backErinnerungen an die Exiles

Enoch Kent

Neue CDs, aber keine Tourpläne für Deutschland

go! www.enochkent.ca

Second Avenue Records
12 Aldergrove Ave.
Toronto, Ont.
Canada, M4C 1B2

Discographie

"I'm a Workin' Chap"
  (Second Avenue Records, 2003)
"Love, Lost und Loathing"
  (Second Avenue Records, 2003)

Wenn der Name Exiles fällt, werden Erinnerungen wach an eine Zeit, die endlos lange zurückzuliegen scheint - nicht nur, weil dreißig Jahre vergangen sind, seit die Gruppe sich aufgelöst hat, sondern auch, weil die damaligen Zustände noch viel länger her zu sein scheinen. Für die Nachgeborenen: Es gab ganz wenig irische und schottische Musik auf Tonträgern, (dass kaum ein Laden hierzulande diese verkaufte, kam noch dazu), aber die Exiles zeigten uns, dass es neben dem vom Folkrevival der USA beeinflussten Stil der Dubliners und dem eher der Klassik verpflichteten, wie Seán Ó Riada, Éamonn de Buitléir oder die frühen Chieftains ihn vertraten, noch etwas anderes gab, Gesang und Instrumentierung eben, die sehr dicht an den Quellen und überlieferten Traditionen lagen.

Von Gabriele Haefs

Erinnerungen an die Exiles werden gerade jetzt wach, weil einer der drei Haupt-Exiles, Enoch Kent, nach dreißigjährigem Schweigen gleich zwei CDs eingespielt hat, die zeigen, dass er wahrlich nichts Enoch Kentvon seinem Können eingebüßt hat und auch ohne seine beiden Kollegen bestehen kann (was er nicht so ganz wahrhaben will, wie wir noch sehen werden). Die anderen Bandmitglieder waren Gordon McCulloch (Bruder der Clutha-Sängerin Gordeanna McCulloch und von Dick Gaughan unermüdlich als sein großes Vorbild bezeichnet) und der 1997 verstorbene Bobby Campbell. Sie nannten sich Exiles, weil das Schicksal die drei Schotten ins Londoner Exil verschlagen hatte, und dort fanden sie für ihre LPs Unterstützung durch hochkarätige irische Exilanten: Tim Lyons (nach einem kurzen Gastspiel bei De Danaann, 1978, vor allem solo und heute bisweilen in den Kneipen Galways zu hören) und Paul Lenihan, über dessen späteren Lebensweg nichts bekannt ist (aber der heutzutage hochgelobte irische Sänger Tomás Lynch hat Lenihans großartiges Lied "We're Only Over Here For Exploration" im Repertoire, wenn auch mit leichten textlichen Veränderungen, die für Aktualität sorgen sollen, aber einfach nicht richtig hinhauen). Immerhin können Lenihan-Fans sich damit trösten, dass Enoch Kent auf einer der neuen CDs noch ein Stück bringt, das er von ihm gelernt hat.

"The sang's the thing."

Enoch Kent, der sich 1973 in ein noch weiter von Schottland entfernt gelegenes Exil begab, nach Kanada, ist ein schottischer Folksänger der allerersten Stunde: Er war Mitglied der Reivers - zusammen mit Josh Macrae, Moyna Flanagan und Rena Swankie, der Musikforscher Norman Buchan fungierte als unbezahlter Manager - , die um die Mitte der 50er Jahre das schottische Folkrevival "lostraten". Doch während die anderen in Schottland blieben, verschlug das Schicksal den jungen Herrn Kent also nach London und in Ewan McColls Critics Group. Bei einem Konzert in Birmingham im Rahmen der Anti-Atomwaffenkampagne der frühen 60er Jahre lief ihm Ex-Ian Campbell Folkgroup-Mitglied Gordon McCulloch über den Weg, der nun wiederum den Geiger Bobby Campbell kannte - und alle drei fanden, die Welt brauche eine kleinere und damit mobilere und vielseitiger einsetzbare Band als die Critics Group. Enoch Kent ist absolut überzeugt davon, dass Gordon McCulloch das Genie in der Gruppe war: "Wenn mir heute Musiker erzählen, welchen Einfluss die Exiles auf ihre Musik ausgeübt haben, dann glaube ich, dass das ohne Gordon McCulloch nicht passiert wäre." Was überzeugend klingt. Doch auch die Zeit bei den Reivers hat einwandfrei ihre Spuren hinterlassen. Auf einer der beiden neuen CDs gibt es eine Version von "The Collier Laddie", mit dermaßen Josh-Macrae-inspiriertem Gitarren-Intro, dass es auch beim soundsovielten Hören immer wieder überrascht, danach eine ganz andere Stimme zu hören. Enoch Kent hält sich bedeckt, was weitere Einflüsse angeht: "Ich könnte einige Sänger nennen, die mich beeinflusst haben, aber das wäre einigen berühmten und einigen weniger berühmten Leuten gegenüber unfair." Und außerdem sei das Lied wichtiger als der Sänger, fügt er hinzu, nach der schottischen Devise: "The sang's the thing."


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im Folker! 1/2004