backSinnlich, hintersinnig und stimmig

„Mexican Divas“

Mexikanische Sängerinnen auf neuen Wegen

Information und Bestellung:

Opcion Sónica. Apdo. Postal 11-600
H. Condesa, Mexico, D.F.
Tel/Fax: +52 5-5 55 43 12 88
info@opcionsonica.com.mx
www.opcionsonica.com.mx

Discographie
(Auswahl):

„Mexican Divas“ Vol.1-3
  (Opción Sónica, 1998, 2000 und 2002)
Eugenia León: „La Tirana“
  (Sony Mexico, 1996)
Eugenia León: „Eugenia León interpreta a CriCri”
  (BMG Ariola, 1993)
Astrid Hadad: „Corazón Sangrante“
  (Eigenverlag)
Jaramar: „que nadie, nadie creerá en el incendio“
  (Opción Sónica, 2002)

Mexiko blickt auf eine lange Tradition von Sängerinnen zurück: die rauen Boleros der Toña la Negra, die mächtigen Rancheras von Lucha Reyes (1906-1944), das weltberühmte „Bésame mucho” von Consuelo Velázquez (1924) oder die herzzerreißende Art, mit der Chavela Vargas (1918) Liebe und Verrat besingt. Diese Liedtradition lebt weiter, doch ist eine neue Generation mexikanischer Sängerinnen flügge geworden. Selbstbewusst gehen sie an die Öffentlichkeit, schreiben ihre eigenen Lieder und beschreiten auch musikalisch neue Wege. Damit diese neuen Diven zumindest im eigenen Land Prophetinnen sein können, hat das mexikanische Label Opción Sónica beschlossen, die Compilation „Mexican Divas“ herauszugeben. Drei Alben wurden seit 1998 veröffentlicht. Dort vertreten sind Berühmtheiten wie Eugenia León, Lila Downs (deren erste Veröffentlichung bei diesem Label war), Jaramar und Astrid Hadad sowie eine Reihe junger Sängerinnen aller Genres, die es sich zum Ziel gesetzt haben, der mexikanischen Musik ihren eigenen Stempel aufzudrücken.

Von Angela Isphording

Mexican DivasAstrid Hadad: „Corazón Sangrante“Jaramar: „que nadie, nadie creerá en el incendio“

Die erste Hälfte des letzen Jahrhunderts zeichnete sich in Mexiko durch einen sehr strikten Verhaltenskodex und einen stark eingeschränkten Handlungsspielraum für Frauen aus. Entsprechend beschränkt war auch der künstlerische Spielraum der Diven der ersten Generation. Sie interpretierten Kompositionen männlicher Autoren und sangen von Liebe und Herzschmerz aus der Sicht mexikanischer Machos. Weiblicher Alltag kam in diesen Stücken selten vor, eine eigene Note gaben allein ihre Stimmen, aber nicht die musikalische Kreativität der Sängerinnen. Die neuen „Diven“ dagegen schaffen ihre eigene Welt. Die ewigen Fragen von Sehnsucht, Schmerz und Liebe werden dabei durch aktuelle Themen wie Migration, Homosexualität, Gewalt und politische Korruption ergänzt. Dabei reicht ihr Stil von kubanischen Boleros, über Rock und Jazz bis hin zu prä-kolumbianischen Liedern. Sie singen auf Spanisch, Englisch, mittelalterlichem Ladino oder auch in indianischen Sprachen. Obwohl sich nicht alle als Feministinnen verstehen, zeichnen sich die meisten dieser Generation von Musikerinnen durch ein hohes politisches Bewusstsein und enorme Solidarität ihren Landsleuten gegenüber aus.

Eugenia Leon
Astrid Hadad
Jaramar

Kein Benefiz-Konzert für Hurrikan-Opfer muss auf sie verzichten, kein Weg ist zu weit, um Bürgerinitiativen im Landesinneren zu unterstützen. Und auch die Zapatisten-Guerrilleros aus dem Lacandonen-Urwald sind schon häufig in den Genuss ihres Besuchs oder eines Solidaritätskonzerts gekommen. Gemeinsam ist den Musikerinnen auch die Konfrontation mit dem monopolisierten Musikestablishment ihres Landes. „Frauen definieren die alternative mexikanische Musik heutzutage so, wie es männlich dominierte Rockgruppen wie Café Tacuba in den achtziger Jahren getan haben”, sagt Betto Arcos, Moderator der US-Weltmusiksendung „Gobal Village” im Radiosender KPFK-FM in Los Angeles. Dabei bewegen sich die meisten der jungen Sängerinnen am Rande des Kommerz, denn in Mexiko bestimmt mittlerweile fast ausschließlich das Fernsehimperium „Televisa”, wer berühmt wird und wer nicht taugt. Blonde Sternchen, wie die von „Televisa” gehypte Paulina Rubio, verglimmen meist so schnell, wie sie am mexikanischen Musikhimmel erschienen sind. Dagegen entwickeln Künstlerinnen wie die geniale Eugenia León, die verrückte Astrid Hadad, die charismatische Lila Downs und die experimentierfreudige Jaramar sich weiter, erkunden neue Territorien und schaffen es, dass Mexiko allmählich als modernes Musikland wieder ernst genommen wird.

Eugenia León – Die Göttliche

Eugenia León gleicht vielleicht noch am ehesten den Toña la NegraDiven der ersten Generation, sowohl was den Kult um ihre Auftritte angeht, als auch in bezug auf die Tatsache, dass sie sich als Interpretin versteht. 1983 hatte die unnachgiebige Frau mit der Opernstimme ihren ersten Auftritt. Sie begann sehr zeitgemäß mit der damals beliebten nueva canción, dem neuen lateinamerikanischen Lied, dessen berühmtester Vertreter Silvio Rodríguez ist. Doch sie blieb nicht dabei, sondern verfolgte weiter ihr Ziel, mexikanisches und lateinamerikanisches Liedgut im neuen Gewand wieder populär zu machen. Die Bandbreite ihrer mittlerweile 20 CDs reicht von gefühlvollen Boleros und Interpretationen Augustín Laras, über nordmexikanische Rancheras, Liedern aus der mexikanischen Revolution und den in Lateinamerika so beliebten Kinderliedern des mexikanischen Komponisten Cri Cri, bis hin zu argentinischen Tangos.


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im Folker! 2/2003