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Im Film Wag The Dog von Barry Levinson führen die USA einen nur in der Propaganda existierenden Krieg, weil gerade Wahlkampf ist und ein Sieg gegen das Böse gut ins Konzept passt. Verwundert nicht und klingt aktuell, oder? Besser aber noch: Die Wahl fällt auf Albanien, weil kaum ein Amerikaner eine Ahnung hat, wo das Land liegt. Verwundert noch weniger. Sogar ein Lied wird komponiert, um Zustimmung für den virtuellen Feldzug zu generieren. Texter Willie Nelson steht allerdings vor einem Problem: Nichts reimt sich auf Albanien. Außer Albanien. Auch musikalisch ist Albanien eine Primzahl, die sich nur durch die Summe ihrer Einflüsse teilen lässt. Türkische und griechische Musiken haben dort ebenso Spuren hinterlassen wie Pop aus Italien oder Mundgeblasenes vom Balkan. Und es gibt die ausgefeilte Kunst des polyphonen Gesangs. Eda Zari, offizielle Kulturbotschafterin Albaniens, setzt noch einen drauf, indem sie zusätzlich ihre klassisch geschulte Stimme und ihre Vorliebe für modernen Jazz einbringt. Das kann heiter werden? Genau. Denn gegen die traditionelle Schwermut Albaniens setzt Eda Zari überwiegend auf heiter-beschwingliche Töne, ohne Tiefgang vermissen zu lassen.
Von Luigi Lauer
Hätte
Karl May seinen Kara Ben Nemsi hundert Jahre später Durch das
Land der Skipetaren geschickt, ihm wären wohl zuerst die zahllosen
grauen Betonklötze aufgefallen, die sinnlos das ganze Land verschandeln:
Bunker. Die Paranoia des ehemaligen Máximo Líders
Enver Hoxha vor dem Gift des Kapitalismus gipfelte darin, ungefähr 700.000
Bunker bauen zu lassen für gut drei Millionen Albaner. Macht
etwa einen Bunker pro Haushalt. Das hat Spuren hinterlassen, in der Landschaft,
in der Mentalität. Besonders der Norden hat sich auf die Umsetzung der
Schwermut mit musikalischen Mitteln spezialisiert, während der Süden
mediterrane Leichtigkeit zu atmen versucht. Eda Zari ist in der Mitte zu
finden, geographisch und musikalisch, und sie hat die Bunker als Text- und
Bildmotiv für ihre jüngste Veröffentlichung aufgegriffen.
Der Beruf, den sie studiert hat, ist nicht jedermanns Sache: Lyrische
Koloratursopranistin steht in ihrem Examen. Das sind Opernsängerinnen,
die jeden Ton umzingeln, bevor sie ihn mit dem Vibrato erschlagen. Technisch
ist das eine Höchstleistung. Die Wirkung aber variiert, bei manchen
ruft sie Lenden sprengende Verzückung hervor, bei anderen den Wunsch,
sich einmal wie Hannibal Lecter benehmen zu dürfen.
Doch Eda Zari soll hier nicht als Sopranistin portraitiert werden, sondern als eine Sängerin, Arrangeurin und Komponistin, die sich ebenso für Jazz und Pop wie für die traditionelle Musik ihrer Heimat interessiert. Statement heißt ihre neue akustische Stellungnahme, ein atemraubendes Album, gleichermaßen reif und frisch, durch und durch gekonnt, geschickt arrangiert, hervorragend produziert, eine fein balancierte Mischung aus Jazz und Pop mit mehrstimmigem Gesang und heimatlichen Rhythmen. Zahlreiche traditionelle Instrumente ergänzen die handelsübliche Jazzbesetzung, und zur polyphonen Verstärkung ist die Familie Lela de Permet als Special Guest geladen. Das Album ist frei von kolorierenden Zusätzen. Nur einmal, in der Ode Prelude to Albanian Nature, zeigt sie, was sie als klassische Sängerin drauf hat. Und da sie die Koloraturen weglässt, möchte man auch davon glatt noch mehr. Die Frau ist, auch optisch, ein Hammer, und sie weiß es: ein Vorzeige-Exemplar ihrer Gattung, gerne distanziert, ein bisschen Prinzessin, aber ohne Erbsen. Die um ein Augenzwinkern gemilderte Unverschämtheit, den Perkussionisten Rhani Krija zu fragen, ob Eda im Proberaum zickig sei, stecken beide mit einem Lächeln weg: Nein, überhaupt nicht, im Gegenteil. Um ehrlich zu sein, ich war zuerst sehr skeptisch und hatte keinen Bock. Ich wusste nicht mal, wo Albanien liegt. Doch dann habe ich die Musik gehört und war begeistert. Eda hat mich ermutigt, mich selber einzubringen, meinen Stil, meine Identität und meine Erfahrungen einfließen zu lassen. Als Musiker bekommt man nicht so oft eine Gelegenheit, sich in einem völlig anderen Kulturkreis zu tummeln, und darum bin ich froh, dass ich es doch getan habe. Ich habe sehr viel gelernt dabei. Es kann sich nur um die Erweiterung eines ohnehin schon weit gefassten Horizontes gehandelt haben, denn der Marokkaner Krija war zuvor schon für Künstler und Gruppen wie Djamel Laroussi, die Schäl Sick Brass Band oder El Houssaine Kili tätig.
Sippenhaft
für Grenzverletzung
Eda Zari hat viel Glück gehabt, Glück im Unglück, denn ihre
Karriere war schon fast vorüber, ehe sie überhaupt begonnen hatte.
Gerade war das erste Semester an der Musikhochschule in Tirana geschafft,
als ihr ältester Bruder bei einem Zwischenfall an der Grenze erschossen
wird. Das Resultat: Sippenhaft. Das Regime ist erbarmungslos, schon für
das öffentliche Singen von Let It Be landet man,
Ob-la-di
Ob-la-da life goes on, im Knast. Nicht wenige hat das in den Selbstmord
getrieben. Eda Zari muss die Uni verlassen, in Albanien kann sie nichts mehr
werden; immerhin darf sie nach Deutschland, um an einem Klassik-Workshop
teilzunehmen. Sie landet 1989 in Düsseldorf, wo sich die damals
19-jährige mit Altbier, Pappnasen und der stadtüblichen Arroganz
arrangieren muss. Um das Studium zu beenden, fährt sie jeden Tag nach
Köln. Doch während sie eine entwickelte und gepflegte traditionelle
Musik vermisst, findet sie in beiden Städten etwas, das man in Albanien
vergeblich sucht: Jazzclubs. Und so reift nach und nach ein Interesse an
Jazz heran, das sich auf den ersten Blick so gar nicht mit ihren Engagements
in Opern-, Theater- und Musicalproduktionen vertragen will. Doch Eda Zari
will nicht verzichten und verknüpft ganz einfach die Eckpunkte ihrer
musikalischen Sozialisation. Ich habe gesungen, bevor ich sprechen
konnte!, bringt sie ihre Leidenschaft auf den Punkt. Ein
Passions-Früchtchen.
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