Rezensionen DEUTSCHLAND


BLASSPORTGRUPPE
Back In Blech

(Connector Records 59913-2/Termidor Musikverlag, go! www.blassportgruppe.de )
10 Tracks, 42:15, mit dt. Infos u. Texten

Klar, der Titel des Albums steht als Hommage an den Hardrock-Klassiker Back In Black von AC/DC. Und gibt die Richtung vor: schon mal da gewesen – aber nicht so, mit diesen Bläsern! Das neue Werk der zehnköpfigen Blassportgruppe enthält ausschließlich Coverversionen bekannter Stücke, wobei die Bandbreite vom aktuellen Hitparadentitel über Elektropop bis zum Klassiker der Sechzigerjahre reicht. Aber halt, bevor jetzt jemand gähnt – bis auf zwei Ausnahmen haben alle Songs neue deutsche Texte bekommen. Keine Übertragungen aus dem Englischen, sondern komplett eigenständige Zeilen. Nur gelegentlich lehnen sich die Refrains im Wortklang ans Original an, etwa bei Tears for Fears’ „Shout“, aus dem die BSG „Laut“ macht. In der Regel fällt es jedoch erst einmal schwer, den Ursprung zu erkennen. Aber im Grunde spielt das auch keine Rolle. Denn dank der abwechslungsreichen Arrangements und der sehr gelungenen Texte kann man alle Tracks einfach als neue Stücke betrachten und entsprechend genießen. Ob nun aus Don Henleys „Boys Of Summer“ die Ballade „Nur wir zwei“ wird oder aus Jimi Hendrix’ „Cross Town Traffic“ das „Muttersöhnchen“ – es bläst, es groovt, es kickt! So muss Blassport sein.

Volker Dick

 

BLASSPORTGRUPPE – Back In Blech


CHELSEA RADIO
Hummingbird Girl

(Acoustic Music Records 319.1505.2/Rough Trade, go! www.chelsearadio.de )
12 Tracks, 41:12, mit Texten

Die mittlerweile zwölfte Veröffentlichung des Erfolgsduos Chelse ... Moment mal, da stimmt was nicht. Hummingbird Girl ist das Debüt des Berliner Duos. Und wieso klingt alles auf diesem Album dann bereits dermaßen perfekt und harmonisch? Sängerin und Gitarristin Franziska Günther und Peter Jack am Fretless Bass klingen wie ein eingespieltes, glückliches Ehepaar. Folkmusik, zu der man sich auf eine Wiese legen möchte, den Kopf in den Schoß der oder des Liebsten gelegt, die Augen geschlossen und den Wind gespürt. Die durchweg selbst komponierten Songs verzaubern direkt beim ersten Hören und man verliebt sich in die verspielten Details bei jedem weiteren Durchlauf. Selbst harte Männer beginnen bei Songs wie „Carousel Ride“ zu weinen. Nach dem Hören dieses wunderwunderschönen Albums beginnt dann die zwanghafte Suche nach Tourterminen, und man greift verstohlen zur Gitarre, um sich an einem dieser Songs selbst zu versuchen. Im Booklet wird dafür sogar die Gitarrenstimmung gelistet. Und um nun auch noch dem letzten Zauderer ein Kaufargument zu liefern: Nicht nur als Koproduzent, sondern auch als Gastmusiker ist Gitarrenguru Ian Melrose mit an Bord.

Chris Elstrodt

 

CHELSEA RADIO    – Hummingbird Girl


FRIEDRICH & WIESENHÜTTER
Alles auf Anfang

(Eigenverlag, go! www.friedrich-wiesenhuetter.de )
15 Tracks, 54:14, mit dt. Texten u. Infos

Matthias Wiesenhütter kommt eher aus dem klassischen Bereich und spielte zunächst fast nur Konzertgitarre. Dirk Friedrich spielte und sang ausschließlich eigene Lieder in deutscher Sprache. Zusammen bilden die beiden Köpenicker ein Duo mit dem schlichten Namen Friedrich & Wiesenhütter. Inzwischen nahmen sie ihr Debütalbum auf, eine durchaus reizvolle Mischung aus solidem Liedermacherhandwerk und angenehm anzuhörenden Instrumentalnummern. Letztere bieten Gelegenheit, das zuvor Gehörte noch einmal in Ruhe Revue passieren zu lassen. Inhaltlich geht es hauptsächlich um Liebeserklärungen: an den eigenen Kiez („Köpenick“), an den Sohn („Fabian“), an die Freundschaft („Das Leben ist schön“), an das Leben („So schön wie hier“) und natürlich an eine geliebte Frau („Ich liebe dich“). Dazu die stets entspannte, unaufgeregte Gitarrenmusik. Natürlich kommen auch die Politiker nicht ungeschoren davon („Politiker“), und sogar die Unwägbarkeiten des Lebens werden thematisiert („Erst wenn man kentert“ und „Es gibt Tage“). Ein insgesamt eher stilles, wirklich gelungenes Album zum Zuhören.

