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(Auswahl)
(mit Bhattacharya) |
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Bob Brozman, René Lacaille & Band unterwegs:
24.10.03 NL-Groningen, De Oosterport |
Klein, hager, bärtig, Brille der Mann sieht aus wie ein Physiklehrer. Ein Fach, das ihn durchaus interessiert, und Lehrer ist er tatsächlich. Doch das Bild eines drögen Verkünders von Gravitationskonstante oder Hydrostatik will sich nicht einstellen. Da funkelt etwas über Brozmans Brillenrand, das in den Tiefen eines durchtrainierten Gehirns seinen Ursprung hat, eine irritierende Mischung aus Selbstbewusstsein, Offenheit und Wissensdrang auf der einen Seite, und auf der anderen die Lust, mit einem guten Kumpel ein großes Bier zu trinken, unkorrekte Witze auszutauschen und die Kellnerin zu bewundern. Ausgleichssport. Kennt man von Physiklehrern. Aber der hier ist irgendwie anders.
Von Luigi Lauer
Es kommt öfter vor, dass Menschen, die mehr oder weniger in der
Öffentlichkeit stehen, zwischen zwei Programmen hin und her schalten:
dem privaten Programm und dem öffentlich-rechtlichen, sozusagen.
Bob
Brozman beherrscht diese Technik meisterlich, ein Fuchs. Beim Essen auf der
Hotelterrasse findet man sich noch vor der Bestellung mitten im politischen
Gespräch, mit Friedman'scher Schärfe und Nachdrücklichkeit
geführt, freilich penetranz-, berührungs- und sehr wahrscheinlich
drogenfrei, es fliegen Anekdoten und deftige Stellungnahmen durch die Luft,
und auch Brozmans kabarettistisches Talent ist bemerkenswert. Am Tisch sitzt
ein lebenserfahrener und hellwacher und gewitzter Amerikaner, der nicht viel
auf seine Heimat gibt und gute Gründe dafür anführt, aufgelockert
und illustriert mit dem, was er selbst erlebt, gehört, herausgefunden,
nachgedacht hat. Kein Blatt vor dem Mund. Das ändert sich schlagartig,
als das Mikrophon herausgeholt wird Brozman schaltet sofort um zu
Plan B. Die Substanz seiner Aussagen verringert das nicht, aber ihre Schlagkraft,
ihre Spontaneität, den Mut zur Frechheit. Dr. Jekyll und Mister Hyde
an einem Tisch das hat nicht mal Robert Louis Stevenson hinbekommen.
Brozman ist Musiker, ist Ethnologe, ist Musikethnologe; die damit verbundene
Einladung, Theorie und Praxis zu verbinden, nutzt er so konsequent wie kaum
jemand sonst. Sein Arbeitsplatz heißt Erde, kleiner macht er es nicht.
Das ist die schöne Seite von Globalisierung, sie erleichtert zu vergleichen,
was wo anders ist und was überall gleich. Der Mann aus New York ist
Autor und Autorität in Sachen National Reso-Phonic Guitars, ist ein
begnadeter Slide-Guitar-Spieler, kennt die Geschichte der Hawaii-Gitarre
und ihrer Spieler, er ist Honorarprofessor in Sydney, gibt Konzerte und Workshops
in aller Welt, und wo er gerade ist, nimmt er dann und wann auch gleich ein
Album mit den interessantesten Musikern vor Ort auf. Mit Takashi Hirayasu
aus Okinawa hat er das getan, mit René Lacaille aus Reunion, mit Djeli
Moussa Diawara aus Guinea, und jetzt auch mit Debashish Bhattacharya aus
Indien. Das babylonische Gewirr hat Brozman auf seine Art gelöst, ein
halbes Dutzend Sprachen hat er drauf, und nützliche Floskeln oder
Höflichkeiten in 15 weiteren. Nötig seien aber selbst die nicht,
sagt Brozman: Alleine in Afrika gibt es so viele Sprachen da
verlasse ich mich lieber auf das
Gesicht meines Gegenübers, es lesen zu können
ist sehr wichtig geworden für mich. Ich betreibe physische Anthropologie,
indem ich in die Augen schaue, den Pupillendurchmesser taxiere, die Atmung,
die Bewegungen der Muskeln und Arme beobachte, wenn sie spielen ich
schaue mir sozusagen die biologische Uhr an. Was meine Philosophie in erster
Linie ausmacht, ist, dass ich ein totaler Anti-Imperialist bin. Mein Ziel
ist, Musiker nicht nur auf halbem Wege zu treffen, sondern so nah an ihnen
zu sein wie möglich; mindestens drei Viertel des Weges gehe ich auf
sie zu. Und ich will lernen. Ich teile alles, mit wem auch immer ich zusammen
arbeite, wir essen zusammen, schlafen in derselben Unterkunft. Es gibt also
keine Einschüchterung, sondern wirkliche Freundschaft. Das mag simpel
klingen, aber die Kunst besteht darin, Aufmerksamkeit aufzubauen gegenüber
dem, was Musik ist, was in ihr passiert, was mein Gegenüber macht.
Zuhören und aufmerksam sein das dient der Freundschaft, und damit
der Musik.
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