backHeavy Metal der traditionellen Musik

Comeback der Blasmusik in aller Welt

Kinofilme brachten neue Popularität

Bis vor ein paar Jahren kamen Blaskapellen im gehobenen Kulturbetrieb nur am Rande vor, obwohl sie mit einer viertel Million Gruppen zahlenmäßig wahrscheinlich die größte Laienmusikbewegung der Welt darstellen. Allein in Deutschland gibt es über siebentausend Musikvereine mit mehr als 12.000 Blechblasorchestern, in denen eine halbe Million Hobbymusikanten aktiv sind – mit immer noch steigender Tendenz.

Discographie:
(Auswahl)

Boban Markovic Orkestar
„Live in Belgrade“ (Piranha, go! www.piranha.de)

Frank London's Klezmer Brass Allstars
(u.a. mit dem Boran Markovic Orkestar)
„Brotherhood Of Brass“ (Piranha)

Gangbe Brass Band
„Togbe“ (Contre Jour, go! www.contrejour.com)

The Bollywood Brass Band
„Rahmania – The Music of A.R. Rahman“
(Emercency Exit Arts BOLL CD 2002,
go! www.bollywoodbrassband.co.uk)

Cicala Mvta
„Deko Boko“ (Nektar/Tropical Music,
go! www.tropical-music.com)

Diverse
„Fanfare“ (Buda, go! www.budamusique.com)

Kocani Orkestar
„Alone At My Wedding“
(CRAW/Efa, go! www.crammed.be)

Diverse
„Fanfares en délire/Golden Brass Summit“
(Network, 2001, 2CDs)

The Jazz Brothers
„Ngoma“ (Laika, 2002)

Tätärä
„Dingdingding“ (Nullviernull, 1995)

Literaturhinweis:
Rob Boonzajer Flaes: „Brass Unbound –
  Secret Children of the Colonial Brass Band“
  (Royal Tropical Institute Books, go! www.kit.nl, mit CD)

Dann brachten zwei Kinofilme den Meinungsumschwung: Blaskapelle aus dem KongoEmir Kusturicas „Underground“ und der englische Kassenhit „Brassed Off“ bescherten der Blechmusik in den 90er Jahren ein Comeback, das sich inzwischen zu einem handfesten Trend ausgewachsen hat. Plötzlich stehen die einst verschmähten Blasorchester erneut hoch im Kurs und werden nicht nur auf Feuerwehrfesten und im Bierzelt beklatscht, sondern auch auf Avantgarde- und Weltmusik-Festivals gefeiert. Der alte Glanz ist wieder da und Erinnerungen an die große Zeit der Blasmusik werden wach.

Von Christoph Wagner

Blaskapellen gibt es in der heutigen Form noch gar nicht so lange. Erst die Erfindung der modernen Ventil-Blasinstrumente und der Tuba als Bass-Stimme vor ungefähr 170 Jahren brachten das Blechblasorchester als homogenen Klangkörper hervor.* Meist waren es entlassene Militärmusiker, die nach der Rückkehr in ihre Dörfer die Blechmusik durch Auftritte bei Hochzeiten, Blaskapelle BayernKindstaufen und Kirchweihen populär machten. Vor allem auf den Dörfern und in den Vorstädten stellten Blasorchester für lange Zeit die musikalische Grundversorgung sicher. Der Musikverein erfüllte nicht nur eine wichtige soziale Funktion, sondern sorgte darüber hinaus für die musikalische Elementarbildung der Jugendlichen aus den unteren Gesellschaftsschichten. Während in den Salons der städtischen Bürgervillen die höheren Töchter sich im Pianospiel übten, bliesen sich die Bauernbuben auf dem Land die Backen rot. Die Blaskapellen avancierten zur Musikschule der Nation.

In den katholischen Gegenden Süddeutschlands fungierte oft der Dorfpfarrer als Initiator der örtlichen Blechmusik. Da er für seine Fronleichnamsprozession eine musikalische Umrahmung brauchte, hob er eine Blaskapelle aus der Taufe und stellte den Mitgliedern die Instrumente kostenlos zur Verfügung.

Der Aufstieg der Blasmusik hatte mit der Schwäche des traditionellen Instrumentariums zu tun, das chronisch zu leise war. Geige und Hackbrett konnten sich am Tanzboden nur schwer Gehör verschaffen. Damit machten die Blechkapellen Schluss: Als „Heavy Metal“ des 19. Jahrhunderts übertönten sie selbst den größten Wirtshauslärm. Allmählich begannen Trompete, Kornett und Flügelhorn die alteingesessenen Klang-Erzeuger zu verdrängen, was nicht überall auf Zustimmung stieß. Ein Redakteur der Zeitschrift „Der Alpenfreund“ beklagte sich 1871 über eine neue Unsitte, die ihm bei einem Ausflug ins Grüne aufgestoßen war: „Da reißt uns plötzlich schmetternde, ohrenzerrreißende Janitscharenmusik aus der Betrachtung unseres friedlichen Bildes. Aus der Wirtsstube tritt ein Dutzend Gestalten, von denen etwa die Hälfte mit horriblen Blechinstrumenten versehen sind, die von ihnen auf schaudererregende Weise gehandhabt werden.”

Zwischen Streben nach „Höherem“ und christlicher Mission

Vor allem in England und Italien strebten die Blasorchester nach „Höherem“ und fingen an, Stücke aus dem Repertoire der klassischen Musik zu interpretieren. Während in Italien die Blechkapellen Opern-Ouvertüren und -Arien dem Volk nahe brachten und dadurch Verdi zum italienischen Nationalhelden machten, strebte man in Blaskapelle ChinaGroßbritannien nach einem symphonischen Klang. Bei musikalischen Wettkämpfen wurden die besten Orchester ermittelt. Zehntausende Besucher strömten jährlich nach Manchester in die Belle Vue Gardens oder nach London in den Crystal Palace, um den Meisterschaften beizuwohnen. Der Preisrichter bestimmte den Sieger. Um Manipulationen vorzubeugen, musste er hinter einem dicken Teppichverschlag in der Mitte des Saales Platz nehmen, den er für die gesamte Dauer des Wettbewerbs (ca. sechs bis acht Stunden) nicht verlassen durfte. Um größere Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wurde ihm für „Notfälle“ ein Sandeimer hingestellt.


* Es gab schon Blaskapellen im 18. Jahrhundert, bevor die heutige Form des Blechblasorchesters mit Ventiltrompeten und Tuba entstand. Sie spielten damals auf Instrumenten wie dem Hautbois, einem oboenartigen Instrument, Fagott und Horn. Hautboisten oder Hoboisten wurden bis zum Ersten Weltkrieg die deutschen Militärmusiker der Infanterie genannt.
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im Folker! 1/2003