiraitrio.co.uk
(Wildgoose Records WGS410CD)
13 Tracks, 58:58


Leicht abseits ausgetretener Folkpfade bewegt sich das englische Damentrio mit der renommierten Jo Freya (Saxofon, Klarinette), Melanie Biggs (Melodeon, Flöte) und Sarah Matthews (Violine, Viola, Gitarre). Das klingt bei den Instrumentals und bei den Songs dank drei guter Stimmen und besonderem Humor (siehe auch Titelsong) sehr erfreulich.


 MOLOTOW BRASS ORCHESTRA: Schaubeschad!
MOLOTOW BRASS ORCHESTRA
Schaubeschad!
www.brassorkestar.ch
(Godbrain Distribution iMusician A19646)
12 Tracks, 46:00


Hier kommen zur Wucht von serbischem Kolo oder rumänischer Geamparale eine gut dosierte Portion Jazz, urbane Grooves, höchste Präzision im Spiel und, Achtung, Einflüsse aus der Schweiz. Immer mehr Stücke stammen aus eigener Feder. Die Reise geht beim Molotow Brass Orchestra vom bernischen Guggisbärg auf den Balkan, mitten in eine Hochzeit.

 MONOSWEZI: Monoswezi Yanga
MONOSWEZI
Monoswezi Yanga
www.monoswezi.com.com
(Riverboat TUGCD1090)
10 Tracks, 46:11


Ihr zweites Album entstand auf den schwedischen Kosterinseln, fernab der großen Städte. In völliger Abgeschiedenheit nahm das Quintett ihre Sessions auf – meist in einem Take. Skandinavischer Jazz verbindet sich mit afrikanischen Folksongs, begleitet vom multilingualen Gesang von Hope Masike. Ein abwechslungsreiches und zugleich organisches Album.


 ANDREW MAXWELL MORRIS: Well Tread Roads
ANDREW MAXWELL MORRIS
Well Tread Roads
www.andrewmaxwellmorris.com
(Eigenverlag)
10 Tracks, 33:58


Melodisch und harmonisch, doch leicht selbstmitleidig und pathetisch sind die Songs von Andrew Maxwell Morris. Ein ausgebranntes Auto ziert das Cover seines Albums, doch singt er von Liebe und Zuneigung, die irgendwo da draußen, in der Wüste, auf ihn warten.

 MR ŽARKO: Electric Gypsy Disco Noise & Electric Gypsy Disco Noise The Remixes
MR ŽARKO
Electric Gypsy Disco Noise & Electric Gypsy Disco Noise The Remixes
www.mrzarko.com
(Pyromusic PYR22 & PYR29)
13 Tracks, 57:00 & 11 Tracks, 52:00


Selbstironisch bis zum Abwinken. Mr Žarko und seine serbisch-rumänisch-deutsche Powerband bringen jeden Tanzmuffel aufs Parkett. Wer Spaß hat an kalkulierter Balkanmugge, wird diese Band lieben, solides Handwerk war das Debüt von 2013. Das wurde jetzt um ein Remixalbum ergänzt. Reggaeton trifft Oriental Surf Rock, Electro Swing und Dubstep.


 WOLFGANG MÜLLER: Auf die Welt
WOLFGANG MÜLLER
Auf die Welt
www.mueller-musik.de
(Fressmann/Indigo)
9 Tracks, 31:48


Geheimnisvoll schöne und poetische, ruhige Lieder über die Welt, die Melancholie und Einsamkeit ausstrahlen. Klavier und Gitarre, schwarzes Cover, eine verhaltene, gedämpfte, leicht angekratzte Stimme, doch „Traurigkeit ist keine Option“ lautet die letzte Zeile des insgesamt recht kurzen, neuen Albums des Hamburger Songwriters.

 YVONNE MWALE: Nikale
YVONNE MWALE
Nikale
www.yvonnemwale.com
(Art of June AOJ11)
14 Tracks, 59:38


Gleich zu Beginn wird klar, dass es sich hier um ein ungewöhnliches Album handelt. Das Sounddesign wurde nämlich hörbar aus Vintage-Instrumenten erschaffen. Dazu singt die Sambierin mit einem souligen Timbre, dass an Erykah Badu oder Lauryn Hill erinnert. Eine Empfehlung für Liebhaber von afrikanischem Souljazz.


 KARL NEUKAUF: Papperlapapp
KARL NEUKAUF
Papperlapapp
www.karlneukauf.de
(Timezone, TZ 386)
11 Tracks, 55:46


Es soll Musikkritiker geben, die in ihrer Freizeit kaum noch Musik hören, weil sie täglich mit Massen an Mittelmäßigkeit bzw. Unterdurchschnittlichem überhäuft werden. Wie schön ist es da, ab und zu etwas ganz Besonderes zu entdecken. Karl Neukauf ist so einer. Der junge Berliner Rockchansonnier und Multiinstrumentalist produziert eine Songperle nach der anderen.