Kai Engelke

 

FRIEDRICH & WIESENHÜTTER   – Alles auf Anfang


AMIR JOHN HADDAD
9 Guitarras

(Zoomusic AJH001/Galileo MC, go! www.amirjohnhaddad.com )
9 Tracks, 54:14, mit engl. und span. Infos

Gut Ding will Weile haben. Die letzte Soloveröffentlichung des in Deutschland geborenen Flamencogitarristen Amir John Haddad, bekannt geworden unter anderem durch seine lange Kollaboration mit dem spanischen Weltmusikensemble Radio Tarifa, erschien 2006. „9 Gitarren“ ist ganz wörtlich zu nehmen: Jeder Track des Albums ist mit einem anderen Instrument der Oberliga der spanischen Gitarrenbaukunst eingespielt worden. Die Namen Conde Hermanos, Andrés Marvi, Manuel Reyes oder Manuel Bellido werden natürlich nur dem Fachkundigen etwas sagen. Im bebilderten Booklet sind jedoch alle Instrumente abgebildet und ihre Bedeutung wird knapp erläutert. So richtig wahrnehmen kann man die Unterschiede allerdings nur in den vereinzelten Solostücken. Musikalisch gehört das neue Album von „El Amir“ zum Allerfeinsten, was der Sektor Flamencogitarre dieser Tage zu bieten hat. Ganz in der Tradition der großen Neuerer präsentiert Haddad, der auch die arabische Ud und die griechische Bouzouki spielt, begleitet von einer Vielzahl an Percussionisten, Sängern, Geigern und Bassisten einen modernen Flamenco, der musikalisch wie handwerklich das große Potenzial und die Lebendigkeit dieser Kunstform offenbart.

Rolf Beydemüller

 

AMIR JOHN HADDAD  – 9 Guitarras


MY SISTER GRENADINE
Spare Parts

(Solaris Empire 23/Broken Silence, go! www.mysistergrenadine.com )
15 Tracks, 41:14, mit engl. Texten u. Infos

Im Gegensatz zu den beiden Vorgängern, steht bei My Sister Grenadines neuem Album nun die Ukulele im Mittelpunkt. Was wohl deren geradezu kindliches Flair ausmacht. Das Berliner Trio um Songschreiber Vincenz Kokot findet seine künstlerische Freiheit auf Spare Parts in der Reduktion auf das Wesentliche. Zeichneten sich Kokots Songs früher durch recht aufwendige Arrangements aus, so haben My Sister Grenadine jetzt allen unnötigen Ballast abgeworfen und spielen mit Violine, Trompete, Singender Säge, Percussion, Klavier, Glockenspiel, Keyboard, Melodica, Schreibmaschine und sogar einer Plastiktüte als Rhythmusinstrument feinsinnige Songs voller verschnörkelter, kleiner Geschichten. Mit Zeichnungen puppenhafter Figurenersatzteile sind Cover und Textheft des Albums übersät. Trotzdem machen die Songs nicht den Eindruck, als wären sie Einzelteile ohne Zusammenhang – auch wenn die zwischen zwei und dreieinhalb Minuten langen Stücke griffig sind und ein jedes, ohne Zweifel, ganz gut für sich stehen kann. Kinderzimmer-Kammerpop, doch ist hier auch nicht immer alles nur gefällig und niedlich, sondern gerne auch mal schief und kratzig, was zum dauerhaften Reiz des Albums beiträgt.

Michael Freerix

 

MY SISTER GRENADINE  – Spare Parts


SLEEPWALKER’S STATION
... As The Tides Are Turning Again

(Timezone TZ905, go! www.myspace.com/sleepwalkerstation )
14 Stücke, 58:14, mit engl. Texten

Schlafwandler, wie schon im Bandnamen angedeutet, passt. Zum einen wirkt die Musik im positiven Sinne wie ein erfrischendes Mittagsschläfchen, zum anderen könnte der Schlafwandler auch auf die traumwandlerische Sicherheit in puncto Zusammenspiel, Arrangement und Klang weisen. Das Album webt einen ruhigen elegischen Grundton aus akustischer Gitarre, Piano und Kontrabass, dazu gesellen sich konturierend ein Cello, und, wenn es mal etwas lauter zur Sache geht, Schlagzeug, E-Gitarre und Orgel. Mandoline, Duduk, Akkordeon, Oboe, Mundharmonika und Sitar setzen dicke Farbtupfer und sorgen dafür, dass … As The Tides Are Turning Again nicht in Lässigkeit verebbt, sondern durchgehend spannend bleibt. Bei den Stücken handelt es sich mehrheitlich um Americana, mit einer Prise West Coast, und wer möchte, kann auch die Kings of Convenience, Jack Johnson oder Nick Drake darin finden. Außer Sänger und Gitarrist Daniel Del Valle tauchen die am Album beteiligten Musiker italienischer, deutscher, kanadischer und spanischer Herkunft interessanterweise nicht auf – Sleepwalker’s Station sind wohl eher Projekt als Band. Man darf gespannt sein, wie die Stücke in der abgespeckten Quartettvariante klingen.

