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Backkatalog   Ausgabe Nr. 3/2016   Internetartikel
Le Mystère des Voix Bulgares

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Nationalistische Giftgesänge

Antimodernismus trifft auf offene Ohren

Die Angst vor dem Fremden, die sich heute in der Mehrheitsgesellschaft Bahn bricht, kommt ohne vermeintliche Heilmittel nicht aus: Rassismus und Nationalismus werden eingeübt als antimoderner Reflex gegen die Folgen der Globalisierung. Wer Musik hört, kennt das schon.

Text: Harald Justin

Reden wir nicht über die modrigen Gesänge aus der Gruft der Vertriebenenverbände, nicht über Musik bei Neonazis, in der zu martialischen Rhythmen „Bimboklatschen“ zum guten Ton gehört. Außen vor sei die oft gescholtene, anglophile Pop- und Rockmusik, steht sie allein schon wegen der anvisierten globalen Verkaufbarkeit jenseits nationaler oder dezidiert rassistischer Hetze. Nein, die Musik, die seismografisch mentale Stimmungen und Verstimmungen verzeichnet, ist jene, die als Volksmusik oder als Weltmusik gehört wird. Sie funktioniert prima als Knetmasse des politischen Angstdiskurses.
Ein Beispiel: die Bulgarian Voices, auch bekannt als „Le Mystère Des Voix Bulgares“ oder als „Chor bulgarischer Frauen“ (und nicht zu verwechseln mit den Bulgarian Voices Angelite oder The Great Voices of Bulgaria). Als Marcel Cellier in den Siebzigerjahren der staatlichen bulgarischen Schallplattenfirma Aufnahmen des Frauenchores abkaufte und sie im Westen auf den Markt brachte, passierte erst einmal – nichts! Die Ohren des westlichen Publikums waren noch nicht auf Weltmusik geeicht. Für die aurale Strahlkraft dieses Chors schien es kein Publikum zu geben, die Musik drang in die Schmuddelecke der Folkloresammler vor, nicht weiter. Und was sollten sie von einem Chor halten, dessen Gründung ein Wunschakt des bulgarischen Staates war? 1952 im Auftrag des Bulgarischen Rundfunks und Fernsehens in Sofia gegründet, stand der Chor vor der Schwierigkeit, in einem Land aus Solosängerinnen einen Chor zu formen, in dem es keine Tradition des Chorgesangs gab. Zudem galt es, ein Repertoire zu erarbeiten, das die Folklore des Landes lebendig halten sollte. Denn von Staatsseite hatte man frühzeitig erkannt, dass mit der Industrialisierung die auf ländliche Traditionen basierende Volkskultur an ihr Ende kommen würde und archivarische Maßnahmen nötig waren. „Diese Art der Volksmusik“, so die Leiterin Dora Hristova, „wird nur noch auf dem Land konserviert. Das ist ein weltweites Phänomen, mit der Industrialisierung sterben viele kostbare Traditionen aus.“
Zudem hatte der Chor die Funktion, der neuen bulgarischen Identität in einem Staat zuzuarbeiten, dessen Kultur wesentlich nicht von einer, sondern von dem Miteinander diverser Ethnien gebildet wurde. Griechen, Türken, Russen, Slawen, Rumänen, jüdische Klezmorim und fahrende Musiker aus Indien, sie alle hatten ihre Spuren in dem „Bulgarien“ genannten Siedlungsraum hinterlassen. Gegen dieses multiethnische Miteinander wurde das Konstrukt eines imaginären Bulgarentums bemüht. Ihm hatte der Chor zu dienen.
Dieses ideologische Konstrukt verschwand vom Radar, als der Chor und seine diversen Ableger ab 1987, auf der Weltmusikwelle surfend, die internationalen Charts eroberten. Mit dem Zusammenbruch des Ostblocks in den Achtzigerjahren tauchten neue Werte auf, „World Music“ wurde zum Soundtrack einer neuen Offenheit, zu der es auch die Bulgaren trieb.

... mehr im Heft.


Ausseer Bradlmusi * Foto: Sonja Hönig