backFerner liefen...

Jemand musste Joseph F. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens im Frühstücksfernsehen gezeigt. Gucken wir aber nicht bloß den von B. Meinhof-Röhl entdecktgeklauten 15-Sekunden-Häuserkampfstreifen an, sondern die ganze Collage ohne Filmriß, am liebsten synchron à la Abel Gance, auf drei bis vier Bildschirmen zugleich, die ganze verdammte Soap mit diesem Frackträger, Fetthansel, Schnauzbart-Macho, „Nadelstreifen-Rocker“, Glubschaugen-Donald in der Hauptrolle, fettig verfilzt unterm Sturzhelm, glattrasiert-eitel-gescheitelt beim Weltgipfel, wie er, die Albright knutschend, in Jeans & Joggingschuh vermummt am Rednerpult steht, frisch aus der WG eingetroffen, wo diese Terrormaus gepennt hat, wie er Zeige- und Stinkefinger zum Ministerschwur kreuzt, durch die livrierte Phalanx über den roten Teppich des Nachbarstaats hüpft, den Fotografen grinsend zuwinkt und grinsend das Kantholz hebt, nach fünfzehn Minuten Überlegung die deutsche Beteiligung am Kosovo-Krieg billigt, satirische Kohl-muss-weg-Reden hält, den Präsidenten mit Verlaub ein Arschloch nennt, das Bullenschwein einkreist, isoliert, in die Ecke drängt, wo kein Ausweg mehr ist, Pech gehabt, allein auf weiter Flur, wie er NUKEM vor das Verfassungsgericht, die hartgesottenen Krachfundis endlich ins Abseits manövriert, nimm diesen, wie er das Farbei an den Kopf kriegt und am Rhein entlang joggt, den Goethe-Instituten die Kultur madig macht, sie für diffus gepredigte Menschenrechtspolitik vereinnahmt, und wie er jetzt ZACK dem Bullen ZACK das Kantholz in die Magengrube semmelt, worauf der andere zu Boden geht und ZACK die Uranmunition platzt und die Fundis Leine ziehen und ZACK und ZACK noch mal nachsetzt, wie dieser Serben-Omnibus in Flammen aufgeht und die Brücke einstürzt und dieser Außenminister, der Scheitelfischer, die Jockel-Marathoniette, der verspießte Tränensack mit Halbmondbrille und Seidenkrawatte noch mal eins nachtritt, wieder und wieder, obwohl sich der auf dem Pflaster da doch schon gar nicht mehr rührt - rührend war das, wasn't it?

Der Mann hat doch wenigstens was erlebt, und wer wie wir die siebziger Jahre überlebt hat, darf heut noch live mit dabei sein. Demnächst treffen sie sich, nicht zwischen die Augen und voll auf die Zwölf, sondern zum Beichtstuhl-Rendezvous wie der Bundesumweltminister und der Generalbundesanwaltssohn auch. Zugegeben, mir wurde flau vor klammheimlicher Freude, als ich erfuhr, Trittin nimmt nicht wie die Ministerkollegen für jede Kaffeefahrt die Flugbereitschaft der Luftwaffe in Anspruch, sondern die Abgeordneten-Netzkarte. Der braucht sich trotzdem nicht mit dem Volk, dem ungewaschenen Lümmel, ins Abteil zu zwängen (das sitzt gewöhnlich in der 2. Klasse), immerhin werden auch mal unangenehmere Fragen gestellt zwischen Fahrscheinkontrolle und rollendem Snackbuffet. Wann, wie oft und mit wem, in welcher Absicht und wieso? Wie bitte? Inzwischen wurden die Talkshows gesendet, Distanzierung verlangt, Verständnis erbeten und dann wurde noch entschuldigt, was das Zeug hält und was zu entschuldigen jedem intelligenzbewaffneten Ohr idiotisch klingt, Zeige- und Stinkefinger mehrmals in jeweils andere Himmelsrichtungen gereckt, der da war's auch schuld und niemals hat man sich mit dem oder jenem gemein gemacht oder identifiziert oder nachgemachte oder gefälschte Mescaleros in Umlauf gebracht und wenn, dann war es schlussendlich nur gut für die Demokratie und ist längst ein Teil unserer „Geschichte“ (kommt von Geschichten machen) und der eigenen „Biographie“ (heißt soviel wie „Leben schreiben“) geworden, oder man ist überhaupt im Recht und selber von Polizisten vermöbelt worden und denen ja bloß ein bisserl entgegen gelaufen, und wo gemöbelt wird, fallen Späne.