Dirk Trageser

 

SLEEPWALKER’S STATION – ... As The Tides Are Turning Again


THE SYCAMOORE TREE
Nautilus

(Silbenstreif/Periplaneta/Altone Distribution ALT-134, go! www.thesycamoretree.de )
13 Tracks, 41:02

Das Berliner Projekt The Sycamoore Tree erinnert an die englischen Folksongs der frühen Neunzigerjahre. Ein gemeinsames, übergreifendes Thema wird mit großem Enthusiasmus, aber kleinem Budget beherzt eingespielt. Nautilus ist das zweite Album des Trios und – man erkennt es bereits am Namen – handelt vom Meer, mit Ungeheuern und anderem Seeräuberlatein, von Fernweh, Möwen, rauschenden Wellen und Wind in den Segeln. Das Ergebnis klingt liebevoll, ein bisschen naiv, aber bezaubernd. Da werden Instrumente wie Cajon, Nasenflöte oder Ukulele zur Selbstverständlichkeit – neben, natürlich obligatorisch, Geige und Gitarre. Die Lieder sind leicht und verspielt, selbst das Rocken erfolgt mit beschwingtem Barfuß. Die Musiker fühlen sich sicher wohl in Fußgängerzonen, auf alternativen Festen und Wohnprojekten und wählen vermutlich nicht erzkonservativ. Man möchte sie zum Kindergeburtstag von Erwachsenen einladen. Auf Wunsch gibt es für Hörer, denen die Bilder im Kopf nicht genügen, als visuelle Entsprechung von Künstlerseite gegen ein kleines Zubrot noch ein reich bebildertes Buch des Malers Holger Much zum Album – inklusive CD. Nautilus ist ein Werk, das man wie einen Piratenschatz hütet.

Chris Elstrodt

 

THE SYCAMOORE TREE – Nautilus


MAIKE ROSA VOGEL
Fünf Minuten

(Our Choice OC2012-2/Rough Trade, go! www.maikerosavogel.com )
13 Tracks, 41:46, mit dt. Texten u. Infos

Die Berlinerin aus Frankfurt/Main hat ihren Entwurf zur Reife gebracht. Vom avantgardistisch-sperrigen Lo-Fi-Elektropop, der 2008 einen Teil ihres Debüts Golden ausmachte, hatte sie sich schon beim Zweitling Unvollkommen (2011) verabschiedet, das Element-of-Crime-Kopf Sven Regener deutlich handgemachter produzierte. Wieder unter dessen Regie ist Maike Rosa Vogel mit Fünf Minuten musikalisch nun noch einen Schritt weiter zurückgetreten bis auf ein im Wesentlichen mit der eigenen akustischen Gitarre begleitetes Singer/Songwriter-Erzählen mit einzelnen, präzise gesetzten Bläser- und Hammond-Tupfern Regeners und seines Spezis Leander Haußmann, dazu Percussion. Das Reden, Reden, Reden ohne Punkt und Komma aus dem Alltag und den Befindlichkeiten eines Zöglings aus linkem Hause ist vom Wesen her nicht anders als schon bei Golden – aber das Schrammeln ohne jede Ambition darüber hinaus bekommt ihm viel besser als Getrickse mit der Konsole. Nun ist das Modell stimmig und hat eine Kraft, mit der es wie in „Weizenfelder“ auch einmal richtig ins Rotieren geraten kann: Lust und Leidenschaft, die offenbar keine Erfüllung finden können, aber doch nicht aufgeben. Zu viel Energie – das Konzept trägt.

Christian Beck

 

MAIKE ROSA VOGEL – Fünf Minuten


GÖTZ WIDMANN
Live

(Ahuga! 4 042564 140965/Alive AG, go! www.goetzwidmann.de )
Do-CD, 28 Tracks, 118:11

Götz Widmann gibt den Che Guevara unter den deutschsprachigen Liedermachern, zumindest wenn man der Grafik auf dem Cover glauben soll, auf der er ins berühmte Ikonenbild montiert ist. Aber man darf das ja bei ihm auch alles nicht so ernst nehmen. Der Schwerenöter an der Gitarre, der egoistische Idealist, der sensible Chauvi singt gerne über Alk und Shit, Liebe und Sex, ferne romantische oder wilde Paradiese im Süden und Produkte mit einem angebissenen Apfel drauf. Seit zwanzig Jahren ist er jetzt im Geschäft, mit Martin „Kleinti“ Simon bildete er bis zu dessen Tod 2000 das Duo Joint Venture, seitdem arbeitet er solo. Und wiewohl er älter und natürlich privat auch ruhiger geworden ist, stehen die eher wilden, alten Songs im Mittelpunkt des Konzerts im Berliner Klub SO36. Seine rockigen Lieder erreichen ihre authentische Wirkung nicht zuletzt durch kleine Unebenheiten in der Form und ihren Humor, ihre unernste Brechung. So lässt sich denn beklagen, dass es kein gutes deutsches Wort für Penis gibt, die Haschischlegalisierung als Steuereinnahmequelle fordern und ein Lied ohne „a“ singen, weil ein verschüttetes Bier diesen Buchstaben auf dem Laptop getillt hat.

Rainer Katlewski

 

GÖTZ WIDMANN  – Live

Update vom
30.06.2013
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