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»Entweder man greift den Faden auf oder das Publikum kommt irgendwann nur noch aus Gründen der Nostalgie.«
Joan Baez * Foto: Marina Chavez

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Dieser Artikel ist ein Auszug aus der Printversion, das Heft kann bestellt werden unter www.irish‑shop.de.

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Aktuelles Album:


Whistle Down The Wind
(Concord Records/Proper Records, 2018)



Cover Whistle Down the Wind


Joan Baez

Schwierigkeiten mit der Altersteilzeit

Ein letztes Album sollte es 2018 mit Whistle Down The Wind noch geben, zum Abschied eine letzte Tournee, dann wollte Joan Baez kürzertreten. Bei einer derartigen Lebensleistung nur verständlich. Doch die Altersteilzeit gestaltet sich schwierig, das Publikum will nicht loslassen. Inzwischen geht ihre „Fare-Thee-Well“-Tour um ein halbes Jahr in die Verlängerung. Eine Rückschau in Etappen.

Text: Bernd Gürtler

Keine Ahnung wieso, aber ein gängiges Vorurteil lautet, die Ossis hätten in Vorwendezeiten nichts anderes als Ostmusik zu hören bekommen. Mag sein, dass die Bevölkerung vom eigenen Staat weggesperrt war hinter einem antifaschistischen Schutzwall aus Stacheldraht und Beton. Wer unbedingt wollte, fand dennoch Mittel und Wege mit der Welt da draußen eine Beziehung einzugehen. Kein noch so martialisches Grenzregime vermochte den Empfang westdeutscher Radiosender und Fernsehprogramme zu unterbinden. Über konspirative Tauschnetzwerke fanden meist illegal eingeschleuste Westschallplatten Verbreitung. Sehr wohl wissend, dass die eingemauerten Bürger bei Laune zu halten waren, verlegte die DDR mit zunehmender Regelmäßigkeit Westscheiben als Lizenzpressungen. Von Joan Baez zuerst 1966 eine Eins-zu-eins-Übernahme ihres Vanguard-Albums In Concert, Part 2. Ergänzt 1981 um eine für den DDR-Binnenmarkt handverlesene Werkschaukopplung jüngeren Vanguard-Materials, darunter das unvermeidliche „The Night They Drove Old Dixie Down“, Bob Dylans „Don’t Think Twice, It’s Alright“ oder Pete Seegers „Where Have All The Flowers Gone“. Also ja, Joan Baez ist ein Begriff gewesen im Deutschland der Arbeit und Bauern. Wie sehr, das sollte sich bei ihrem ersten Ostdeutschlandkonzert 1993 in Leipzig im Haus Auensee zeigen. Die Veranstaltung war ausverkauft, der Jubel überschwänglich. Für den Nachmittag direkt vor dem Auftritt bot die Plattenfirma Interviewtermine an. Selbstredend, dass die Gelegenheit von mir ergriffen wurde. Zumal mit Play Me Backwards eine aktuelle Veröffentlichung vorlag, die durchweg begeisterte.

Joan Baez, ein fantastisches neues Album! Ungeheuer frisch, sehr zeitgemäß. Streckenweise scheinen sogar Drumcomputer im Einsatz!?

Das sind keine Drumcomputer, das ist ein Percussionist, Marcos Suzano aus Brasilien. Wir ließen ihm freie Hand. Das Album sollte frisch, zeitgemäß und rhythmisch klingen.

Die Songs stammen teils wieder von Fremdautoren, teils von ihnen selbst. Wobei mehrere der eigenen Stücke zwei Co-Autoren verzeichnen, Wally Wilson und Kenny Greenberg. Wie prägend sind die beiden gewesen?

Sehr. Dank ihnen konnte ich überhaupt das erste Mal eine Co-Autorenschaft eingehen. Beim Songschreiben war ich bislang vollkommen auf mich gestellt. Wally und Kenny sind grundverschieden zu mir. Ein gefragter Auftragssongschreiber aus Nashville der eine, der andere ein texanischer Auftragsgitarrist mit Rockhintergrund. Zwei Südstaatler durch und durch und ich jemand von der Ostküste! Wir stritten um jedes Detail. Aber etwas Besseres konnte mir gar nicht passieren!

Inwiefern?

Meiner Musik hatte ich nie ernsthaft Beachtung geschenkt. Politik war mir wichtiger, was ich keineswegs bereue. Vor zwei, drei Jahren jedoch wurde mir bewusst, dass diese Stimmbänder keine Ewigkeit halten. Ich sagte mir: Besorg dir einen Manager, such dir eine anständige Plattenfirma. Stell die Politik hintenan und kümmer dich um deine Musik. Arbeite mit Co-Autoren, werde rhythmischer. Probiere alles, was dir nie geheuer erschien!

... mehr im Heft.