backKlezmer – Eine kleine Entwicklungsgeschichte

Heute als “typisch jüdisch” bezeichnet, kann Klezmer, so wie wir diese Musik derzeit im Wesentlichen kennen, bis ins 13. Jahrhundert zurückverfolgt werden. Hauptsächliches Entwicklungszentrum des Klezmers ist während des 18. und 19. Jahrhunderts das jiddischsprachige Osteuropa, ein Gebiet, das vor allem Litauen, Teile des heutigen Polen und der Ukraine, Weißrußland, Rumänien und Moldawien umfasst, ungefähr auf einer Linie vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer. Der Terminus selbst stammt von den hebräischen Worten “kli” (Werkzeug) sowie “zemer” (Lied).

Die jüdischen Einwanderungswellen in die USA Ende des 19. Jahrhunderts bedeuten den Anfang eines Wendepunktes für den Klezmer. Hat bis dahin jede Region ihren eigenen Stil, setzt sich in den USA nun hauptsächlich der Klezmer Moldawiens und Bessarabiens durch. Schallplattenaufnahmen in den ersten beiden Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts tun ihr Übriges zur Vereinheitlichung des heute gängigen und bekannten Klezmerstils. Der Beginn des amerikanischen Klezmer-Revival lässt sich wahrscheinlich auf 1977 mit dem Erscheinen des Albums “East Side Wedding” der Gruppe “The Klezmorim” zurückdatieren, wenngleich Klezmer-Veteranen wie Dave Tarras für die künstlerischen und innovativen Ansprüche der Revivalisten wenig Verständnis zeigen.

Im mitteleuropäisch deutschsprachigen Raum springt der amerikanische Funke über. Wird jedoch in den USA Klezmer hauptsächlich von jüdischen Musikern, gewissermaßen auf der Suche nach den Spuren ihrer Großeltern, gespielt, ist das Klezmer-Revival des letzten Jahrzehntes in Deutschland sicher nicht Zeugnis einer neuen deutsch-jüdischen Kultur. Charakterisierend für den Klezmer im deutschsprachigen Raum ist vielmehr die eindeutig nicht-jüdische Komponente, sieht man von wenigen israelischen oder russisch-jüdischen Migranten ab. Wahrscheinlich ist darin eine neue Haltung zur deutschen Vergangenheit zu erkennen in Verbindung mit einer wahrscheinlich unbewusst ablaufenden Vergangenheitsbewältigung.

Wie gering der Stellenwert der Klezmermusik übrigens im Judentum zu sein scheint, wird durch die Tatsache angedeutet, dass etwa die 17-bändige, 1972 herausgegebene Encyclopaedia Judaica dem Begriff “Klezmer” keinen gesonderten Eintrag gewährt (Literaturhinweise zum Thema in Folker 4/2002, S. 66-67).

mg


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Mehr über Klezmer
im Folker! 1/2003