backFerner liefen...

Soviel hat sich rumgesprochen: Hitler war pop. Seinerzeit, versteht sich, mutatis mutandis vorausgesetzt und immer mit Ambivalenz zu genießen. Der war ja nicht bloß eine One-man-band, sondern bespielte für sich ein ganzes Nürnberger Bardenfestival. Und hatte dabei, wie sich das gehört, seinen eigenen, unverwechselbaren Sound. Ohne den wäre er kaum nach ganz oben gelangt in den Charts der Weimarer Republik. Das erschöpfte sich keineswegs im lautstarken Wüten, Toben, Grollen. Hier irrt selbst Tucho, in seinem hübschen Gedicht mit dem Borvaselinchen in Hitlers Munde („dieweil der Junge alle Welt befehdet / hat er sich nämlich einen Wolf geredet“).

Eine Zeitlang verdiente ich meine Brötchen als Regieassistent beim Radio. Da hatte ein besonders schlauer Autor folgende Schulfunkszene geschrieben: Teenager erfährt in der Schule, was in der NS-Zeit los war, und empört sich beim Frühstück gegen seine Eltern: „Wieso habt Ihr den gewählt? Man muss doch nur hören, wie die Typen reden...“ Zurück ins Studio, wo der Regisseur seinen eilfertigen Hilfszwerg anwies: Holste mal 'ne richtig schön geifernde Hitler-Wahlrede aus dem Archiv, woll, aber vor '33, die schneiden wir dann an der Stelle 'rein („knallhart schneiden und dann ganz weich ausblenden“, flachste man damals mit Untergebenen, das Pendant zu den Gumminägeln in der metallverarbeitenden Industrie).

Pech gehabt – die Szene musste umgeschrieben werden. Das einzig verfügbare Tondokument war eine Rundfunkrede aus dem Reichstagswahlkampf Sommer 1932. Liegt heut ja alles auf CD vor, im diskreten Versandhandel (oder gar schon als MP3 per Internet?) zu bestellen. Nix mit: hätt' man bloß die Ohren aufgesperrt, dann wär alles anders und Hitler gar nicht an die Macht gekommen. Denn das schimpft und droht und wettert mitnichten („...ond dann wärd Bombä mit Bombä vergollten“), der Kandidat schmeichelt und schnurrt vielmehr zutraulich-volkstümelnd, jung und humorig, richtig, oder, wie man heute sagt: echt nett, mit herzig alpin-goiserndem Zungenschlag.

Und inhaltlich? Da malt der Unvermeidliche den Sozialismus als ebenso unvermeidlich an die Wand, der allerdings erst „national“ zugeschnitten werden müsse, schließlich passt ein und derselbe Deckel nicht auf jeden Topf, und fährt geradezu rotgrüngelbschwarz-ökomäßig fort, der Mittelstand müsse endlich gestärkt, das Großkapital entmachtet werden, was denn sonst bei der Arbeitslosigkeit, dem Waldsterben wird er Einhalt gebieten, den Frieden bewahren. Kurz, sieht man von winzigen Ausrutschern ins heute eher exotisch anmutende Blut-und-Boden-Vokabular ab, so einen scharmanten Lausbauernbub würd' man noch heute richtig wählbar finden....

Serdar Somuncu hat das begriffen, mit seiner Mein-Kampf-Lesung und dem neuen Goebbels-Programm, indem er den unheiligen faschistischen Urtext Satz für Satz zerlegt und methodisch ernst nimmt, um die ganze Nichtigkeit und Dämlichkeit des verbotenen Bestsellers zu erweisen. Damit wird zwar die hypnotisierte Anhängerschaft des Idiotentums überführt, doch ist in puncto Führerkult nicht viel gewonnen. Als stilsicherer Schreiberling ist A. H. schließlich nicht angetreten, und verhindert hätte ihn Somuncus Programm, 1932 vorgetragen, ebensowenig wie das Heer übellauniger Kabarettisten mit ihren „Anstreicher“- und „Adoof“-Witzen und Schaum vor dem Mund. Es war die Stimme, gegen die keiner aufkam. Ein wenig vom schneidigen Preußenton war dabei, eine Prise k.-u.-k.-Charme, ein Schwiegersohn, wie er im Buche steht (Hitler war nach Theweleit keine Vaterfigur), am wichtigsten aber, wie Wolfgang Neuss durch jahrelange Drogenexperimente herausfand, die paranoisch-militante Sprechhaltung des notorischen Koksers: „Immer mit abgefahrener Stimme, immer in innerer Alarmbereitschaft... Ektase! Faschismus! Energie!“

Nach dem Krieg trat dann, mit der müden Süße einer Trümmerblüte, der kryptisch verklausulierende Adenauer vor die Mikros, immerzu Dunkles von seinen „Freunden“ leiernd, mit denen er „weitreichende Einigkeit“ erzielt habe... Die deutsche Bühnen- und Hochsprache nach Schwäbisch-Siems hatte ausgedient. Spielend gewann der Rhöndorfer Leiermann die Wahlen gegen seinen immer noch das Gaumen-R rrrrollenden Angstgegner Schumacher. Damals produzierte der unvergessene Karl-Heinz Wocker die instruktive Langspielplatte Lernt Rheinisch mit dem Bundeskanzler („dat isene Jeheijmsproch“).

Heutzutage, in der Brandt-Ära der Imitatoren (Elmar Brandt ist gemeint, nicht Willy), sollt's mich wundern, wenn Bundeskanzler und -lerinnen nicht bald das neugeschaffene Copyright für ihre Stimmbänder geltend machten. Leistungsschutz, Tantiemen, Prozente, Zahlemann und Söhne, sonst kein Bühnenauftritt, keine CD, kein Prix d'Eurovision de la Chanson (das Verwertungsrecht für Mein Kampf gehört übrigens bis 2015 dem Freistaat Bayern). Schließlich sind auch Politiker-Images das Endergebnis kreativer Profilierungsarbeit, auch an der Taille, siehe Joschka Fischers langen Lauf zu sich selbst. Das wusste bereits Theodor Heuss, dieses schwäbische Urviech mit der „Prachtstimme, die nur durch jahrezehntelangen Genuss schwerster Zigarren erzielt wird“ (Arno Schmidt, der seinerseits altmodisch-militant-abgefahren schnarrte und, wie Tondokumente bezeugen, bei der Aufnahme von Vorläufigem zu Zettels Traum sein Ehgespons mit „lass das jetzt, Alice“ rüde aus dem Studio scheuchte). – Und das soll jeder Bauchredner gratis nachbasteln dürfen?

Und wenn nun das große und das kleine Stimm-Recht kommt: Was wird dann aus den Parodisten, die sich jahrzehntelang von Kohl und Strauß ernährt haben? Da heißt's blechen oder sich allenfalls rückwärts orientieren. Gegen Reprints rechtsfreier Reden ist kein Kraut gewachsen, sofern sie nicht ungehört verhallen. Nach Ablauf der Schutzfrist von 70 Jahren käme erstmal Röhm an die Reihe. Hitler und Goebbels noch langelange nicht, dann sehr viel später erst Lübke mit seinen präsidialen Vergessern und Versprechern, der Spitzbart drüben, und Erich Honecker, Gewitterziege with shivering lips, und dann tasten wir uns ganz langsam wieder vor zu Kohl und Schröder, denen womöglich zum Leidwesen des Kabaretts ein nichtendenwollendes Greisenalter beschieden ist...

Nikolaus Gatter
go! www.lesefrucht.de


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