 NEW KINGSTON: Kingston City
NEW KINGSTON
Kingston City
www.newkingstonmusic.com
(Easy Star Records ES-1045/Broken Silence)
12 Tracks, 48:22


Für eine gewisse Qualität bürgt bereits das New Yorker Label Easy Star Records, bei dem die drei Brüder aus Brooklyn mit jamaikanischem Hintergrund nach zwei selbst verlegten Alben die vorliegende Nummer drei veröffentlichten. Vom Rootsmodell gesättigter Reggae der Jetztzeit, mit Gastauftritten namhafter Kollegen, darunter Sister Carol und Sugar Minott.


 NEWPOLI:  Nun Te Vutà
NEWPOLI
Nun Te Vutà
www.newpolimusic.com
(Beartones)
12 Tracks, 51:38


„Schau nicht zurück“, so die Übersetzung des Titelstücks, handelt von Menschen, die ihre Heimat für eine bessere Zukunft verlassen mussten. Schwerpunkt des hervorragenden Albums des Septetts aus Boston sind fünf Eigenkompositionen und Traditionals aus der Basilicata. Herausragend sind die Duette der Sängerinnen Angela Rossi und Carmen Marsico. ??

 NOWHERE TRAIN: Tape
NOWHERE TRAIN
Tape
www.nowheretrain.com
(Recordbag Recordings/Hoanzl)
Promo-CD, 10 Tracks, 42:34


Die Österreicher nehmen’s locker, verbreiten dadurch gute Laune und wirken zudem noch authentisch in dem, was sie spielen: viel Americana, gewürzt mit Elementen anderer Stile. Mal klingen sie wie eine Jugband, dann erinnern sie an Camper van Beethoven. Im Dezember fährt der Bandzug nicht nach Nirgendwo, sondern nach Deutschland: hingehen!


 ODESSA-PROJEKT: Liza
ODESSA-PROJEKT
Liza
www.odessa-projekt.de
(Eigenverlag)
14 Tracks, 61:25


Auch auf dem dritten Album des Odessa-Projekts wurde eine bunte Mischung aus Balkanmusik zusammengestellt, begonnen bei der Romamusik aus Ungarn über Serbien oder Bulgarien bis hin zu Klezmerbulgars oder sogar jiddischem Theater. Das alles klingt meist wild und ausgelassen, mitunter aber auch melancholisch.

 OONAGH: Aeria
OONAGH
Aeria
www.oonagh.tv
(Electrola CD 06025 4715571/Universal)
13 Tracks, 49:10


Die Künstlerin Oonagh entführt mit ihrem Album Aeria ihre Hörer in eine Welt voller Mystik und Magie. Nicht nur Texte auf Deutsch, Elbisch oder Quechua sorgen für eine keltische Feenatmosphäre, sondern auch chorische Unterstützung, Gitarrenklänge und die unverwechselbare Stimme der Sängerin, die einen Hauch von Musical beinhaltet.


 OPEZ: Dead Dance
OPEZ
Dead Dance
www.agogo-records.com
(agogo AR 059CD)
11 Tracks, 41:05


„Latin Desert & Funeral Party“ nennt das Duo des Multiinstrumentalisten Massi Amadori (Gitarren, Ukulele, Percssion, Harmonium, Effekte) und Francesco Tappis (Bass) seine Musik. Tatsächlich: Dead Dance ist ein Soundtrack der Wüste im Niemandsland zwischen Mexiko und den USA und nicht der Gegend von Perugia, aus der die Musiker stammen.

 THE JAY OTTAWAY BAND: Live In Europe
THE JAY OTTAWAY BAND
Live In Europe
www.jayottawayband.de
(Cactus Rock Records CCR72)
13 Tracks, 63:17


Die Freude daran, miteinander zu musizieren, ist bei diesem Livealbum vom ersten bis zum letzten Ton hörbar. Soul, Blues und Americana sind hier die Zutaten, das gekonnte Wechselspiel von Saxofon, Piano, akustischer und E-Gitarre auf breitem rhythmischem Fundament trägt Jay Ottaways Gesang – eine fantastische Band präsentiert ein fantastisches Liveerlebnis.


 ANTTI PAALANEN: Meluta
ANTTI PAALANEN
Meluta
www.antipaalanen.com
(Westpark Musik)
10 Tracks, 41:23


Wem die elektronische Percussion und das Stimmengegrummel nicht auf den Geist gehen, der kann in Paalanens intensiver rhythmischer Spielweise des Akkordeons Kreatives und Schönes entdecken. Es sind keine Melodien im herkömmlichen Sinne, sondern melodische Tonfolgen, die mit finnischem Tango und Techno zu einem neuartigen Klangerlebnis verschmelzen.

 THE PAPERBOYS: At Peace With One’s Ghosts
THE PAPERBOYS
At Peace With One’s Ghosts