Bis vor ein paar Jahren kamen Blaskapellen im gehobenen Kulturbetrieb nur am Rande vor, obwohl sie mit einer viertel Million Gruppen zahlenmäßig wahrscheinlich die größte Laienmusikbewegung der Welt darstellen. Allein in Deutschland gibt es über siebentausend Musikvereine mit mehr als 12.000 Blechblasorchestern, in denen eine halbe Million Hobbymusikanten aktiv sind mit immer noch steigender Tendenz.
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(Auswahl)
Boban Markovic Orkestar
Frank London's Klezmer Brass Allstars
Gangbe Brass Band
The Bollywood Brass Band
Cicala Mvta
Diverse
Kocani Orkestar
Diverse
The Jazz Brothers
Tätärä |
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Literaturhinweis: Rob Boonzajer Flaes: Brass Unbound Secret Children of the Colonial Brass Band (Royal Tropical Institute Books, |
Dann brachten zwei Kinofilme den Meinungsumschwung:
Emir Kusturicas Underground und der englische
Kassenhit Brassed Off bescherten der Blechmusik in den 90er Jahren
ein Comeback, das sich inzwischen zu einem handfesten Trend ausgewachsen
hat. Plötzlich stehen die einst verschmähten Blasorchester erneut
hoch im Kurs und werden nicht nur auf Feuerwehrfesten und im Bierzelt beklatscht,
sondern auch auf Avantgarde- und Weltmusik-Festivals gefeiert. Der alte Glanz
ist wieder da und Erinnerungen an die große Zeit der Blasmusik werden
wach.
Von Christoph Wagner
Blaskapellen gibt es in der heutigen Form noch gar nicht
so lange. Erst die Erfindung der modernen Ventil-Blasinstrumente und der
Tuba als Bass-Stimme vor ungefähr 170 Jahren brachten das Blechblasorchester
als homogenen Klangkörper hervor.* Meist waren es
entlassene Militärmusiker, die nach der Rückkehr in ihre Dörfer
die Blechmusik durch Auftritte bei Hochzeiten,
Kindstaufen und Kirchweihen populär machten. Vor allem
auf den Dörfern und in den Vorstädten stellten Blasorchester für
lange Zeit die musikalische Grundversorgung sicher. Der Musikverein
erfüllte nicht nur eine wichtige soziale Funktion, sondern sorgte
darüber hinaus für die musikalische Elementarbildung der Jugendlichen
aus den unteren Gesellschaftsschichten. Während in den Salons der
städtischen Bürgervillen die höheren Töchter sich im
Pianospiel übten, bliesen sich die Bauernbuben auf dem Land die Backen
rot. Die Blaskapellen avancierten zur Musikschule der Nation.
In den katholischen Gegenden Süddeutschlands fungierte oft der Dorfpfarrer als Initiator der örtlichen Blechmusik. Da er für seine Fronleichnamsprozession eine musikalische Umrahmung brauchte, hob er eine Blaskapelle aus der Taufe und stellte den Mitgliedern die Instrumente kostenlos zur Verfügung.
Der Aufstieg der Blasmusik hatte mit der Schwäche des traditionellen Instrumentariums zu tun, das chronisch zu leise war. Geige und Hackbrett konnten sich am Tanzboden nur schwer Gehör verschaffen. Damit machten die Blechkapellen Schluss: Als Heavy Metal des 19. Jahrhunderts übertönten sie selbst den größten Wirtshauslärm. Allmählich begannen Trompete, Kornett und Flügelhorn die alteingesessenen Klang-Erzeuger zu verdrängen, was nicht überall auf Zustimmung stieß. Ein Redakteur der Zeitschrift Der Alpenfreund beklagte sich 1871 über eine neue Unsitte, die ihm bei einem Ausflug ins Grüne aufgestoßen war: Da reißt uns plötzlich schmetternde, ohrenzerrreißende Janitscharenmusik aus der Betrachtung unseres friedlichen Bildes. Aus der Wirtsstube tritt ein Dutzend Gestalten, von denen etwa die Hälfte mit horriblen Blechinstrumenten versehen sind, die von ihnen auf schaudererregende Weise gehandhabt werden.
Vor allem in England und Italien strebten die Blasorchester nach
Höherem und fingen an, Stücke aus dem Repertoire der
klassischen Musik zu interpretieren. Während in Italien die Blechkapellen
Opern-Ouvertüren und -Arien dem Volk nahe brachten und dadurch Verdi
zum italienischen Nationalhelden machten, strebte man in
Großbritannien nach einem symphonischen Klang. Bei
musikalischen Wettkämpfen wurden die besten Orchester ermittelt.
Zehntausende Besucher strömten jährlich nach Manchester in die
Belle Vue Gardens oder nach London in den Crystal Palace, um den Meisterschaften
beizuwohnen. Der Preisrichter bestimmte den Sieger. Um Manipulationen
vorzubeugen, musste er hinter einem dicken Teppichverschlag in der Mitte
des Saales Platz nehmen, den er für die gesamte Dauer des Wettbewerbs
(ca. sechs bis acht Stunden) nicht verlassen durfte. Um größere
Unannehmlichkeiten zu vermeiden, wurde ihm für Notfälle
ein Sandeimer hingestellt.
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