backMúsica Mestiza und Szene Barcelona

Die Stadtindianer von Barna

Heißer Geheimtipp in Sachen Weltmusik - nicht nur wegen Manu Chao

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Discographie
Auswahl:

Diverse - "Barcelona Zona Bastarda"
  (Doppel-CD, Exil, 2003)
Wagner Pá - "Brazuca Matraca" (Exil, 2002)
Wagner Pá - "El imparable transeúnte" (Exil, 2003)
Dusminguet - "Go" (EMI/Virgin, 2003)
Macaco - "Rumbo Submarino" (Edel, 2002)
Ojos de Brujo - "Vengue" (Edel, 2000)
Ojos de Brujo - "Bari" (La Fábrica Colores, 2002)

Die Wellen des Mittelmeers schlagen gegen die Hafenpontons. Am Ende der Ramblas, Barcelonas Prachtboulevard, erhebt sich die mächtige Wagner PáStatue von Christoph Kolumbus. Sein ausgestreckter Arm, behaupten böse Zungen, weise fälschlicherweise nach Asien, nicht nach Amerika. Doch schon der große Entdecker selbst hatte ja bekanntlich seine Probleme damit, die beiden Erdteile auseinander zu halten. Der Genueser ging hier von Bord, als er von seiner Reise in die große weite Welt zurückkehrte - begleitet von einem farbenprächtigen Zug aus Indianern. Heute, über 510 Jahre später, kehrt die große weite Welt erneut nach Barcelona zurück - in Form ausgesprochen bunter Musik.

Von Frank Schuster

Die Hauptstadt Kataloniens ist ein Schmelztiegel. Für Einwanderer aus Afrika ist sie das Tor zu Europa; für Lateinamerikaner ist Spanien, besonders Barcelona, ohnehin der erste Anlaufpunkt - wegen der Sprache und des Klimas. Viele Immigranten, wenn sie auch ursprünglich woanders hinwollten, bleiben hier in der Mittelmeermetropole einfach hängen. Denn "Barna", wie die Einheimischen ihre Stadt liebevoll nennen, bietet ein ganz besonderes Flair. Das haben auch Künstler aus aller Welt erkannt und zu schätzen gelernt - und die Stadt zu ihrer Wahlheimat erkoren. Nicht zuletzt deshalb, weil man hier, abseits der Nobelviertel und Touristenboulevards, vergleichsweise billig leben kann - in den alternativ geprägten Stadtteilen Barrio Chino oder Barrio Gótico und ihren vor Leben sprühenden Bar-Dschungeln.

Anders als Madrid oder Paris mit ihren durchorganisierten Szenen, in denen die großen Konzerne ihre Musiker herumreichen, zeichnet Barcelona noch etwas Unverbrauchtes Dusminguetund Authentisches aus, so dass sich hier in den letzten Jahren eine unabhängige Weltmusik-Szene herausbilden konnte. "Música Mestiza" nennt sich das Ding der Stunde - eine heiße Mixtur aus verschiedenen Stilen: katalanischer Rumba und lateinamerikanischem Salsa, andalusischem Flamenco und nordafrikanischem Rai, brasilianischem Bossanova und jamaikanischem Reggae - aber auch HipHop und elektronische Klänge schleichen sich ein. Música Mestiza ist immer eines: trotz aller folkloristischen Elemente niemals altbacken, sondern immer hip und modern.

Bewegte Stadtgeschichte

Barcelona war schon immer von einem Nebeneinander verschiedener Kulturen bestimmt. Das liegt schon allein in der bewegten Geschichte begründet: Karthager, Römer, Westgoten, Mauren und Franken eroberten den wichtigen Hafenpunkt. In jüngerer Zeit war die Stadt von den Franzosen Macacobesetzt (1808-14). Trotz der kontinuierlichen politischen Fremdbestimmtheit haben die Einwohner niemals ihren mediterranen Freiheitsdrang verloren. 1909 wurde Barcelona Schauplatz eines sozialistisch-anarchistischen Aufstands. Im Spanischen Bürgerkrieg (1936-39) stand sie als Hauptstadt des damals autonomen Kataloniens auf Seiten der Republik. Heute ist Barcelona Spaniens zweitgrößte Stadt und größtes Wirtschaftszentrum. Die Blütezeit der Metropole aber fällt in das Ende des 19. und den Anfang des 20. Jahrhunderts. Der Reichtum der schon damals bedeutendsten iberischen Industriestadt drückt sich auch in den bizarren Bauten des Architekten Antonio Gaudí aus, die hier überall anzutreffen sind. Eine eigenwilligere Jugendstilarchitektur hat keine andere Stadt der Welt zu bieten. Barceloneser sind eben kauzig - und drücken dies gerne in ihren Kunstwerken aus. 2001 bewarb sich die Stadt als Kulturhauptstadt Europas. Die EU-Kultusminister entschieden sich jedoch - zur tiefen Enttäuschung der Katalanen - für Rotterdam und Porto.

Club Mestizo

Einer der zahlreichen Musiker aus dem Ausland, die ihre Wahlheimat in Barna bezogen, ist der Weltenbummler Manu Chao. Vor seinem Sprung nach Lateinamerika machte der Franzose hier Zwischenstation, ist aber der hiesigen Künstlerszene weiterhin verbunden als gern gesehener Gastmusiker und Gelegenheits-Produzent. Mit seiner Ex-Band Mano Negra hatte er der katalanischen Stadt bereits 1992 ein musikalisches Denkmal gesetzt - Ojos de Brujomit dem Song "Indios de Barcelona".

Früh hatte Chao die Vorzüge der Stadt gegenüber der französischen Metropole erkannt. "Paris wurde ihm zu groß und hochnäsig", berichtet Wagner Pá, ein Freund des rastlosen "King of the Bongo". Chao wirkte an der Produktion von Pás Album "Brazuca Matraca" mit, das 2002 einen Quartalspreis der deutschen Schallplattenkritik einheimste. Barnas Musikszene ist ohne den Impresario, DJ, Gitarristen und Sänger Wagner Pá kaum denkbar. Der gebürtige Brasilianer mit den rotblond gefärbten Rastalocken lebt seit mehr als 15 Jahren hier. Als Diplomatensohn kam er im Alter von 16 Jahren hierher. Ein für die musikalische Entwicklung der Stadt wichtiger Schritt war die Gründung des Club Mestizo, an der Wagner Pá beteiligt war. Der Club war aus einem Treffpunkt für Hispano-Senegalesen erwachsen und entwickelte sich schnell zu einer Begegnungsstätte für afrikanische, lateinamerikanische und spanische Musiker und bot somit den optimalen Nährboden für multi-ethnische Bands wie Dusminguet oder Macaco.


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im Folker! 1/2004