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Auswahl:
Diverse - "Barcelona Zona Bastarda" |
Die Wellen des Mittelmeers schlagen gegen die Hafenpontons. Am Ende
der Ramblas, Barcelonas Prachtboulevard, erhebt sich die mächtige
Statue von Christoph Kolumbus. Sein ausgestreckter
Arm, behaupten böse Zungen, weise fälschlicherweise nach Asien,
nicht nach Amerika. Doch schon der große Entdecker selbst hatte ja
bekanntlich seine Probleme damit, die beiden Erdteile auseinander zu halten.
Der Genueser ging hier von Bord, als er von seiner Reise in die große
weite Welt zurückkehrte - begleitet von einem farbenprächtigen
Zug aus Indianern. Heute, über 510 Jahre später, kehrt die große
weite Welt erneut nach Barcelona zurück - in Form ausgesprochen bunter
Musik.
Von Frank Schuster
Die Hauptstadt Kataloniens ist ein Schmelztiegel. Für Einwanderer aus Afrika ist sie das Tor zu Europa; für Lateinamerikaner ist Spanien, besonders Barcelona, ohnehin der erste Anlaufpunkt - wegen der Sprache und des Klimas. Viele Immigranten, wenn sie auch ursprünglich woanders hinwollten, bleiben hier in der Mittelmeermetropole einfach hängen. Denn "Barna", wie die Einheimischen ihre Stadt liebevoll nennen, bietet ein ganz besonderes Flair. Das haben auch Künstler aus aller Welt erkannt und zu schätzen gelernt - und die Stadt zu ihrer Wahlheimat erkoren. Nicht zuletzt deshalb, weil man hier, abseits der Nobelviertel und Touristenboulevards, vergleichsweise billig leben kann - in den alternativ geprägten Stadtteilen Barrio Chino oder Barrio Gótico und ihren vor Leben sprühenden Bar-Dschungeln.
Anders als Madrid oder Paris mit ihren durchorganisierten Szenen, in denen
die großen Konzerne ihre Musiker herumreichen, zeichnet Barcelona noch
etwas Unverbrauchtes
und
Authentisches aus, so dass sich hier in den letzten Jahren eine unabhängige
Weltmusik-Szene herausbilden konnte. "Música Mestiza" nennt sich das
Ding der Stunde - eine heiße Mixtur aus verschiedenen Stilen: katalanischer
Rumba und lateinamerikanischem Salsa, andalusischem Flamenco und
nordafrikanischem Rai, brasilianischem Bossanova und jamaikanischem Reggae
- aber auch HipHop und elektronische Klänge schleichen sich ein.
Música Mestiza ist immer eines: trotz aller folkloristischen Elemente
niemals altbacken, sondern immer hip und modern.
Barcelona war schon immer von einem Nebeneinander verschiedener Kulturen
bestimmt. Das liegt schon allein in der bewegten Geschichte begründet:
Karthager, Römer, Westgoten, Mauren und Franken eroberten den wichtigen
Hafenpunkt. In jüngerer Zeit war die Stadt von den Franzosen
besetzt
(1808-14). Trotz der kontinuierlichen politischen Fremdbestimmtheit haben
die Einwohner niemals ihren mediterranen Freiheitsdrang verloren. 1909 wurde
Barcelona Schauplatz eines sozialistisch-anarchistischen Aufstands. Im Spanischen
Bürgerkrieg (1936-39) stand sie als Hauptstadt des damals autonomen
Kataloniens auf Seiten der Republik. Heute ist Barcelona Spaniens
zweitgrößte Stadt und größtes Wirtschaftszentrum. Die
Blütezeit der Metropole aber fällt in das Ende des 19. und den
Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Reichtum der schon damals bedeutendsten
iberischen Industriestadt drückt sich auch in den bizarren Bauten des
Architekten Antonio Gaudí aus, die hier überall anzutreffen sind.
Eine eigenwilligere Jugendstilarchitektur hat keine andere Stadt der Welt
zu bieten. Barceloneser sind eben kauzig - und drücken dies gerne in
ihren Kunstwerken aus. 2001 bewarb sich die Stadt als Kulturhauptstadt Europas.
Die EU-Kultusminister entschieden sich jedoch - zur tiefen Enttäuschung
der Katalanen - für Rotterdam und Porto.
Einer der zahlreichen Musiker aus dem Ausland, die ihre Wahlheimat in Barna
bezogen, ist der Weltenbummler Manu Chao. Vor seinem Sprung nach Lateinamerika
machte der Franzose hier Zwischenstation, ist aber der hiesigen
Künstlerszene weiterhin verbunden als gern gesehener Gastmusiker und
Gelegenheits-Produzent. Mit seiner Ex-Band Mano Negra hatte er der katalanischen
Stadt bereits 1992 ein musikalisches Denkmal gesetzt -
mit
dem Song "Indios de Barcelona".
Früh hatte Chao die Vorzüge der Stadt gegenüber der französischen Metropole erkannt. "Paris wurde ihm zu groß und hochnäsig", berichtet Wagner Pá, ein Freund des rastlosen "King of the Bongo". Chao wirkte an der Produktion von Pás Album "Brazuca Matraca" mit, das 2002 einen Quartalspreis der deutschen Schallplattenkritik einheimste. Barnas Musikszene ist ohne den Impresario, DJ, Gitarristen und Sänger Wagner Pá kaum denkbar. Der gebürtige Brasilianer mit den rotblond gefärbten Rastalocken lebt seit mehr als 15 Jahren hier. Als Diplomatensohn kam er im Alter von 16 Jahren hierher. Ein für die musikalische Entwicklung der Stadt wichtiger Schritt war die Gründung des Club Mestizo, an der Wagner Pá beteiligt war. Der Club war aus einem Treffpunkt für Hispano-Senegalesen erwachsen und entwickelte sich schnell zu einer Begegnungsstätte für afrikanische, lateinamerikanische und spanische Musiker und bot somit den optimalen Nährboden für multi-ethnische Bands wie Dusminguet oder Macaco.
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