Zuletzt hat sich Trittin dann ausgerechnet noch von der SPRACHE jenes Nachrufers distanziert, der so unästhetisch rohe Worte für den Sachverhalt fand und zugleich die herrschende RAF-Kamikaze-Elite zur Abkehr (Abkehr! das muss man leider immer noch mal erklären, wenn vom Buback-Nachruf die Rede ist!) vom bewaffneten Kampf aufforderte. Gerade diese Sprache war aber doch das einzige, was dem Schreiber - er soll Klaus Hülbrock heißen - Gehör verschaffte, kein Böll, kein Fried, kein Minister und kein Bundesanwalt hätte diese Szene auseinanderdividieren können, nur einer, der ihren Jargon beherrscht und gebraucht. Das war doch gerade das Politische an der Sache, was am meisten provozierte, die Zensur auf den Plan rief - das Aufbrechen der Blöcke, das Wenden in der Einbahnstraße, die Umkehr der Gedankenrichung, die Frommgewordene jetzt als „Läuterung“ reklamieren.

Heute sind die Putzgruppen in der Politik angekommen, quasseln deren nicht weniger verblasenen Jargon. Schön sortierte schwarze-weiße Schäfchen lassen sich allemal besser hüten, damit kennen sie sich aus. Das war in den maoistischen K-Gruppen, Keimzellen der Wessiegrünen, nicht viel anders: Eindeutigkeit ist Pflicht, Ambivalenz wird bestraft, klares Bekenntnis und damit hopp. Abweichler werden lang und breit mit Formfragen gepiesackt - über Inhalte reden wir nach Ladenschluss und stimmen ab, schön demokratisch, wenn keiner mehr hinguckt. Der nazihafte Plakatentwurf mit Schröders Bierkutscherphysiognomie von rechts, links und vorn ist ja auch leichter zu debattieren als die neuesten Um- und Abwege der Rentenverknapsung. Kostenlose Reklame übrigens, wenn die Grüne Nickels das dann auch noch immer wieder im Bundestag hochhält; spart den Rechten teure Druck- und Plakatierungskosten, wo sie doch seit der Parteispendenstrafe so klamm sind.

Zum Schluss ein paar Ge-Denktage. 1981, it was twenty years ago today,

...demonstrierten am 28. Februar 100 000 KKW-Gegner in Brokdorf,

...wurden am 5. März 164 Besucher des missliebigen Nürnberger Jugendzentrums KOMM verhaftet, 141 mit Hilfe hektographierter Haftbefehle wegen schweren Landfriedensbruchs tagelang eingebuchtet, es folgte eine jahrelange Prozesslawine,

...rüstete am 14. Juli Bayerns Polizei mit Kotzgas gegen Demonstranten auf,

...wurde am 22. September der Friedensdemonstrant Klaus-Jürgen Rattay in Krefeld von einem Wasserwerfer erfasst und zu Tode geschleift,

...verabschiedeten die Bundes-Grünen am 4. Oktober ein Friedensmanifest, das einseitige Abrüstung der NATO forderte,

...demonstrierten am 10. Oktober in Bonn eine halbe Million friedlich gegen Nachrüstung,

...kam es am 14./15. November zu den ersten schweren Auseinandersetzungen auf dem Baugelände der Startbahn West. Sag mir, wo die Blumen sind. But they guaranteed a raise of smile.

Andererseits: Wer bittschön kann mir einen sachlichen, qualitativen, nachvollziehbaren Unterschied nennen zwischen der in o. g. Film gezeigten Gewalt und dem Nazitreiben auf unseren Straßen? Ob's nun Skinheads und Asylbewerber sind oder Putz- und Einsatzgruppen, Fundis und Realos oder Yuppies und Punks, Journalisten und Abgeordnete oder Serben und Albaner etc. pp., die einander in die Ecke treiben, isolieren, mit dem Kantholz traktieren, zu Boden gehen lassen und noch mit dem Absatz nachtreten? Und dass die sich allesamt als potentielle deutsche Außenminister qualifiziert haben - wer möchte das ernsthaft bezweifeln?

Apropos, den „Nadelstreifen-Rocker“ verdanke ich CDU-MdB Jochen Feilcke, der den Grünen-MdB Joseph F. ganz besonders fies kränken wollte. Und der? Hat er sofort zurückgeschossen? Nö. Gegrinst hat er und fühlte sich - wie in der neulich ihm, ihm, ihm nur allein gewidmeten Fragestunde - richtiggehend gebauchpinselt.

go! Nikolaus Gatter

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Die regelmäßige Kolumne im Folker! 2/2001